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Es folgt ein Beitrag von Andreas Gauger, Autor der myMONK-Bücher Selbstwertgefühl – Wie es entsteht und wie Du es stärken kannst und Wie man emotionale Blockaden auflöst.

Wann ist ein Mensch erwachsen? Wenn er mindestens 18 Jahre alt ist? Wenn er eine eigene Wohnung und ein eigenes Einkommen hat? Wenn er selbst eine Familie gründet? Nein. Obwohl all diese äußeren Merkmale sicher dazu beitragen, ein Leben als selbst bestimmter Erwachsener zu führen, liegt die wahre Krux doch in unserem Inneren verborgen.

Wirklich erwachsen sind wir dann, wenn wir unsere Entscheidungen (emotional) unabhängig von der Zustimmung oder Missbilligung unserer Eltern treffen können.

Aber eins gleich vorweg: Das hier wird kein typischer Artikel zum allseits beliebten Eltern-Bashing. Auch wenn einseitige Schuldzuweisungen sicherlich in vielen Fällen ihre Berechtigung haben, so tragen sie doch leider nichts bei, um die Dinge besser und die vermeintlichen Opfer stärker zu machen.

Stattdessen soll der Artikel eines der am weitesten verbreiteten Kommunikations- und Beziehungsmuster zwischen Eltern und ihren (erwachsenen) Kindern aufzeigen und einen Weg aufzeigen, wie man innerlich erwachsen und emotional unabhängig(er) von der Zustimmung der Eltern wird.

Auch Eltern sind nur Menschen und haben somit verschiedene Persönlichkeitsanteile, die sich in ihren Ansichten, Bedürfnissen, Wünschen, etc. oft stark widersprechen können.

Manchmal wechseln Eltern im Umgang mit ihren Kindern zwischen ihren verschiedenen Ich-Zuständen so schnell, dass man kaum hinterher kommt. Das führt oft dazu, dass in ihrem Verhalten und in ihren Aussagen sowie den damit einhergehenden Beziehungsbotschaften so viele Doppeldeutigkeiten und verdeckte Anweisungen enthalten sind, dass man als Kind keine Ahnung hat, auf welche der Botschaften man reagieren soll.

So etwas nennt man in der Fachsprache eine „Double Bind“ Botschaft. Das könnte man mit „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“ übersetzen. Egal, auf welche Botschaft man als Empfänger reagiert, im Grunde ist es falsch.

Dabei muss die verdeckte Botschaft oder Gegenbedeutung nicht immer verbal gesendet werden. Das geht ebenso gut über Gestik, Mimik und Körpersprache. Wenn die eigene Mutter sagt „Ich möchte ja, dass Du nach München gehst und den Studienplatz annimmst, den Du haben wolltest.“ Und dabei mit Tonfall und Gesichtsausdruck signalisiert, dass sie das höchstwahrscheinlich umbringen wird, ist dies eine doppelte Botschaft.

Diese muss nicht immer bewusst oder absichtlich gesendet werden. Meist bekommen wir nicht mit, welcher unserer verschiedenen Ich-Zustände gerade aktiv ist – unsere Eltern ebenso wenig. Dennoch weiß das Kind – egal wie alt es ist – kaum, auf welche der Botschaften es reagieren soll.

Gerne wird so etwas auch mit Schuldgefühlen kombiniert. „Geh ruhig nach München zum Studieren. Ich werde mit der großen leeren Wohnung schon irgendwie zurechtkommen, auch wenn es erstmal sehr ungewohnt sein wird.“

Egal, wie man als Kind darauf reagiert, es hat einen Preis. Folgt man dem eigenen Weg, werden einen Schuldgefühle plagen. Besonders, wenn die Bindung an die Eltern noch stark ist. Folgt man nicht seinem eigenen Weg, wird man Unmut und Wut darüber empfinden, nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechend gehandelt zu haben.

Die unterschiedlichen Ich-Zustände der Eltern

Die Transaktionsanalyse unterscheidet generell drei Ich-Zustände:

  • Das Erwachsenen-Ich
  • Das Eltern-Ich und
  • Das Kind-Ich

Eltern-Ich und Kind-Ich Zustand werden dabei häufig  noch weiter unterteilt. Diese verschiedenen Ich-Zustände haben wir alle. Damit ist auch klar, dass wir deutlich zwischen der Funktion unserer Eltern als Eltern und dem Ich-Zustand Eltern-Ich unterscheiden müssen. Als Kinder gehen wir normalerweise davon aus, dass sich unsere Eltern permanent als Eltern fühlen und sich auch so verhalten – also in ihrem Eltern-Ich Zustand befinden.

