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Peter M. Wiblishauser ist Diplom-Psychologe mit Zusatzausbildungen in systemischer Beratung, Hypnotherapie sowie verschiedenen Entspannungsverfahren (Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, imaginative Verfahren). Von 2002-2005 war er zudem Vorsitzender des Verbandes für Entspannungspädagogen. Heute bildet er mit „Wiblishauser-Seminare“ andere Entspannungspädagogen und –therapeuten sowie Lern- und Mentaltrainer aus.

Hallo Herr Wiblishauser, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview nehmen! Wie entspannt sind Sie gerade, in diesem Moment?

Hallo, ich habe gerade Mittagspause gemacht und mir danach einen Espresso gegönnt. Fühle mich pudelwohl und entspannt :-)

Welche Stressfaktoren führen Menschen am häufigsten in die Praxen von Entspannungstherapeuten? Hat sich da etwas verändert in den letzten 10 Jahren?

Ich schicke mal voraus, dass ich die Begriffe Entspannungspädagoge oder Entspannungstherapeut oder auch Entspannungstrainer synonym verwende. Den Begriff Entspannungstherapeut mag ich trotzdem nicht so gerne, weil er nach Therapie klingt, wobei man aber wissen muss, dass Therapie im strengen Sinne nur Ärzten, Psychotherapeuten und Heilpraktikern vorbehalten ist. Um Entspannungstherapeut zu sein, bedarf es jedoch keiner Zulassung zu den genannten Berufsgruppen.

Noch etwas möchte ich vorausschicken: Interessant finde ich alleine die Tatsache, dass es überhaupt Entspannungspädagogen gibt. Noch vor nicht allzu langer Zeit waren Entspannungsverfahren wie Autogenes Training und Progressive Muskelentspannung nur etwas für Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten. Aber auch andere Verfahren, die heute im Entspannungsbereich gängig sind, wie Yoga, Tai Chi oder Qi Gong waren längst nicht so verbreitet.

Insofern ist die größte Veränderung der letzten 10 Jahre, dass Entspannung mehr und mehr auch präventiv, also bevor es zu spät ist, erlernt und praktiziert wird. Die Verfahren sind in der Öffentlichkeit viel mehr bekannt, und man steht nicht im Verdacht, „krank“ zu sein, nur weil man ein Entspannungsverfahren erlernt.

Dazu hat sicher auch der Beruf des Entspannungspädagogen selbst beigetragen, gerade weil er von „Nichtheilberuflern“ ausgeübt werden kann und wird.

Insofern ist eine Tendenz der letzten Jahre, dass man ganz allgemein viel früher zum Entspannungspädagogen geht, weil die Offenheit dafür zugenommen hat. Dieser Aspekt ist eher unabhängig von speziellen Stressfaktoren.

Hinsichtlich der speziellen und aktuellen Stressfaktoren kann man einen deutlich gestiegenen Druck schon im schulischen Bereich feststellen. Das fängt in der Grundschule an, wo gerade in der vierten Klasse gute Noten besonders wichtig geworden sind.

Der Erfolgsdruck hat sicherlich auch im beruflichen Umfeld zugenommen. Erwartet werden mehr Leistung, höhere Umsätze bei gleichzeitig weniger Personal. Dies gilt insbesondere in den Bereichen, wo es genügend Ersatz auf dem Arbeitsmarkt gibt.

Diesen Druck haben aber auch die Firmen erkannt, und dass zu viel Druck irgendwann auch wieder ins Negative umschlägt. Burnout, hohe Krankenstände und sinkende Motivation schaden Unternehmen wieder. Insofern steigt auch wieder die Nachfrage nach Stressmagement-Seminaren in Firmen. Dazu muss man aber sagen, dass ein Entspannungspädagoge dafür eine zusätzliche Qualifikation im Stressmanagementbereich haben sollte. Deshalb bieten wir übrigens nicht nur Ausbildungen zum Entspannungspädagogen, sondern auch zum Stressmanagement-Trainer an.

Es gibt aber noch weitere Formen von modernem Stress, die sich durch Entspannungsverfahren alleine leider nicht in den Griff bekommen lassen. Die letzten Jahre, und Jahrzehnte sind durch radikal veränderte Rollenerwartungen gekennzeichnet. Frauen haben viel höhere Erwartungen an die Männer als früher, aber auch die Frauen selbst erleben jetzt zunehmend auch Formen von Stress, die früher den Männern vorbehalten waren.

