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Manchmal liegen meine Nerven blank, der kleinste Quatsch bringt mich dann ins Wanken und ich verzweifle zumindest vorrübergehend daran, dass jetzt ich entgegen meines großen Wunschs, einfach in Ruhe gelassen zu werden, auf einmal irgendwas tun muss, weil zum Beispiel schon wieder der Lattenrost vom Bett durchgebrochen ist (na klar).

Oder ich bin so fahrig und durcheinander und vergesslich wie dieser Eskimo, der nach einem Ausflug zurückkommt und sein Iglo ist weg, weil er aus Versehen das Bügeleisen angelassen hat.

Woran liegt das?

Einfach nur an zu viel Stress und zu wenig Erholung – an mangelnder Work-Life-Balance?

Kann sein.

Es gibt aber noch eine andere Antwort. Rumer Godden schreibt in ihrem Buch „A House with Four Rooms“:

„Einer alten indianischen Weisheit nach ist jeder Mensch ein Haus mit vier Räumen. Einem körperlichen, einem mentalen, einem emotionalen und einem spirituellen Raum. Die meisten von uns leben die meiste Zeit nur in einem dieser Räume. Doch solange wir nicht jeden Tag alle Räume besuchen – und sei es nur, um mal zu lüften – sind wir keine kompletten Menschen.“

Wenn wir nur in einem Raum leben, dann stehen wir, steht unser Leben auf nur einem Bein wie ein halbes Hähnchen.

Nicht gerade ein fester, entspannter Stand … so lange die Dinge gut laufen, scheint das nicht weiter tragisch zu sein … aber was, wenn mal ein Sturm aufkommt oder wenn dieses Bein sogar mal bricht?

Was, wenn es mal finster ist in unserem Lieblingsraum und der Rest des Hauses uns fremd ist und Angst macht, so leer wie er ist, mit all den Spinnweben und der modrigen Luft?

Was, wenn die Liebe auszieht, oder eine Krankheit einzieht, wenn die Karriere in den Keller geht oder der Glaube vom Dach springt?

Wir brauchen alle Räume und alle Räume brauchen uns. Immer. Und in Krisen ganz besonders. Nur als komplette Menschen halten wir Erdbeben aus, stürzt nicht alles ein. Irgendwie ist uns das klar. Ignorieren wir es jedoch zu lang, werden wir unruhig. Kleine und große Abweichungen von unseren Erwartungen werden bedrohlicher, wir geraten schneller ins Wanken.

Wenn Du ausgeglichener werden willst, sind daher gute Fragen:

In welchem der vier Räume bin ich meistens? Und wo sollte ich wenigstens mal wieder lüften?

Lass uns mal kurz durch diese Räume spazieren und schauen, was dort stattfindet oder eben nicht stattfindet bist.

1. Der körperliche Raum

In den körperlichen Raum hab ich die letzten 20 Jahre am seltensten reingeschaut … bis ich vor kurzem mit Sport angefangen hab (siehe bei Interesse Folge 31: Du willst Dein Leben verändern? Fang hiermit an).

Der körperliche Raum meint Dinge wie Bewegung und Ernährung und Pflege und das fängt bei so einfachen Dingen an wie mal die Treppe zu nehmen statt den Aufzug in den ersten Stock. Oder „nein“ zu zu antworten auf die Frage: „Mit extra Käse?“ oder „ja“ zu sagen zum Friseur oder zum Fußnägel-Schneiden, wenn wir wirklich schon sämtliche Socken durchgebohrt haben am großen Zeh.

Körper und Geist sind eben eng verwoben, ob wir’s wollen oder nicht – die spirituellsten und philosophischsten Gedanken bringen nichts in einem physischen Ruine.

Stress schwächt das Immunsystem, Entzündungen im Körper können zu Depressionen führen, wie immer mehr erforscht wird, Sport kann Studien zufolge genauso gut bei Depressionen helfen wie Psychopharmaka. Das alles ist schon lange keine „Eso-Kacke“ mehr, sondern nachgewiesen.

