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Es folgt ein Gastbeitrag von Manfred de Vries von Aurom Cordis. Er handelt von der Wichtigkeit von Stille und Erdung.

Über die Stille

Oft sucht der Mensch Kraft, Erneuerung und den Sinn des Lebens in Aktivitäten und im Getriebe der Welt. Es gibt aber auch eine Bewegung hin zur inneren Stille, die Kraft, Erneuerung und Orientierung schenkt, und zugleich des Menschen Entfremdung von sich selbst durch Ablenkungen aller Art sichtbar werden lässt.

Innere Stille und Einkehr bereiten uns den Weg. Sie sind letztlich immer dort Fundament und Wegweiser, wo Leben zu seiner Erfüllung kommen soll.

Die Stille, welche hier gemeint ist, ist keine Totenstille, sondern eine lebendige und lebensspendende Stille. Sie führt den Menschen in die Transzendenz und beruht auf der Übung des Sitzen in der Stille. Wir finden das Sitzen in der Stille in vielen spirituellen Richtungen, um entweder:

  • das wahre Selbst durch eine auf jede gegenständliche Konkretisierung verzichtende Meditation in Einheit mit dem Kosmos herauszukristallisieren, oder
  • die Vereinigung der Seele mit Gott und das daraus erlebte Einssein, oder
  • die Nähe und Gegenwart Gottes zu erfahren

Je nach religiös-kulturellem Umfeld entwickelten sich verschiedene Methoden, um aus mystisch anthropologischer Sicht

  • Reinigung/Katharsis
  • Rückbindung/religio
  • Begeisterung/Inspiration und
  • Berufung

zu erfahren.

Zum Beispiel wären da fernöstliche Versenkungsübungen wie Zazen und Vipassana, das kontemplative Beten abendländischer Mystik oder die Gegenwartsübung der Wolke des Nichtwissens.

Gemeinsames Ziel dieser unterschiedlichen Wege ist es, leer zu werden, damit das „wahre Selbst” frei von Altlasten erkannt werden, „Gott sich eingießen” oder „Gott begegnet” werden kann.

Aus der Stille heraus das Wort zu ergreifen, zu denken und zu handeln fällt so allmählich immer leichter. Wort und Handlung aus der Stille heraus sind dasZiel eines spirituell geführten Lebensweges.

Aus innerer Stille heraus entsteht auf diese Weise die heilende Bewegung nach Außen.

Früchte geübter Stille sind:

  • ein ruhiger Körper,
  • ein liebendes Herz,
  • ein fokussierter Geist,
  • Hinwendung und Hingabe an das Heiligste und
  • Aufgehen in das Ganze oder Begegnung mit dem Einen

Allerdings

Bis innere Stille und Rückbindung erfahren werden kann, bedarf es meistens langer Praxis und zur Übung gehörende vorbereitende Maßnahmen, die der seelischen und geistigen Reinigung und Harmonisierung dienen.

Es führen viele Wege in die Stille. Wer ein Bewegungstyp ist, wird z.B. Yoga, meditativen Tanz oder Laufen als Vorbereitung für das Sitzen in der Stille bevorzugen. Andere lesen zuvor einen heiligen Text, singen oder beten.

Es ist auch möglich, dass Menschen nicht in die Stille gelangen können, weil noch zu viel innerer Schmerz, der Unruhe und negative Gefühle im Leben verursacht hat, in ihnen ist.

Ihnen wird empfohlen, Körperarbeit, Psychotherapie oder gesprächstherapeutische Hilfen zu nutzen, um den Weg zur Stille von Gestrüpp zu befreien.

Wir können nicht sagen: „Ich habe die Stille erfahren”, „ich habe mein Selbst erfahren” oder „ich habe Gott gefunden.” Das wahre Selbst, Gott, die Stille verweigern sich, als Objekte und Erfahrungen degradiert zu werden. „Gott ist je Größer”, „Selbst ist je kleiner”. Sie kommen zu uns – wenn sie kommen – als Geschenke, nachdem wir den Acker gepflügt, die Samen gesät und die Saat versorgt haben.

Erfahrungen hingegen – auch spirituelle Erfahrungen – lassen sich in Schubladen packen, um sie jederzeit herausholen zu können. Damit aber würden wir zu Händlern im Tempel.