Dabei haben Eltern normalerweise zwei einander widerstrebende Grundimpulse:

Einerseits wünschen sie sich, dass ihr Kind unabhängig von ihnen und selbständig wird, damit es sein Leben alleine meistern kann. Insbesondere dann, wenn sie mal nicht mehr da sind.

Andererseits wollen sie weiterhin unersetzlich für ihr Kind bleiben, es abhängig halten und benötigen für ihr eigenes emotionales Wohlergehen aus verschiedenen Gründen, dass ihr Kind sich nicht von ihnen lösen kann. Dabei ist es egal, wie das Verhältnis an der Oberfläche aussieht.

Der erste Fall ist eigentlich selbsterklärend. Um den zweiten Fall soll es hier gehen. Je mehr ein Elternteil in seinem eigenen Kind-Ich Zustand ist, desto stärker braucht er es, dass das eigene Kind klein und abhängig bleibt.

Das scheint sogar in Fällen zu gelten, in denen das eigene Kind aus dem Haus gejagt und keine Gelegenheit ausgelassen wird, das Selbstvertrauen des Kindes zu untergraben – um das Kind klein zu halten.

Verschiedene Formen des Abhängig-Haltens

Das Problem ist, dass sowohl die Botschaften des Kind-Ich Anteils der Eltern, als auch die des Erwachsenen-Ich Anteils durch ein und dieselbe Person kommen, plausibel begründet werden können und auch von den Eltern selbst meist unerkannt bleiben.

Die Transaktionsanalyse unterscheidet hier verschiedene Beziehungsbotschaften, die vom kindlichen Teil der Eltern ausgehen und die allesamt Variationen des Themas „Werde nicht erwachsen“ sind. Darunter sind Teilbotschaften wie „werde nicht stark“, „schaff es nicht“ usw.

Der Erwachsenen-Ich Anteil der Eltern sendet hingegen Botschaften wie „werde stark“, „werde unabhängig“, „sei erfolgreich“, etc.

Dadurch wissen die Kinder (auch, wenn sie bereits dem Alter nach erwachsen sind) nicht mehr, auf welche der sich widerstrebenden Botschaften sie reagieren sollen. Da beide Botschaften enthalten sind, können sie sich nicht richtig verhalten. Die Transaktionsanalyse nennt dieses Double-Bind Spiel „Wehe, wenn du es tust – wehe, wenn du es nicht tust“ und zeigt damit das Dilemma auf, in dem sich die Empfänger solcher Botschaften befinden.

Die Mittel, die der kindliche Ich-Zustand der Eltern einsetzt, um zu bekommen, was er will, sind meist „Verführung“, „Kleinmachen“ und „Schuldgefühle“, um Abhängigkeit zu erzeugen.

Verführung bedeutet, dass ich meinem Kind Zuwendung oder Annehmlichkeiten zuteilwerden lasse, wenn es meinem vorgegebenen Weg folgt.

Dazu gehören beispielsweise der Vater, der dem Sohn immer wieder die finanziellen Vorteile aufzeigt, wenn dieser ins väterliche Geschäft einsteigen würde; Die Eltern, die dem Sohn das Jurastudium finanzieren und ein äußerst angenehmes Studentenleben ermöglichen, solange er nicht auf die Idee kommt, doch lieber etwas anderes zu studieren; Die Mutter, die keine Gelegenheit auslässt, über die Schönheit ihrer Tochter zu sprechen und diese immer wieder für ihr gutes Aussehen zu loben, der es aber die Sprache verschlägt, wenn die Tochter plötzlich noch ein zweites Stück Sahnetorte essen möchte, usw.

Kleinmachen soll das Selbstbewusstsein des Kindes untergraben, sodass es in einer abhängigen Position bleibt. Dazu gehört beispielsweise, die Erfolge und Siege des Kindes nicht anzuerkennen und das häufig sogar dann, wenn das eigene Kind den beruflichen Erfolg der Eltern bereits weit übertroffen hat. Dazu gehört auch, dem erwachsenen Kind immer wieder zu vermitteln, dass es die Eltern braucht und selbstständig keine guten Entscheidungen treffen kann. Beispielsweise wenn die Eltern sich bei jeder Wohnungsbesichtigung der 25-jährigen berufstätigen Tochter aufdrängen, weil sie selbst ja längst noch nicht so viel Erfahrung mit der Wohnungssuche hat, wie die Eltern, etc.

