Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Lieber Leser,

fühlst auch Du Dich manchmal – oder oft – oder immer – schuldig?

Weil Du’s Dir selbst machst‚ und dabei an eine andere oder einen anderen denkst als Deinen Partner?

Weil Du die ganze schiefliegende Welt nicht allein gerade rücken kannst oder schon daran scheiterst, den Müll richtig zu trennen?

Weil Du seit Monaten nicht im Fitness-Studio warst, obwohl Dich das ein Heidengeld kostet?

Weil du Dir ab und an Zeit für Dich selbst nimmst und dafür zu etwas anderem nein sagen musst?

Oder weil Du jemanden schwer verletzt oder Deine Eltern viel zu lange nicht besucht hast, oder weil mit Deinem Hund nur einmal am Tag rausgehst, obwohl er echt mehr Bewegung und frische Luft bräuchte?

Manchmal glaube ich: ich hab’ mich schon öfter schuldig gefühlt, als es ein schwer Krimineller vielleicht tatsächlich tun müsste. Ich trug so schwere Schuld mit mir herum, die keine, eine kleine oder nicht meine war, darunter verkrümmt wie Quasimodo, mit zitternden Beinen und einem Herzen, das schrie und blutete wie ein geschlachtetes Schwein (das kurz davor ein Kilo blutverdünnendes Aspirin gefressen hat).

Die 5 Gründe von Schuldgefühlen

Schuldgefühle sind wichtig, keine Frage. Sie sind tief in uns verwurzelt und sollen uns zeigen, wenn wir etwas falsch gemacht und dadurch jemandem geschadet haben. Dabei gibt es fünf Gründe, aus denen wir uns schuldig fühlen können:

  1. Schuldgefühle für etwas, das wir getan haben
  2. Schuldgefühle für etwas, das wir unterlassen haben, aber tun wollten
  3. Schuldgefühle für etwas, von dem wir nur denken, wir hätten es getan
  4. Schuldgefühle, weil wir nicht genug getan haben, um jemandem zu helfen
  5. Schuldgefühle, weil es uns besser geht als einem anderen

Schuldgefühle können berechtigt sein. Erstens jedoch neigen so viele von uns, mich eingeschlossen, unter großen Schuldgefühlen für kleinen Scheiß oder Sachen, die überhaupt nicht in unserer Verantwortung lagen. Und zweitens: selbst wenn wir eine Schuld aufgeladen haben, wäre es dann nicht besser, etwas zu tun – uns zu entschuldigen und es in Zukunft besser zu machen, als uns über Jahrhunderte selbst ans Kreuz zu nageln, an dem wir für immer zur Untätigkeit verdammt sind?

Die erste große Frage lautet also:

Haben wir etwas getan, für das wir uns zu recht schuldig fühlen – haben wir jemandem Schaden zugefügt?

Wenn nein, dann ist es an der Zeit, das Schuldgefühl loszulassen. Dann fallen schon mal ein paar dicke Brocken von unseren Schultern.

Wenn ja, dann müssen wir uns entschuldigen – so gut es eben geht – und es in Zukunft besser machen.

Was aber, wenn unsere Schuld so schwer ist … muss man sie dann nicht mit ins Grab nehmen?

Dazu eine wahre Geschichte.

Ent-Schuld-igung

In Washington, D.C. steht das Vietnam Veterans Memorial. Dort hängen mehr als 90.000 Briefe, Photos und Notizen von Veteranen aus dem Vietnamkrieg und deren Angehörigen. Eines der inzwischen ziemlich vergilbten und zerfledderten Bilder erzählt die Geschichte des amerikanischen Ex-Soldaten Richard Lutrell und einer Familie in Vietnam. Es zeigt einen jungen Vietnamesen mit seiner Tochter. Darunter: ein Brief von Richard, und der geht so:

Dear Sir,

seit 22 Jahren trage ich Dein Photo in meinem Portemonnaie. Ich war nur 18 Jahre alt an dem Tag, als wir uns auf dem Pfad in Chu Lai begneten. Warum Du mir das Leben nicht genommen hast werde ich nie erfahren … vergib mir dafür, dass ich Dir Deins nahm. Ich reagierte nur auf die Weise, in der ich trainiert wurde.

