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Ich weiß nicht, worum’s geht in diesem Leben. Vielleicht um den großen Masterplan, den nur der Herrgott persönlich kennt. Vielleicht um Spaß. Vielleicht um gar nichts. Aber am ehesten tippe ich noch darauf: wir sollen als Menschen reifen, und sei’s nur für uns selbst und die paar Jahre zwischen Kreissaal und Grab, die mal leuchten und mal finstern.

Aber was genau bedeutet Reife? Und wie muss die menschliche Psyche gegossen und gedüngt werden, damit sie sich gut entwickelt?

Das „neunstufige Modell der Ich-Entwicklung“– oder der persönlichen Reife – stammt von der amerikanischen Psychologin Janes Loevinger. Eigentlich untersuchte sie etwas ganz anderes, fand aber in den Daten Wiederholungen, die sie sich nicht erklären konnte. So begann eine vierzigjährige Forschung, wie wir Menschen uns entwickeln, uns selbst und die Welt wahrnehmen. Das „Ich“ ist für sie keine feste Instanz, sondern eine Summe aus Strukturen und Mustern, die unsere Gedanken und Erfahrungen auswählen, intrepretieren und organisieren.

Mit der persönlichen Reife ist es, als würden wir auf einen Berg klettern – je weiter wir kommen, desto freier der Blick, schöner die Aussicht, klarer die Luft. Unser Bewusstsein wächst. Anders als beim Bergsteigen: je höher wir stehen, desto weniger tief können wir stürzen. Weil die späteren Stufen uns stabil machen. Sie sind näher an der Wirklichkeit und damit geschützter vor Ent-täuschung-en. Für Loevinger machen wir dabei Sprünge, die sie als „Transformation“ bezeichnet: wir sehen alles mit neuen Augen, geben allem eine neue Bedeutung.

Die ersten beiden Stufen kommen bei kaum einem Erwachsenen vor. So, wie auch die wenigsten Volljährigen noch krabbeln (mir fallen da nur solche Strolche ein, die auf irgendwelche Windel-Sexsferkeleien stehen). Dafür siedeln sich nach Loevinger die meisten von uns zwischen Stufe vier und sechs an.

1. Vorsozial

Als Babys kennen wir zunächst keinen Unterschied zwischen uns und der Welt, wir kennen nur unsere dringenden Bedürfnisse, und die müssen gestillt werden.

Dauert aber nicht lange, dann bildet sich das Ego heraus, das Selbst und der Rest werden trennbar und wir lernen, uns auf Menschen und Dinge zu beziehen. Ich. Die Mama. Der Papa. Mein Lieblingsschnuller, ohne den ich nicht einschlafen kann.

2. Gefühlsbeherrscht

Wir werden unseres Selbst bewusster. Vor allem werden unsere wachen Stunden aber von körperlichen Impulsen und Gefühlen beherrscht, zum Beispiel spüren wir Aggression. Die Welt dreht sich nur ums Hier und Jetzt und nur um uns.

Wir bewerten die anderen danach, wie sie uns behandeln („Der ist nett zu mir!“ – „Der ist gemein zu mir!“).

Wie wir uns selbst erleben, hängt vollständig von der Umwelt ab.

Wer als Erwachsener hier stecken bleibt, würde auch Hitler nett finden, wenn der ihn beim Bowling gewinnen ließe.

3. Selbst-schützend

Langsam können wir unsere Impulse besser kontrollierten. Schuld und Bestrafung bekommen Bedeutung, das Leben gewinnt durch Regeln Ordnung. Als falsch empfinden wir, wo wir Strafen erwarten.

Sind wir als Erwachsene noch auf dieser Stufe, finden wir jedes Verhalten okay, solange wir nicht erwischt werden. Werden womöglich zu Opportunisten. Oder zu Betrügern. Wir sehen Menschen nur als Mittel, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Einen eigenen Wert haben sie sonst kaum.

