Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Von Mark Epstein stammt eine Zen-Geschichte, die ungefähr so geht:

Ich ging nach Thailand, um etwas über Buddhismus zu lernen. Dort suchte ich einen alten Meister auf, der im Wald lebt. Ich fand ihn und nachdem wir uns herzlich begrüßt hatten, lud er mich in seine Hütte und wir setzten uns auf den Boden. Ich fragte ihn: „Kannst Du mir Buddhas Lehre erklären?“ Der alte Meister zeigte auf ein Glas, das neben ihm stand. „Siehst Du dieses Glas?“, fragte er, „Ich liebe es. Dieses Glas ist seit mehr als 10 Jahren in meinem Besitz. Es bewahrt mein Wasser zuverlässig auf, reflektiert das Licht ganz wunderbar und klingt wie das schönste Instrument, wenn man es antippt. Aber ich sehe dieses Glas, als sei es bereits zerbrochen. Der Wind wird es irgendwann vom Tisch wehen und es zerschellt, oder ich werfe es selbst in einer hektischen Bewegung um. Wenn ich jedoch verstehe, dass das Glas bereits zerbrochen ist, ist mir jede Minute mit ihm kostbar.“

Jedes Glas wird irgendwann zerbrechen, auch unser Lieblingsglas. Jedes Handy, jede Kette, jeder Ring.

Jede Glückssträhne und jede Pechsträhne werden irgendwann ein Ende finden.

Jedes gute Gefühl und jedes schlechte.

Jede Pflanze, jedes geliebte Haustier.

Jede Beziehung.

In 100 Jahren sind alle Menschen tot, die heute auf der Erde leben.

Das ist das Einzige, was feststeht: alles geht vorüber.

Nichts bleibt.

Der Meister aus der Geschichte macht sich dies immer wieder bewusst. Er betrachtet das Glas als zerbrochen, die Beziehung, die Pflanze, das Tier, seine liebsten Mitmenschen bereits als tot.

Ist das nicht zu pessimistisch?

Wenn ich daran denke, dass alles vergänglich ist, bin ich oft zunächst traurig. Die meiste Zeit über versuche ich, diese eine Gewissheit, die wir haben können, zu verdrängen. Dann trifft es mich wie aus heiterem, nein, wie aus finsterem Himmel, wenn etwas vorbei ist.

Was, wenn wir es dem Meister gleich tun und immer wieder an das unvermeidbare Ende denken, noch bevor es kommt … das Glas bereits als zerbrochen betrachten, während es noch in bester Verfassung neben uns steht?

Ist das nicht pessimistisch, ziehen wir damit nicht das Unglück an, ist es nicht, als würden wir freiwillig unser ganzes Leben auf dem Friedhof verbringen und deprimierende Musik hören, ungeduldig mit unseren Fingern trommeln und auf unseren Tod warten, anstatt das Leben zu genießen und zu feiern?

Ich glaube inzwischen: der Meister hat recht.

Wissend, dass seine Zeit mit dem Glas, mit den Pflanzen, Tieren und Menschen in seiner Umgebung vergänglich ist, kann er diese Zeit bewusster genießen.

Hinter der Angst, die uns die Gedanken an das Ende aller Dinge machen kann, liegen Bewusstheit, Freude und Dankbarkeit. Mehr Liebe, mehr Intensität, nicht weniger. Näher dran am Leben, nicht weiter entfernt.

Und was bedeutet das nun für mich?

Das alles heißt aus meiner Sicht nicht, dass wir nicht traurig sind oder sein dürfen, wenn das Glas dann wirklich zerbricht.

Es heißt nur, dass uns dies nicht mehr überraschen kann. Und dass wir die gemeinsame Zeit bis dahin mehr auskosten.

Viel Zeit ist es ja ohnehin nicht.

Würden wir nicht auch mehr Gelegenheiten nutzen, wenn wir uns dessen häufiger bewusst wären?

Da denke ich an eine andere kleine Geschichte, von Wolfdietrich Schnurre:

Ein Falter hatte einer Eintagsfliege einen Heiratsantrag gemacht. „Ich will es mir überlegen“, sagte die nach einem Zögern; „gewähren Sie mir bitte drei Tage Bedenkzeit.“

Hätte die Fliege ihren baldigen Tod bedacht, hätte sie vermutlich weniger gezögert und mehr geliebt und gelebt.

Also:

Welches Kostbare in Deinem Leben könntest Du als bereits als zerbrochen betrachten, um es mehr wertzuschätzen?

Wozu könntest Du heute „Ja“ sagen, wo Du bisher gezögert hast?

 

Photo: Leland Francisco