|24. November 2012 12:42

5 Gründe, anders zu sein (Kleines Manifest der Nicht-Normalen)

Was wir «normal» nennen, ist ein Produkt von Verdrängung, Verleugnung, Isolierung, Projektion, Introjektion und anderen Formen destruktiver Aktion gegen die Erfahrung.
- Ronald D. Laing

Fühlst Du Dich manchmal wie ein Alien unter Menschen oder ein Mensch unter Aliens, wenn Du im Büro sitzt und Deine Kollegen betrachtest, durch die Stadt gehst und die Hektik regiert, am viel zu frühen Morgen in der U-Bahn oder im Bus sitzt und Leute wie Roboter auf festgesurrten Bahnen bewegt zu werden scheinen? Hast Du dann den Eindruck, dass mit Dir oder der Welt etwas nicht stimmt? Oder wirst Du von der Ahnung verfolgt, Dein Leben könnte viel mehr sein als das, was es gerade ist?

Dann ist dieser Text für Dich.

Willkommen beim kleinen Manifest der Nicht-Normalen.

Die Abartigkeit des Normalen

Wir alle haben das Bedürfnis, anders zu sein, etwas Besonderes, speziell und interessant. Einzigartig. Das ist normal. Und es heißt leider nicht, dass wir uns auch so einzigartig verhalten, wie wir uns fühlen oder fühlen wollen.

Oft funktionieren wir wie Schäfchen in der Herde, die von ein paar wenigen Wölfen regiert und von der Masse umgesetzt werden. Wir machen eine Ausbildung oder studieren, weil es die Wölfe sagen und die anderen Schafe auch so machen. Wir schauen jeden Abend für mehr Stunden in den Fernseher, als wir uns bewusst machen wollen. Wir essen bei McDonalds, saufen am Feierabend, nehmen an hunderten überflüssigen Meetings teil, sind immer erreichbar und immer auf der Jagd nach dem nächstgrößeren Auto, der geileren Wohnung, dem angeseheneren Job. Wir zahlen Geld in eine Rentenkasse, das wir nie wieder sehen werden. Kleiden uns unauffällig (oder scheinbar auffällig, wenn das gerade Mode ist und alle machen, sodass es wieder unauffällig ist). Gehen ins Fitnessstudio oder träumen zumindest täglich davon, den gerade angesagten Körpermaßen zu entsprechen. Weil es die Wölfe sagen und die anderen Schafe auch so machen.

Wir versuchen mit aller Kraft, so normal wie möglich zu sein, wollen dadurch weniger angreifbar oder einsam sein. Dabei haben wir immer den wolligen Arsch des nächsten Schafs im Gesicht, der uns die Sicht auf die Freiheit und Lebendigkeit versperrt und zu unserem Horizont wird.

Der Preis der Normalität ist allerdings hoch. Abartig hoch.

Wir verschenken Jahre oder Jahrzehnte unseres kurzen Lebens, um in die Schafsherde zu passen. Und liegen am Ende womöglich vom „normalen“ Leben geschoren voller Trauer und Reue im Sterbebett, ohne unsere wirkliche Einzigartigkeit jenseits von Trends, Bewegungen, Mode und dem Kontostand je ausgelebt zu haben.

Das ist genauso verrückt, wie es nachvollziehbar ist. Die meisten von uns werden als Schafe geboren, davon kann ich mich nicht ausnehmen. Schon in den ersten Lebensmonaten, später als Kleinkind, im Kindergarten, in der Schule, n der Arbeit, unter Verwandten und überhaupt immer und überall werden alle unsere Impulse zur Nicht-Normalität mit Ablehnung und anderen Strafen getadelt. Bäumen wir uns auf, ragt unser Kopf auch nur kurz aus der Herde heraus, werden Wölfe und andere Schafe versuchen, uns mit der Machete der Norm wieder einen Kopf kleiner zu machen.

Trotzdem gibt es die Chance, aus der Herde auszubrechen in die Freiheit und unberührte Wiesen voll frischem, grünen, duftigem Gras genießen zu können. Diese Chance beginnt im Kopf.

