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Es folgt ein Text von Ulrike Hensel, Autorin des myMONK-Buchs Hochsensibel das Leben meistern.

Hochsensible Personen (HSP) verfügen von Natur aus über ein hohes Maß an Empathie. Dies ergibt sich aus dem Zusammenwirken ihrer feinen Wahrnehmung mit ihrer intensiven Emotionalität und hohen Reaktivität. Um als HSP mehr von den Vorteilen der eigenen Empathie zu profitieren als unter den Nachteilen zu leiden, ist ein bewusster und vernünftiger Umgang damit notwendig.

Empathie verstehen und einordnen

Unter Empathie versteht man die Befähigung und die Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive, Einstellungen und Vorstellungen einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Anders ausgedrückt: Empathie ist die Fähigkeit, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt eines anderen (ein Stück weit) hineinzuversetzen. Man spricht auch von Einfühlung bzw. Einfühlungsvermögen.

Wer ausgeprägt empathisch ist,

  • … zeigt meistens eine hohe natürliche Bereitschaft, anderen zuzuhören und auf sie einzugehen. HSP berichten, dass sie das auch wirklich gerne tun, nur oft den Punkt verpassen, an dem sie sagen müssten, dass es ihnen zu viel wird.
  • … bemerkt schnell die Verfassung und Gefühlslage von anderen Personen in seiner Umgebung und geht leicht damit in Resonanz. Gute Laune steckt an, schlechte ebenso (wenn nicht noch mehr). HSP übernehmen typischerweise im Nu Stimmungen von Menschen, mit denen sie zusammen sind.
  • … spürt schnell, wenn Körpersprache und Gesagtes eine unterschiedliche Sprache sprechen. Viele HSP sagen, dass ihnen gleich auffällt, wenn jemand nicht (ganz) die Wahrheit sagt oder etwas zurückhält, was zu sagen wäre.
  • … ist betrübt und aufgewühlt von Leid von Mensch und Tier, das er sieht, sei es unmittelbar oder in Nachrichten oder Filmen. HSP erzählen, wie sehr traurige oder dramatische Filme sie ergreifen und Gewaltszenen sie schockieren. Schlimme Bilder prägen sich bei ihnen tief ein und hallen lange nach.
  • … reagiert automatisch mit heftigem Mitleid und dem starken Impuls zu helfen, wenn es seinem Gegenüber schlecht geht.
  • … ist in Gefahr, seine Aufmerksamkeit vorrangig auf die Befindlichkeiten und Bedürfnisse anderer zu richten und dabei eigene Belange zu vernachlässigen.

Sich ausreichend abgrenzen

Wer so geneigt ist, den Blick auf andere Menschen zu richten, sich in deren Lage zu versetzen, deren Gedankengänge nachzuvollziehen und Gefühle nachzuempfinden, dem fällt es naturgemäß schwer, sich gedanklich und emotional abzugrenzen. Sobald HSP mit anderen Menschen zusammen sind, passiert es schnell, dass die Grenze zwischen innen und außen verschwimmt. Das Zusammensein kostet sie viel Kraft, insbesondere wenn es lange andauert, es mehrere Menschen auf einmal (Gruppen!) oder kurz nacheinander sind.

HSP sollten sich deshalb immer wieder daran erinnern, dass sie unbedingt zwischendurch Pausen brauchen, weil sie sich am besten (und vielleicht sogar nur dann) richtig erholen können, wenn sie für sich allein sind. Das können Nicht-HSP oft gar nicht verstehen, weil es ihnen anders geht; sie können sich viel eher bei Bedarf auch in Gesellschaft in sich zurückziehen und sich innerlich abschotten. HSP brauchen dafür meist räumlichen Abstand.

Für Sorgen und Nöte von Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen ein offenes Ohr zu haben und Verständnis aufzubringen, darf nicht heißen, jederzeit und unbegrenzt als Gesprächspartner, ‚Kummerkasten‘ und Helfer in der Not zur Verfügung zu stehen. Denn das würde bedeuten, dass HSP sich überstapazieren und verausgaben. Hier gilt es, die eigenen Grenzen der Belastbarkeit ehrlich auszuloten und entsprechend nach außen klar Grenzen aufzuzeigen, bevor man vorwurfsvoll denkt/sagt, andere würden einen ausnutzen. Wichtig ist, sich vor Augen zu halten (und durchaus auch mitzuteilen), dass das Motiv für das Neinsagen notwendige Selbstfürsorge ist, nicht eine Ablehnung des Gegenübers.

