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Es folgt ein Beitrag von Andreas Gauger, Autor des myMONK-Buchs Selbstwertgefühl – Wie es entsteht und wie Du es stärken kannst.

„Je mehr ein Mensch nach Perfektionismus strebt, um so unzulänglicher ist er oder fühlt sich so. Wäre er wirklich ‚perfekt‘, müsste er nicht so krampfhaft danach streben.“ – Rose von der Au

Wenn wir die Unkontrollierbarkeit des Lebens zu spüren bekommen, empfinden wir tiefe Ohnmacht. Ein Gefühl, das wir kaum aushalten können. Da ist es nur verständlich, dass wir alles tun, um dieses Gefühl beiseite zu schieben.

Eine bewährte Methode ist es, zu glauben, dass alles in unserem Leben seine Ursache irgendwo in uns hätte. Dann bin ich zwar auch für den ganzen Mist in meinem Leben verantwortlich, aber zumindest nähre ich die Illusion, ich könnte was daran ändern.

Indem ich an mir arbeite, bis der Arzt kommt.

Und schon stecke ich mittendrin: im Selbstoptimierungswahn.

Verletztes Bedürfnis nach Einflussnahme

Das Gefühl, Einfluss auf die Geschehnisse in unserem Leben nehmen zu können, ist elementarer Bestandteil geistigen Wohlbefindens. Es ist, neben der Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit unseres Erlebens, einer der drei sozialmedizinischen Faktoren für Gesundheit im Salutogenesekonzept nach Aaron Antonovsky.

Verletzende Erfahrungen können dazu führen, dass wir starke Ohnmachtsgefühle empfinden. Wir fühlen uns der Willkür des Lebens schutzlos ausgeliefert. Besonders wenn diese Ohnmachtsgefühle durch das Verhalten anderer Menschen uns gegenüber ausgelöst werden, wird dadurch unser Bedürfnis nach Sicherheit, vor allem aber unser Bedürfnis nach Einflussnahme verletzt.

Die Erfüllung unserer Beziehungsbedürfnisse ist essenziell für uns. Werden sie nicht angemessen durch unser Umfeld gestillt, finden wir selbst Wege, die Lücke zu füllen. Das Problem deutet sich bereits im Namen an. Es sind Beziehungs-Bedürfnisse. Sie setzen ein Gegenüber voraus. Sich Beziehungsbedürfnisse selbst erfüllen zu wollen, ist ein Widerspruch in sich.

Wenn wir nicht das bekommen, was wir eigentlich von anderen brauchen, sichern wir auf diese Weise aber wenigstens unser emotionales Überleben. In der Not frisst der Teufel Fliegen.

So versuchen wir unangreifbar zu werden, indem wir uns einreden, niemanden zu brauchen. Wir strengen uns an, immer stark zu sein und alles alleine geregelt zu bekommen.

Oder wir bemühen uns, es anderen auf jede erdenkliche Art recht zu machen. Werden für unsere Mitmenschen so bequem wie möglich, um uns den weiteren Zustrom ihrer Zuwendung zu sichern.

Ohnmachtsgefühle sind unkontrollierbarer Stress

Ohnmachtsgefühle erleben wir als unkontrollierbaren Stress. Eine mögliche Abwehr dagegen ist der Selbstoptimierungswahn.

Unkontrollierbarer Stress ist für uns Säugetiere eine heftige Sache. Der Neurobiologe Gerald Hüther erklärt in „Biologie der Angst“, dass unkontrollierbarer Stress zu Abschaltprozessen im limbischen System des Gehirns führt. Die Betroffenen erleben Ohnmachtsgefühle und reagieren neuronal mit einem Zustand des Freezing.

Freezing ist dem Totstellreflex von Beutetieren ähnlich. Eine der drei möglichen Reaktionen auf Gefahrensituationen:

  1. Kampf
  2. Flucht
  3. Totstellreflex (Freezing)

Dadurch geraten die Datenverarbeitungsprozesse im Gehirn ins Stocken. Gleichzeitig kommt es durch einen Datenrückstau im Gehirn dazu, dass unsere Amygdala in einem dauerhaften latenten Alarmzustand bleibt.

Der „Datenmüll“ kann nicht mehr abtransportiert werden.

In der Folge gehen wir oft aus dem Kontakt. Sowohl mit uns selbst als auch mit unseren Mitmenschen. Wir reagieren mit Kontaktvermeidungsstrategien. Sie sollen uns davor schützen, in Zukunft erneut ähnlichen Verletzungen ausgeliefert zu sein.

Sie nähren die Illusion der Kontrolle in einer kaum kontrollierbaren Welt.

Selbstoptimierungswahn – Abwehr gegen die Ohnmacht

Die Ursache für alle Geschehnisse unseres Lebens in uns selbst zu vermuten, mindert vielleicht zunächst unsere Ohnmachtsgefühle. Es führt aber gleichzeitig auch dazu, dass wir in unerträglichen Situationen verweilen. Wir gehen nicht, wenn es Zeit wäre, zu gehen. Wir wehren uns nicht, wenn es angebracht wäre, uns zu wehren.

Schließlich liegt es ja an uns, nicht wahr?!

Ein Konzept, das auch in esoterischen Kreisen weit verbreitet ist. Wenn es dermaßen unreflektiert verwendet wird, schadet es mehr als es nützt.

