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Julia ist Yoga-Lehrerin und spricht im Interview mit mir über tibetisches Heilyoga, gute Yogalehrer und unsere Fähigkeit, uns selbst zu ändern.

Was ist das Schönste, das Ihnen in den letzten drei Tagen widerfahren ist?

DAS Schönste – das kann ich so gar nicht sagen. Es gibt immer so viele kleine schöne Dinge. Oftmals übersieht man sie sogar, weil man mit seiner Aufmerksamkeit nicht im gegenwärtigen Moment ist, sondern in Vergangenem festhängt oder schon bei Zukünftigem ist. Was war also schön in den letzten 3 Tagen? Die Tatsache, dass Menschen in der Lage sind zu lachen und sich zu freuen trotz schlechter Nachrichten, unerwartete Begegnungen mit fremden Menschen, was sofort ein Zusammengehörigkeitsgefühl hervorrief, das lustige kleine Eichhörnchen vor meinem Wohnzimmerfenster.

Wann war Ihre erste Yogastunde – und wie haben Sie sie erlebt?

Meine erste Yogastunde als Yogaschülerin erlebte ich Anfang der 2000er. Ich war damals noch so gar nicht „yoga-affin“, aber ziemlich erschöpft vom Arbeitsalltag in einer Internetagentur. Mein damaliger Arzt sagte, ich soll unbedingt mal „aktiv entspannen“. Ich hatte davon keine Ahnung und machte mich auf die Suche. Über progressive Muskelentspannung kam ich beim Hatha Yoga an der VHS an. Da stand ich dann in meiner Schlabberhose, Isomatte unter dem Arm, und die ganze Nummer war mir reichlich suspekt. Ich weiß noch, wie ich mir damals schwor, sofort zu gehen, wenn irgendein esoterischer Ringelpiez veranstaltet werden würde. Singen? Ohne mich! Aber es kam dann anders, der Unterricht war unglaublich entspannend und nach der ersten Stunde fühlte ich mich leicht und beschwingt. Und das war kein einmaliges Erlebnis, sondern wiederholte sich von Stunde zu Stunde! Natürlich erlebte ich auch den einen oder anderen Muskelkater in den für mich damals ungewöhnten Haltungen:  der Hund mit dem Gesicht nach unten – wo sollte ich mit meinem Hintern hin?! Ich empfand in dem Unterricht jedoch keine Überforderung, sondern eine sanfte Herausforderung ohne Leistungsdruck. Die Atmosphäre dieses allerersten Kurses war stets von einer bemerkenswerten Akzeptanz durchdrungen. Sehr schnell merkte ich: Das ist es. Und ich wollte mehr wissen, weil ich spürte, dass Yoga mehr ist als nur Haltungen mit Tiernamen einzunehmen. Schritt für Schritt lernte ich, dass Yoga eine Lebenseinstellung, ja ein Zustand ist.

Was bedeutet „apura“ – und was bedeutet es Ihnen?

„apura“ ist ein Wort aus der alten Sprache Sanskrit. In dieser Sprache sind die Jahrtausende alten Texte verfasst, die das System des Yoga beschreiben. „apura“ heißt übersetzt soviel wie „Vervollkommnung“. Ein sehr weiser Mensch mit Namen Patanjali hat vor langer Zeit eine Art Yogaleitfaden geschrieben – die Yoga Sutras – und darin sagt er u.a. sinngemäß: „Der Mensch erlebt eine vollkommene Wandlung seiner Persönlichkeit, wenn er bereit und reif dafür ist und sich darauf einlassen will.“ Vervollkommnung ist hier nicht im Sinne von Perfektion zu sehen. Es geht vielmehr um eine persönliche Reifung zu dem, was man wirklich ist, losgelöst von den Zwängen und Forderungen des Äußeren und der Gesellschaft, in der man sich bewegt.

Apura ist für mich ein anderer Ausdruck für den Weg in die Freiheit, ja in die ureigene Persönlichkeit. Es geht im Leben nicht darum, das Leben zu leben, das andere sich vorstellen für einen selbst. Es geht darum, seinen ganz eigenen Weg zu finden und zu gehen und sich auf diesem Weg immer weiter zu vervollkommnen, abzurunden, zu schleifen zum strahlenden Kristall. Und genau das ist mir in meinem Yogaunterricht sehr wichtig. Diese Atmosphäre der Akzeptanz, die ich selbst in meinem ersten Kurs als Schülerin erleben durfte, möchte ich immer wieder in meinen eigenen Unterrichtsstunden erzeugen. Ich möchte meinen Yogaschülern die Möglichkeit geben, einfach so zu sein, wie sie sind. Ankommen. Frei sein dürfen. So sein! Entspannen, also die Erwartungen der Umwelt und die eigenen Ansprüche hinter sich lassen. So können die Teilnehmer langsam immer mehr erahnen, wie ihre persönlichen Bedürfnisse lauten. Das ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Ein Anfänger bringt oftmals sehr viel Unsicherheit mit und fürchtet teilweise sogar Leistungserwartungen, von denen er glaubt, das ich sie an ihn habe. Wenn er dann erfährt, dass ich nur von ihm erwarte, sich frei zu fühlen, dann ist diese Erkenntnis meist von Erstaunen begleitet. Und es dauert wirklich einige Unterrichtsstunden, bis der Anfänger tatsächlich beginnt, seine persönliche Freiheit in der Yogastunde zu genießen.

Das bedeutet nämlich, dass jeder Teilnehmer auch mal während der Übungen eine nicht von mir angesagte Pause einlegt, dass er in aller Ruhe das Karana (=Übungsabfolge) in seinem Tempo und in Ruhe zu Ende bringt. Und es bedeutet auch, dass er nicht perfekt sein muss, dass er nicht in Adho mukah svanasana (Sanskritname für die Yogahaltung „Der herabschauende Hund“) neben dem angestrebten geraden Rücken auch gestreckte Beine hinbekommen muss. Jeder Yogaschüler ist einzigartig. Ein „genau so muss es sein“ gilt in meinen Kursen nicht. Jeder übt die Haltungen so, wie sein Befinden und sein Körper es in dem jeweiligen Moment zulässt. Wohlgemerkt achte ich aber schon darauf, dass meine Teilnehmer sich in den Haltungen nicht gesundheitlich gefährden! Die Quintessenz von „apura“ lautet für mich: Vervollkommnung im Inneren – nicht im Äußeren. Yoga ist für mich eine Erfahrungswissenschaft. Erkenntnisse erlangt man ausschließlich über das eigene Erfahren und Spüren. Ich gelange nur dann zu einem Erkenntnisprozess, wenn ich nicht einem äußeren Abbild nacheifere, sondern mich ganz und in meiner eigenen Art und Weise auf das Üben einlasse.

Wie findet ein Yoga-Interessent einen guten Yogalehrer?

Da der Beruf des Yogalehrers nicht geschützt ist, ist es wirklich wichtig, sich genau umzusehen am Markt, um nicht bei einem Lehrer zu landen, der einen direkt zum Orthopäden führt. Ein Redakteur der New York Times hat vor einigen Wochen einen Artikel veröffentlicht über die Risiken von Yoga. Ja, mit Yoga kann man seinem Körper auch Schaden zufügen: Man kann Bänder überdehnen, Bandscheiben überlasten, Muskeln zerren. Von daher ist es sehr sinnvoll, bei einem Lehrer in den Unterricht zu gehen, der eine intensive Ausbildung absolviert hat.

Ein BDY-Lehrer hat 4 Jahre Ausbildung hinter sich und eine Prüfung vor dem Berufsverband der deutschen Yogalehrenden abgelegt. Er hat in der Ausbildung erfahren, wie man einen gesundheitsfördernden Yogaunterricht gestaltet. Viele BDY-Lehrer sind zugleich auch Mitglied im BDY-Verband und damit genannt in der Yogalehrerliste auf www.yoga.de. Neben den Fachkenntnissen eines Lehrers spielen dessen Persönlichkeit und Unterrichtsstil aber auch eine große Rolle, wenn man einen Yogalehrer für sich sucht, bei dem man sich wohl fühlt. Sinnvoll ist es immer, mit dem Lehrer ein Gespräch zu führen, bevor man einen Kurs bei ihm bucht.

Der Lehrer, bei dem Sie Ihre Yogalehrer-Ausbildung gemacht haben, sagte zu Beginn: „am Ende der Ausbildung wird kein Stein mehr auf dem anderen stehen“. Inwiefern hatte er damit Recht?

Im Sinne von „apura“ hat das Himalaya-Institut Hamburg immer versucht, uns Schüler in der Ausbildung zu uns selbst zu führen. Neben den wichtigen Inhalten, die wir im Rahmen der BDY-anerkannten Ausbildung in den 4 Jahren gelernt haben, wurden wir auch immer wieder mit den zentralen Fragen des Seins konfrontiert: Wer bin ich? Was brauche ich wirklich? Und so bedeutete diese Ausbildung tatsächlich, dass die eigenen Grundefeste erschüttert wurden und damit die Chance auf einen Wandel entstand. Natürlich handelt es sich nicht um eine Gehirnwäsche. Jeder war und ist frei in seinen Entscheidungen. Und es stand jedem frei, sich diesem Entwicklungsprozess zu öffnen.

Was mich angeht, so bin ich durch die Ausbildung kein komplett anderer Mensch geworden, aber dennoch hat sich einiges getan. Mein bester Freund sagt immer, dass ich ihn in seiner Überzeugung erschüttert habe, dass Menschen sich nicht verändern können. Denn seiner Ansicht nach, habe ich mich deutlich verändert. Ich will nicht sagen, dass kein Stein mehr auf dem anderen steht. So radikal anders ist mein Leben dann doch nicht. Jedoch: Einige Steine sind weg, andere Steine sind hinzugekommen und wieder andere haben ihre Plätze gewechselt.

Wie würden Sie einen Moment beschreiben, in dem Sie vollkommen achtsam sind. Und warum scheinen heute so viele Menschen so unachtsam zu sein – sich selbst, ihren Mitmenschen und der Natur gegenüber?

In Momenten der Achtsamkeit besteht hohe Konzentration auf das, was in dem Moment passiert. Diese Konzentration ist im Sinne eines exakten Beobachtens zu verstehen, verbunden mit Akzeptanz. Sie können dies durchaus mit der Haltung eines Forscher vergleichen, der sein Forschungsobjekt beobachtet. Oder mit einem Kind, das etwas Neues lernt. Achtsamkeit ist von reinem, annehmenden Beobachten durchdrungen – ohne zu bewerten. Das ist ganz entscheidend und das ist etwas, was für uns modernen westlichen Menschen unglaublich schwer ist. Viele Menschen können gar nicht beobachten ohne zu bewerten, sondern beginnen recht schnell und unbewusst, eine Beobachtung mit einer Bewertung zu kombinieren. Doch wenn wir in die Bewertung hineingehen, gehen wir auch automatisch vom konzentrierten Beobachten weg – und die Achtsamkeit ist futsch. Für einen Veränderungsprozess ist das Annehmen einer Wahrnehmung, wie sie wirklich ist, jedoch essentiell.

Die heutige Zeit, die moderne Arbeitswelt, die Leistungsgesellschaft, in der die meisten leben, fordert den Menschen meist über die Maßen. Die Taktgeschwindigkeit von Maschinen und Computern bestimmt vielfach unser Leben. Leider ist der Mensch aber nicht in der Lage, dauerhaft in dieser Geschwindigkeit und mit der damit einhergehenden Informationsflut mitzuhalten. Permanent wird der einzelne mit den unterschiedlichsten Zahlen, Daten, Fakten konfrontiert, die sein Gehirn verarbeiten muss. Multitaskting ist in aller Munde und wird gefordert. Es ist jedoch wissenschaftlich erwiesen (!), dass der Organismus Mensch nicht in der Lage ist, wirklich gleichzeitig unterschiedliche Dinge zu machen.

