Die meisten leben in den Ruinen ihrer Gewohnheiten.
– Jean Cocteau

Wir denken gern, wir seien frei in unserem Willen und in unseren Entscheidungen. Doch das ist eine Lüge: wir sind Sklaven unserer Gewohnheiten. Zum größten Teil leben wir nicht, sondern werden gelebt. Und zwar jeden Tag auf die gleiche Weise. Wir denken, fühlen und tun heute nahezu dasselbe wie gestern.

Glaubst Du mir nicht? Meinst Du, Du seist meistens oder sogar immer Herr über das, was Du tust? Denkst Du, Du könntest dieses und jenes tun, wenn Du nur wölltest?

Dann lass mich Dir eine Frage stellen:

Gibt es etwas, das Dein Leben ganz sicher und stark bereichern würde – und das Du dennoch nicht tust?

Regelmäßig Sport treiben, gesund ernähren, meditieren, mit dem Rauchen aufhören, neue Leute kennen lernen, gute Bücher lesen statt stundenlang fernzusehen, Ordnung halten, bewusst innige Zeit mit Deinen Kindern oder Deinem Partner verbringen … oder etwas anderes?

Warum tust Du es dann nicht, obwohl Du weißt, wie großartig es sich auswirken würde?

Weil Verhaltensänderung hart ist. Daran sind vor allem die Gewohnheiten schuld. Gewohnheiten sind die Gleise, auf denen das Leben verläuft. Auf ihnen kann man von Tag zu Tag zu mehr Glück und Erfolg gefahren werden – oder näher heran an den Abgrund. Eine Gewohnheit kann Dein Freund oder Dein Feind sein.

In meinem Leben gibt es noch eine Reihe von Verhaltensänderungen, die mich definitiv bereichern würden, gesundheitlich, sozial, finanziell. Dinge, von denen ich lange dachte: „Ach, wenn ich wöllte, könnte ich das schon ändern“. Mir wird aber immer klarer, wie mächtig die Gewohnheiten und dass jeder Kampf gegen sie ein harter Kampf ist, den ich nur mit Entschlossenheit und der richtigen Technik gewinnen kann.

Und plötzlich war sie da

Unser Unterbewusstsein hält an den Gewohnheiten fest. Sie haben sich als Lösungen für bestimmte Probleme erwiesen, die wir immer wieder anwenden. Das erspart uns, immer wieder neu über immer wieder auftretende Herausforderungen nachdenken zu müssen. Deswegen beherrschen wir zum Beispiel das Autofahren blind – das Unterbewusstsein weiß was zu tun ist, wann wir schalten, blinken, schauen, Gas geben, bremsen und lenken müssen. Anders als ein Fahranfänger, für den jede Sekunde am Steuer anstrengend ist. Auch unsere Körperbewegungen gelingen mühelos – wir fangen Bälle, essen, tippen auf der Tastatur, laufen. Anders als ein Baby, für das jeder Schritt ein Abenteuer ist. Doch das Baby lernt schnell dazu, kommt Tag für Tag etwas besser aufrecht zurecht, verknüpft die notwendigen Bewegungen immer stärker im Gehirn, bis sie auch unbewusst funktionieren und das Laufen leicht wird.

Gewohnheiten sind also effizient, sie machen Platz im Bewusstsein für neue Anforderungen. Was für ein Albtraum es wäre, auch noch heute so viel Mühe aufwenden zu müssen, nur um ein paar Meter per Fuß zurückzulegen. Den Gewohnheiten sei dank haben wir den Kopf frei für andere Taten und Überlegungen und Pläne.

Gewohnheiten bringen allerdings auch Nachteile mit sich. Das Unterbewusstsein speichert teils auch Lösungen ab, die uns eher die Beine brechen als frei und beschwingt durchs Leben springen lassen. Jedes Mal, wenn wir denken „Ich kann das nicht“ oder „Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden“, festigt sich der Gedanke und taucht immer häufiger auf. Jedes Mal, wenn wir morgens zuallererst unsere Mails checken um „auf dem Laufenden zu sein“, mit jeder Zigarette, die wir rauchen um den Stress zu bewältigen, mit jedem Mal, das wir gleich nach der Arbeit den Fernseher anschalten um abzuschalten, festigen sich diese Gewohnheiten. Schon sehr bald ist uns gar nicht mehr bewusst, was wir da täglich tun.

