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I „Stille Spagetthi“

Kurz vor Sperrstunde lächelte mich der Mann an und ich setzte mich neben ihn. Da saß ich nun und wusste nicht genau weshalb.  Die Freundin des Mannes saß neben ihm und beide aßen Spaghetti. Sie boten mir sogar an von Ihrem Teller mitzuessen. Ich kannte die beiden nur vom Sehen und war verlegen. Etwas Besonderes war an Ihnen. Gegen meine Verlegenheit half jetzt nur Reden. Sie waren still, gemütlich, herzlich und präsent. Präsent oh ja, das waren sie. Sie hatten aber gerade nichts zu sagen und so hörte…, und so hörte ich nur mich reden, von vielem. So als müsse ich mich jetzt vorstellen, von einem Standpunkt oder von einer Erfahrung erzählen, damit sie wüssten, wer ich bin oder damit sie anknüpfen könnten. Im Laufe meines Redens wurde mir der Inhalt meiner Sätze aber unbedeutsamer und irgendwie ebbte meine eigene Überzeugung davon ab. Seltsam. Umso kraftvoller und strahlender wurde jedoch der Akt des Sprechens selbst, des Kommunizierens und des Daseins an sich. Es fühlte sich an, als hätten die Präsenz der beiden mir etwas gezeigt, was irgendwie zu banal und offensichtlich war, dass man es vor lauter Konzentration auf den Inhalt des Gesprächs gar nicht wahrnahm. Wie freudig, wie lebendig, wie kraftvoll ich mich plötzlich fühlte.

Ein Durchlüften meiner Existenz setzte ein, das mir ein neues besseres Gleichgewicht verlieh und mich weitete. Gleichzeitig fühlte es sich irgendwie auch wie sterben meiner Persona an. Eine enorme Frische und freudige Entscheidungskraft stellte sich ein. Widerstandslos und voller Vertrauen lebte ich gerade das, was sich eben zeigte…

II Mehr davon und weitersagen. Das Pferd von zwei Seiten zugleich aufzäumen.

Ich wollte mehr von dieser Präsenz in und um mich. Aus meiner Erfahrung als Yogalehrer wusste ich, dass mir dabei wieder einmal „teach or provide what you wanna learn!“ helfen könnte. Präsenz weitergeben also- , und am besten auch davon gleich mein Brot verdienen, so stellte ich mir das vor. Aber halt, bei Yoga, ging es dabei nicht auch um Präsenz ? Schon, aber irgendetwas in mir wusste
nicht nur von der Literatur, sondern war zutiefst überzeugt, dass es sich bei dieser „Spagetthi Stille“ der beiden, um eine natürlichere, uralte, viel vertrautere und bedingungslose Präsenz handelte, die völlig unabhängig von einem Yoga-weg war.

Von der Kombination aus „Begeisterung für die Stille“ und „Brotverdienst“ motiviert, zäumte ich nun ein Pferd gleichzeitig von hinten und von vorne auf: Ging alles leicht und von selbst, dann war jede Tat ein Schritt raus aus verbissener Getrenntheit, raus aus dem Engagement für etwas, rein in das Leben mit anderen, mit dem was ist, für nichts, einfach nur vor natürlicher Freude.

Und so eigenartig es klingen mag, es hatte für mich den Anschein, dass gerade durch dieses manchmal selbstverständliche und leichtfließende „Aufzäumen des Pferdes von vorne“ mit einem entstehenden Stille-Projekt (für „Hotline Stille – Präsenz auf Draht“ hatte ich bald wundervolle inspirierende Mitarbeiter gefunden) Tendenzen in mir geweckt wurden, die das Pferd gleichzeitig auch von hinten, also mit übertriebenem Aufwand aufzäumten. Tendenzen in mir, die innen und außen erstmal alles verkomplizierten.

Wie diese Idee eines Präsenz-Telefons überhaupt verständlich machen?  Würde uns jemand reine Präsenz ohne esoterischen Hintergedanken abnehmen und vielleicht sogar etwas bezahlen dafür? War Stille und Präsenz nicht viel zu banal, so dass sie nur übersehen werden könnte ? Solche Zweifel mündeten in größeren Blockaden oder übertriebener Arbeitswut. Es dauerte Monate des Scheiterns mit meinen persönlichen Erwartungen bis eine kleine Gruppe an Telefoncoaches sich regelmäßig zu treffen begann.

Keine Ahnung (und immer weniger Ahnung) haben wir, wohin wir mit unserer Hotline Stille wirklich gehen. Umso größer wird unser Vertrauen und unsere Freiheit, die jeden Moment weiß, das „Richtige“ zu tun.  Ein Wechselspiel zwischen „von vorne Aufzäumen“ und „von hinten aufzäumen“ lässt uns weiter träumen, planen, umsetzen, feiern und wieder träumen.

Verfasst und mit Erlaubnis veröffentlicht von Sascha Tscherni, Susak (Kroatien), Mai 2012  Herzlichen Dank für die Unterstützung!

 

Photo: AlicePopkorn