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Ein Interview mit Volkmar Baurecker, der das Segeln liebt. Über Abenteuer, Heimweh, Gefahren und die Lust am Reisen.

Hallo Herr Baurecker, herzlich willkommen bei myMONK und vielen Dank für Ihre Zeit. Wie geht es Ihnen jetzt, in diesem Moment – und worauf freuen Sie sich in der nächsten Zeit besonders?

Mir geht es in diesem Moment recht gut. Ich fühle, dass ich weit und offen bin. Ich bin ruhig und gelassen. Ich bin in meiner Mitte und fühle mich reich an persönlicher Kompetenz.

Ich spüre die schön gewesenen Dinge während der langen Reise, vor allem dann, wenn ich die Fotos und Videos ansehe und sortiere zum Zwecke des Erstellens von Vorträgen. Ich stehe noch sehr unter dem Eindruck des begeisterten Interesses, das mein Publikum vorgestern wieder gezeigt hat: Ich hatte erstmals vor einem reinen Seglerpublikum „Gschichtln“ aus meiner Segelreise um die Welt vorgetragen.

Ich freue mich auf das Treffen mit mehreren Freunden heute Nachmittag im Hause einer langjährigen Segelfreundin. Ich freue mich mittelfristig, mein Buch nun anzugehen. Längerfristig sind es die Segeltörns im nahen Mittelmeer mit alten und neuen Freunden, worauf ich mich freue.

(Warum) ist Reisen wichtig? Welche Rolle spielt die Entfernung vom Heimatort dabei?

Ich antworte auf „Warum ist Reisen mir wichtig“, denn ich bin sicher, dass das für jeden anders ist. Ich möchte daher vorwiegend von mir reden.

Ich bin zuvor in meinem Leben sehr wenig gereist und bin selten weit weg gewesen. Es war lange Zeit nicht wichtig. Nach Jahren des Verwurzeltseins in der gegründeten Familie und in der eigenen Firma. Ich bin gehemmt für weite Sprünge, wegen meiner stets eng gewesenen wirtschaftlichen Situation. In der Pension und nach dem Zerfall der gegründeten Familie sind alle diese Fesseln gefallen. Eines Tages ist es klar – ich fahre auf und davon, um besten gleich die ganze Welt. Ich will so weit wie möglich weg von daheim. Und das in eigener Verantwortung, nach meinem Plan, dem Zufall gerne reichlich Platz, Raum und Zeit gebend.

Die Entfernung vom Gewohnten hat mich gereizt. Und die Neugierde, vor Ort zu erleben wie andere Menschen leben, das zu sehen, was ich bisher nur in Büchern gelesen, auf Bildern gesehen habe. Das Wort „Der Weg ist das Ziel“ habe ich mir gewandelt in „Auch der Weg kann Ziel sein“. An welchem geografischen Ort ich die nächste Nacht verbringen würde, wohin das nächste Schiff mich fahren würde, war auch wichtig. Aber wirklich im Augenblick, im Hier und Jetzt ist immer der Weg, eingeschlossen freilich auch das Wirtshaus am Ende des Weges, das Nachtquartier, der Platz in Schiff, Bus oder Eisenbahn, die Einkehr bei der Tochter in Neuseeland, und die Heimkehr.

Die Reise zu mir selbst erspare ich mir nicht durch Reisen in der Geografie. Doch die Reise in der Geografie hilft mir, in jene Haltung, jenen Fluss zu kommen, die mir die Reise zu mir selbst erleichtert. Was hülfe es einem Menschen, wenn er die ganze Welt bereiste und dabei seine eigene Seele verlöre, soll ein weiser Mann mal gesagt haben. Darüber habe ich während meiner Reise viel meditiert.

Auch darüber habe ich während des Reisens viel nachgedacht, was Bettina von Arnim formuliert hat:

Wer wagt selbst zu denken, der wird auch selbst handlen, und wer nicht selbst denkt, nicht aufs uferlose Meer steuert mit seinem Geist, der wird die Gottheit nicht selbst erreichen, nicht selbst handlen, denn sich nach anderen richten das ist nicht handlen, handlen ist Selbstsein, und das ist: in Gott leben.
(Bettina von Arnim 1785-1859)

Was unterscheidet das Segeln von anderen Arten des Reisens für Sie in erster Linie?

Das Segeln fordert ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit. Es fordert aber auch Vertrauen – von mir an die Technik des Bootes, an den Menschen, der das Boot führt und schließlich Selbstvertrauen. Als aktiver Mitsegler muss ich auch trachten, das Vertrauen des Bootsführers zu bekommen und es zu pflegen. Wichtig ist ebenso, sich das Boot vertraut zu machen, seine Technik, seine Schwächen und Stärken.