Schuldgefühle sind dabei vielleicht die härteste Form der Manipulation, da sie dem Kind das Gefühl geben, für das Wohl und Wehe der Eltern verantwortlich zu sein, wenn es seine eigenen Entscheidungen trifft, sofern diese von den Vorgaben der Eltern abweichen. Das ist beispielsweise die Mutter, die sich bei jedem Besuch des 45-jährigen Sohnes, der beruflich stark eingespannt ist, in einem anderen Bundesland lebt und selbst Frau und Kinder hat, darüber beschwert, dass er seine arme alte Mutter nie besuchen kommt, obwohl er erst letzte Woche da war.

Als Double-Bind Botschaften können die verschiedenen Manipulationsarten beispielsweise wie folgt klingen:

„Wenn Du erfolgreich werden und mal auf eigenen Beinen stehen willst, dann höre auf mich.“

„Es wird Zeit, dass du selbstständig wirst und dein eigenes Leben lebst. Deshalb gehen wir jetzt gemeinsam zu der Wohnungsbesichtigung. Nicht, dass du wieder irgendwas übersiehst und dann nach ein paar Monaten wieder ausziehen musst.“

„Mach es so, wie du es für richtig hältst. Aber beschwer dich hinterher nicht bei uns, wenn es wieder schief gegangen ist.“

Die schlimmste Botschaft von allen

Die mit Abstand verheerendste Beziehungsbotschaft, die Eltern einem Kind gegenüber senden können, ist die Botschaft „Sei nicht da“ im Sinne von „Es wäre besser, wenn Du nicht geboren worden wärst“.

Enthalten ist sie meist in Vorwürfen wie

„Wärst Du nicht da gewesen, hätte ich studieren können und wäre jetzt erfolgreich und angesehen.“

„Ihr Kinder macht einem nichts als Ärger“.

„Du hast mich bei deiner Geburt fast zerrissen und auch jetzt zerstörst du mein Leben.“

„Ich würde dich am liebsten weggeben.“

„So einen Nichtsnutz wie dich braucht wirklich keine Mutter.“

Usw.

Doch diese Botschaft wird bei weitem nicht immer verbal gesendet, denn in solch einem Falle ist im Grunde die gesamte Haltung der Eltern von pathologischer Missbilligung dem eigenen Kind gegenüber getränkt, das oft genug als Sündenbock für alles, was im Leben der Eltern schief zu laufen scheint, herhalten muss.

Solche Beziehungsbotschaften richten in der Seele des Kindes verheerenden Schaden an. Siehe hierzu auch: Wenn Kinder spüren, dass sie nicht erwünscht sind.

Wird diese Botschaft in der Form: „Ich wünschte, du wärst nicht da, aber unter bestimmten Umständen könnte ich mich mit deiner Existenz anfreunden“ gesendet, bleibt ein Kind meist sein Leben lang an die (ausbleibende) Anerkennung durch die Eltern gebunden.

Wenn ein Kind diese Botschaft annimmt, dann wird sein weiteres Leben zum  Versuch, die eigene Daseinsberechtigung und Akzeptanz durch die Zustimmung der Eltern zu erhalten. Leider ist dies trotz größter Anstrengungen auf Seiten des Kindes häufig nicht zu erreichen, da die Eltern ihre Haltung der Missbilligung nicht aufzugeben bereit sind. Warum auch? Sie funktioniert ja wunderbar, um das Kind wie eine Marionette nach Belieben tanzen zu lassen.

Auch dieser Kampf um die eigene Daseinsberechtigung durch Zustimmung der Eltern kann entweder in die Richtung „Werde selbstständig und belaste mich nicht“ oder in die Richtung „bleibe klein und abhängig von mir“ gehen, je nach Veranlagung der Eltern.

Vielleicht versuchst Du als Betroffene(r) dann, Dich möglichst brav und unauffällig zu verhalten, als wolltest Du mit jeder Handlung signalisieren: „Seht ihr, wie anständig und bequem ich bin? Mögt ihr mich jetzt ein bisschen? Ist es jetzt okay für euch, dass es mich gibt?“ oder Du gehst den Weg über Ruhm, Erfolg und Status, sammelst Siege in der Welt da draußen und hältst sie Deinen Eltern in der Hoffnung unter die Nase, diese äußeren Merkmale würden sie in ihrer Haltung dir gegenüber umstimmen.

Fatal ist dabei, dass die Zustimmung von Eltern, die dieses Spiel spielen, im Grunde nicht zu bekommen ist. Intuitiv spüren sie, dass sie ihre Machtposition über Dich verlieren würden, wenn sie Dir tatsächlich die Anerkennung zukommen lassen würden, die Du Dir so hart zu erarbeiten versucht hast.

