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Es folgt ein Gastbeitrag von Andreas Gauger:

 

Vatertöchter sind Töchter, denen die Mutter fehlt. Was sich auf den ersten Blick erstmal paradox anhört, klärt sich bei näherem Hinsehen schnell auf. Männliche Emanzipation hin oder her, heute muss niemandem mehr erklärt werden, wie wichtig die Bindung zwischen Mutter und Kind ist. Dadurch, dass die Mutter das ungeborene Kind ca. 40 Wochen in Ihrem Bauch trägt, es seelisch und biologisch nährt, haben die beiden eine einzigartige Beziehung zu einander, die eine andere Qualität hat, als die zwischen Vater und Kind. Die erste natürliche Bewegung des Säuglings und auch des heranwachsenden Kindes geht daher zur Mutter.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Bindung zum Vater keine Rolle spielen würde. Im Gegenteil. Die Bindung an und Beziehung zum Vater hat nur eine andere Qualität. Von ihm bekommt das Kind den zweiten Teil seiner Identität. Jungs lernen vom Vater etwas über sich selbst und darüber, was es heißt, ein Mann in dieser Welt zu sein. Mädchen lernen beim Vater etwas über Männer. An ihm prägt sich ihr Männerbild, was natürlich auch bei der späteren Partnersuche großen Einfluss hat. (Bei Jungs ist es natürlich andersherum mit der Mutter und der späteren Partnersuche genauso, aber in diesem Artikel sind die Töchter das Thema, deshalb gehe ich hier nicht näher darauf ein).

Wer genau sind nun Vatertöchter?

Ist die Mutter in ihren eigenen Themen gebunden, weil sie selbst schlimmes Schicksal trägt, einen schweren Verlust nicht überwinden konnte, traumatisiert wurde oder ähnliches, kann sie in der Beziehung zu ihrer Tochter nicht vollständig da sein. Sie wirkt dann für das Kind unerreichbar und das, obwohl sie vielleicht äußerlich ihr Bestes tut um den Anforderungen an sie als Mutter gerecht zu werden. Die Tochter erleidet dann in der Beziehung zur Mutter ein Beziehungsdefizit, denn ihr erster natürlicher Impuls, die Bewegung hin zur Mutter, ist blockiert.

In der Folge sucht die Tochter dann meist beim Vater das, was ihr bei der Mutter fehlt.

Dadurch, dass die Mutter in ihren Themen gebunden ist, erfährt auch der Vater ein Beziehungsdefizit. Ihm fehlt die Frau, denn sie ist auch für ihn im tieferen Sinne nicht erreichbar. Diese Konstellation führt dann in vielen Fällen dazu, dass sich Tochter und Vater mit ihren unerfüllten Beziehungsbedürfnissen aufeinander beziehen und beieinander zu bekommen versuchen, was sie eigentlich in der Beziehung zur Mutter suchen. Diese Konstellation findet man leider auch sehr häufig bei Inzuchtfällen, aber das soll hier nicht das Thema sein. Die Bindung an den Vater wird also somit übermäßig stark und der Vater wird damit Mutter und Vater zugleich. Die Mutter fühlt sich in vielen Fällen durch die enge Bindung zwischen Vater und Tochter entlastet, was diese Dynamik noch zusätzlich unterstützt.

Probleme in Partnerschaften

Nicht in allen Fällen entstehen hieraus Probleme im Leben der Tochter, solange sie noch jung ist. Spätestens aber bei der Partnerwahl entstehen dann oft viele Probleme für die Betroffenen. Dies gilt umso mehr, wenn auch der Vater ebenfalls problembelastet war. Und auch das ist leider etwas, das man in dieser Konstellation überdurchschnittlich häufig findet. Dann ist das Kind in einem richtigen Dilemma. Der Weg zur Mutter ist blockiert, zum Vater herrscht eine übermäßig starke Bindung, aber diese Beziehung ist nicht unbelastet, denn der Vater hat ein Problem. Er trinkt beispielsweise. Muss die Tochter hiermit auch noch zurechtkommen, folgt sie innerlich oft einer „Retterdynamik“ und das selbst dann, wenn sie sich später an der Oberfläche vom Vater abwendet.

