Zuhören ist sehr viel schwieriger, als gemeinhin angenommen wird; wirkliches Zuhören, wie die Meister es verstehen, bedeutet, uns selbst völlig loszulassen, alle Informationen, Konzepte, Vorstellungen und Vorurteile fallenzulassen, mit denen unsere Köpfe so vollgestopft sind.

– Sogyal Rinpoche

Ööööde. Was der Typ oder die Alte schon wieder labert. Und überhaupt das ganze Thema mit dem Zuhören. Beim Zuhören geht’s doch nicht mal um mich!

Ruhe jetzt. Noch viel zu lernen Du hast, junger Mönch.

Warum?, mümpft der junge Mönch auf.

Und der Zen-Meister antwortet ihm geduldig, nachdem er ihm eine geschmiert hat:

Weil Zuhören das neue Reden ist. Weil es dabei mindestens genauso sehr um Dich selbst geht wie um den, der Dir mal mit seiner Lebensgeschichte ein Ohr …

Wieso denn, was hat das mit mir zu tun?, springt ihm der junge Mönch ins Wort.

Und der Zen-Meister hat so langsam echt die Schnauze voll von diesem respektlosen Getriebenen. Aber was soll’s, denkt er sich, ist halt jetzt so, wie’s ist. Und fährt fort:

Weil Zuhören ein Tor zur Erleuchtung ist. Ein Tor zur Freiheit.

Da spitzte der junge Mönch endlich die Ohren und ließ den Meister erst mal weiterreden.

In Deinem Kopf hüpfen die Gedanken wie hyperaktive Kinder nach zwanzig Kaffees und einer meterlangen Line Koks. Du identifizierst Dich mit diesen Gedanken, glaubst, sie seien Du. Doch bist nicht diese Gedanken, die wiederrum Deine Gefühle und Handlungen auslösen. Im Moment allerdings bist Du noch wie eine Marionette dieser Gedanken. Mein Ur-Opa, ebenfalls ein Zen-Meister, sagte gern:

Ich hatte ein bewegtes Leben, sprach die Marionette.

Der Marionette war ihr Schicksal nicht bewusst. Sie identifizierte sich so sehr mit den Stricken an ihren Körperteilen, dass sie nicht mehr merkte, wie fest sie an ihnen dran und wie stark sie von ihnen ab-hängt.

Du bist eine wie Marionette Deiner Gedanken, junger Mönch. Du hängst so sehr an ihnen, dass sie Dich steuern, Dich hierhin springen lassen und dann dorthin und dann wieder hierhin und zurück und wieder vor. So sehr, dass Du gar nicht mehr weißt, wo hinten und vorne ist, und was jetzt gerade passiert, in diesem Moment.

Das passiert normalerweise auch, wenn Du zuhörst. Der Andere redet und Du interpretierst und machst aus seinen Worten etwas anderes, als sie wahrhaftig bedeuten, Du unterbrichst ihn, willst aus Deinem irre üppigen Erfahrungsschatz plaudern, Lösungen vorschlagen, korrigieren, oder driftest ab und denkst über dieses und jenes nach. Die Worte des Anderen gehen links rein und rechts raus, Deine Gedanken von links nach rechts, und Du mit ihnen, immer weiter hinaus aus dem Ort und dem Moment, in dem Du eigentlich gerade bist.

Du kannst es aber auch anders machen.

Du kannst Zuhören als eine Meditation nutzen.

Wenn Du Zuhören als Meditationsübung nutzt, wirst Du das Karussell Deiner Gedanken und Gefühle beobachten lernen. Und lernen, Dich von Ihnen zu lösen und so gegenwärtig und präsent zu sein wie die Gegenwart selbst. Und nebenbei kannst Du Dich in Mitgefühl üben und Deine Beziehungen auf eine neue, tiefere Ebene bringen, Dich so verbunden mit dem Anderen, mit Dir selbst und mit der Welt fühlen, wie vielleicht nie zuvor in Deinem Leben.

Der Zen-Meister pausierte und schaute den jungen Mönch an und der junge Mönch fragte den Zen-Meister: Ja, Zen-Meister, sag mir: was soll ich tun, um das Zuhören als Meditation zu nutzen?

Ja, junger Mönch, antworte der Alte, das sage ich Dir gern. Mein Ur-Opa, der Zen-Meister, hat mich damals, als ich noch ein Jungspund war wie Du es heute bist, acht Regeln gelehrt, die man beachten muss, wenn man durch Zuhören zur Erleuchtung gelangen will.

Er nannte sie die „acht A-s des Zuhörens“ oder „die alte AAAAAAAA-Technik“.

  1. Ablenkungen eliminieren: so wie Du nicht auf einer Baustelle voller Krawall meditierst, weil es Dich zu stark ablenken würde, solltest Du auch beim Zuhören so viele mögliche Ablenkungen wie möglich auszuschalten.
  2. Angemessene Haltung wahren: wenn Dein Körper schlaff ist wie ein nasses Handtuch, wirst Du Dich nicht konzentrieren können. Sei nicht zu entspannt und nicht zu angespannt, und signalisiere dem Anderen auch mit Deinem Körper, dass Du ihm zuhörst.
  3. Atmen: atme ruhig und tief in Deinen Bauch hinein. Das wird Dir helfen, seltener von Deinen Gedanken aus dem Moment in die Vergangenheit oder Zukunft gezerrt zu werden.
  4. Aufmerksam bleiben: wenn Deine Gedanken abdriften, lenke Deine Aufmerksamkeit wieder sanft zurück zum Gespräch.
  5. Auch auf das hören, was er nicht sagt: aber nicht zu voreilig, indem Du urteilst und unterstellst, dass er die Welt durch dieselbe Brille sehen muss wie Du. Gegebenenfalls nachhaken: „Habe ich Dich richtig verstanden, dass …“.
  6. Auf den Anderen eingehen: in welcher Situation befindet er sich? Wie wird es ihm wohl damit gehen?
  7. Auf keinen Fall unterbrechen (es sei denn…): Du hast den Impuls, den Anderen zu unterbrechen? Nimm den Impuls wahr, erkenne ihn an, aber folge ihm nicht (es sei denn, Du kannst echt nicht mehr, z.B. weil er sich inzwischen zum zehnten Mal wiederholt).
  8. Achtsames, anhaftungsloses In-Dich-Hineinhorchen: was geschieht in Dir, neben Deinem Impuls, den Anderen zu unterbrechen? Wie fühlst Du Dich? Lass Deine Gedanken und Gefühle kommen und gehen, heiße sie willkommen, wenn sie kommen, und lasse sie wieder los, wenn sie gehen wollen.

Der junge Mönch war a-a-a-a-a-a-a-a-ußer sich vor Begeisterung darüber, dass der Zen-Meister diese Technik mit ihm geteilt hat. Doch schon kurz darauf fragte er sich – und dann auch den Meister – wie er damit jemals Erleuchtung finden soll.

Der Zen-Meister antworte, in Anlehnung an Kodo Sawaki:

Bringt es mir was? Oder bringt es mir nichts? Lass ab von dieser Geisteshaltung und höre einfach zu. Du bist so wie einer, dem ein Stück Scheiße an der Nase hängt und trotzdem fragt: Wer hat hier gefurzt!? So lange du auf diese Weise nach Erleuchtung suchst, wirst du sie nie finden.

 

Photo: Staffan Scherz