Warum möchten wir Menschen überhaupt entspannen?

Auch hier möchte ich nochmal ein bisschen ausholen: Aus meiner Sicht ist es Aufgabe des Entspannungspädagogen, so wie wir das mit Autogenem Training und Progressiver Muskelentspannung lehren, Verfahren zu vermitteln, mit denen man sich innerhalb kurzer Zeit entspannen kann. Es geht darum, quasi wie auf Knopfdruck zu entspannen. In jeder Situation. Man lernt also eine richtige „Technik“.

Ein weiter gefasstes Verständnis der Aufgaben eines Entspannungspädagogen wäre es, wenn er generell andere darin unterrichten sollte, mehr zu entspannen, auf sich zu achten, die Batterien wieder aufzuladen, das Leben zu genießen. Dann geht es weniger um eine Technik, mit der man in Stresssituationen ruhig bleiben oder werden kann, sondern um die  Verbesserung der Lebensqualität im allgemeinen.

Zurück zu Ihrer Frage:

„Überhaupt entspannen“ im Sinne von mehr lernen, wie man sich wie auf Knopfdruck in Stresssituationen entspannen kann, das will man häufig nicht nur für sich selbst, sondern auch aus Gründen der „Performance“. Wirkt man gestresst, gereizt, nervös … das „macht sich nicht gut“. Man möchte einfach souverän und gelassen wirken und auftreten. Manche wollen das aber auch, um noch mehr Leistung abzurufen, um noch mehr zu arbeiten. Das finde ich aber nur für Ausnahmesituationen in Ordnung, aber nicht als generellen Einsatzzweck von Entspannungsverfahren.

„Überhaupt entspannen“ in einem allgemeinen Sinne, das wollen wir nicht nur, das müssen wir auch. Der Körper fordert es einfach ein. – Andererseits empfinden wir es auch als schön, als herrlich, als toll. Und man kann – und manchmal muss man es auch lernen. Wenn in der Ursprungsfamilie nur geackert wurde und nur der etwas gilt, der bis zum Umfallen arbeitet  und der, der auf sich achtet, als Schwächling gilt – dann muss man erst mal wieder lernen, sich zu entspannen und es sich auch erlauben! Auch das gibt es.

Wie wäre ein ideales Leben aufgeteilt in Zeiten der Anspannung und der Entspannung?

Also gerade der Wechsel von Anspannung und Entspannung macht das Leben schön.

Permanente Anspannung macht krank, aber auch eine permanente Langeweile oder Unterforderung oder auch Reizarmut macht krank. Man kann Leute auch durch Reizentzug foltern. Sperren Sie mal jemanden in einen Raum ohne Licht, ohne Geräusche ein. Da wird jeder nach kurzer Zeit im wahren Sinne des Wortes verrückt. Auch Leute, die nicht arbeiten brauchen und Ihr Leben auf ihrer Finca auf Mallorca verbringen, finden das nach einiger Zeit langweilig und fangen nicht selten zum Trinken an.

Ich glaube aber nicht, dass man das nach Stunden festlegen kann, etwa 8 Stunden arbeiten, 8 Stunden Schlaf, 4 Stunden Entspannung und 4 Stunden Familie und Haushalt oder so. Manche Menschen lieben Ihre Arbeit und brauchen weniger Ruhepausen, andere benötigen mehr.

Es gibt aber trotzdem vielleicht 2 Dinge, die man beachten sollte:

Es gibt zum einen eine circadiane Rhythmik. d.h. einen biologischen Rhythmus, der bei allen Menschen ziemlich ähnlich ist und der besagt, dass wir etwa alle 90 Minuten eine Ruhepause brauchen. Da geht man dann auf die Toilette, schaut zum Fester hinaus, der Raucher macht seine Zigarettenpause oder man geht kurz zum Kühlschrank ….. Diese Pausen zwischendurch sind wichtig, die braucht der Körper. Man sollte sich diese auch bewusst gönnen (Die kleine Pause zwischendurch, nicht unbedingt die Zigarette).