So stellt man in der Praxis fest, dass Töchter, die solches und ähnliches erlebt haben, sich oft mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit später Partner suchen, die selbst trinken oder während der Partnerschaft mit dem Trinken beginnen. (Das Trinken ist hier nur ein Beispiel, um die Beziehungsdynamik zu erläutern. Es ist sehr häufig, aber das Problem an sich spielt für die Dynamik keine Rolle. Es könnte auch etwas anderes als das Trinken sein)

Aber woran liegt das? Wir alle gehen mit unserer Kinderseele auf Partnersuche. Wenn die Tochter erlebt hat, dass sie den Vater nicht retten konnte, dass er trotz all ihrer Bemühungen und Anstrengungen nicht mit dem Trinken aufgehört hat, sucht die Kinderseele in ihr häufig später einen Partner, der dem Vater ähnelt. Die kindliche unbewusste Logik dahinter ist der Versuch, am Partner das zu lösen, was beim Vater nicht gelöst werden konnte. Und somit soll in der Gegenwart die Vergangenheit bereinigt und ungeschehen gemacht werden, was selbstverständlich nicht funktionieren kann. Wie gesagt, niemand macht so etwas bewusst, diese Dynamiken laufen unterhalb der Bewusstseinsschwelle ab, obwohlnatürlich viele Betroffene eine Ahnung davon haben, dass etwas gewaltig schief läuft.

Ein weiterer Punkt ist, dass die betroffenen Frauen meist gar nicht anders können, als in ihrem Partner den Vater zu suchen und zu sehen. Die Bindung an ihn und die frühen Beziehungsentbehrungen sind einfach sehr mächtig. Dies führt dann auf der anderen Seite dazu, dass oft auch der Partner merkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Und somit entstehen dann daraus oft auch Beziehungsprobleme von dieser Seite aus.

Ähnliches gilt für den Fall, dass später eigene Kinder ins Spiel kommen.

Was ist die Lösung?

Die Lösung geht über die Mutter. „Vatertöchter“ müssen in der Therapie ihre zu enge Bindung und Fixierung an den Vater lösen. Dann wird deutlich und offenbar, dass eigentlich die Mutter fehlt und ins innere Bild hereingenommen werden muss. Dies kann natürlich ein langwieriger Prozess mit vielen emotionalen Höhen und Tiefen sein. Diese Frauen mussten so viel entbehren in ihrem Leben und mit so vielen Schwierigkeiten zurechtkommen, dass sie starke Bewältigungsmechanismen entwickeln mussten, um mit all dem, was man ihnen emotional vorenthalten und zugemutet hat (wenn auch in vielen Fällen sicher nicht absichtlich und bewusst) fertig zu werden. Das ist die Richtung des grundsätzlichen Weges. Den gesamten Prozess kann ich hier natürlich nicht aufzeigen. Er ist sehr lang und sehr individuell. Er verläuft nie bei zwei Menschen gleich. Und so schwere Themen eignen sich meiner Erfahrung nach auch nicht wirklich für den Selbstversuch, obwohl natürlich Menschen, die an sich selbst arbeiten, viel erreichen können.

Eine Übung für mehr Klarheit

Eine Übung für betroffene Frauen um mit dem Thema in Kontakt zu kommen, möchte ich hier dennoch anbieten. Dabei geht es nur um das „Hineinspüren“, von der Übung allein ist kein therapeutischer Effekt zu erwarten. Wenn dennoch beim einen oder anderen etwas gelöst wird, umso schöner.