Der erste Schritt zur Befreiung aus der Herde ist es sich bewusst zu machen, was so großartig daran ist, nicht normal zu sein.

5 Gründe, nicht normal zu sein

Nicht normal zu sein kann ein Schlüssel zu mehr Glück und Lebendigkeit sein. Dafür gibt es reichlich Gründe.

1. Nicht normal sein macht gesund

Wenn unser Innenleben nicht zum Außenleben passt werden wir krank. Das gilt für Gefühle, die man unterdrückt und nicht nach Außen dringen lassen will genauso wie für Lebensumstände. Ein Künstler wird im Großraumbüro verrückt werden, ein Bauer als Beamter, ein Beamter als Künstler.

Abhängigkeit von Medikamenten und Alkohol, Depressionen und Burn-outs und die mit Stress verbundenen körperlichen Erkrankungen wie Herzinfarkte treffen meistens jene, die sich verneinen und am falschen Ort oder über ihr Maß hinaus verausgaben.

Es ist der Druck zur Normalität, der uns Gefühle und Bedürfnisse unterdrücken lässt und die falsche Scham und die Furcht, die damit einhergeht, das zu sein, was wir sind und das zu tun, was wir tun wollen.

Beginnen wir, nicht mehr in erster Linie normal – sondern wir selbst – sein zu wollen, wird etwas in uns heil. Viele ehemalige Krebspatienten berichten davon, dass sie sich durch die Krankheit selbst kennen und lieben gelernt haben und erst seitdem so leben, wie es für sie richtig ist.

2. Nicht normal sein macht kreativ

Wo bleibt die Kreativität auf einem festen, gegebenen, normierten Weg?

Wer ist wohl kreativer und glücklicher? Der Vogel, der sich in allen Dimensionen bewegen kann, oder der Zug auf der Schiene, die man für ihn ausgewählt hat?

Sobald wir den normalen Weg und das normale Verhalten hinterfragen, müssen wir kreativ werden, eigene bunte Lösungen suchen statt den alten grauen zu folgen.

Albert Einstein erschuf die Relativitätstheorie, die die Wissenschaft auf den Kopf stellte, indem er alles bisherige zur Seite schob und sich vorstellte, auf einem Lichtstrahl durchs Universum zu reiten.

3. Nicht normal sein ist ein Abenteuer

Das Schaf, das in die Freiheit aufbricht, wird sein lebendiges Herz klopfen spüren.

Es bedarf Mut, anders zu sein und zu leben.

Doch der Mut wird belohnt werden.

Das Schaf sieht, hört und schmeckt die Freiheit. Es wird andere einzigartige Schafe kennen lernen. Es wird seinen Freunden, Kindern und Enkelkindern von Abenteuern berichten können, von gewonnen und verlorenen Kämpfen … in jedem Fall aber von Kämpfen, die die Herdenschafe höchstens aus dem Fernsehen kennen.

Von welchen Abenteuern würdest Du am Ende Deines Lebens erzählen wollen? Von denen der Kinoleinwand oder der Zeitung – oder von Deinen eigenen?

4. Nicht normal sein macht erfolgreich

Nur der kann Außergewöhnliches erreichen, der Außergewöhnliches tut. Klar kannst Du hin und wieder dem Schaf vor Dir ins Bein beißen oder etwas Gutes tun, wenn Du in der Herde bleibst.

Aber wie viel könntest Du schaffen – für Dich und Deine Mitmenschen – wenn Du ausbrichst, Deinen Träumen folgst und Dich nicht mehr dadurch beschränken lässt, was alle anderen tun?

5. Nicht normal sein inspiriert andere Menschen

Es sind die großen und kleinen Abenteurer, die Weltenbummler und Ideenreisenden, die uns zeigen, dass das Leben mehr sein könnte als der Weg zur Arbeit, die Arbeit, der Weg zurück und die anderen täglichen Verpflichtungen, die sich seit Jahren wiederholen.

Was gibt es schöneres, als einen Menschen dazu zu inspirieren, er selbst zu sein und seine eigenen Abenteuer zu erleben?

