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Manfred ist heute 43,6 Jahre alt, trägt Karo-Hemden unter seinem Sakko und schleppt sich jeden Morgen ins Ingenieurs-Büro. Wobei schleppen vielleicht gar nicht der richtige Ausdruck ist, er fühlt sich eher, als würde er von fremden Mächten dröge und automatisch auf einem Fließband dorthin transportiert werden. Die Tage sind grau und gleichförmig und er hat sich so sehr daran gewöhnt, dass er sein Leben nur in seltenen Momenten hinterfragt.

Wie konnte es so weit kommen? Das Ingenieurs-Büro, in dem er arbeitet, ist sein eigenes, er ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und hat es übernommen, und der hatte es von seinem Vater übernommen und der von seiner Mutter, von Inge der Ingenieurin.

In den ersten Schuljahren war klar, dass ihm Zahlen weniger Freude machen als Texte, dass er sich in Geschichten verlieren kann, er eine blühende Fantasie hat und ein ungewöhnlich ausgeprägtes Gespür für Sprache. Seine Deutschlehrerin war angetan, genauso wie die Kunstlehrerin, denn auch dafür hatte er ein Händchen (also ein Händchen für die Kunst, nicht für die Kunstlehrerin, Manfred war ja anständig erzogen wurden und die Kunstlehrerin sowieso).

Wer nicht so angetan war, war die Mathelehrerin, denn Manferd war wenig talentiert in diesem Bereich. Zum Beispiel bei der Geometrie, er konnte Vierecke und Dreiecke nur sehr schwer auseinanderhalten. Noch weniger angetan war sein Vater, als er von diesen schlechten Noten gehört hat.

Also, was war zu tun? Genau, die Freizeit mit Büchern streichen, dafür Nachhilfeunterricht in Mathe, sieben Mal pro Woche … es galt ja das Familienimperium, ein 3-Mann-Ingenieursbüro, auch langfristig zu sichern, für die nächsten Generationen.

Die großen Anstrengungen haben sich bald bezahlt gemacht, Manfred hat’s von einer 5 auf eine 3 und dann sogar auf eine 2 geschafft. Das war der Grundstein dafür, dass er dann auch Ingenieurswesen studieren konnte (und musste), wenn auch nur mittelmäßig, und bei seinem Vater mit einsteigen konnte … und zwar jeden Morgen ins Auto auf dem Weg in dieses Büro, um einen mittelmäßigen Job zu machen und den Vater dann nach etlichen Jahren abzulösen und ein mittelmäßiger Chef zu werden ohne besonders große Ambitionen, der schaut, dass die Sachen halbwegs in der Spur bleiben.

Na ja, und jetzt hat er das Büro, ein paar Angestellte, seine Karohemden … und nur noch selten den Gedanken daran, wie sehr ihn früher Geschichten begeistert haben und die Sprache. Höchstens dann, wenn er doch mal ein Feierabend Bier zu viel getrunken hat und er energisch aufsteht und ein Gedicht von Goethe runterlallt, allein in seinem Wohnzimmer und dann setzt er sich wieder hin, das bisschen Lebensenergie reicht halt auch nicht sooo lange.

Manfred heißt auch Jürgen und arbeitet irgendwo als Buchhalter, und er heißt auch Patricia und arbeitet bei der Verwaltung, und er heißt auch Sabine und sitzt in einem Reisebüro, irgendwo in einem Shopping-Center, obwohl er sich nie besonders für Reisen interessiert hat, zumindest nicht für solche Bettonbettenburgen-Aufenthalte mit Animateuren, die den cocktailsenilen Urlaubern “mal so richtig einheizen“ mit ihren verrückten Tanzshows.

Und all die Manfreds und Jürgens und Patricias und Sabines haben angekämpft gegen ihre Schwächen, weil sie das so gelernt haben, und sind jetzt „angekommen“ im Leben. Nur leider in einem Leben, das nicht zu ihnen passt.

Wir wissen nicht, was aus Manfred geworden wäre, hätte er einen anderen Weg eingeschlagen, hätte er sich in der Schule schon auf seine Stärken und Interessen konzentrieren können oder wenigstens anschließend für sich selbst die Entscheidung getroffen, dem nachzugehen, was ihn begeistert.

Vielleicht wäre er heute Journalist, oder Kinderbuchautor, oder um Himmels willen sogar Blogger … sehr wahrscheinlich ist allerdings, dass er seinen Job besser machen würde als den, den er jetzt hat, und dass er glücklicher wäre.

Das sagt die Forschung

Es gibt inzwischen eine Menge beeindruckender Studien, in denen untersucht wurde, was passiert, wenn wir uns auf unsere Stärken und Ressourcen konzentrieren statt auf unsere Schwächen und auf das, was uns (vermeintlich) fehlt.

Zum Beispiel eine aus 2012 von der Ohio State University, in der zwei Therapie-Ansätze verglichen wurden, um Menschen mit Depressionen zu behandeln:

  1. Der eine Weg konzentrierte sich auf die Stärken des Patienten und wie er sie nutzen uns ausbauen kann
  2. Der andere auf die Schwächen und wie er sie verringern und kompensieren kann

Nach 16 Wochen hat man die Patienten selbst und ihre Therapeuten nach den Ergebnissen gefragt und heraus kam, dass die Stärken-basierte Therapie wesentlich wirksamer gegen die Depressionen war und das Glücks- und Zufriedenheitslevel viel mehr gestärkt hat. Diese Patienten fühlten sich lebendiger und zuversichtlicher.

In anderen Forschungen zeigte sich, dass Stärken-orientierte Menschen weniger Stress empfinden, positiver sind, besser mit ihren Gefühlen umgehen können, sozial intelligenter sind, zufriedener mit ihrem Leben sind, körperlich gesünder sind, mehr Selbstvertrauen haben und mehr Ressourcen haben, wenn ein großer Stress oder eine traumatisches Erfahrung auftritt.

Auch zeigte sich, dass sie sich schneller entwickeln, mehr wachsen, gerade dann, wenn sie etwas neues lernen oder in ein neues Umfeld kommen.

Das schlägt sich auch nieder in ihrem Berufsleben. Wenn wir uns auf unsere Stärken fokussieren sind wir nachweislich kreativer und konzentrierter bei der Arbeit, anpassungsfähiger, engagierter energischer und wir finden mehr Sinn in unserem Tun – einfach, weil uns voranzukommen und uns zu entwickeln das Gefühl von Bedeutung gibt.

Klar, der Job macht einfach mehr Spaß und ist leichter, wenn wir gut sind und besser werden … dafür müssen wir allerdings auch besser werden wollen und zwar aus einem gesunden Eigenantrieb heraus nicht aus dem Gefühl, keine Fehler machen oder haben zu dürfen.

Die Management-Legende Peter Drucker hat gesagt:

„Man sollte so wenig Anstrengung wie möglich investieren, um Schwächen zu verbessern. Es braucht viel mehr Energie und Arbeit, von Inkompetenz zu Mittelmaß zu kommen als von guter Kompetenz zur Exzellenz.“

Also: lieber Stärken stärken als Schwächen schwächen.

Mehr zum Thema findest Du auch im myMONK Podcast:

Photo (oben): Pom‚, Lizenz: CC BY 2.0