Aufwachen

Bevor man eine alte Gewohnheit ersetzen kann, muss man sie erkennen. Weil Gewohnheiten komplett vom Unterbewusstsein übernommen werden, ist das oft gar nicht so leicht. Der Zugfahrer fährt große Teile des Tages wie in Trance auf den festen Gleisen entlang. Wir müssen ihn zuerst aufwecken, dann erst kann er aus dem Zug aussteigen, die Weichen umstellen und den Zug auf einen neuem Gleis fahren lassen. Ihn aufwecken können wir am besten mit den richtigen Fragen:

Welche Gewohnheiten hast Du?

Welche dieser Gewohnheiten helfen Dir?

Welche bringen Dich Tag für Tag näher an den Abgrund?

Auf welche Gewohnheiten bist Du stolz?

Und für welche schämst Du Dich, sodass Du sie lieber verheimlichst?

Am besten funktioniert diese Übung, wenn Du sie schriftlich machst. Nimm Dir einen Zettel und schreib’ die guten sowie die schlechten Gewohnheiten auf. Schwarz auf weiß werden sie greifbarer und Du kannst besser mit ihnen arbeiten.

Wenn Dir bei einer Gewohnheit nicht klar ist, ob sie gut oder schlecht für Dich ist … dann schließe Deine Augen und stelle Dir vor, was passiert, wenn Du sie über die nächsten fünf, zehn und zwanzig Jahre beibehältst. Wird Dich die Gewohnheit Dich unterstützen oder aufhalten? Was kostet es Dich, sie beizubehalten, was gewinnst Du aus ihr?

Sei so ehrlich wie möglich zur Dir selbst. Wir alle haben Gewohnheiten, auf die wir nicht stolz sind. Und die meisten von uns kennen sicherlich das Gefühl, ihnen ausgeliefert zu sein.

So auch ich natürlich: in meiner frühen Jugend fing ich mit dem Rauchen an. Bald war die Morgenzigarette das erste, was ich nach dem Aufstehen tat. Ganz gleich, ob ich Kopfschmerzen, Hunger, Halsschmerzen und Husten hatte, ich ging in die Küche, steckte mir eine Zigarette in den Mund, zündete sie an und atmete drei bis vier Minuten lang Gifte ein. Kein so guter Start in den Tag, oder? Vor allem, weil ich als Raucher sehr oft unter Kopfschmerzen litt. Dass ich irgendwann bei 1,5 Schachteln am Tag angelangte, hat mich in jungen Jahren schon in den Fitnesszustand eines Siebzigjährigen versetzt. Doch nicht nur körperlich fühlte ich mich schwach, auch mental: ich war abhängig von diesem Dreck und ich dachte (wenn es mir auch oft nicht bewusst war), ich würde es für immer bleiben. Seit sieben oder acht Jahren bin ich nun Nichtraucher  – das Gefühl, keine Chance gegen die ungeliebte Gewohnheit zu haben, betrog mich damals also.

Bis ich das Rauchen erfolgreich aufgegeben hatte, war es ein langer Weg. Der erste Schritt jedoch war, mir ehrlich einzugestehen: ich bin süchtig und ich vergifte mich selbst.

Es bleiben 24 Stunden

Neue Verhaltensweisen lösen zwangsläufig alte ab. Der Tag hat weiterhin 24 Stunden – und die werden weiterhin gefüllt. Man kann nicht nichts tun, und wenn das einzige, das man tut ist, die Decke anzustarren.

Dir dessen bewusst zu sein, kann Dir dabei helfen, alte Gewohnheiten langfristig loszuwerden. Versucht man nämlich, eine Gewohnheit ersatzlos zu streichen, entsteht ein Loch. Dieses Loch zieht uns entweder wieder in die alten Gewohnheiten herein, oder das Unterbewusstsein füllt es selbst mit einer neuen. Ein Klassiker: Nichtraucher greifen plötzlich 20 Mal am Tag in die Pralinen- statt in die Zigarettenschachtel. Alte Süchte werden so  häufig ohne unsere Entscheidung durch neue ersetzt, alte negative Nebenwirkungen durch neue.

Möchtest Du zum Nichtraucher werden, ist es daher hilfreich, Dir eine Alternative zu überlegen. Was tust Du am Morgen zuerst, wenn Du nicht mehr rauchst, was tust Du in der Zeit, in der Du bisher für eine Zigarettenpause vor die Tür gegangen bist? Was könntest Du in Deinem Leben hinzufügen, wenn Du stattdessen nicht mehr rauchst?