Besonders deutlich wird dies in dysfunktionalen Partnerschaften. Hat jemand sich im Selbstoptimierungswahn verfangen, fällt es ihm schwer, sich aus einer unglücklichen Beziehung zu lösen. Schließlich glaubt er:

„Wenn ich mich vollständig optimiert, meine alten Wunden geheilt und höchste Erleuchtung erlangt habe, funktioniert meine Partnerschaft endlich. Oder es stört mich zumindest nicht mehr, dass sie es nicht tut. Denn dass es mir etwas ausmacht, zeigt ja schließlich nur, dass es da noch ein Thema gibt, das ich lösen und aufarbeiten muss.“

So werde ich zum Kerkermeister meines selbst geschaffenen Gefängnisses. Ich verliere den Kontakt zur Realität und schneide mich von meinen wahren Gefühlen ab.

Ich lasse mir dann leicht Verhaltensweisen gefallen und ertrage Umstände, die sich die meisten Masochisten nicht bieten lassen würden.

So wird alles, was in meinem Leben nicht funktioniert, zum Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Da ist es dann nicht weit, mich wie der letzte Versager zu fühlen.

Wenn ich mich so verhalte, ähnele ich stark dem Protagonisten in Paul Watzlawicks berühmter Anekdote Die Geschichte mit dem Hammer über den der Autor feststellt:

Wer nur einen Hammer hat, für den wird die ganze Welt zum Nagel.

Selbstoptimierung: Ja – Aber bitte mit Augenmaß

Der gesamte Hilfe- und Selbsthilfesektor lebt von unserem Wunsch, uns zu vervollkommnen. Ich auch – und das gar nicht mal schlecht.

Einfach immer…

  • noch ein Seminar,
  • noch ein hilfreiches Buch,
  • noch ein paar Bahnen im Fruchtwassersimulator drehen,

… irgendwann wird’s schon besser werden.

Warum schreibe ich dann einen solchen Artikel und riskiere, damit an dem Ast zu sägen, auf dem ich sitze?

Weil ein himmelweiter Unterschied zwischen sinnvoller Arbeit an sich selbst und Selbstoptimierungswahn besteht. Das Eine hat mit dem Anderen so viel zu tun wie Zierpflanzendünger mit dem Marsrover.

Der Wunsch, an uns selbst zu arbeiten und eine noch bessere Version unserer Selbst zu werden, ist tief in uns verankert. Es ist der Grund, warum wir heute nicht mehr auf Bäumen leben und uns gegenseitig die Läuse aus dem Fell zupfen. Man könnte es als evolutionären Trieb zur Weiterentwicklung bezeichnen.

Ich bitte nur darum: Lasst es uns mit Augenmaß tun und von unserem gesunden Menschenverstand Gebrauch machen.

An uns zu arbeiten und uns weiterzuentwickeln ist eine super Sache. Sie kann uns glücklich und unser Leben leichter machen.

Selbstoptimierungswahn gehört hingegen zu den Lösungsversuchen, die ich persönlich zu den Wegen in die Katastrophe zähle. Denn bei weitem nicht jeder bescheidende Umstand in unserem Leben hat seine Ursache hauptsächlich in uns selbst.

Darin läge – beim besten Willen – ein gerütteltes Maß narzisstische Überschätzung unserer eigenen Bedeutsamkeit. Das gilt selbst dann, wenn wir Konzepte wie „Karma“ oder das „Schattenprinzip“ einbeziehen wollen.

Es gibt bei jeden Erklärungsmodell einen Punkt, da wirkt das Beharren auf einem einzigen Konzept eher lähmend, als dass es unserem Leben etwas von Wert hinzufügt.

Ich bin überzeugt, dass menschliches Leben zu komplex und vielschichtig ist, um mit einem einzigen Konzept alles erklären zu wollen.

Was mich angeht, so kann ein gutes Konzept einen gewissen Teil unseres Lebens brauchbar abbilden, während es in anderen Bereichen eher ungeeignet ist.

Warum machen wir es uns dann mit unserer typischen Entweder-oder-Mentalität so verdammt schwer?

Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass die Wirklichkeit groß und großartig genug ist, um mit „sowohl als auch“ oder „manchmal so, manchmal so“ viel besser beschrieben zu sein?

Klingt paradox? Stimmt, ist es auch.

C. G. Jung beschreibt es in seinen gesammelten Werken ganz treffend:

„Die Paradoxie gehört sonderbarerweise zum höchsten geistigen Gut; die Eindeutigkeit aber ist ein Zeichen der Schwäche. […] , denn nur das Paradoxe vermag die Fülle des Lebens annähernd zu fassen, die Eindeutigkeit und das Widerspruchslose aber sind einseitig und daher ungeeignet, das Unerfassliche auszudrücken.“

Und ich sehe beim besten Willen keinen Anlass dazu, ihm da zu widersprechen.

Tiefer in dieses Themas steige ich in meinem E-Book ein: Selbstwertgefühl – Wie es entsteht und wie Du es stärken kannst. Dort erhältst Du neben nützlichen Informationen um Dich selbst und andere besser zu verstehen, auch effektive Übungen, mit denen Du Dein Selbstwertgefühl verbessern kannst.

 


Autor:

Andreas Gauger arbeitet als Heilpraktiker für Psychotherapie, NLP Master-Coach und ROMPC®- Coach & Therapeut in eigener Praxis. Er hilft Menschen, einschränkende Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu überwinden und Frieden mit der eigenen Kindheit und den inneren Eltern zu schließen. Der Text ist in ähnlicher Form zuerst auf seinem Blog erschienen.


Photo (oben): shelby hall