Eine Veranstaltung voll mit Menschen kann schlimmer verkatern als eine Flasche voll mit Wodka.

Wenn man zu den Introvertierten gehört.

Überall Gesichter mit Mündern, aus denen Worte fallen und Staunen, oh, aha, Waaahnsinn. Und Augen, die durch den Raum rollen und auch irgendwas sagen wollen zwischen Scheiße-bin-ich-cool und Bitte-beachte-mich. Und so viel Energie, überall … nur in einem selbst nicht, dort wird sie weniger und weniger und weniger, als würde die Umgebung alles aus einem raussaugen, bis auf Haut und Knochen und das tolle Outfit, das man sich überlegt hatte, und dann steht man da, checkt irgendwie gar nichts mehr, nur, dass einem alles zu viel ist, viel zu viel. Schädel dröhnt, Ohren klingeln, Akkus leer.

Genauso ging es Shawna Courter vom Blog Introvert, Dear. Shawna war zur Hochzeit einer guten Freundin eingeladen mit mehrtätigem Vorprogramm. Als dann, nach einer Überdosis sozialem Austausch, die eigentliche Hochzeitsfeier begann, ging es ihr so:

„Nach wenigen Stunden konnte ich es einfach nicht mehr ertragen. Ich machte mich aus dem Staub wie ein Dieb, schlich herum auf der Suche nach einem Ort, an dem’s still war. Ich kam an einem halbdunklen Raum vorbei und sah meinen Schwager dort sitzen, allein, wie er aus dem Fenster schaute. Ich wusste, dass auch er introvertiert ist und dachte: Okay, das ist die beste Möglichkeit, dem Ganzen für eine Weile zu entkommen. Ich setze mich hin, legte meine Arme um meine Knie. Und hoffte, dass sich mein Schwager nicht allzu gestört fühlte. Dann kamen meine Gedanken ein bisschen zur Ruhe, entfernten sich vom rauen Gelächter da unten, ich atmete tief und spürte die Anspannung weichen. Irgendwann kam mein Mann nach mir schauen und lachte, als er uns zwei  da so zurückgezogen hocken sah.

Ich konnte nicht mehr und wollte nicht mehr auf dieser Feier sein, nicht zum Tanzen und nicht zum Karaoke (sorry!). Ich hab noch nicht mal der Braut gratuliert (sorry!!). Ich war einfach fertig, fuhr in mein Hotel, las ein Buch und ging später noch eine Runde spazieren. Vor einigen Jahren hätte ich mich unendlich dafür geschämt und schuldig gefühlt – inzwischen kann ich mir das erlauben. Das Buch und die Zeit allein haben mir so gut getan, dass ich nicht das Gefühl hatte, etwas zu verpassen.“

Woher der soziale Kater kommt

Introvertierte verfügen über eine begrenzte Energie für Geselligkeit. Beziehungsweise: Ihre Energie ist schneller weg. Denn ein introvertiertes Gehirn wird vom sozialen Austausch viel stärker stimuliert als das eines Extravertierten (oder Ambivertierten – jene zwischen Intro- und Extravertierten). Es benötigt weniger Dopamin, um stark angeregt zu sein.

So kommt es rasch zur Überstimulation mit körperlichen und mentalen Symptomen von Schwitzen bis Hyperventilieren, von Kopfschmerzen bis Müdigkeit, vor allem aber kommt die Empfindung, dass das Hirn dicht macht und alles plötzlich wie ein Tunnel zusammenschrumpft. Überforderung. Unmöglich, anderen dann noch zuzuhören, geschweige denn, „angemessen“ zu reagieren.

Wie beim Nervengift Alkohol machen dann die Synapsen einfach schlapp.

Das einzige Mittel, das wirklich hilft

… ist genau das, was Shawna gemacht hat. Dasselbe, was man tun sollte, wenn man bereits zu viel getrunken hat: aufhören. Gehen. Ausruhen.

Auch, wenn andere den Kopf darüber schütteln: „Entspann Dich doch mal n bisschen und genieß die Party, sei doch nicht so!“ Okay, dann sei Du nicht 1,75 Meter groß und kurzsichtig, Mann. So funktioniert das eben nicht. Introversion ist nichts, was sich jemand aussucht, und nichts, das man ändern kann.

Was ein Introvertierter benötigt, ist Akzeptanz. Zuerst mal von und für sich selbst. Die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und annehmen und ernst nehmen, bevor der Kater kommt. Und somit immer wieder die Frage: Wie geht’s mir gerade und was brauche ich?

P.S.: Besonders heftig wird der Kater, wenn man zusätzlich noch hochsensibel ist, siehe 23 Anzeichen, dass Du hochsensibel bist. Siehe auch: Diese einfache Übung stärkt Dein Gehirn und macht Dich gelassener.

Photo: Álvaro Canivell