Und auch wenn es Dir in erster Linie darum geht, eine neue Gewohnheit in Dein Leben holen möchtest (und nicht darum, eine alte loszuwerden), hilft es, schon im Vorfeld zu wissen, dass damit weniger Zeit für etwas anderes zur Verfügung steht – und was genau es ist, auf das man dann verzichtet.

Neue Gewohnheiten schaffen

Es gibt zwei Regeln für neue Gewohnheiten.

Die erste lautet: Beginne heute.

„Heute eine kurzfristige Herausforderung anzunehmen ist leichter, als das ganze Leben lang etwas zu bereuen “ schreibt der Blogger Steve Pavlina. Morgen wird es nicht leichter sein, und übermorgen auch nicht. Doch so hart die ersten Tage sein mögen, nach etwa drei bis vier Wochen ist die neue Gewohnheit etabliert. Dann kann sie uns schon bald mühelos-automatisch zu mehr Glück und Erfolg tragen.

Wir müssen trotzdem manchmal noch ein bisschen Willenskraft auftreiben sein, doch das wird immer leichter. Ich denke zwar noch heute gelegentlich daran, wie schön doch eine Zigarette wäre, wenn ich etwa mit einem Freund auf dem Balkon ein Abendbier trinke. Ich weiß aber auch, wie schnell man wieder zum Raucher werden kann, wenn man einmal schwach wird. Der Widerstand schwindet mit jeder Zigarette und nach wenigen Wochen ist man dort, wo man nie wieder sein wollte. Nicht anders ist es bei anderen Vorhaben: wenn ich einige Tage nichts schreibe, fällt es mir immer schwerer, mich an den Schreibtisch zu setzen und den Anblick des leeren Textdokuments zu ertragen, bis es sich langsam füllt.

Daher die zweite Grundregel: Weiche nicht ab.

Sich daran zu halten gelingt umso besser, je mehr Ressourcen wir dafür haben. Die folgenden Tipps können Dir dabei helfen, Deine Stärke anzuzapfen und eine neue Gewohnheit erfolgreich aufzubauen:

  • Klare Ziele setzen: Was willst Du mit Deiner neuen Gewohnheit erreichen, wohin soll sie Dich tragen? Je klarer Du Dir darüber bist, umso größer wird Dein Verlangen und Dein Wille werden.
  • Einklang mit der Lebensaufgabe: Sehr stark und auch langfristig motivierend ist es, sich zu überlegen, wie die ungeliebten alten und die angestrebten neuen Gewohnheiten im Einklang mit der eigenen Lebensaufgabe stehen. Spiegeln Deine Gewohnheiten den wider, der Du sein willst? Oder verkaufst Du Dich damit unter Deinem Wert? Wie hilft Dir die neue Gewohnheit, Deine Lebensaufgabe besser als vorher erfüllen zu können? Siehe auch Warum Du Deine Lebensaufgabe kennen solltest.
  • Konsequenzen bewusst machen: Zu oft sabotieren wir uns selbst. Die ersten abgenommenen Kilos sind geschafft, und plötzlich fressen wir uns voll und machen alles zunichte. Die ersten Ersparnisse sind zur Seite gelegt, und plötzlich geben wir alles auf einmal aus – für Schrott. So etwas passiert nicht zufällig, sondern mit System. Das Unterbewusstsein will uns vor befürchteten negativen Folgen schützen, die eintreten könnten, wenn wir ein Ziel erreichen. Diese Folgen sind uns in der Regel nicht bewusst, und doch halten sie uns von unseren Vorhaben ab. Ein Beispiel: vielleicht hast Du Angst, einsam zu werden, wenn Du mehr Geld besitzt oder attraktiver bist als die Menschen in Deinem Umfeld? Siehe auch Die heimliche Angst vorm Erfolg.
  • Komfortzone komfortabler machen: Streben wir neue Verhaltensweisen an, verlassen wir zwangsläufig unsere Komfortzone. Wichtig ist dafür, nach dem Ausbruch in die Unsicherheit auch wieder in die Sicherheit zurück zu können. Je sicherer wir uns in unserer Komfortzone fühlen, umso mehr Kraft haben wir für die Kämpfe außerhalb. Könntest Du Dir Deine Wohnung gemütlicher einrichten? Sind Dein Bett und Dein Schlafzimmer so gestaltet, dass Du Dich bestmöglich regenerierst? Unterstützen Dich Deine Beziehungen bei Deinen Vorhaben oder stehen Dir manche Menschen aus Neid, Missgunst und Angst im Weg?
  • Hilfe suchen: Vielleicht neigst Du wie ich dazu, alles alleine schaffen zu wollen. Vielleicht fällt es Dir, wie mir, manchmal schwer, Hilfe zu suchen oder anzunehmen. Dabei gibt es so viele Menschen, die Dich unterstützen und mit denen Du Dich zusammen tun kannst. Du könntest Dich nach Vorbildern umschauen, die dort sind, wo Du hinwillst – und sie um Hilfe bitten, oder sie mittels Büchern oder Videos studieren. Du könntest Dich zum Joggen mit einem Freund verabreden oder Dir eine Gruppe von Joggern in Deiner Stadt suchen. Du könntest Teil eines Stammtischs oder einer Selbsthilfegruppe werden. Wie auch immer die Hilfe für Dich aussieht: gemeinsam ist es leichter.
  • Rechenschaft ablegen: Verkünden wir unser Vorhaben laut, setzten wir uns und die alten Gewohnheiten damit unter Druck. Gibt es jemanden, dem Du täglich Bericht erstatten könntest? Jemanden, der Dich zur Rechenschaft zieht, wenn Du nachlässig wirst? Oder jemandem, dem Du dann einen Gefallen schuldig bist, auf den Du überhaupt keine Lust hast? Ich bin der Meinung, dass man nicht alle Ziele hinausposaunen sollte, aber die Scham vor Vertrauten, wenn wir etwas nicht schaffen, kann uns durchaus hilfreich sein.
  • Den Frosch essen: Die menschliche Willenskraft ist ein knappes Gut. Über die größte Willenskraft verfügen wir in der Regel zu Beginn des Tages. Im Englischen gibt es den Ausspruch „Eat the Frog“ – iss den Frosch. Gemeint ist damit: wenn man gleich am Tagesanfang das Ätzendste tut (wie einen Frosch zu essen), ist der Rest des Tages vergleichsweise einfach zu bewältigen. Neue Verhaltensweisen trainiert man daher, wenn möglich, am besten gleich nach dem Aufstehen. Es ist zum Beispiel viel leichter, morgens in die Joggingschuhe zu schlüpfen als nach einem langen Tag im Büro.
  • Nicht zu viel auf einmal: Manchmal nehmen wir uns einfach viel zu viel auf einmal vor. Dann ist das Scheitern vorprogrammiert. Wer gleichzeitig mit dem Nichtraucher, Ausdauersportler und Bodybuilder, Bodybuilder und Nie-wieder-Fernseh-schauer werden will, tut sich damit keinen Gefallen. Die bessere Chance auf einen Erfolg haben wir, wenn wir nur eine oder zwei Sachen auf einmal umsetzen. Und daraus dann Mut für die nächste Herausforderung zu gewinnen.
  • Rückschläge richtig einordnen: Nicht immer schafft man es beim ersten Anlauf, eine neue Gewohnheit zu entwickeln. Das ist absolut normal, in Ordnung und kein Grund zum Verzweifeln. Im Falle eines Rückschlags ist es meiner Erfahrung nach besonders wichtig, wie man ihn einordnet. Wenn Du Dir sagst: „Wusste ich’s doch, dass ich’s nicht schaffe und niemals schaffen werde“, dann wirst Du damit Recht behalten. Genauso wirst Du vermutlich Recht behalten, wenn Du Dir hingegen sagst: „Hey, super, immerhin habe ich es eine Zeit lang geschafft, da kann ich stolz auf mich sein. Jetzt sammle ich noch mal Kraft und dann packe ich es im nächsten Anlauf für immer.“

Mit reiner Willenskraft allein kommen wir nicht weit. Wir müssen sie gezielt dafür einsetzen, Gewohnheiten zu schaffen, die uns zu Glück und Erfolg tragen. Diese Sichtweise weicht stark von den Ratschlägen der durchschnittlichen Selbsthilfe-Bücher, -Programme und -Seminare ab, die die Macht der Gewohnheit vernachlässigen und stattdessen auf permanente Selbstdisziplin setzen. Aber die meisten Tipps aus dieser Ecke funktionieren ja auch nicht.

Also: denke ungewöhnlich – denke in Gewohnheiten.
Photo: Vince Alongi