|4. Juni 2013 07:07

Der Zen-Mönch, der alles perfekt machen wollte (kurze Geschichte)

So richtig dicht ist das Dach über unserem Kopf ja nur selten: hier reißt ein Sturm ein paar Ziegel ab, dort zerren und zehren die alltäglichen Winde und Regenschauer an ihm. Kaum ist an der einen Stelle alles wieder repariert, klafft ein neues Loch woanders … irgendwas ist einfach immer.

Was machen, wenn's mal wieder reinregnet?

Dazu eine kleine Zen-Geschichte:

In den Raum eines Zen-Meisters tropfte der Regen durch das undichte Dach. Der Meister forderte seine Diener auf: Bringt mir etwas, das die Strohmatten trocken hält.

Ohne einen Augenblick zu zögern, griff der erste Mönch zu einem Bambuskorb. Sein Bruder hingegen suchte nach einem geschlossenen Behälter.

Der Meister war hocherfreut über den Diener, der den undichten Korb gebracht hatte, denn dieser hatte den Geist des Zen erfasst. Die 'Schule des Augenblicks' fragt nicht nach dem "praktisch angemessenen" Eimer, sondern legt Wert auf spontanes "richtiges" Handeln. 

Gefunden bei: spiritualwiki

Nehmen, was da ist. Tun, was getan werden muss. Das ist der Weg des Zen.

Eigentlich naheliegend – wie auch der Bambuskorb nahe lag.

Und doch neigen wir so oft dazu, die perfekte Lösung zu suchen, einen Tag lang, eine Woche, einen Monat, ein halbes Leben, während das Wasser steigt und steigt und uns schon bis zum Hals steht und uns langsam aber sicher die Luft nimmt und wir uns entscheiden, doch lieber eine unperfekte Lösung zu wählen als gar keine. Es sei denn natürlich, wir haben zu lange gewartet und gehen ein für allemal unter. Dann können wir uns den perfekten, geschlossenen Behälter, den der zweite Mönch suchte, höchstens noch als Hut aufsetzen, während wir ertrinken.

Regnet es bei Dir auch manchmal rein … und statt einfach zu handeln … suchst Du und suchst und suchst … ?

 

Photo: epi.longo

19 Kommentare

  • Ja, das Tun ist ganz entscheidend. Ich habe bei der Arbeit mit Menschen auch schon so oft feststellen müssen, dass viele erst die perfekte Lösung in ihrem Kopf suchen und so einfach nicht vorwärts kommen, anstatt zu handeln.

    Viel klärt sich durch die Vortbewegung (TUN) von ganz alleine…

  • Trifft den Nagel auf den Kopf…

    Mit ein paar Sätzen das komplette Problem geschildert, dass ich in allen Bereichen meines Lebens habe – die Suche nach Perfektion. Und die Zeit läuft vorbei, in denen du mit unperfekten Lösungen viel glücklicher geworden wärest…

    Vielen Dank, das habe ich gebraucht!!

  • Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt.“

    Dante Alighieri, ital. Dichter und Philosoph 1265 – 1321

    Schöne Geschichte, Tim!

  • Ich wusste gar nicht, dass die Software-Entwickler dem Weg des ZEN folgen. Oder wie mein Dozent mal sagte: “Die Kosten der Entwicklungsgradsteigerung einer Software von 95% auf 100% verursacht 50% der Kosten.”

    Ich kann nur bestätigen, dass der Zwang zur Perfektion eine echte Evolutionsbremse ist.