Charakteristisch ist ein sehr kurzfristiges Denken, sehr stereotypes Handeln (der unschlagbare Investmentbanker mit 100-Stunden-Woche und Porsche, die tadellose Immobilienmaklerin mit Designer-Kleid und Immer-Lächeln) und eine ausgeprägte materielle Orientierung. Mit Konzepten wie Moral können wir dann wenig anfangen, schließlich kann man das nicht in die Hand nehmen. Was uns gefällt, holen wir uns – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und wenn mal was schief geht, sind die anderen schuld. Feedback brauchen wir jedenfalls nicht.

4. Angepasst

Was wir auf dieser Stufe denken und tun, machen wir von den wichtigen Bezugsgruppen und Authoritäten abhängig – Familie, Freundeskreis, Sportverein, Bibelkreis. Wir sind, wozu wir gehören, und wenn wir irgendetwas anders sehen, ordnen wir uns unter. Ziel Nummer 1: gemocht werden. Du erinnerst Dich an das Bowlen mit Hitler – auf dieser Stufe würden wir ihn auf jeden Fall gewinnen lassen.

Am wichtigsten ist uns, das Gesicht zu wahren. Enttäuschen wir die Erwartungen anderer, fühlen wir uns schuldig, schämen uns. Konflikten gehen wir aus dem Weg. Das alles hat natürlich einen Preis: unsere Kontakte sind oberflächlich, denn ohne Konflikte können wir uns nicht in die Tiefe reiben. Wir wollen uns ja außerdem gar nicht in aller Tiefe zeigen.

Das Leben wollen wir stark vereinfachen, alles mit einer Axt aus Starrsinn in Gut (zugehörig) und Böse (nicht zugehörig) zerlegen, in Entweder und Oder.

Warum jemand etwas tut, ist uns egal. Richtig ist nur, was sich an die Regeln hält. Wir misstrauen allem, was uns fremd scheint. Die gegen uns. Wir gegen die.

5. Selbst-bewusst

Auf dieser Stufe landen die meisten von uns, in unserer Gesellschaft, und bleiben dort bis sie mindestens 25 Jahre alt sind.

Uns wird noch bewusster, wer wir sind, wie wir ticken, was wir brauchen. Wir wollen uns zunehmend von anderen abheben. Entwickeln feste Vorstellungen, wie die Dinge sind und zu sein haben. Die Vernunft und kausale Erklärungen gewinnen Überhand. Im Beruf orientieren wir uns eher an „Performance“ als an Sinn, fachliches Wissen wird unser großes Ziel.

Mehr und mehr keimt jedoch auch unsere Fähigkeit, verschiedene Sichtweisen einzunehmen und Handlungsmöglichkeiten zu sehen und auch zu verstehen, warum wir manches tun und anderes nicht, Selbstkritik zuzulassen. Damit werden wir auch beziehungsfähiger … etwas, das für uns wichtiger wird auf dieser Stufe.

6. Pflichtbewusst

Inzwischen haben wir unsere Identitt ausgebildet, unsere eigenen Werte, Vorstellungen und Ziele ergründet. Nun wollen wir sie über Ziele verwirklichen und uns selbst optimieren. Gewissenhaft streben wir nach Verwirklichung und einem Leben nach unserem Standard. Halten das für machbar, halten das Zepter in der Hand.

Die Welt wird dabei von Schwarz-Weiß zunehmend zu Graustufen und Schattierungen. Unser Innenleben wird reicher. Unser Blick weiter gestellt. Der Respekt vor Unterschieden zwischen den Menschen größer. Das Bild von ihnen realistischer (wir bewerten sie auch mehr anhand ihrer Motive statt nur ihrer Handlungen). Geben um des Anderen willens möglich. Andere zu verletzen schmerzhafter für uns selbst.

7. Individualistisch

Bei Stufe Sieben kommen wir an, wenn wir uns selbst und anderen gegenüber toleranter werden, der Komplexität und den Schwierigkeiten des Ganzen mehr Rechnung tragen, den erhobenen Zeigefinger wieder senken.