So oft habe ich über die Jahre das Bild von Dir und Deiner Tochter angestarrt, und jedes Mal glaubte ich, mein Herz würde vom Schmerz meiner Schuldgefühle zerbersten.

Ich habe inzwischen zwei eigene Töchter und ich weiß, dass Du ein mutiger Soldat warst, der seine Heimat beschützen wollte. Und allen voran weiß respektiere ich, wie wichtig Dir das Leben war. Ich schätze, das ist der Grund, warum ich heute hier sein kann.

Es ist Zeit für mich, mein Leben nun fortzuführen und die Schmerzen und Schuld loszulassen.

Bitte vergib mir, Sir.

Ein damaliger Kamerad des amerikanischen Soldatens fand das Photo und den Brief Jahre später an der Wand in Washington und gab es ihm zurück. Richard entschied sich daraufhin, die Tochter vom Photo zu finden und es ihr zurückzugeben. Er reiste nach Vietnam, fand die inzwischen junge Frau und ihren Bruder und sagte dem Übersetzer:

„Bitte sag ihr, dass ich das Photo aus dem Portemonaie ihres Vaters nahm am Tag, als ich ihn erschoss und tötete. Ich bin hier, um es ihr zurückzugeben.“

Dann bat Richard um Entschuldigung, mit zitternder Stimme. Die junge vietnamesische Frau brach in Tränen aus und fiel Richard mit lautem Schluchzen in die Arme.

Später erklärte ihr Bruder, dass er und seine Schwester glaubten, dass der Geist ihres Vaters weiter in Richard lebte, und dass er an diesem Tag der Begnegnung zu ihnen zurückkehrte.

Sie verziehen dem, der ihren Vater getötet hatte.

Nun zurück zu Dir und mir.

Meine Schuld (ein kurzer Auszug)

Ja, ich habe mich nicht nur scheinbar schuldig gemacht.

Sondern auch tatsächlich.

Ich habe Menschen verletzt, die ich liebe. Mit Worten, mit Taten und mit Untaten.

Außerdem eine Menge von Menschen, die ich nicht liebe, aber das macht’s ja nicht besser. Als Schüler habe ich zum Beispiel einen Jungen gehänselt, der gestottert hat; ein guter Kerl mit mir als schlechtem Klassen-„kameraden“. Dazu reichlich andere: mein Radar für die Schwachstellen meiner Mitmenschen war besonders ausgeprägt – und traf sie präzise wie ein Scharfschütze. Als Jugendlicher war ich oft ein verbaler Amokläufer.

Ich habe außerdem mal mit frischem Führerschein in der Tasche eine Katze überfahren, die nachts mit ihren Katzenfreunden über eine Straße rannte, hinter einer Kurve. Und ich bin in dem Schock nicht wieder zurückgekehrt, um nach ihr zu schauen und die Tierrettung zu rufen oder ihr notfalls den Rest zu geben und unnötiges Leiden zu ersparen.

Ich habe Unmengen an Plastiktüten und –Verpackungen gekauft und Unmengen an Essen wegeschimissen, nachdem es zu lange im Kühlschrank lag.

Das war längst nicht alles. Gib mir ne ganze Klopapierrolle für die Scheiße, die ich gemacht habe.

Längst nicht bei jedem und für alles habe ich um Entschuldigung gebeten, und für manches ist es vielleicht wirklich zu spät. Für alles andere bitte ich aufrichtig um Verzeihung (ich weiß, das geht nicht einfach so bequem per Blog).

… der werfe den ersten Stein

Wenn auch Du Dich schuldig fühlst, bist Du damit alles andere als allein.

Zeig mir einen Menschen, der alles in seinem Leben richtig gemacht hat.

Nein.

Wir Menschen machen Fehler.

Alle.

Wir unterscheiden uns jedoch darin, wie wir mit diesen Fehlern umgehen.

Lass sie uns wahrnehmen, so ehrlich zu uns sein wie wir können. Und lass uns wieder gut machen, was gut zu machen ist, und besser machen, was wir besser machen können.

Dafür brauchen wir eine Menge Kraft.

Wir sollten sie nicht verschwenden, um uns ewig in Schuldgefühlen zu wälzen.

Warum fühlst Du Dich schuldig – und wie willst Du in Zukunft damit umgehen?

 

 Photo: Mick Amato