 

Photo: Phillip Capper

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16 Kommentare

  • Die Passage mit dem “wolligen Arsch des nächsten Schafs im Gesicht” ist super!! Ich hab so lachen müssen, ein herrliches Bild! Und wahr dazu! Vielen Dank für diesen Text und diese Inspiration!!!

    • Hi Dila, danke für Deine Worte – freue mich, dass Dir der Text gefallen hatte und Dich sogar zum Lachen bringen konnte! Liebe Grüße, Tim

  • Danke für den Text. Aber für mich war es auch wichtig, das ich gelernt habe, als Mensch einfach DAZUZUGEHÖREN. Anders sein wollen, kann auch zum Zwang ausarten.
    Menschlich sien, wie jeder andere auch, ist wichtig, finde ich!

    Einfach mitschwinggen mit den Anderen und ihre Knüffe und manipulationen, das man es wie sie machen soll, ignorieren.

    • Hi Claudia, vielen Dank für Deinen Kommenentar – das ist ein sehr guter Punkt, den ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann! Die Abgrenzung kann wirklich zur Falle werden, zu einer Ego-Sache, die einen von Allem trennt, was schön ist und in die Einsamkeit verbannt. LG Tim

  • Ein schöner Artikel und ein sehr interessanter Kommentar von Claudia.
    Ich habe mich sehr lange damit beschäftigt, da ich schon seit meiner Kindheit das Gefühl habe, irgendwie anders zu sein und selbiges irgendwann auch kultiviert habe.

    Hier mal meine Sicht dazu:
    Dazugehören, tuen wir alle, in den Dingen, die uns zu Menschen machen, insbesondere durch unsere Emotionen.
    Das einzige, was uns wirklich das Gefühl von Trennung verleiht, sind durch kognitive Aktivität geschaffene Werte und Institutionen als Grundgerüst dessen, was die “Gesellschaft” ausmacht.

    Die Erkenntnis, daß wir eigentlich alle eins sind, nicht nur mit unseren Mitmenschen, sondern mit der gesamten Natur die uns umgibt und daß all die Konventionen und Regeln und Sitten und Gebräuche und Denkmuster nur eine manchmal sinnvolle, meistens aber völlig nutzlose Illusion sind, ist eine Form von “Erleuchtung”.

  • Guten Tag, ich bin neu hier und möchte mich kurz vorstellen: Ich habe die Kirstin bei Wirklichkeitsvisionen kennengelernt, leider nur virtuell, wo ich unter Herbert geschrieben hatte. In MM-News hatte ich jahrelang unter Krampus geschrieben und in Schall-und-Rauch unter meinem jetzigen Namen Haniel, das ist ein besonderer Engel.
    Ich finde den Artikel von Tim sehr gut, er spricht mir aus dem Herzen und aus dem Verstand. Ich selbst bin stolz darauf, bereits mit drei Jahren erfolgreich den Kindergarten verweigert zu haben, und später den Kriegsdienst, was allerdings damals einen Zivilprozess bedeutete, den ich aber gewonnen hatte. Ich war nie systemkonform, und habe dabei als Freiberufler seit fast 35 Jahren großen Erfolg. Und wenn ich heute in meine technisch-wissenschaftliche Tätigkeit meine Engel einbinde, dann falle ich wohl völlig aus dem Rahmen. Darauf bin ich stolz, denn ich weiß genau, was ich tue. Wissen es die anderen Schafe auch?
    Liebe Grüße an Kirstin!

    • Hallo Haniel, willkommen! :) Ist schön zu lesen, dass Du Deinen Weg so erfolgreich gegangen bist! Wünsche Dir weiterhin viel Selbstentfaltung und Freude! LG Tim

  • Hallo,
    wirklich ein super Beitrag mal wieder, ich finde es msehr gut, dass wir jetzt von allen Seiten ermutigt werden zum nicht-normal-Sein. Ich selbst war es nie und wollte es auch nicht sein, und hatte dennoch im Inneren sehr viel Selbstverurteilung deswegen. Jetzt erlebe ich all diese Beiträge in dieser Richtung als äusserst heilsam in Bezug auf Selbstannahme, Selbstliebe.
    LG Petra

    • Hi Petra,

      kenn’ ich selbst auch gut, was Du über Dich schreibst. Schön, dass Dir auch meine Texte gut tun!

