Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Loten Dahortsang wurde 1968 in Lhasa, Tibet geboren. 1979 ging er nach Nepal und trat in das Kloster von Lama Zopa Rinpoche ein. Seit 1982 lebt er im Klösterlichen Institut in Rikon. Er wurde von seinem Onkel, Gesche Jampa Lodro, den ehemaligen Äbten des Klosters, Gesche Ugyen Tseten und Gesche Gedün Sangpo ausgebildet. Seit 2002 macht er eine Weiterbildung in buddhistischer Erkenntnislehre in der Klosteruniversität Sera in Südindien und seit 2006 in einer mehrjährigen vertieften Meditation und Studien über das Kalachakra-Tantra im Jonang-Kloster in Nordindien. Er leitet Meditationssitzungen in buddhistischen Zentren in Europa.

Welche zwei Erfahrungen aus Ihrer Zeit im Kloster in Nepal gehören zu denen, an die Sie besonders häufig zurückdenken?

Einerseits ist es das Dhal (Linsen), das ich bis heute nicht essen kann. Wenn ich es nur schon sehe, wird es mir schlecht. Das ist auf die Zeit im Kopan-Kloster in Kathmandu zurückzuführen. Ich bin 1979 im Winter mit meiner Mutter und Grossmutter aus Lhasa, der Hauptstadt Tibets, nach Nepal gereist. 1980 sind wir dann in die Schweiz gekommen, um meinen Onkel zu besuchen, wo wir ein halbes Jahr geblieben sind. Dann sind wir nach Nepal zurückgegangen. Meine Grossmutter und meine Mutter sind nach Tibet zurückgekehrt und ich blieb als elfjähriger alleine im Kloster in Nepal.

Andererseits sind es die klimatischen Bedingungen, denn Nepal ist für die Tibeter sehr kompliziert, weil es kulturell und klimatisch ganz anders ist als ihr eigenes Land. Wenn man in Nepal lebt und in Tibet geboren ist, entstehen viele Krankheiten wie Hautausschläge etc.. Nepal ist für Tibeter fast wie ein tropisches Land. Dazu kam, dass das Kloster Kopan  sehr arm war und darum haben sie uns jungen Mönchsschülern immer Dhal zu essen gegeben. Das war schrecklich für mich, denn bei uns in Tibet werden Linsen den Pferden und Eseln verfuttert. Diese Erinnerung hat mich sehr stark geprägt.

Wie würden Sie das Karma in einem Satz beschreiben?

Karma bedeutet auf Tibetisch „Längdschä“. Lä heisst Ursache, dschä heisst Wirkung. Karma bedeutet Ursache und Wirkung, nichts anderes.

Kann man das Karma irgendwie austricksen oder mit ihm verhandeln?

Ursache und Wirkung beschreibt im Buddhismus eine Gesetzmässigkeit wie die der Schwerkraft. Wenn ich einen fünf Kilo schweren Stein in der Hand halte und auf meinen Fuss fallen lasse, gibt es nichts zu verhandeln. Es tut weh, ob der Fuss einem Christen gehört oder einem Moslem, einem Buddhisten oder einem Hindu. Allen tut der Fuss gleich weh. Alle sagen „aua!“.

Warum leben so viele Menschen so, als gäbe es kein Karma, in dem sie ihre Mitmenschen Schwierigkeiten bereiten, um selbst zu profitieren? Müsste das Karma sich nicht irgendwann zur Einsicht zwingen. Selbst dann, wenn sie kein theoretisches Wissen über den Begriff hätten?

Wir Menschen sind nicht immer stark, nicht immer voller Weisheit und können auch das nicht immer umsetzen, was wir für richtig und gut finden. Das ist auch die Lehre des Karmas. Wenn du dich nicht richtig ernährst, wirst du krank. Wir wissen, dass vieles einem nicht gut tut, und trotzdem machen wir es. Ich selbst merke, wenn ich zu viel esse, wird mein Bauch mit dem Alter dicker. Wenn es etwas Gutes zu essen gibt, esse auch ich immer zu viel und das ist bei den meisten Menschen ganz normal.

Warum erleben so viele Menschen ein hohes Mass an Stress und wie können sie diesem stressigen Leben entkommen?