Autoritäten, vor allem die aufgeblasenen, haben es in meinen jungen Jahren immer sehr schwer gehabt mit mir – und umgekehrt. Das zu ändern, daran habe ich viel gearbeitet. Ich denke, es war gute Arbeit. Ich weiß heute viel besser, damit umzugehen und jene Menschen rechtzeitig zu erkennen, denen ich lieber aus dem Weg gehe. Auf Segelreisen habe ich das weiter entwickelt und schließlich viel, dank dieser harten Arbeit ernten und genießen können.

Welche Situationen auf einem Boot empfinden Sie als besonders gemütlich?

Wenn ich in meiner Koje liege und mich vom schwankenden Boot in den Schlaf wiegen lasse.

Kennen Sie das Heimweh? Welche Tipps haben Sie, damit umzugehen?

Ich glaube nicht, dass ich je Heimweh hatte. Ich erinnere mich allerdings, dass ich mich nach dem Wechsel der 4 Jahreszeiten gesehnt habe, nach der Natur zuhause und nach den Freunden.

Ich denke, wer im Augenblick ist, kann kein Heimweh haben.

Welches Verhältnis ist das richtige zwischen Planung und Spontanität?

Zurzeit mag ich sehr die Planlosigkeit. Das gibt Raum und Zeit für Spontanität. Dieses Bedürfnis hat auch die (Nicht-)Planung meiner Reise mitbestimmt. Je weniger ich plane, umso leichter kann ich auf geänderte Voraussetzungen eingehen, die sich während der Reise zeigen, umso eher kommt die Reise in „Fluss“. Selbstverständlich habe ich mir überlegt, welche Dinge sehr wichtig sind, sie eingepackt, mich schlau gemacht und entsprechend gehandelt: Wenn ich nach Thailand will, muss ich ein Visum haben, wenn ich übers Meer will, muss ich meine Zettel an die schwarzen Bretter der Marinas hängen, von Steg zu Steg laufen und die richtigen Internetforen aufsuchen.

So wenig Planung wie möglich, soviel Planung wie nötig.

Gab es gefährliche Situationen auf Ihren Reisen? Können Sie uns von einer oder zwei davon berichten?

Nein, nicht dass ich solches wahrgenommen hätte.

Die Situationen in den 3 folgenden Absätze sind gar nicht gefährlich gewesen, aber gefährlicher ist es nie gewesen, sorry. Sie können daher gut wegbleiben, meine ich.

  • Zweimal bin ich bloß bestohlen worden. Gleich in Barcelona, im Wartesaal zur Fähre nach Mallorca, hat mir jemand den Laptop aus der neben meinem Stuhl am Boden abgestellten Reisetasche gezogen. In Panama hat eine von hinten kommende Hand vor meinen Augen die am Tisch abgelegte Geldbörse weggenommen.
  • Einmal, das war in der Karibik, auf nächtlich einsamer Straße habe ich einen Mann hinter mir wahrgenommen, der mich schnellen Schrittes zu verfolgen schien. Ich war der Schnellere.
  • Ein wenig aus dem Häuschen bin ich auf den Salomonen gekommen. Ein Reisefreund war hier kurz vorher an Malaria erkrankt. Als ich angekommen war, hatte ich ein paar Tage vorher meine Tabletten abgesetzt gehabt. Im Internet finde ich den Hinweis, die Salomonen gehörten zu den Ländern, wo Malaria besonders häufig auftritt, und da besonders auf der Insel Guadalcanal, und da besonders in der Hauptstadt Honiara – genau da, wo ich gerade war. Obendrein hatte ich in den ersten ungeschützten Tagen in einem Hostel direkt am feuchten Strand genächtigt, bei mangelhaft vergitterten Fenstern. Die geringste Unpässlichkeit hat mich ab nun nervös gemacht. Ich bin bei nächster Gelegenheit in den malariaärmeren Norden gefahren. An Malaria bin ich nicht erkrankt.

Woran erkennen Sie, wenn ein Fremder böse Absichten hegt?

Es dürfte ein Mix an Erkennen und Erspüren sein, der mich böswilligen Menschen im Vorfeld ausweichen ließ, ohne ihrer ansichtig oder gar ihr Opfer zu werden. Ich habe mir die Frage oftmals umgekehrt gestellt: Wie vermeide ich, dass ein Fremder böse Absichten gegen mich hegt?

Ich habe es bewusst vermieden, gefährlichen Orten oder Situationen nahe zu kommen. Ich habe mir das Aussehen eines heruntergekommen, armen Menschen zugelegt. Das hat sich offenbar gut bewährt.

Welche 3 Erkenntnisse gehören zu den wichtigsten, die Sie auf Ihren Reisen gemacht haben?