Das ist bei einem Computer nicht anders, auch hier sind die Prozesse hintereinander geschaltet. Nur erfolgen sie so schnell, dass es auf uns so wirkt, als würden die Prozesse gleichzeit passieren. Und weil einerseits die Gesellschaft immer mehr und immer schneller fordert und andererseits der einzelne versucht den Forderungen gerecht zu werden aus den unterschiedlichsten Gründen (hier spielen pure Existenzängste oft eine große Rolle), bleibt zwangsläufig die Achtsamkeit für den Moment und vor allem auch für einen selbst auf der Strecke. Die stetig steigende Rate von Stress-Störungen kommt nicht von ungefähr. Stress und Konzentrationsunfähigkeit sind wichtige Themen in meinem Yogaunterricht und in meiner Praxis für Stressbewältigung & Yoga, die ich seit Februar 2010 als Heilpraktikerin für Psychotherapie leite.

Können Sie eine einfache Achtsamkeitsübung empfehlen?

Die meisten Achtsamkeitsübungen sind extrem simpel. Es gibt formelle und informelle Übungen. Ein einfache formelle Übung, die den Übenden in den Moment holt, ist das Beobachten des eigenen Atems: Sie machen nichts weiter, als das Ein- und Ausströmen des Atems an der Nasenspitze zu beobachten. Beim Einatem spüren Sie eine leichte Kühle an der Nasenspitze, beim Ausatem können Sie die leicht erwärmte Luft spüren. Wenn Sie den Kälte-Wärme-Unterschied nicht so gut wahrnehmen können, dann können Sie alternativ Ein- und Ausatem auch mit zwei Silben gedanklich verbinden, die für Sie persönlich keine Bedeutung haben, z.B. zwei Silben aus dem Sanskrit: Den Einatem verbinden Sie mit „SO“, den Ausatem mit „HAM“. Das ist die ganze Übung, die Sie über einen zuvor definitieren Zeitraum – 5 Minuten sind lang! 2 Minuten reichen zu Beginn völlig. – machen. Am besten Sie stellen sich einen Wecker, damit Sie nicht in die Verlegenheit kommen, auch noch eine Uhr zu beobachten, sondern sich ganz auf die Übung konzentrieren können.

Was schätzen Sie am tibetischen Heilyoga?

Das tibetische Heilyoga ist faszinierend. Die Aussage „weniger ist mehr“ wird im Heilyoga praktisch erfahren. Als ich das allererste Mal einen Kum Nye-Workshop über zwei Tage gebucht hatte, hatte ich sehr starke Nackenverspannungen. Während ich zum Kurs ging, hatte ich mich gedanklich schon damit abgefunden, wohl viele Übungen gar nicht mitmachen zu können wegen der Schmerzen oder sogar vorzeitig den Kurs abbrechen zu müssen. Es kam anders: Ich habe alle Übungen von Freitagabend bis Sonntagmittag mitmachen können – und ich bin sonntags schmerzfrei heimgegangen. Insbesondere Kum Nye ist eine Yogaart, die akut und/oder chronisch Bewegungseingeschränkten Entspannung bringen kann. Die Übungen sind vom reinen Bewegungsablauf her in der Regel sehr simpel. Dennoch sage ich, dass diese Übungen für einen absoluten Yogaanfänger meist nicht sinnvoll sind, da sie möglicherweise als langweilig empfunden werden. Ein Yogaanfänger braucht zu Beginn des Übens meist mehr Bewegung, um sich mit dem Prozess der inneren Entspannung anfreunden zu können. Und Kum Nye ist eine deutlich meditative Richtung, die sehr stark zum inneren Wahrnehmen führt.

Wo können die Leser mehr über Sie erfahren?

In Neumünster, im schönen Schleswig-Holstein, stehe ich in meiner Praxis für Stressbewältigung & Yoga nach Terminvereinbarung gern für Erstgespräche zur Verfügung. In diesen kostenfreien Gesprächen werden u. a. die angestrebten Ziele besprochen und wie sie erreicht werden können: Yogakurs, therapeutischer Weg, Coaching etc. Vorab informieren können sich alle Interessenten im Internet auf meiner Praxis- Webseite www.bei-sich-sein.de und auf meiner Yogawebseite www.apura-yoga.de. Auch telefonisch gebe ich gern erste Auskünfte (Rufnummer wird auf der Webseite genannt). Wer regelmäßig Infos über meine Arbeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Yogalehrerin BDY/EYU bekommen möchte, kann sich auf den genannten Webseiten für meinen Newsletter registrieren.

Herzlichen Dank!

 

Photo: Mish Sukharev