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Gestern war es, als der Typ im Haus auf der anderen Straßenseite fast aus dem Fenster fiel. Ich war gerade auf dem Weg in den Supermarkt, Katzenfutter war aufgebraucht und auch der Kühlschrank ziemlich leer (wenn man die ungenießbar gewordenen Sachen abzieht). Zweihundert Meter ungefähr von der Wohnung zur Haustür, von der Haustür zur Rewe. In der Mitte ist eine echt abgefuckte Bar. Gegen neun Uhr morgens wischt die Besitzerin die Tische ab und den Boden durch. Immer. Wenig später wischen sich eine Handvoll Menschen mit Bier und Schnaps die Gedanken aus dem Kopf (die versuchen’s halt ohne Zen-Meditation).

Drei Stockwerke drüber, über der Bar, lag er ungeschützt im Fensterrahmen. Das Kissen am Rücken wild zurechtrückend, sein Buch dazu kurz auf dem Bauch ablegend, eine potentielle Fallhöhe von etwa zehn Metern. Darunter gnadenloser Asphalt. Und je nach Uhrzeit und Wetter auch ein paar Biergläser, halbleere oder halbvolle Aschenbecher, die Handvoll bald schon kopfleerer Menschen. Was ich sagen will: 10 Meter sind beträchtlich. Eine echte Hausnummer, wie man sagt.

Deswegen bin ich auch so erschrocken, als ich ´rübersah, ihn sah, die Gefahr sah, die 10 Meter Distanz zwischen dem schmalen Fensterbrett und dem unnachgiebigen Asphalt. Warum machen manche Leute so etwas? Warum machen es andere – wie ich – nicht? „Müsste man“ nicht eigentlich so entspannt sein, wie der …  oder ist es leicht- und vielleicht schwachsinnig, am Abgrund zu lesen?

Ein Freigeist womöglich, frei von Angst. Oder doch etwas zu frei von Selbst- und Fremdverantwortung.

Für einen Moment dachte ich darüber nach, ihn anzusprechen, dann kam mir der Gedanke, dass er daraufhin erschrickt und erst durch mein zutun herunterfällt. Also ging ich weiter, noch ein paar Meter weiter, durch die Glastür des Supermarkts, die sich automatisch öffnet (manchmal muss man allerdings dem Signalempfänger winken), durch die vertrauten Regale. Nur in der Obst- und Gemüseabteilung räumen sie hin und wieder um. Katzenfutter, das Katzenfutter nicht vergessen. Für mich gab’s Vollkorntoast. Und noch etwas, das ich bereits gegessen und vergessen habe.

Klimatisiert und abgeschirmt von Außengeräuschen, beschallt mit Musik im 60bpm-Takt, die dem Durchschnittspuls am nächsten kommen und Käufe begünstigen soll. Abgeschirmt genug also, um keine Laute von draußen zu hören. Von herunterfallenden Lesern, zerschmetterten Gläsern. Eine echte Insel, so ein Supermarkt. Denkt ihr, wenn ihr drin seid, an die Alkoholiker, die davor stehen? Die, die nicht in der erwähnten Bar sitzen? Eigentlich tut das nichts zur Sache. Es geht ja viel mehr um den jungen Mann, Mitte / Ende 20, drittes Obergeschoss, Fenster weit geöffnet, Buch in der Hand, schmales Fensterbrett, ihr erinnert euch. Ich erinnere mich. Da stand ich nun also, noch immer in der Rewe. Und noch immer in Gedanken an und über schmale Fensterbretter, bretternde Stürze und (für mich) bestürzende Vertrauensausmaße darauf, dass nichts passiert.

Warum liegt (oder lag?) der da …

Will er gesehen werden? Angesprochen werden? Will er, dass sich jemand um ihn sorgt, auch wenn es nur ein Fremder ist? Sucht er die Lebendigkeit, möchte er sich etwas beweisen? Oder hat er so viel Vertrauen, dass ihm die Gefahr überhaupt nicht in den Sinn kommt?

Und: hätte ich ihn doch ansprechen sollen? Warum mache ich mir überhaupt Sorgen, während er, der für mich Fremde, entspannt das Leben zu genießen scheint?

Auf dem Rückweg vom Supermarkt nach Hause hatte ich eine Einkaufstüte in der Hand (eine von den wieder verwendbaren, keine Sorge). Und was war mit dem Typ im Haus auf der anderen Straßenseite? Lag da immer noch. Also auf seinem Fensterbrett, nicht auf dem Asphalt.

In meiner Wohnung angekommen räumte ich die Einkäufe aus. Und musste noch eine ganze Weile darüber nachdenken.

Mein Zwischenergebnis: der risikofreudige Nachbar ist nicht nur Nachbar, sondern auch ein Teil von mir selbst. Ein Teil, der sich manchmal – und vor allem im Kleinen, im Alltäglichen – mehr Risikofreude wünscht.

Denn zu einem entspannten Leben gehört auch Spannung.

Alles andere ist nur eine Flucht.

 

Photo: Gilberto Filho