      LG

      Tim

  • Also die Wölfe …

    Hehe, alle 5 Punkte sind fein und ich bin seit geraumer Zeit dabei, mich auszuwildern. Über 50 Jahre System lassen sich nicht so leicht abschütteln. Die Gefahr liegt darin, dieses Projekt genau so zu betreiben, wie alles vorher auch: Programmatisch und hektisch und zuviel zur gleichen Zeit.
    Unabhängigkeit von Menschen bei gleichzeitiger Nähe und Empathie? Puh. Und dann …

    … ach so, die Wölfe. Ich bin Schriftsteller und weiß, das jede Metapher eine Grenze hat. Das Wolfsrudel mit seiner sozialen Struktur und Aufgabenteilung hat mich immer fasziniert. Ein Votum für die richtigen Wölfe. Okay. Aber das nur, weil es mehr als nur Zufall ist, dass sich diese Tiere in Europa wieder einfinden. Es ist ein Bild, ein Hinweis und ein Einladung.

    Konkrete Frage an die Gemeinschaft hier: Hat jemand Erfahrungen mit dem Thema “Unabhängig von Harz IV?” Ich werde als Freiberufler noch bezuschusst und es ist wie ein Mühlstein um den Hals. Immer wenn es gut läuft, kommt aus der Ecke irgend eine kontraproduktive “Willkür” oder “Maßnahme”. Ich denke Geld ist ein sehr zentrales Thema, oder besser die Frage, wie ich es “denke”.

    Lieben Gruß aus dem Norden

    Stefan

    • Hi Stefan,

      danke für Deine Gedanken – und auch für die sehr interessante Bermerkung zu den Wölfen, die hier wieder Einzug erhalten.

      Mit dem Harz IV-Thema kann ich Dir leider nicht helfen – kann mir nur vorstellen, dass es wirklich nervt wie Sau, wenn ständig jemand angeschissen kommt und Dich mit Unsinn ablenkt.

      Vielleicht gibt’s ja andere hier, die damit auch Erfahrungen haben?

      LG – und weiterhin viel Erfolg auf Deinem Weg!

      Tim

  • Mein Thema, ganz vielen lieben Dank dafür! :-)
    Habe schon als Kind gegen Normen und Anpassung rebelliert, weiß was ich will und trage es im Herzen, doch die Realität sieht oft anders aus.
    Den Text von Stefan finde ich gut, so gehts mir nämlich auch.
    Zu oft geht es trotzdem um das Geld, um etwas auf die Beine stellen zu können, es happert dann auch am Umsetzen. Leider ist das nicht so einfach, aber ich gebe mir Mühe, mein Leben zu leben und es umzusetzen.
    Selbstliebe, was für ein großes, wundervolles Theama und doch auch ein Prozeß!!!
    GLG Edith

    • Hi Edith,

      dankeschön! :)

      Absolut: Geld spielt eine Rolle. Eine wichtige. Aber es ist nur selten ein wirkliches KO-Kriterium, an dem man schon von vornherein scheitern muss. Wie ja auch immer mehr Leute zeigen. Ne Baumaschinenfirma macht man ohne Startkapital halt nicht auf, aber Freiberuflichkeiten wie Schreiben und Dienstleistungen verschiedenster Art sind da schon in Griffweite oder zumindest sichtbar, wenn man nicht auf einem dicken Konto sitzt.

      LG

      Tim

  • Ob das normal ist, wenn ich denke, ich sollte nicht normal sein? Und was ist schon normal? So manches soll auch als Alibi herhalten und dahinter ist oft einfach nur Unwillen und Trotz.

    Vielleicht sollte ich einfach gesund sein und zufrieden und dann noch authentisch. Dann folgt wohl auch Wertschätzung Dankbarkeit.

  • Hammer, Tim. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel Zeit hier auf deinem Blog verbringe…sonst gibt´s bei mir nämlich bald nichts mehr zu lesen ;)

    • Danke Ben für die Blumen! Und jetzt geht’s wieder ran an die Arbeit! ;) Schönen Tag wünsch ich Dir. LG Tim

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