Traurig ist auch, dass so lange die Bindung an die Eltern noch stark ist, selbst die Anerkennung durch die Eltern, wenn sie denn tatsächlich mal kommt, nichts am Grundgefühl „Es sollte mich besser nicht geben“ der Kinder ändert. Das ist im Leben der (erwachsenen) Kinder oft eine niederschmetternde Erfahrung.

Da haben sie endlich erreicht, wonach sie immer gestrebt haben und müssen feststellen, es verändert an ihrem Gefühl nicht das Geringste. Vielen geht es in diesen Fällen schlechter als vorher.

Aber wie gesagt, dass die Anerkennung der Eltern bei diesem „Spiel“ doch noch gewährt wird, ist eher die Ausnahme.

Wie löst man die zu starke Bindung an die Eltern?

Den Weg zur Lösung kann ich hier nur anhand einiger archetypischer Stationen des Weges darstellen, da er im Inhalt oft sehr individuell ausfällt.

Der erste und oft wichtigste Schritt ist zunächst einmal zu erkennen, in welchem „Spiel“ mit den Eltern man sich befindet und welche Beziehungsbotschaften daran beteiligt sind. Inklusive der enthaltenen Double-Bind Botschaften.

Als nächstes ist es wichtig zu lernen, die verschiedenen Botschaften und Verhaltensweisen der Eltern ihren jeweiligen Ich-Zuständen (Erwachsenen-Ich, Eltern-Ich, Kind-Ich) zuzuordnen. Hierfür ist es manchmal sinnvoll, die einzelnen Ich-Zustände im Sinne der Transaktionsanalyse weiter zu unterteilen (darauf bin ich aus Gründen des Umfangs in diesem Artikel nicht eingegangen).

Zusätzlich kann es hilfreich sein, die eigenen Ich-Zustände zu analysieren, auf die man bisher auf die entsprechenden Botschaften der Eltern reagiert hat, mit dem Ziel, mehr aus dem eigenen Erwachsenen-Ich oder in manchen Fällen, aus dem eigenen nährenden Eltern-Ich Zustand heraus zu reagieren.

Das Ziel dieser Entwicklungsreise liegt darin, zu lernen, sowohl liebevoller auf den eigenen Kind-Ich Zustand einzugehen, als auch verständnisvoll auf den Kind-Ich Zustand der Eltern zu reagieren. Letzteres natürlich nicht, um den Eltern eine Absolution zu erteilen oder ihr teilweise destruktives Verhalten (sofern das denn der Fall ist) zu entschuldigen, sondern um die Distanz und Objektivität zu schaffen, die nötig ist, um die zu enge Bindung an die Eltern auf ein gesundes Maß hin zu verändern.

Daneben gibt es natürlich einen bunten Strauß an Möglichkeiten, die eigenen Gefühle im Umgang mit den Eltern zu bearbeiten und Frieden mit der Vergangenheit zu schließen, um endlich frei für die eigene Zukunft zu sein. Zwei sehr bewährte und erstaunlich effektive Beispiele sind die Methoden EMDR und ROMPC®.

Mehr unter Wie Deine inneren Eltern Dich gefangen halten – und wie Du Dich befreien kannst und im myMONK-Buch für mehr echtes, tiefes, unabhängiges Selbstwertgefühl.


Autor:

Andreas Gauger hilft als Coach Menschen dabei, einschränkende Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu überwinden und Frieden mit der eigenen Kindheit und den inneren Eltern zu schließen.


Photo (oben): Young woman von fizkes / Shutterstock

Literaturliste

*Verena Kast, „Vater-Töchter Mutter-Söhne – Wege zur eigenen Identität aus Vater- und Mutterkomplexen“, Kreuz-Verlag, 5. Auflage der Neuausgabe 2005
*Louis Schützenhöfer, „In aller Liebe – Wie wir unsere Mutter überleben“, Verlag Herder GmbH, 2004
*Colin C. Tipping, „Ich vergebe – Der radikale Abschied vom Opferdasein“jKamphausen Verlag, 11. Auflage 2010
*Alice Miller, „Am Anfang war Erziehung“, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1. Auflage 1983
*Marie-Louise von Franz, „Der ewige Jüngling – Der Puer Aeternus und der kreative Genius im Erwachsenen“, Kösel-Verlag, 1987
*Howard M. Halpern, „Abschied von den Eltern – Eine Anleitung für Erwachsene, die Beziehung zu den Eltern zu normalisieren“, Iskopress Salzhausen, 16. Auflage 2017