Wir können über Gott, das Selbst und die Stille, von der hier die Rede ist, nicht verfügen, weil sie keine Objekte sind („du kannst/sollst dir kein Bildnis machen”).

Daher wird seit Menschengedenken von einem Gnadengeschenk gesprochen, das wir meistens dann erhalten, wenn wir es am allerwenigsten erwarten oder zu suchen aufgegeben haben. Es ist ein Geschenk, das sich jeder wörtlichen Beschreibung entzieht.

Der Weg wird so wieder zum Ziel, der uns auf den Boden holt und demütig macht.

So gilt es drei Phasen zu beachten:

  • Phase der vorbereitenden Maßnahmen
  • das Sitzen in der Stille
  • ein Leben aus der Stille heraus den Alltag gestaltend

Viele spirituell Praktizierende bleiben in der zweiten Phase hängen, und betreiben lebenslange verzückte und in sich selbst verliebte Meditation und „Nabelschau”. Denn die erfahrene Stille ist wunderbar und man möchte gar nicht in die ach so grobe Welt zurück. Gerade hier wird es notwendig, einen Ruck Richtung Welt zu erhalten, welche die dritte Phase als Austreibungsphase einleitet.

Der Sinn menschlichen Daseins ist es nun mal, im Alltag liebend mitzuwirken und nicht auf ewig in der Wüste oder in der Höhle zu verweilen.

Unser Mitgefühl, das auf dem Weg in uns erwachen muss, ist ab jetzt gefragt. Und das kann nur im Wirrwarr unserer Pflichten getestet werden.

Unser Alltag wird aus wahrer Stille heraus veredelt oder geheiligt.

Konsequenz erfahrener Transzendenz und Stille ist die nicht zurück zu haltende Äußerung in Gedanke, Wort und Tat, die bejahend und kreativ im Leben wirksam wird.

Ein neues Denken, Fühlen und Wollen sind die Früchte des vorher bereiteten Ackers. Hier wird sichtbar, ob Stille und Rückbindung uns tragen und uns – wenn wir auch manchmal scheitern – wieder aufstehen und weitergehen lassen.

Der spirituelle Weg wird uns nicht unbedingt erfolgreicher, dafür empfänlglicher und menschlicher werden lassen. Er dehnt uns aus, um Himmel und Erde in uns zu vereinen.

Über die Erdung

Wenn sich der Mensch auf den spirituellen Pfad begibt, betritt er den geistigen Raum. Dort erschließt sich ihm eine neue Welt, die teilweise anderen als unseren irdischen Gesetzen unterliegt. Um während dieses Prozesses nicht die Bodenhaftung, oder Erdung zu verlieren, die wir brauchen, um im Leben auf dieser Erde klar zu kommen ist es wichtig, ge-erdet zu bleiben.

Dabei spielt unser Bauch, japanisch Hara, eine große Rolle. Beim Sitzen in der Stille lernt man, in den Unterbauch hineinzusinken. Das geschieht auf vielfältigste Weise, je nach Methode durch Fokussierung oder Gewahrwerden dieser Körperregion.

Auf dem spirituellen Weg sollen uns Wurzeln und Flügel wachsen.

Die Erdung ist für die richtige Entwicklung unserer Wurzeln verantwortlich. Nur ein Baum, dessen Wurzeln gut versorgt sind, kann durch seinen Stamm die Kraft aufsteigen lassen, die es braucht, um eine schöne Krone zu entwickeln.

Diese schöne Krone zeigt sich in spiritueller Ethik und Haltung, die sich im täglichen Leben ohne jeden Hochmut und große Worte ausdrücken wollen.

Ohne Erdung brechen viele Menschen ihren spirituellen Weg ab. Es ist daher die Aufgabe eines guten Lehrers, während der Wegbegleitung die Aufmerksamkeit seiner Schüler und Schülerinnen auf die Notwendigkeit einer guten Erdung zu lenken und diese mit ihnen immer wieder zu üben.

Die Erde verkörpert weibliche Prinzipien wie Empfänglichkeit, Geduld, Selbstsorge & Fürsorge, Mitgefühl und Demut.

Geerdet erfahren wir den Halt, den wir schätzen lernen, um wachsen und eines Tages aufzublühen und Frucht tragen zu können.

Autor: Manfred de Vries , veröffentlicht auf myMONK mit der Genehmigung von www.aurum-cordis.deHerzlichen Dank!

Photo: Leland Francisco