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Es folgt ein Gastbeitrag von Thomas Geus.

Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Haltung, und sie gedeiht mit der Freunde am Leben.
– Thomas von Aquin

Als ich letztes Jahr meinen 50. Geburtstag feiern durfte, haben mich viele Glückwünsche erreicht. Fast immer stand Gesundheit an erster Stelle. Das hat mich nun nicht sonderlich verwundert, denn auch ich bin ein Gesundheit-Glückwünscher. Zugegeben, manchmal etwas oberflächlich von mir dahingesagt. Und natürlich ist es so, dass ab einem bestimmten Alter – sagen wir mal „50“ – sich das Leben zunehmend „endlich“ anfühlt und „die Einschläge immer näher kommen“. Die Wünsche nach Gesundheit bedeuten vermutlich, dass es das Leben noch etwas gut mit mir meint, bevor Gevatter Tod zuschlägt. Es wird also ernst – das mit der Gesundheit.

Mittlerweile ist Gesundheit ja das Top-Thema. Die Zahl der Gesundheitsratgeber und Gurus ist nicht mehr zu überblicken. Man kann sich dem Thema kaum entziehen. Bevor man eine Currywurst zum Frühstück bestellt, hat man schon ein schlechtes Gewissen und entschuldigt sich vorsorglich beim Kellner und bei sich selbst.

Doch was verstehe ich eigentlich unter Gesundheit?

Nun habe ich das Glück, „relativ“ gesund zu sein. Früher (als Jugendlicher) war mir klar: Wenn ich nicht krank bin, dann bin ich gesund. Und da ich selten krank war, war „gesund sein“ für mich normal und somit unwichtig. Im Laufe der Zeit hat sich die Sichtweise verändert. In meinen ersten Berufsjahren habe ich Gesundheit mit Energie und Leistungsstärke gleichgesetzt. Je gesünder und fiter desto leistungsstärker und je leistungsstärker umso erfolgreicher. Erfolg war irgendwie gleichbedeutend mit „gesund sein“. Nun das Konzept hat mich eine Zeitlang getragen, irgendwann hat sich jedoch Verschleiß breit gemacht. Wie bei einer Maschine wurden Reparaturarbeiten notwendig (Zahnbehandlung, Physiotherapie, Wellness-Aufenthalte, etc.)

Vollgas und Belastung bis zur Erschöpfung

Das Muster: Vollgas und Belastung bis zur Erschöpfung, dann Regeneration und Erholung, um dann wieder Vollgas geben zu können, hat eine ungesunde Dynamik eines in immer kürzeren Zyklen ablaufenden Teufelskreises mit zunehmenden Verschleißerscheinungen entwickelt. Seit einiger Zeit weiß ich, dass dieses Gesundheits-Konstrukt keine Nachhaltigkeit bietet. Neulich auf  einem Kongress hat ein Physiologe „Leben“ definiert, als die „Regression von Beweglichkeit“. Wir werden nicht nur mit zunehmendem Alter körperlich steifer – ich spreche hier aus eigener Erfahrung – sondern sind manchmal schon in jungen Jahren geistig starr und unbeweglich. Deshalb fällt es uns u.a. so schwer, alte „ungesunde“ Gewohnheitsmuster aufzugeben, zu verlernen und zu ändern.

Stimmigkeit statt Work-Life-Balance

Ich muss jedoch auch gestehen, dass mich der „Work-Life-Balance-Bullshit“ (Thomas Vasek) nur bedingt weitergebracht hat. Die künstliche Trennung meiner (beruflichen) Arbeit – die angeblich für eine Unbalance sorgt – von meinem (restlichen) Leben, wertet einen sinnstiftenden Teil meines Lebens ab.

Wichtig ist doch, dass ich Stimmigkeit in meinem Leben empfinde, egal ob bei der Arbeit oder im Privaten, alleine oder gemeinsam mit anderen Menschen. Stimmigkeit stellt sich dann ein, wenn ich die Herausforderungen, die sich mir stellen, verstehe und überschaue. Besitze ich dann noch die passenden persönlichen Fähigkeiten und Ressourcen – oder kann diese entwickeln – um die Anforderungen zu bewältigen, dann erlebe ich die Auseinandersetzung mit meinen Lebensthemen als lohnenswert, bedeutsam und sinnvoll. Es entstehen so für mich tragfähige, sinnstiftende Zusammenhänge.

In einem SZ-Artikel „Aus alter Gewohnheit“ vom 28.12.2013 wird dargelegt, dass nur 52 Prozent der deutschen Arbeitnehmer zufrieden sind mit ihrem Job, also die Hälfte nicht zufrieden oder unzufrieden ist.  Eine zunehmenden Arbeitsverdichtung, geringe Wertschätzung, fehlende Anerkennung, Lageweile und eine schlechte Bezahlung führen dazu, dass den Menschen der Sinn ihrer Arbeit aus dem Blick gerät. Doch statt diesen Zustand zu ändern, verharren wir auf unserem ungeliebten Arbeitsplätzen.

