|22. Oktober 2012 08:00

Tantra, Tanz und sexuelle Energie – Interview mit Sabine Sonnenschein

Sabine Sonnenschein performt, choreographiert und lehrt Tanz und Tantra. Was die sexuelle Energie ist, warum sie wichtig ist, und wie man sie mehr ausleben kann, darüber spricht Sabine mit mir im myMONK-Interview.

Hi Sabine, vielen Dank für Deine Zusage zum Interview! Möchtest Du Dich zunächst kurz vorstellen?

Ich bin freischaffende Choreografin, Performerin (seit 1992) sowie Tantrikerin (seit 2004). Ich lebe und unterrichte eine Verbindung von kaschmirischer tantrischer Weltsicht und Tanz als Lebenshaltung.

In meinen Seminaren verbinde ich Tantra meist mit der Tanzform Contact Improvisation, z.B. in der Schwelle 7 in Berlin und bei ImpulsTanz in Wien. Ich gebe auch Seminare für Frauen, bei denen Frauen sich, ihre sexuelle Energie und Kraft erfahren in einem achtsamen, geschützten und liebevollen Rahmen. Ich veranstalte Feste, wie die Tanz&Tantra Nacht mit Live Musik von Günter Touschek in Wien.

Und ich gebe seit 2006 in Wien tantrische Körperarbeit für Frauen, Männer und Paare, bei der du durch Meditation und das von mir Berührt Werden dich in deiner Energie erlebst. Mit Energie ist auch die sexuelle Energie gemeint.

In einer tantrische Körperarbeit-Einzelsession begleite ich mit all meiner Aufmerksamkeit deinen Prozess und setze Impulse durch Berührung; es geht um dich und du kannst dich ganz in deiner Energie erfahren. Mit einem/r PartnerIn geht es in der Sexualität und Beziehung hauptsächlich um die Verbindung der beiden PartnerInnen miteinander. Du kannst in der Einzelsession etwas erfahren, das du dann in deine Beziehung einbringen kannst!

Paaren bringe ich meist eine Massage bei, die die PartnerInnen dann miteinander machen. Sehr wichtig bei der Einzelarbeit ist das Gespräch zu Beginn. Ich gehe sehr individuell auf meine KlientInnen ein.

Beim Tantra wird mit der sexuellen Energie gearbeitet. Was genau ist diese sexuelle Energie? Und wie unterscheidet sich die männliche von der weiblichen?

Eine wesentliche Praxis im Tantra ist es, die sexuelle Energie über den Zentralkanal im Körper vom Becken und den Genitalien nach oben in den Kopf zu atmen und zu ziehen, und damit die sexuelle Energie für spirituelle Erfahrung und Befreiung zu nutzen.

Sexuelle Energie kannst du am leichtesten im zweiten Chakra, im Raum zw. Schambein und Kreuzbein, und in deinen Genitalien spüren, wenn Erregung vorhanden ist. Sie ist aber auch ohne Erregung fühlbar.

Ich spreche gerne von Liebesenergie, die auch sexuelle Energie umfasst. Das heißt es geht hier um die Verbindung von Herzensraum (das anatomische Herz, das Herzchakra und die Brust und Brüste) und Beckenraum.

In meinem Unterricht können alle Übungen Frauen mit Männern, Frauen mit Frauen und Männer mit Männern machen. Letztlich geht es für den einzelnen darum, Shiva (Bewusstsein, Männliches) und Shakti (Energie, Weibliches) in einem zu werden.

Im Tantra wird der menschliche Körper als Mikrokosmos gesehen, der dem Makrokosmos ähnlich ist und mit dem Makrokosmos verbunden ist. So ist es möglich, dass Energie von der Erde über Füße, Beine und Becken nach oben aufsteigt bis in den Kopf und darüber hinaus und vom Kosmos in den Kopf und durch den Körper nach unten ins Becken strömt und darüber hinaus.

Im Tantra üben und spüren wir Energieströme und Energie- und Atemkreislaufe in unserem Körper und in Verbindung und Austausch mit einem anderen Menschen.

 „Der Raum ist der Partner, der immer da ist“ sagtest Du in einem Radiointerview. Was meinst Du damit?

Wichtig ist zunächst das Spüren des Raumes um dich und das Berühren des Raumes und vom Raum Berührt werden. Letztlich geht es bei Tantra um das Einswerden mit dem Raum und dem Kosmos.

Vermitteln möchte ich vor allem eine dem Moment tatsächlich entsprechende Begegnung zwischen Menschen, ein Auf Einander Hören. Nimm deine Innerlichkeit (d.h.Organe, Flüssigkeiten, Energien und Emotionen) wahr und lass dich auf Basis dessen den Raum um dich spüren und die Innerlichkeiten der anderen. Wenn das Einander Berühren auf einem Einander Zuhören basiert, instrumentalisieren wir einander nicht, sondern sind offen für das, was tatsächlich zwischen uns ist.