Grenzen anderer wahren

Gar nicht so selten kommt es vor, dass HSP ihr Einfühlungsvermögen überschätzen und meinen, Befindlichkeiten, Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen anderer genauestens zu erspüren und womöglich auch noch bestens zu ‚wissen‘, was gut und richtig für sie ist. Dabei berufen sich auf ihre hohe Trefferquote und versäumen es, ihre Vermutungen infrage zu stellen. Der problematische Punkt ist: Menschen mögen es nicht, wenn man sie unaufgefordert analysiert und interpretiert. Einem anderen mit Bestimmtheit zu sagen, was ihm fehlt oder das vermeintlich Notwendige gar ohne Rückfrage einfach zu tun, ist in vielen Fällen anmaßend bzw. überfürsorglich und hat unter Umständen – wenn man es recht bedenkt – etwas Entmündigendes und Grenzverletzendes. So erklären sich auch ‚undankbare‘ und ablehnende Reaktionen der Mitmenschen.

Tatsächlich liegen HSP mit ihren Annahmen häufig erstaunlich richtig, aber eben längst nicht immer. Obwohl sich Menschen in ihren Basisgefühlen und -bedürfnissen ähneln, unterscheiden sie sich sehr wohl in den Details ihrer Gefühlswelt und erst recht darin, was für sie passende Problemlösungen sein können. Zudem gilt es zu erkennen und zu berücksichtigen, dass Einfühlung letztlich auf eigenen Gefühlserfahrungen basiert und daher unbewusst und ungewollt leicht eigenes Fühlen und Wünschen auf andere projiziert wird. Schließlich ist noch zu bedenken, dass auch wahrnehmungs- und empathiebegabte HSP der Subjektivität in der Wahrnehmung und Einschätzung unterliegen. Deutungen für Wahrheiten zu halten, ist ein Irrtum, andere mit den vermeintlichen Wahrheiten zu konfrontieren ein Kommunikationshindernis.

Die Empfehlung lautet demnach, unbedingt zu unterscheiden zwischen Beobachtung und Interpretation bzw. Spekulation. Man kann Beobachtungen ansprechen, vielleicht auch Vermutungen äußern (als solche, nicht als Feststellung!) und gegebenenfalls unaufdringlich nachfragen, was der andere fühlt, braucht und wünscht. Der positive Effekt ist: Derjenige, dem bewusst ist, dass er nur vermutet und nicht weiß, verhält sich quasi automatisch achtsamer, taktvoller und respektvoller.

Verantwortung und Machbarkeit prüfen

Eine Tücke liegt darin, dass bei HSP Empathie und Verantwortungsgefühl besonders nah beieinander liegen. Als vernünftig kann gelten, mit wachem Verstand zu prüfen, wie weit die eigene Verantwortung wirklich geht. HSP neigen dazu, ihren Verantwortungsbereich sehr weit zu fassen und sich für Vieles in ihrem Umfeld zuständig zu fühlen, was genau genommen nicht ihre Zuständigkeit ist – so Vieles, dass es realistisch betrachtet beim besten Willen nicht zu schaffen ist. Diese Einsicht muss aber erst einmal erfolgen, bevor man bereit ist, Veränderungen (die Begrenzung des gefühlten Verantwortungsbereichs und der konkreten Aufgaben) in Angriff zu nehmen.

In vielen Situationen wird Mitgefühl zu Mitleid und ist Mitleid mit Hilflosigkeit gepaart. Diese Hilflosigkeit gilt es zu erkennen und zu akzeptieren. Das kommt auch dem Gegenüber zugute. Für leidende und verzweifelte Menschen bedeutet es oftmals eine große Hilfe, wenn Mitmenschen ihre seelische Not aushalten können, ohne das Problem sofort in den Griff bekommen und ihren Gefühlszustand ändern zu wollen. Nicht immer ist praktische Hilfe möglich. Fällt aufseiten des ‚Helfers‘ der Anspruch weg, unbedingt erfolgreich trösten und aufheitern zu wollen, können sich seine innere Unruhe und sein Aktionismus legen. Dann kann er erleben, wie eine unaufgeregte Anteilnahme und ein Verzicht auf das Anbieten von Lösungen vom Gegenüber als wohltuender Beistand empfunden wird.

Um nicht vom Leid auf der Welt überwältigt zu werden und im Mitleid zu versinken, empfiehlt es sich unter anderem, Medien restriktiv zu konsumieren, sich vielleicht nur über Kurznachrichten über das Weltgeschehen zu informieren und sich die Bilderflut von Missständen, Katastrophen und Kriegen, die sich uns heute in nie da gewesenem Umfang anbietet, zu ersparen. Dennoch kann man sich in der Sache informieren und entscheiden, welche Hilfsprojekte man unterstützt bzw. auf welche Weise man seinen angemessenen Beitrag zum Gemeinwohl leistet. Man kann nicht die ganze Welt retten, aber jedes noch so kleine Engagement zählt und macht einen Unterschied.