Einerseits ist der Stress ein zivilisatorisches Problem. Heute wird in den meisten Betrieben ein hohes Mass an Stress erzeugt. Das hat mit dem äusseren Umstand zu tun. Je grösser dieser äussere Umstand wächst, desto mehr Menschen zieht er in diesen Strudel hinein. Deswegen organisiere ich selbst sehr viele Wochenend-Retreats. Ich nenne das „Kloster auf Zeit“. Wir gehen jeweils für ein Wochenende auf einen Berg in ein Meditationszentrum. Dort versuchen wir, die innere Stille und das Potenzial Ruhe zu kultivieren oder darin zu leben. Das ist sehr wirkungsvoll. Wenn man am Montag wieder zur Arbeit geht, kann man diese Ruhe mitnehmen. Man sollte täglich 15 bis 20 Minuten meditieren, um diese Ruhe zu kultivieren. Dann können wir auch mit den äusseren Stresssituation besser umgehen und wieder Kraft und innere Stille finden.

Wie viel materieller Reichtum ist ok?

Mahatma Ghandi sagte einmal: „Das indische Land mit seinem ganzen Reichtum ist nicht genug für einen einzigen Menschen, der von grosser Gier besessen ist.“ Das heisst, unserer Gier sind keine Grenze gesetzt und so ist auch die Grenze bei jedem Menschen verschieden. Eigentlich sollte der Mensch glücklich sein, wenn er gesund ist, sich gesund ernährt und nicht hungern muss, eine medizinische Versorgung und einen Ort hat, an dem er schlafen kann.

Lieben Sie das Leben?

Ja, denn ich erfahre das Leben als Inkarnation eines Menschen und ich sehe es als eine grosse Möglichkeit für die spirituelle Entwicklung und den Geist zu entfalten.

Macht es Sinn, Kinder zu bekommen, wenn sie damit doch nur in den fast ewigen Kreislauf des Lebens gezwungen werden?

Es gibt Menschen wie meine Mutter, die es wunderschön findet, Kinder zu bekommen. Ich teile diese Meinung nicht. Das ist nichts für mich.

Was ist Lu Jong und woher stammt es?

Lu Jong ist eine der ältesten Körperübungen zur Heilung von Körper und psychischen Disharmonien und Krankheiten. Seit es in Tibet eine spirituelle Tradition, also vor 5000 bis 7000 Jahren gegeben hat, werden diese Körperübungen ausgeführt. Das Lu Jong (Lu = Körper, Jong = Übungen) ist eine kraftvolle Meditation, eine spirituelle Übung, die sowohl auf körperlicher Ebene Gesundheit und Kraft, aber auch auf den Geist, auf emotionaler Ebene, Vitalität, Energie und Weisheit gewährt. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, dass diese Art der Bewegung sowohl für den Körper wie auch auf Geistesebene Ruhe und Stille sowie Weisheit und Liebe bringen kann.

Kann man Lu Jong auch ohne Lehrer erlernen?

Lu Jong ist eine mündliche Tradition wie viele andere mystische geheime Übungen und Meditationen aus Tibet, die man normalerweise persönlich vom Lehrer lernt. Das gibt viel mehr Kraft. Die Ausführung dieser Übungen kann man heutzutage in einem Buch nachschlagen, das wir im O.W.Barth-Verlag herausgegeben haben und von Tulku Lobsang verfasst wurde. Tulku Lobsang ist ein grosser tibetischer Meister und Mediziner.

Der deutsche Schauspieler Ralf Bauer hat kürzlich eine Lu Jong-DVD veröffentlicht. Interessierte können diese Übungen damit gut lernen.

Gibt es ein häufiges Missverständis im Westen über den Buddhismus, das Sie gerne aus der Welt räumen würden?

Ich denke, eines der Missverständnisse im Westen ist, dass viele Menschen den Buddhismus als eine Religion betrachten. Eine Religion hat entweder einen Schöpfergott oder einen Schöpfer. Und diesen Schöpfer haben wir im Buddhismus nicht. Es gibt verschiedene Naturreligionen, die einen Baumgott oder einen Gott vom Fluss oder Berg verehren. Auch das haben wir im Buddhismus nicht. Wir verehren keine Naturgötter. Und deswegen ist der Buddhismus keine Religion. Der indische Begriff dafür ist Buddhadharma. Dharma heisst auf Sanskrit Natur und Naturgesetz und Buddha ist der Name von Siddharta nach seiner Erleuchtung. Buddha bedeutet erwacht, erblüht, erleuchtet.

Buddhadharma ist die Lehre über die Natur und ihr Gesetz, so wie es von Buddha gesehen wurde. Das ist eigentlich der Buddhismus. Also eher eine Lehre des Geistes – eine Wissenschaft des Geistes und der Natur.

Herzlichen Dank!

Mehr über Loten auf www.tibet-institut.ch und www.dharmakreis.ch.

 

Photo (oben): Keoni Cabral