Der letzte Absatz gehört streng genommen nicht hierher. Aber er ist eine Art Resümee.

  1. Die Erde ist rund, es gibt den Äquator, den südlichen Sternenhimmel, Sonne und Mond können wirklich auch im Norden stehen. Und die Datumsgrenze gibt es auch.
  2. Es gibt so viele schöne Orte auf der Erde. Es gibt so viele freundliche, glückliche Menschen auf der Welt. Ein ganzes Leben reichte nicht aus, um alle schönen Orte auf der Erde zu besuchen, um allen freundlichen Menschen die Hand zu geben. Es wird wohl richtig sein, einige schöne Orte besucht zu haben, vielen, wenngleich einer begrenzten Anzahl Menschen die Hand gereicht, einander ins Herz geschaut und umarmt zu haben. Um sich dann auch wieder anderen Dingen zuzuwenden.
  3. Sowohl der Weg kann das Ziel sein, als auch das Wirtshaus am Ende des Weges. Ich denke an die Pflanzen am Weg, die Delfine, das Glitzern der Wellen, das uferlose Meer, an die Sonnenauf- und –untergänge, an die Korallen unter mir, die Fischlein, den Wolkenhimmel, die Nebelschwaden, den Gesang der Vögel, die Schreie der Brüllaffen aus dem Regenwald, die Stromschnellen im Mekong, das Lächeln der Menschen und alle meine Gefühle, denen ich am Weg begegnet bin. Mein Zwischenziel: Die Einkehr bei meiner Tochter in Neuseeland. Mein Endziel: Die Heimkehr ins Land, wo es 4 Jahreszeiten gibt, die wohlbekannte Natur, das Mühlviertel und die Menschen, denen ich vertraut bin, die mir vertraut sind.

Ich blicke glücklich zurück – nichts dramatisch Böses ist mir widerfahren, es gab keinen nennenswerten Unfall, ich bin nicht ernsthaft erkrankt, ich habe keine Gewalt durch andere Menschen erlitten. Ich habe viel gesehen, ich bin vielen lachenden Menschen begegnet, ich habe trauernden Menschen zugehört, ich bin hunderte Male willkommen gewesen, ich habe gesungen, getanzt, getrunken, gegessen, geschnorchelt, gesegelt, gearbeitet, gescherzt, gelacht und gefühlt mit anderen und alleine. Und zu Hause kennt man mich noch. Es ist schön, dass ich wieder da bin.

Ich habe eine Rot-grün-Schwäche, damit ist es mir nicht möglich, einen Segelführerschein zu machen, weil man die richtungsgebenden Hinweis-Lichter auf dem Wasser nicht unterscheiden kann (wenn ich da richtig informiert bin). Was können Leute wie ich, die nicht ohne fremde Hilfe segeln können, tun, um dennoch in den Genuss des Segelns zu kommen?

Es gibt grundsätzlich keine Führerscheinpflicht für Segler. Es gibt, im Gegenteil, große Weltumsegler ohne Führerschein. Wer bei Nacht segelt, sollte die Farben gut unterscheiden können. Ich denke, dass du bei Tag gut segeln könntest, besonders dann, wenn du das Revier ein wenig kennst. Ich denke an Binnenseen und Küstennähe.

Du kannst auch einfach wo mitsegeln, bei mir zum Beispiel. Jeder Mensch hat andere Einschränkungen und Talente. Der eine mag nur sein ganz spezielles Bio-Müsli, der andere geht gern barfuß über spitze Steine. Manche werden seekrank, manche springen gerne nackt herum, manche lesen immer, andere lösen lieber Sudoku, manche nehmen jede Kursänderung zum Anlass eines Manöverschluckes. Wenn zumindest der Skipper alle Farben sehen kann und sich nicht betrinkt, ist das eine gute Voraussetzung für einen guten Segeltörn.

Wo können die Leser mehr über Sie und Ihre Reisen erfahren?

Auf http://www.segelnumdiewelt.at/ ist vieles nachzulesen. Ich halte, Vorträge, wo man mich sehen und hören und meine Bilder und Videos anschauen kann.

Termine zum Segeln mit mir im MM sind auf der Webseite zu finden: http://www.segelnumdiewelt.at/mit_mir_segeln.php.

Man kann mich zu Vorträgen einladen.

Ich bin dabei, meine Reise zu Buch zu bringen. Ich hoffe, eine erste Ausgabe kann nächsten Sommer am Markt sein.

Beim Segeln mit mir wird es so manche Geschichte aus meiner verflossenen Reise geben. Das Mitsegeln im Hier und Jetzt übertrifft allerdings jeden noch so trefflichen Reisebericht!

Herzlichen Dank!

Hier noch einige Fotos von Volkmar, entnommen von http://www.segelnumdiewelt.at/: