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Sophia ist 38 Jahre alt. Sie hat einen Job, „Marketing-Irgendwas“, nennt sie ihn selbst, wird halbwegs bezahlt und halbwegs akzeptiert. Spaß macht ihr die Arbeit höchstens noch viertelwegs. Früher hatte sie mal größere Träume, auch beruflich und finanziell, aber das war ihr dann alles zu unsicher, wie sie sagt. Auch in der Firma aufsteigen wollte sie nicht, obwohl sie locker so viel draufgehabt hätte wie ihre Chefs.

„Es ist schon okay, es ist schon okay“ … das war das Mantra in ihrem Kopf. Und am Abend und an den Wochenenden hatte sie viel Zeit für ihr Hobby, Serien schauen (alles andere ist ihr zu anstrengend und Herr Gott im Himmel, ich kann Dich so gut verstehen, Sophia). So läuft es Jahr für Jahr für Jahr … bis sie eines morgens in ihr Büro kommt, der Chef schon auf sie gewartet hat – Frau Sophia, haben Sie kurz 5 Minuten? – und ihr dann sagt, dass ihre Stelle abgebaut werden muss, leider, leider.

Sophia zieht’s den Boden unter den Füßen weg. Immerhin hat sie sich zwar nicht gerade beide Beine rausgerissen, war sie vielleicht nicht gerade das, was man überengagiert nennen könnte, aber doch loyal. Sie packt ihre Sachen ein, die Bonbons aus ihrer Schublade und das Foto von ihrem Hund vom Schreibtisch, der eigentlich gar nicht ihr Hund war, denn ein eigener Hund war ihr immer zu anstrengend, also hat sie einfach einen aus der sich mühelos lesenden Zeitschrift „Hundebilder heute“ ausgeschnitten … und geht heim.

Der Schock sitzt tief und in den nächsten Wochen wird ihr klar, was das bedeutet: Ihr bequemer Weg war gar kein sicherer, er war extrem unsicher. Denn sie hat bei dem geringen Gehalt wenig ansparen können und wird mit dem Arbeitslosengeld kaum über die Runden kommen. Außerdem ist ihr Lebenslauf durch die 7 Jahre als Marketing-Irgendwas in der gülleverarbeitenden Industrie alles andere strahlen. Und die Sorgen darum, wie es jetzt weitergeht, die Monate mit schlaflosen Nächten sind jetzt viel unbequemer und viel anstrengender als es all die scheinbar bequemen Jahre zusammengerechnet bequem waren.

Und ihr wird noch was klar: Erfolglos zu bleiben hat ihr auch schon bis dahin keine Energie gespart, sondern eine Menge Kraft gekostet:

Kraft, die innere Stimme zu unterdrücke, die ihr geflüstert hat: „Sophia, in Dir steckt so viel mehr … erinnerst Du Dich nicht mehr an Deine großen Träume?“

Kraft, die langweiligen, öden Stunden im Büro zu killen, die sich gezogen haben wie Kaugummi.

Kraft, sich immer wieder neue Ausreden einfallen zu lassen.

Kraft, sich diese Ausreden zumindest ein Stück weit selbst einzureden und abzukaufen.

Kraft, ihren Neid auf andere auszuhalten, die das Leben für sich geschaffen haben, nach dem auch sie sich eigentlich gesehnt hat.

Kraft, ihren alten Bekannten abzusagen, weil sie die zwar ganz gern treffen würde, aber sich insgeheim an manchen Tagen wirklich schämt, dass sie nicht mehr aus sich und ihren Fähigkeiten gemacht hat.

Das lässt sich auf alles übertragen.

„Erfolg“ bezieht sich hier längst nicht nur auf materiellen Erfolg, nicht nur auf den Kontostand, sondern auch auf unseren Körper, unsere Beziehungen, den Haushalt. Für mich bedeutet Erfolg inzwischen vor allem, mein Potenzial immer mehr auszuschöpfen, statt mit einem verpackt gebliebenen Geschenk ins Grab zu steigen.

Es kostet genauso viel Energie, eine mittelmäßige oder miese Beziehung zu führen wie eine großartige. Was wir für eine tolle Beziehung an Aufmerksamkeit und Gedanken und Gefallen investieren müssen, müssen wir in schlechteren Beziehungen in Ärger und Frust und Eifersucht und Angst investieren.

Es kostet genauso viel Energie, Sport zu machen, wie keinen Sport zu machen und von Jahr zu Jahr unfitter und krankheitsanfälliger zu werden.

Es kostet genauso viel Energie, regelmäßig den Müll wegzubringen wie nach zwei Wochen einen zentnerschweren Sack runter zu buckeln (damit kenn ich mich aus).

Der unbequeme Weg kostet unterm Strich vor allem langfristig nicht mehr Kraft als der bequeme und meistens sogar weniger Kraft.

Das Leben ist hart, wenn wir’s auf die einfache Weise leben wollen.

Oder: „Easy choices, hard life. Hard choices, easy life“, wie’s der Olympia-Gewichtheber Jerzy Gregorek ausgedrückt hat. Also: Einfache Entscheidungen, schweres Leben; schwere Entscheidungen, einfaches Leben.

Erfolg kostet nicht mehr Kraft als Erfolglosigkeit.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem myMONK-Podcast. Die ganze Folge kannst Du hier hören:

Photo: Stock photos von Kite_rin / Shutterstock