Hinweis: Diese Übung sollte nur von Personen ausgeführt werden, die sich stabil genug dafür fühlen und bei normaler psychischer Belastbarkeit sind. Sie kann unter Umständen traumatische Erfahrungen triggern. Jede/r Anwender/in trägt in dieser Hinsicht die volle Verantwortung für sich selbst und die aus der Ausführung der Übung resultierenden Folgen. Eventuelle Schadensansprüche an den Autor oder den Betreiber der veröffentlichenden Internetseite müssen ausdrücklich ausgeschlossen werden.

Die Übung:

Schau auf Deinen Partner. Stell Dir vor, wie er vor Dir steht und sieh ihm direkt in die Augen. Nimm ihn wahr, so wie er ist. Verweile eine ganze Zeit dabei und schau ihm in Deinen Gedanken einfach nur tief in die Augen. Ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Und dann achte darauf, was passiert.

Nun lass ihn durchsichtig werden, als wäre er aus Glas. Er wird immer durchsichtiger bis Du nur noch seine Silhouette wahrnimmst. Schau direkt durch ihn hindurch und erblicke Deinen Vater, wie er direkt hinter ihm steht. Nun schau durch Deinen Partner hindurch direkt in die Augen Deines Vaters. Nimm auch ihn ganz wahr. Schaut Euch in die Augen, ohne ein Wort zu sprechen. Auch hier verweile eine ganze Zeit lang dabei und achte darauf, was passiert.

Nach einer Weile bemerke, wie auch Dein Vater anfängt, durchsichtig zu werden. Er wird immer durchsichtiger und Du erblickst direkt hinter ihm Deine Mutter. Nun schau durch Deinen Partner und durch Deinen Vater direkt Deine Mutter an. Schau ihr direkt und tief in die Augen, strecke beide Arme aus und sage innerlich oder laut: “Mama, bitte.“ und achte darauf, was passiert.

Was mir noch wichtig ist

Mir ist bewusst, dass ich hier ein heißes Eisen anrühre und der Stoff hier für viele Kontroversen sorgen könnte. Das ist in Ordnung. Dennoch möchte ich an dieser Stelle einen Hinweis geben, wie das oben geschriebene einzuordnen ist. Es handelt sich dabei sowohl um Erkenntnisse und Konzepte aus der Bindungsforschung, als auch um therapeutische Erfahrungswerte. Natürlich nicht nur meine. Das sind also Dynamiken, die häufig anzutreffen sind.

Dennoch beschreibt die hier dargestellte Beziehungsdynamik nur EINE Möglichkeit von dem, was sich abspielen kann. Es gibt noch unzählige andere. Ebenso in Bezug auf Söhne und Mütter, Töchter und Mütter, Söhne und Väter, usw. Vielleicht folgen darüber mal weitere Artikel.

Es bedeutet also in keiner Weise, dass es sich immer und bei jedem so verhalten würde, wie hier dargestellt. Das würde menschlicher Erfahrung nicht gerecht werden. Und natürlich ist mir bewusst, dass der Begriff „Vatertöchter“ nicht ganz unbedenklich ist. Er stammt übrigens nicht von mir. Dieser Begriff ist nicht stigmatisierend zu verstehen, sondern soll einfach ein oft zu beobachtendes und komplexes Phänomen mit einem einfachen und nicht wertend gemeinten Begriff umschreiben.

Sollten Fragen dazu auftauchen oder jemand eigene Erfahrungen ergänzen wollen, würde ich mich über eine Kontaktaufnahme, am besten über meine Facebookseite, sehr freuen.

 

P.S.: Hier findet ihr einen weiteren Gastbeitrag von Andreas: Wie Deine „inneren Eltern“ Dich gefangen halten – und wie Du Dich endlich befreien kannst.

 

Text von und herzlichen Dank an:
Andreas Gauger
Andreas Gauger arbeitet als Heilpraktiker für Psychotherapie, NLP Master-Coach und ROMPC®- Coach & Therapeut in eigener Praxis. Er hilft Menschen, einschränkende Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu überwinden und Frieden mit der eigenen Kindheit und den inneren Eltern zu schließen.
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Photo (oben): Boudewijn Berends