Wenn doch nur schon Wochenende wäre. Oder Urlaub. Oder Rente. Wenn ich doch nur schon in der größeren Wohnung wohnen würde, mit viel mehr Platz. Oder in einem Strandhaus, mit Millionen auf der Kante und einem privaten Harem im Supersize-Bett. Wenn doch mein Partner nur endlich einsehen oder wenigstens gehen würde. Wenn das Meeting doch nur schon vorbei, der Bus da, mein linkes Bein vor dem rechten wäre oder ich auf der Couch mit einem kalten Bier in der Hand und in der Kehle.

Dann wird alles anders und alles besser sein. Dann bin ich angekommen und kann mein Leben genießen. Endlich.

Kennst Du auch, oder? Dass Du so denkst und dann tritt das ein, auf das Du hin gefiebert hast, und nichts ist anders, dasselbe Leben, dieselben Sorgen wie vor dem Wochenende, vor dem Urlaub, vor der Rente, vor dem Umzug in die neue Wohnung.

Warum ist das so?

Stell Dir vor: vor Dir liegt ein Photo, auf dem Du zu sehen bist, und Du schneidest Deinen Kopf aus und nimmst Dir ein paar Hochglanzzeitschriften und klatschst Dein Abbild auf die Traumkörper, die Du in den Zeitschriften siehst, wie sie da so posieren oder im schicken Bugatti hocken und an der Küste entlang fahren mit ihren Freunden oder ihr neues sweetes Home präsentieren, indem sogar die drei Panic-Rooms mit Heimkino und Whirlpools ausgestattet sind, oder den ganzen Tag Zeit haben zum Surfen.

Bei mir sieht das ungefähr so aus (man beachte die Special Effects, in Wahrheit war ich gar nicht dabei und das ist auch alles gar nicht meins, hab mich erst nachträglich eingefügt!):

Mein Auto:

auto

Mein Haus:

haus

Mein Boot:

boot

Mein Leben als Surfer, der nichts anderes mehr tun muss:

surfen

Die Bilder sind alle echt fantastisch. Wäre es dann mein Leben nicht auch, wenn die Bilder endlich Realität wären, wenn ich Auto, Haus, Boot und unendlich viel Freizeit hätte und surfen könnte?

Das Problem ist: ich bin immer derselbe und immer mit dabei.

Und so ist’s natürlich bei uns allen.

Wohin Du auch gehst: Du nimmst Dich mit.

Wer sich schnell aufregt, wird sich über Kratzer am Auto oder Boot aufregen, oder über das Scheißwetter, das das Surfen gerade unmöglich macht. Wer sich schnell minderwertig fühlt, wird auf den Nachbarn mit dem größeren Haus, Boot oder Surfbrett schielen und sich klein vorkommen. Wer zu Einsamkeit neigt, wird sich inmitten seines Harems einsam fühlen, inmitten seiner Bediensteten, inmitten aller Surfer oder Bugatti-Fahrer-Freunde. Anders herum genauso: wer sich mit 2000 € (oder so) Monatseinkommen ein friedliches, verbundenes, sinngefülltes Leben macht, wird auch mit 20 Millionen glücklich sein.

Das Leben ist und bleibt meistens so, wie wir selbst sind.

So wie in dieser Geschichte, die Du vielleicht schon kennst:

Ein Wanderer, der seine alte Heimat verlassen hatte, um an einem anderen Ort sein Glück zu finden, kam in eine neue Stadt und fragte den örtlichen Weisen:

Wie sind die Menschen hier in dieser Stadt?

Der Weise antwortete mit einer Gegenfrage:

Wie sind die Menschen in der Stadt, aus der Du kommst?

Oh, lauter bösartige Schweinebacken, sagte der Wanderer.

Und der Meister riet ihm:

Ziehe weiter, mein Freund. Hier sind auch alle so drauf.

Ein paar Stunden später kam ein anderer Mann auf der Suche nach einer Unterkunft in die Stadt. Auch er fragte, wie die Städter hier seien.

Wieder fragte der Meister:

Wie sind die Menschen in der Stadt, aus der Du kommst?

Und dieser Wanderer sagte: ich ziehe eigentlich ungern um, weil dort alle so hilfsbereit und gutherzig sind.

Freund, antwortete der Meister, bleib hier, wir sind genauso!

Andere Umstände beeinflussen uns oft viel weniger, als wir’s uns erhoffen.

Was, wenn wir weniger an den Umständen arbeiten würden uns mehr an uns selbst?

Wenn wir akzeptieren und genießen lernen, was gerade ist und wo wir gerade sind – statt darüber nachzudenken, wo wir lieber wären. Dankbar sind für das, was uns umgibt. Und liebevoll zu denen, die schon um uns herum sind.

Wenn wir den Frieden in uns suchen und nicht in den Dingen.

Und wir uns immer wieder klar machen:

Wohin Du auch gehst: Du nimmst Dich mit.

Photos:  Ganz oben: Thomas Leuthard   Auto: Prayitno     Haus: Graham   Boot: Bill Ward    Strand: Justin Ornellas