Auf den nächsten Punkt hat Ulrike Sammer in Ihrem Buch „Halten und Loslassen“ über die Progressive Muskelentspannung hingewiesen. Bei der Methode spannt man ja abwechselnd die Muskeln an und entspannt Sie dann wieder möglichst tief. Die Progressive Muskelentspannungsmethode besteht also aus dem Wechsel von „richtiger“ Anspannung und „richtiger“ Entspannung. Ulrike Sammer macht darauf aufmerksam, dass man auch sein Leben so ausrichten sollte: Phasen, wo man „richtig“ arbeitet, aber auch Phasen, wo man „richtig“ entspannt (statt beides zu vermischen).

Ich kenne das schon auch von mir, dass man während der Arbeit etwas macht, was in die Abteilung Freizeit gehört … , aber dann andererseits auch keine „richtige “ Freizeit hat, weil man doch wieder seine (beruflichen) e-mails checkt oder bis in die Nacht hinein arbeitet, statt irgendwann einen Punkt zu machen und zu sagen: “ jetzt bin ich wieder dran“. Und dann sollte man eben nicht fernsehen, sondern etwa spazieren gehen, eine Entspannungsübung machen, bewusst Musik hören oder seinem Partner den Nacken kraulen.

Das Autogene Training und die Progressive Muskelrelaxation gehören zu den beliebtesten Entspannungsmethoden. Wann hilft welches der beiden Verfahren besser?

Im Großen und Ganzen sind beide Verfahren gleichwertig. Der eine mag eben das AT lieber, der andere die Muskelrelaxation. Da darf man ruhig nach persönlicher Vorliebe gehen.

Es ist schon auch so, dass viele Männer die Muskelrelaxation bevorzugen, weil sie fast wie eine Sportart aussieht, während das Autogene Training für manche irgendwie zu „esoterisch“ wirkt.

In der Muskelentspannung gibt es mehr Übungen für das Gesicht und den Kiefer als im Autogenen Training. Das könnte durchaus für Personen, die etwa unter Tinnitus leiden oder mit den Zähnen knirschen, ein Auswahlkriterium sein.

Beide Verfahren lassen sich übrigens auch unauffällig im Alltag durchführen. Man muss weder die Augen dabei schließen noch sich dazu hinlegen.

Man kann beide Verfahren auch kombinieren und so die Kraft beider Verfahren nutzen.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen „innerer Ruhe“ und „Entspanntheit“ – und wenn ja, können Entspannungstechniken auch zur inneren Ruhe beitragen?

Sie sprechen jetzt den Unterschied zwischen einer oberflächlichen Ruhigstellung und einer in sich ruhenden Persönlichkeit an? Ja, das ist ein gewaltiger Unterschied. Meine Erfahrung ist, dass Personen, die Entspannungsverfahren nicht nur als Technik für stressige Situationen anwenden, sondern über längere Zeit – Monate, Jahre- regelmäßig wie eine Meditation praktizieren, eine Veränderung in Ihrer Persönlichkeit erleben. Die ruhen dann mehr in sich selbst, sozusagen von Haus aus. Man steht dann mehr über den Dingen. D.h. man entscheidet dann quasi frei, ob man sich aufregen will oder nicht. Wenn einem danach ist, regt man sich auf, wenn nicht, lässt man´s.

Wann reichen Entspannungstechniken und das Erlernen eines besseren Stressmanagements nicht mehr aus – wann sollte aus Ihrer Sicht ein Psychotherapeut aufgesucht werden?

Grundsätzlich ist ein Entspannungspädagoge ja ein Pädagoge, kein Therapeut. Ein Pädagoge darf weder diagnostizieren noch therapieren. Er darf lediglich unterrichten, wie ein Entspannungsverfahren richtig durchgeführt wird. Sobald also jemand eine persönliche Beratung wünscht oder benötigt, ist der Therapeut oder Arzt der richtige Ansprechpartner. Der Entspannungspädagoge kann allgemeine Informationen geben, etwa dass Autogenes Training vielen Leuten hilft, gut einzuschlafen. Er darf aber jemandem, der schlecht einschlafen kann, nicht explizit dazu raten, Autogenes Training zu lernen. Dies wäre dann ein therapeutischer Rat, wozu er nicht befugt ist.

Vielen Dank für das Interview!

 

Mehr über Peter M. Wiblishauser erfahrt ihr auf der Website www.wiblishauser-seminare.de und auf seinem Blog entspannung-und-paedagogik.de.

Und hier seht ihr ihn im Video:

Photo (oben): Hillary Boles