Empathie für andere und Selbstempathie in Balance halten

Hochsensible, die aufgrund ihrer Reizoffenheit überdurchschnittlich empfänglich sind für Außenreize, müssen aufpassen, nicht beständig von äußeren Eindrücken – und dazu gehören auch die Gefühlslagen anderer Menschen – überflutet zu werden. Um das Gefühl für sich selbst nicht zu verlieren, bedarf es jeweils einer bewussten Entscheidung und einer gewissen Anstrengung, sich aus vereinnahmenden interaktiven Situationen herauszunehmen und sich auf sich selbst zu besinnen. Es gilt, den eingeschliffenen Automatismus der vorrangigen Außenorientierung zu durchbrechen, immer mal wieder innezuhalten und zu sortieren: Wie geht es mir? Was ist meins, was kann/sollte ich beim anderen lassen? Was liegt innerhalb, was außerhalb meiner Verantwortung? Was kann/will ich im Moment leisten? Welches Handeln ist jetzt für mich stimmig?

Letztlich kann nur zugewandt, empathisch und hilfreich sein, wer zuvor gut für sich gesorgt hat und bei Kräften ist. Es ist daher unerlässlich, sich auch selbst wichtig zu nehmen, den Fokus der Aufmerksamkeit beizeiten wieder auf sich zu richten und sich selbst Einfühlung und Fürsorge zu geben.

Was unterstützen kann, die Empathie für andere und die Selbstempathie in eine gute Balance zu bringen, ist die Achtsamkeit, das heißt eine innere Haltung, die auf dem Gewahrsein im gegenwärtigen Moment basiert, auf Nichtwertung und Akzeptanz, auf Neugierde und Offenheit. Dank der Achtsamkeit können wir frühzeitig bemerken, wenn wir aus dem Gleichgewicht zwischen Innen und Außen geraten und dann rechtzeitig wirksam gegensteuern. Mit geschärftem Bewusstsein und eingeübter Achtsamkeit kann man mit der Zeit alte Muster verlassen und mehr Flexibilität und Handlungsspielraum gewinnen. Im Idealfall ergibt sich in der Gesamtheit eine ausgewogene Mischung aus dem Fokus der Aufmerksamkeit auf andere und dem auf sich selbst.

Empathiefähigkeit nutzenstiftend einsetzen

Einfühlung, Verständnis und Hilfsbereitschaft sind geschätzte Eigenschaften, sei es im privaten oder im beruflichen Bereich. Menschen mögen es, wenn ihnen aufrichtiges Interesse entgegengebracht wird. Dann schenken sie Vertrauen, öffnen sich, erzählen von sich. Wer empathisch ist, wird als sympathisch empfunden. Indem Hochsensible auf ihr Gegenüber eingehen, gelingt es ihnen leicht, in Verbindung zu kommen. Empathie trägt auch sehr dazu bei, tiefergehende Beziehungen aufzubauen und zu pflegen.

Für alle Berufe, in denen ein feines Gespür für Befindlichkeiten und Bedürfnisse gefragt ist, bringen HSP beste Voraussetzungen mit. Insbesondere eher extravertierten HSP liegt der Umgang mit Menschen, solange sie nicht ununterbrochen mit Menschen zu tun haben. HSP sind gut im Kundenkontakt, wenn es darum geht, individuelle Kundenwünsche herauszufinden, auf Kundenanliegen einzugehen und eine Kundenbindung herzustellen. Bei zwischenmenschlichen Problemen in ihrem Umfeld können HSP unter Umständen gut zur Deeskalation von Konflikten beitragen, indem sie schlichtend eingreifen und für mehr gegenseitiges Verständnis und wechselseitige Wertschätzung werben.

Mehr zum Thema Hochsensibilität findest Du im myMONK-Buch Hochsensibel das Leben meistern sowie unter Die 7 Gaben der Hochsensibilität (und ihre Tücken).

Ulrike-Profilbild-2000pxText von und herzlichen Dank an:
Ulrike Hensel
Die Autorin Ulrike Hensel studierte Angewandte Sprachwissenschaft und absolvierte später eine Coaching-Ausbildung. Sie arbeitet selbstständig als Textcoach für Trainer, Berater und Coaches sowie als Coach für Hochsensible.
www.coaching-fuer-hochsensible.de

Photo (oben): Woman / Shutterstock