Hier wächst unser Bewusstsein dafür, dass „wir die Dinge nicht so sehen, wie sie sind – sondern wie wir sind“, dass unsere Wahrnehmung subjektiv ist und unsere Welt erschafft. Wir hinterfragen unser Sichtweisen stärker und die unserer Mitmenschen. Wir öffnen unsere Augen mehr für Konflikte im Innen und Außen, für die Widersprüche, können sie aber noch nicht miteinander vereinbaren.

Das Leben wird relativ. Und sehr einzigartig persönlich. Persönliches Wachstum wird uns wichtiger, über Erfolg und Leistung und Selbstoptimierung hinaus.

8. Autonom

Immer freier von den Anforderungen anderer, vor allem aber von unseren eigenen Anforderungen und dem Wunsch, Stellung zu beziehen, uns beweisen zu müssen, landen wir auf der achten Stufe.

Widersprüche, gleichzeitig richtige verschiedene Standpunkte und Fakten können wir viel besser integrieren, wir verstehen, wie sehr doch alles zusammenhängt. So lernen wir auch, dass unsere Autonomie Grenzen hat, dass wir abhängig sind von einzelnen Anderen (auch emotional) und von vielem, was außerhalb unserer Macht liegt.

Die Zielerreichung verliert an Bedeutung, der Weg rückt in den Mittelpunkt, unsere Erfüllung.

Noch mehr Raum nimmt nun unsere persönliche Entwicklung ein. Wir setzen uns vermehrt mit Konflikten auseinander, wollen sie auflösen, uns versöhnen mit ungeliebten, als „negativ“ erlebten Teilen in uns selbst und mit den Menschen, die wir verletzt haben oder die uns verletzt haben.

In einem Wort: es geht um Akzeptanz.

9. Integriert

Laut Loevinger selten erreicht, die neunte Stufe. Die volle Selbstverwirklichung. Hier sind wir nicht mehr an bestimmte Werte, Meinungen oder Praktiken gebunden – wir bewerten unsere Erfahrungen laufend neu, die Zusammenhänge vernetzen sich für uns wie die Neuronen im Hirn permanent um. Widersprüche werden integriert. Wir schließen Frieden mit unseren Konflikten, mit uns selbst, mit dem Leben und allem, was es uns geboten und genommen hat.

(10. Fließend)

Auf Loevingers Modell aufbauend haben sich viele Wissenschaftler auf eine zehnte Stufe geeinigt: auf das „Leben im Fluss“, das in spirituellen Kreisen ja längst der Superstar schlechthin ist.

Charakterisiert ist sie dadurch, dass wir unser Bedürfnis komplett aufgeben, Menschen und Dinge und Erfahrungen zu bewerten. Wir verschmelzen mit der Welt. Greifen nach nichts, halten nichts fest. Bewusstseinszustände sollen ineinander übergehen, das Denken Raum und Zeit übergreifen.

Selbst-Test

Wahrscheinlich hast Du Dich beim Lesen in manchen Stufen mehr wiedererkannt als in anderen, oder in einer ganz besonders.

Wenn nicht, hilft Dir vielleicht die folgende Kurzgeschichte von Anthony de Mello beim Einordnen (klar, bei Stufe 10 werden wir dann schon mal nicht sein, solange wir noch einordnen und bewerten wollen):

„Meister, gibt es Wege, die eigene geistige Reife und Stärke zu messen?“

„Viele!“

„Nenn uns einen.“

„Findet heraus, wie oft ihr euch im Laufe eines einzigen Tages aufregt.“

Wichtig finde ich dann nicht, ob man sich mehr oder weniger oft aufregt als andere, sondern: ob man sich mehr oder weniger oft aufregt als man selbst es früher tat.

 

Siehe auch die 8 Lebenskrisen, die jeder Mensch durchschreiten muss.

 

Photo: Nagesh Jayaraman