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Es folgt ein Beitrag von Elmar Kruithoff.

 

Einmal hörte ich jemanden beschreiben, wie die eigene Traurigkeit immer nur Platz in einem „dunklen Eckchen“ habe. Die Traurigkeit durfte nur an diesem entlegenen Ort sein, weit weg vom eigentlichen Leben, ungewollt und unverstanden. Aus diesem einen Wort „Eckchen“, an dem die Traurigkeit leben musste, entstand in mir die folgende Geschichte.

Die Geschichte vom Mädchen, das niemals traurig sein durfte

Es war einmal ein Mädchen, das durfte niemals traurig sein. Es fühlte sich zwar oftmals allein und traurig, aber ihr Vater und ihre Mutter wollten, dass es allen in der Familie immer nur gut ginge; und „gut gehen“ bedeutete in ihrer Welt niemals traurig zu sein.

So lernte das Mädchen von klein auf, ihre Traurigkeit ganz weit weg zu drängen und zu verbergen. Sie drängte ihre Traurigkeit so weit weg, dass diese nur noch in einem winzig kleinen, dunklen Eckchen leben durfte.

Da saß die Traurigkeit nun in ihrem Eckchen, jahrein und jahraus, und sie bekam niemals Raum. Niemals durfte sie an die frische Luft; und niemand konnte ihre Schönheit sehen oder hören, was sie zu sagen hatte. Niemand schien sie mehr zu mögen. Sie wurde immer trauriger und ihr Schmerz immer intensiver.

Die Traurigkeit verstand sich selbst nicht mehr. Sie wollte doch so gerne, dass es dem Mädchen gut ginge und sie hatte da einige gute Ideen – aber sie hatte gelernt, dass das Mädchen wohl nur dann froh sein könne, wenn es niemals traurig ist. Also blieb die Traurigkeit still in ihrem Eckchen sitzen, damit es dem Mädchen ja nicht schlecht ginge.

Die Eltern des Mädchens waren sehr zufrieden und glücklich, denn schließlich war ihre Tochter ja niemals traurig. „Haben wir nicht ein wundervolles Leben?“ sagten sie zueinander und „Wie schön, dass unser Kind niemals traurig ist.“ – so konnte jeder an ihrem Kind sehen, wie gut alles war in ihrem Leben.

Als das Mädchen älter wurde, fing es an, Angst zu haben. Sie war verwirrt, denn sie fühlte die Angst, verstand aber nicht, wovor sie eigentlich Angst hatte. Sie versteckte die Angst auch vor ihren Eltern, denn sie hatte ja gelernt, dass es wichtig ist, dass immer alles gut ist.

Eines Tages, in all ihrem Leid und Schmerz, lief sie hinaus aus dem Haus der Eltern und in den Wald hinein, der ganz in der Nähe lag. Sie fühlte einen unbändigen Schmerz in sich, der sie trieb. Sie lief und lief, bis sie so erschöpft war, dass sie sich auf den Boden des Waldes warf und sofort einschlief.

Als das Mädchen aufwachte, lag es am Ufer eines kleinen Sees. Der See war so ruhig und sein Wasser so dunkel, dass sich alles darin spiegelte. Sie saß ganz ruhig da und wie verzaubert und schaute in den See. Nach einer Weile blickte sie in ihre eigenen Augen und ihr eigenes Gesicht im Spiegel des Sees.

Es dauerte nicht lange, da sah sie in ihren Augen und in ihrem Gesicht eine Traurigkeit, die sie tief berührte. Sie empfand Mitleid mit der Traurigkeit. Ohne zu zögern legte sie ihre Hand auf ihr Herz und fing an, die Traurigkeit in sich genau zu spüren.

Jetzt erinnerte sie sich daran, wie die Traurigkeit nur noch in einem winzig kleinen Eckchen Platz gehabt hatte; und ohne darüber nachzudenken lud das Mädchen die Traurigkeit ein, so viel Platz einzunehmen, wie sie mochte. Denn ohne es zu wissen fühlte das Mädchen sich auf einmal stark genug dafür, die Traurigkeit zu spüren und anzunehmen.

So saß sie dort, umgeben von den beruhigenden Geräuschen des Waldes. Sie atmete die kühle Waldluft langsam und regelmäßig ein und aus und betrachtete das Spiegelbild ihrer selbst. Nun weinte das Mädchen mit der Traurigkeit zusammen, und die Traurigkeit war froh. Endlich durfte sie ihre Schönheit zeigen und ihre Kraft. Endlich konnte auch sie teilhaben an ihrem Leben, endlich würde auch sie zu ihrem Leben beitragen dürfen. Alles in ihr atmete auf.