Durchschnittlich 10,8 Jahre verbringen Arbeitnehmer in Deutschland in ihren Jobs. Warum ist das so? Es gibt hier ein interessantes Phänomen. Das bewährte Elend scheint oft besser zu sein, wie das unbekannte Neuland. Es ist leichter zu leiden, als etwas zu ändern. Nach dem Motto: Da weiß man/frau wenigstens was man/frau hat.

Die 6 Säulen von Wohlbefinden und Zufriedenheit

Auf der Suche nach einem etwas weiter gefassten Gesundheits-Begriff bin ich bei der Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung (1986) fündig geworden.

Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben. Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für Andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die allen Bürgern Gesundheit ermöglichen.

Wenn ich mich an diesem erstrebenswerten „Ideal“ orientiere, dann sollte ich mein Gesundheits-Denken und -Handeln weiter fassen. In Richtung Wohlbefinden, persönliche Zufriedenheit, soziale Bindung, Vorhandensein von Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, Rollenkompetenz und die Möglichkeit, mein vorhandenes Potenzial gleichzeitig zu erfüllen und zu erweitern.

Wie sieht es denn da aus?

  • In meiner Partnerschaft, Familie, im Kontakt zu den Kindern:
    Fühle ich mich emotional geborgen? Finde ich hier Rekreation? Erlebe ich eine vertrauensvolle Intimbeziehung, befriedigende Sexualität?
  • Mit meinen Freunden, Bekannten, soziale Netzwerke:
    Welche Freundschaften pflege ich? Tun mir diese Kontakte gut? Finde ich hier soziale Unterstützung, Hilfe, Ratschläge und offene Rückmeldungen? Wie vertrauensvoll und verlässlich erlebe ich meine Freundschaften?
  • Mein Sinn- und Wertesystem:
    Welche Werte sind mir in meinem Leben wichtig? Wofür lebe ich? Habe ich eine innere geistige Orientierung? Erlebe ich durch mein Werte- und Glaubenssystem Sicherheit in einer unsicheren Welt? Wie sehen meine Lebensziele aus?
  • Meine körperliche Fitness und Gesundheit:
    Wie schaffe ich es, trotz Belastung noch Sport, Musik, … zu machen, meinem Hobby nachzugehen? Wie steht es um meinen Energiehaushalt, meine persönliche Ausstrahlung? Schöpfe ich Energie durch Bewegung und Rekreation? Wie gut ist meine Immunabwehr?
  • Meine Arbeit, Beruf, Leistungs-Stärken:
    Finde ich Anerkennung im meinem Beruf? Welche Erfolgserlebnisse finde ich in meiner Arbeit? Kann ich hier meine Kompetenzen, Talente, Fähigkeiten einbringen und weiterentwickeln? Habe ich einen Beruf, der mir Spaß macht?
  • Materielle Sicherheit und Unabhängigkeit:
    Wie gut komme ich/meine Familie finanziell klar? Wieviele Sorgen mache ich mir um mein/unser finanzielles Ein- und Auskommen? Habe ich ein sicheres Einkommen, einen sicheren Arbeitsplatz?

Wenn ich mir diese sechs Lebensbereiche anschaue, dann frage ich mich:

Worauf kann ich bauen? Wo stehe ich sicher? Welcher Bereich ist verrottet, hohl, vernachlässigt, verkümmert, nur oberflächlich stabil, beschädigt, zu dünn? Wie groß ist mein akuter Veränderungsbedarf in welchem Lebensbereich? Wo erlebe ich dringend nötigen Handlungsbedarf? Was muss in absehbarer Zeit verbessert werden? Welche Verbesserung wünsche ich mir? Wie kann ich mich zu gesundheitsförderlichem Verhalten motivieren? Wie kann ich Gesundheit in meinen Alltag integrieren?

Nach dem Motto: Vorbeugen ist besser als Heilen!

Wie ist dein Verständnis von Gesundheit? Was ist Dir wichtig? Welche Erfahrungen mit Gesundheit hast Du in deinem Leben gesammelt?

Wenn Du möchtest kannst Du hier den Selbsteinschätzungsbogen „Sechs Säulen des Wohlbefindens und der Lebenszufriedenheit“ downloaden (aufs Bild klicken):

6 Säulen

thomas geus 2Text von und herzlichen Dank an:
Thomas Geus
… ist Diplomkaufmann und Geschäftsführer der mtt consulting network GmbH in München und arbeitet als Führungs- und Prozess-Trainer, Coach und Team-Entwickler.Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf den weichen Faktoren der Führung, in der Begleitung von Übergängen und der Entwicklung von kundenspezifischen Trainings-Konzepten. Ausgebildet in Transaktionsanalyse und Coaching.
www.mtt.de

Photo (oben): Shan Sheehan