Wie kann man sich eine tantrische Meditation vorstellen, wie eine tantrische Massage? Ist man bei beidem nackt?

Je nach tantrischer Schule und Tradition gibt es unterschiedliche Formen von Sadhana, also Praxis oder Übung von Techniken. Basal ist immer eine Atempraxis und ein bewusstes Wahrnehmen und Lenken deiner Liebesenergie. Nacktheit braucht es dafür nicht.

Bei tantrischer Körperarbeit begleite ich mit all meiner Aufmerksamkeit deinen Prozess und setze Impulse durch Berührung; es geht um dich und du kannst dich ganz in deiner Energie erfahren. Eine tantrische Körperarbeit Session beginnt bekleidet und führt in der Regel in die Nacktheit, da es um eine ganzkörperliche Erfahrung geht.

Welche Gründe siehst Du dafür, dass manche (viele?) Menschen ihre sexuelle Energie nicht ausleben? Und wozu führt eine unterdrückte oder nicht ausgelebte sexuelle Energie?

Alles, was sich ausdrücken möchte, aber nicht gelebt werden kann, erzeugt wohl Druck in der Psyche, jedenfalls sieht die Psychoanalyse das so.

Der bewusste Umgang mit unserer Liebesenergie und unserer sexuellen Energie ist in der westlichen Kultur nicht tradiert. Sexualität ist durch das Wirken der christlichen Kirche noch immer mit negativen Implikationen behaftet.
Einerseits ist unsere Kultur in ihrer Bilderwelt oversexed andererseits wird der Körper auch in der Sexualität oft funktionalisiert. Daher wäre eben für die Menschen in der westlich abendländisch geprägten Kultur alles, was das unmittelbare, nicht wertende Spüren des Körpers und das Vertrauen auf den Körper unterstützt, sehr wichtig.

Das Vertrauen auf deinen Körper, befreit von jeglichen Leistungsanspruchen, ermöglicht es, dich in deiner Sexualität unmittelbar zu erfahren. Leistungsdenken in puncto äußerliche Schönheit des Körpers, Erektion, Dauer der Erektion und Orgasmus kann das reine Genießen des Körpers im Empfinden von Lust sehr mindern.

Unter der Prämisse zum Wohle aller Wesen ist das Bewusstmachen und Leben sexueller Wünsche und Phantasien wichtig.

Tantrische Praxen bringen einen bewußten Umgang mit sexueller  Energie und bewusstes Lenken von sexueller Energie mit sich. Entscheidend ist, dass die sexuelle Energie verbunden mit der Herzensenergie als Liebesenergie erfahrbar werden. Wenn das nicht der Fall ist, wird das Sexuelle abgespalten und du kannst kaum tiefe Zufriedenheit in deinem Sexualleben erfahren.

Welche Rolle spielt Sex in der Spiritualität und der Persönlichkeitsentwicklung?

In tantrischen spirituellen Schulen spielt die sexuelle Energie verbunden mit der Herzensenergie als Liebesenergie eine wichtige Rolle. Du erfährst das Göttliche in dir, immanent und transzendent zugleich. Du kannst damit den Weg der Befreiung von den Einschränkungen, die das Ego mit sich bringt, gehen.

Ich würde sagen, dass du auch ohne Sex Erleuchtung erfahren kannst, aber Sex, Familie und Beruf stehen in tantrischen Schulen per se nicht im Widerspruch zu einem spirituellen Weg, sondern machen diesen realitätsverbunden.

Das Leben von Sex ist entscheidend, um dich als Mann, Frau oder Transgender zu erfahren. So erlebst du, wen du begehrst und wen nicht. Du erfährst, wie du dich als Frau, Mann oder Transgender inszenierst. Du spürst, wie hingebungsvoll du sein kannst. Und du erlebst, ob im Sex aufeinander gehört wird, miteinander gespielt wird oder aber du und dein/e PartnerIn/Innen einander instrumentalisieren. In diesem Sinne ist Sex sehr wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung.

Wo können die Leser mehr über Dich erfahren?

Mehr über mich erfährt frau/man unter www.tantrischekoerperarbeit.at.

Sehr wichtig ist mir 2013 das Tanz&Tantra Jahrestraining, das ich gemeinsam mit dem Musiker Günter Touschek leite. In zehn Wochenenden lernst du Praxen aus dem Kundalini Yoga, tantrische Meditation, Tanzmeditation, Tanzimprovisation, Contact Improvisation aus tantrischer Sicht, Berührungsqualitäten, Grundprinzipien von Körperarbeit.

Herzlichen Dank!


 

 

Photo (oben): Cornelia Kopp

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