Churchill hat gesagt:

Man muss dem Leib etwas Gutes tun, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.

Wie ist es da bei Dir? Kümmerst Du Dich um diesen Raum? Nimmst Du ihn wahr? Pflegst Du ihn?

2. Der mentale Raum

Der zweite Raum ist der mentale. Das Mentale meint zum einen unsere Einstellungen, unsere Gedanken, und auch, ob wir unseren Verstand regelmäßig fordern und fördern.

Kleine, hässliche Gedanken können Wurzeln schlagen, wenn wir nicht aufpassen, und dann können sie sich ausbreiten wie ein Unkraut, das erst die Wände hochwächst und dann die Decke.

Wie in der Geschichte von Agatha Christie, der Schneckenforscher, wo ein Typ Schnecken beobachtet, die sich paaren und das irgendwie total gut findet und dann setzt er sie in sein Arbeitszimmer und sie vermehren sich weiter ohne Ende und letztlich sind da so viele Schnecken das er kaum die Tür aufbekommt. Aber er schafft‘s dann doch und dann ist er drin und die Tapete löst sich wegen des Schneckengewichts von den Wänden und der Decke und er wird dort begraben unter all dem Schleim.

Die Gedanken an sich sind da gar nicht mal das Problem, ich bin kein Verfechter von der Idee, dass man jeden „negativen“ Gedanken ausrotten muss.

Eher geht’s darum, ob wir sie ungeprüft hinnehmen und uns von ihnen einspinnen lassen, oder ob wir sie mit etwas Distanz betrachten können: „ah, da ist wieder dieser Gedanke …. aber die Realität ist zum Glück anders“.

Glauben wir also den Gedanken, die da kommen und uns einreden wollen, dass wir angeblich nicht gut genug oder wertvoll genug oder hübsch oder liebenswürdig genug sind? Und welche Einstellungen wählen wir? Solche, die uns stark machen und unseren Geist und unser Herz öffnen? Oder solche, die uns schrumpelig im Hirn machen?

Eine sehr gute Frage, die die Autorin Byron Katie immer für die Technik The Work benutzt, die aber ihren Ursprung eher Jahrtausende früher in der Philosophie hat …. ist:

Kann ich wissen, dass es wahr ist?

Diese Frage können wir uns zum Beispiel immer dann stellen, wenn uns ein Gedanke Kraft raubt, oder wütend macht, oder deprimiert.

In diesem zweiten Raum ist es wie mit dem Körper-Raum: Auch wenn wir dort nicht nach dem Rechten schauen, passiert dort etwas. Nur ist das, was dann ohne unser Wissen passiert, selten etwas Gutes.

Auch in diesen Raum gehört, dass wir Dinge dazulernen, neugierig bleiben, Bücher lesen zum Beispiel, oder Hörbücher, oder Podcasts. Dass wir uns mit der Welt auseinandersetzen und nicht nur in unserem Schneckenhaus – oder Schneckenraum – existieren.

3. Der emotionale Raum

Der dritte Raum ist der emotionale. Es scheint mir immer noch so zu sein, dass gerade Männer hier eher selten vorbeischauen, so als wäre dieser Raum so was ein Maniküre-Salon und als wäre es unmännlich, auch nur in seine Nähe zu kommen.

Aber das ist natürlich kein rein männliches Problem, sondern eher ein Problem unserer Zeit, in der immer mehr von uns den Kontakt zu sich selbst verlieren, und dieser Kontakt meint vor allem unsere Gefühle und ob wir spüren, wie’s uns im Leben und in bestimmten Situationen überhaupt geht.

Das Thema Gefühle hängt übrigens stark zusammen mit einem gar nicht emotionalen Thema, nämlich dem der Disziplin.

Wir alle haben einen bestimmten Tank an Disziplins-Energie und dieser Tank ist morgens voll und wird über den Tag verteilt immer leerer (interessanterweise kann Zucker ihn vorübergehend wieder aufladen, weil eben auch dort eine große Verbindung herrscht zwischen Körper und Geist).