  • Hi Tim,
    ein tolles Bild (der Text, im übertragenen Sinne). Das beschriebene Handeln ist so einfach und effektiv und trotzdem (oder gerade deswegen?) gerade nicht einfach umzusetzen.. :)
    Sonnige Grüße!
    Monika

  • Ich finde Perfektion toll. Aber perfekt kann man nicht erreichen. Denn wenn man in etwas wirklich gut ist, kennt man an allem was man tut auch die Schwächen. Aber nehmen was da ist und tun was getan werden muss, das hat mir etwas zu sehr ergebenes. Ich finde, der Trick ist eher, den Absprung nicht zu verpassen. In dem was man tut gibt es immer wieder einen Punkt, wo man sich sagen muss: OK, das ist das, was ich als ich selbst im Moment kann, das ist mehr als alles zuvor, das ist jetzt gut so. Sonst werden Dinge nie fertig und ein gewisses Leiden beginnt. Ich denke, dass das viele Menschen betrifft, die recht eigenverantwortlich arbeiten. Mir geht das als Wissenschaftler so, und als Musiker erst recht. Denn die perfekte Publikation gibt es genau so wenig wie die perfekte Platte.

    Man ist nur auf dem Weg, solange man geht.

  • Wenn Perfektion dazu führt nichts zu tun, dann ist es wie eine Lähmung. Aber gelähmt können wir nichts erreichen, deswegen muss man manchmal die Perfektion ablegen und schauen, welche Möglichkeiten es gibt. Quick and dirty, wie es so schön heißt :)

  • Hallo ihr Lieben,

    ich habe etwas über das Thema nachgedacht und muss ehrlich gesagt sagen das ich es sehr schwer finde. Letzten Endes ist es doch so, das beide Schüler des Meisters handeln. Ich versuche einfach die Geschichte nochmal anders zu erzählen.

    – Ein Zen-Meister ist mit seinem Fahrrad unterwegs und fährt dabei über einen harten, spitzen Stein und beide Räder gehen dabei kaputt. Nun bittet er seine beiden Schüler ihm schnell zwei neue Räder zu besorgen.

    Nach kurzer Zeit kommt der erste Schüler mit zwei Ränder angelaufen, allerdings sind diese Räder etwas komisch, denn sie sind eckig. Der zweite Schüler kommt erst viel später zurück. Allerdings bringt dieser Räder so wie sie sein sollten, runde nämlich. –

    Nun vielleicht währe es ja eine bessere Lösung den Ort des Sturmes zu verlassen und einen sichereren Ort aufzusuchen. Ich verstehe wohl den Sinn des Textes, muss aber hinzufügen das ich in einem Land wohne in dem immer als erstes die schnellste und einfachste Lösung gesucht wird, was bei ganz vielen Problemen ein heilloses Kaos anrichtet in welchem ganz viel Leiden erzeugt wird.

    LG

    • Hi Sascha,

      ja das stimmt, auch der Perfektionist hat gehandelt. Allerdings ohne Wirkung. Wir wissen nicht, ob er je eine geschlossene Schüssel findet oder ob zuvor die ganze Bude abgesoffen ist.

      Wenn wir die Sache weitererzählen und sie so ausgeht wie in Deiner Geschichte mit den Fahrrädern, dann kann man sich sicher drüber streiten, was die bessere Variante wäre.

      Da im Zen das Spontane, das Jetzt, eine große Rolle spielt, wird der Zen-Meister jedoch vermutlich immer dem schnellen Typen applaudieren.

      Liebe Grüße nach Brasilien!

      Tim

  • Hey Tim,

    noch ein Gedanke zum Perfektionismus:

    Es ist eine große Verwirrungen des Geistes, zu glauben, man könnte Perfektion erreichen. Tatsächlich ist sie lediglich ein theoretisches Ideal, nach dem man streben kann, das einen mitunter auch vorwärts drängt/lockt/zieht, aber das man nie wirklich ganz erfüllen wird. Nie.

    So kann man einen Perfektionist auch als “egozentrischen Theoretiker” verstehen: Ein Theoretiker, weil er selten bis nie etwas umsetzt, bzw. tut und egozentrisch, weil in seinem Selbstbild nur etwas Perfektes es wert ist, von ihm geschaffen/getan zu werden.

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