In diesem Moment beschloss das Mädchen, immer wieder an diesen Ort zurückzukehren. Je fester dieser Entschluss wurde, desto erleichterter fühlte sie sich. „Ich freu mich ja einfach so“, dachte das Mädchen und schaute sich um im Wald: „Weder der See noch die Bäume oder die Tiere wollen, dass ich anders wäre, als ich bin.“

Das Mädchen kehrte zurück in ihre alte Welt, aber sie vergaß nie zurückzukehren zu ihrem See. Manchmal konnte sie sich den See im Wald sogar einfach vergegenwärtigen – und es war, als ob sie zur gleichen Zeit an zwei Orten sein konnte. So wurde sie über die Jahre stark und frei und konnte ein eigenes, erfülltes und lebendiges Leben leben.

Wie man mit seiner Traurigkeit besser klar kommt

Diese Geschichte handelt von einem völlig normalen Gefühl, der Traurigkeit – und wie dieses Gefühl durch eine lange Zeit der Nichtbeachtung und Unterdrückung zu einem Problem wird.

Wir haben oft Angst vor starken Gefühlen oder wissen nicht, wie wir mit ihnen umgehen sollen. Es ist dann so einfach, zu versuchen die „perfekte“ Familie mit den entsprechenden Rollen „richtig“ und „falsch“ zu spielen. Gefühle werden dann oft als eine Störung empfunden, als etwas, das repariert und optimiert werden muss.

Was brauchst du stattdessen, wenn sich starke Gefühle in dir bemerkbar machen? All meine Erfahrung in der Arbeit mit Menschen zeigt mir, dass Gefühle vor allem jemanden brauchen, der stark genug ist, ihnen Raum zu geben und einfach zuzuhören: Im Idealfall du selbst.

Anstatt das Gefühl aus Angst und Sorge verändern oder reparieren zu müssen, nimmst du dir einfach Zeit für es. Zuerst ist es wichtig, mit dem Gefühl in einen wirklichen Kontakt zu kommen. Denn nur im Kontakt entstehen Mitgefühl und die Fähigkeit, zuzuhören und zu unterstützen. Für diesen Schritt kann es hilfreich sein, die eigene Sprache zu verändern. Versuche anstatt „Ich bin so traurig“ zu sagen: „Ich verbringe Zeit mit etwas in mir, das jetzt gerade so traurig ist.“ Probiere diesen Schritt aus und schaue, was sich verändert.

Es kann hilfreich sein, eine Hand dort hinzulegen, wo das Gefühl am stärksten ist. Diese Hand ist wie ein inneres Anerkennen und Begrüßen: „Ich sehe, du bist da. Es ist in Ordnung, so zu sein.“ Dieses Gesehen- und Gehört-werden ist genau das, was das Gefühl braucht. Es bemerkt dadurch, dass da jemand ist, der oder die sich kümmert und interessiert. Da sind plötzlich Raum und Mitgefühl anstatt der Verbannung in das „dunkle Eckchen“.  Natürlich ist dies einfacher gesagt als getan; dennoch es ist ein wichtiger erster Schritt zu verstehen, dass kein Gefühl in dir feindlich oder schlecht ist. Vielmehr wirst du dir gewahr, wie du z.B. dem Gefühl der Traurigkeit gegenübertreten kannst, anstatt es als „schlecht“ zu bewerten.

Je klarer du die einzelnen Gefühle und Bewertungen mit der Zeit in dir sehen kannst, desto besser kannst du ihnen Raum geben. Diese Art des Sehens ist getragen von Akzeptanz und Gelassenheit. Wie der Wald und der See in der Geschichte wird das Gefühl nur reflektiert. Dadurch kann es sich gesehen und angenommen fühlen. Du schaffst Raum für etwas in dir, was so fühlt – und zwar ohne es zu verändern und ohne Angst davor zu haben. Genau diese innere Begegnung brauchen Gefühle, die lange Zeit nicht da sein durften. Sie genießen ein starkes, gelassenes Gegenüber, das völlig ohne Drama einfach da sein, Gesellschaft leisten und zuhören kann.

 

Autor:

Elmar Kruithoff ist Diplom-Psychologe und der Gründer des Zentrums für Focusing-Kompetenzen xf. Er arbeitet mit Menschen daran, ihre Beziehungen, Entscheidungen und Selbstfürsorge zu verbessern, indem sie lernen, ihr Erleben achtsam zu erforschen und ihr Handeln in Richtung Empathie und Akzeptanz zu verändern.

Photo (oben): Kou Art