Dieser Tank ist morgens voll und wird für verschiedenste Dinge gebraucht.

Dafür Entscheidungen zu treffen

Dafür nein zu sagen zum Extra-Käse im Burger-Schnellrestaurant

Dafür, uns sozial zusammen zu reißen, nicht immer unsere Meinung rauszuposaunen oder dem Tischnachbarn eine zu wischen, wenn er uns ein paar Kantinen-Pommes klaut oder eine anzügliche Bemerkung gemacht hat, vielleicht dass er sich neulich auch mit ner Schnecke gepaart hat.

Und … jetzt kommt’s, dieser Tank wird bei noch einer Sache leerer: nämlich um Gefühle zu unterdrücken, wegzudrücken, das Unangenehme, all die Dinge, die wir lieber gerade nicht spüren wollen, seien es alte Verletzungen oder aktuelle Wut oder Traurigkeit.

Wir können uns die Ohren zuhalten und aus dem Raum flüchten,  dann hören wir es vielleicht nicht mehr. Doch es ist immer noch da und brüllt, und vielleicht krabbelt es hinter uns her, auf allen Vieren und mit verdrehtem Kopf, die Wände hoch, an der Decke entlang wie die Besessenen aus Horrorfilmen.

Oder wir wenden uns ihnen zu. Dann beruhigen sie sich langsam, brüllen weniger heftig, schluchzen bald nur noch, und werden schließlich friedlich und still, ganz still.

4. Der spirituelle Raum

Kommen wir jetzt noch zum vierten Raum, dem spirituellen.

Spiritualität heißt: Nach etwas Höheren suchen, nach einem höheren Sinn und / oder ihn auf irgendeine Weise erfahren.

Auf der Suche zu sein nach dem, was vielleicht hinter dem ist, was das Auge sehen kann bzw. was die Augen sehen können (bzw. das Auge, wenn man ein Zyklop ist).

Im spirituellen Raum können wir auf unendlich viele Weisen aktiv sein. Beim Yoga zum Beispiel, oder Beten, oder wenn wir etwas anderes tun, das wir lieben und bei dem wir voll und ganz aufgehen.

Oder auch jede andere Technik, die uns weg vom Denken bringt und vor allem vom Denken an und über uns selbst, und uns die Erfahrung schenkt, eins zu sein mit dem, was uns umgibt.

Du könntest etwa für zwei, drei Minuten Deine Hand auf Deinen Bauch legen und tief einatmen und ausatmen und Dich darauf konzentrieren, wie sich Dein Bauch hebt und senkt, hebt und senkt, und immer, wenn Deine Gedanken abschweifen, sie sanft zurücklenken auf Dein Atmen und den sich hebenden und senkenden Bauch.

Das ist – für mich – auch schon Spiritualität, keine kopflastige, wie man mit seinem Grünen Bio-Tee in der Hand über transzendentes Aufs-Selbst-zurückgeworfen-Sein diskutiert. Sondern eine erfahrene Spiritualität … wenn sich unsere Gedanken nämlich beruhigen und unser Geist klar wird wie die Schneekugel, die man mal für eine Minute in Ruhe gelassen hat, dann kann man es zumindest erahnen, dass wir womöglich mehr sind und dass es mehr gibt als nur unseren grübelnden Kopf und unser sich von der Welt abgegrenzt fühlendem Ich.

Wie ist es bei Dir?

In welchen dieser vier Räume bist Du meistens? Und wo könntest Du vielleicht öfters Mal vorbeischauen?

Gerade dann, wenn wir unausgeglichen sind, in Schieflage, haben wir einen oder mehrere Räume höchstwahrscheinlich ein bisschen zu lange vernachlässigt.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem myMONK-Podcast. Die ganze Folge mit ein paar kleinen zusätzlichen Übungen kannst Du hier hören:

Photo (oben): Stock Photos von Robert Kneschke / Shutterstock