|24. November 2012 12:42

5 Gründe, anders zu sein (Kleines Manifest der Nicht-Normalen)

Was wir «normal» nennen, ist ein Produkt von Verdrängung, Verleugnung, Isolierung, Projektion, Introjektion und anderen Formen destruktiver Aktion gegen die Erfahrung.
- Ronald D. Laing

Fühlst Du Dich manchmal wie ein Alien unter Menschen oder ein Mensch unter Aliens, wenn Du im Büro sitzt und Deine Kollegen betrachtest, durch die Stadt gehst und die Hektik regiert, am viel zu frühen Morgen in der U-Bahn oder im Bus sitzt und Leute wie Roboter auf festgesurrten Bahnen bewegt zu werden scheinen? Hast Du dann den Eindruck, dass mit Dir oder der Welt etwas nicht stimmt? Oder wirst Du von der Ahnung verfolgt, Dein Leben könnte viel mehr sein als das, was es gerade ist?

Dann ist dieser Text für Dich.

Willkommen beim kleinen Manifest der Nicht-Normalen.

Die Abartigkeit des Normalen

Wir alle haben das Bedürfnis, anders zu sein, etwas Besonderes, speziell und interessant. Einzigartig. Das ist normal. Und es heißt leider nicht, dass wir uns auch so einzigartig verhalten, wie wir uns fühlen oder fühlen wollen.

Oft funktionieren wir wie Schäfchen in der Herde, die von ein paar wenigen Wölfen regiert und von der Masse umgesetzt werden. Wir machen eine Ausbildung oder studieren, weil es die Wölfe sagen und die anderen Schafe auch so machen. Wir schauen jeden Abend für mehr Stunden in den Fernseher, als wir uns bewusst machen wollen. Wir essen bei McDonalds, saufen am Feierabend, nehmen an hunderten überflüssigen Meetings teil, sind immer erreichbar und immer auf der Jagd nach dem nächstgrößeren Auto, der geileren Wohnung, dem angeseheneren Job. Wir zahlen Geld in eine Rentenkasse, das wir nie wieder sehen werden. Kleiden uns unauffällig (oder scheinbar auffällig, wenn das gerade Mode ist und alle machen, sodass es wieder unauffällig ist). Gehen ins Fitnessstudio oder träumen zumindest täglich davon, den gerade angesagten Körpermaßen zu entsprechen. Weil es die Wölfe sagen und die anderen Schafe auch so machen.

Wir versuchen mit aller Kraft, so normal wie möglich zu sein, wollen dadurch weniger angreifbar oder einsam sein. Dabei haben wir immer den wolligen Arsch des nächsten Schafs im Gesicht, der uns die Sicht auf die Freiheit und Lebendigkeit versperrt und zu unserem Horizont wird.

Der Preis der Normalität ist allerdings hoch. Abartig hoch.

Wir verschenken Jahre oder Jahrzehnte unseres kurzen Lebens, um in die Schafsherde zu passen. Und liegen am Ende womöglich vom „normalen“ Leben geschoren voller Trauer und Reue im Sterbebett, ohne unsere wirkliche Einzigartigkeit jenseits von Trends, Bewegungen, Mode und dem Kontostand je ausgelebt zu haben.

Das ist genauso verrückt, wie es nachvollziehbar ist. Die meisten von uns werden als Schafe geboren, davon kann ich mich nicht ausnehmen. Schon in den ersten Lebensmonaten, später als Kleinkind, im Kindergarten, in der Schule, n der Arbeit, unter Verwandten und überhaupt immer und überall werden alle unsere Impulse zur Nicht-Normalität mit Ablehnung und anderen Strafen getadelt. Bäumen wir uns auf, ragt unser Kopf auch nur kurz aus der Herde heraus, werden Wölfe und andere Schafe versuchen, uns mit der Machete der Norm wieder einen Kopf kleiner zu machen.

Trotzdem gibt es die Chance, aus der Herde auszubrechen in die Freiheit und unberührte Wiesen voll frischem, grünen, duftigem Gras genießen zu können. Diese Chance beginnt im Kopf.

Der erste Schritt zur Befreiung aus der Herde ist es sich bewusst zu machen, was so großartig daran ist, nicht normal zu sein.

5 Gründe, nicht normal zu sein

Nicht normal zu sein kann ein Schlüssel zu mehr Glück und Lebendigkeit sein. Dafür gibt es reichlich Gründe.

1. Nicht normal sein macht gesund

Wenn unser Innenleben nicht zum Außenleben passt werden wir krank. Das gilt für Gefühle, die man unterdrückt und nicht nach Außen dringen lassen will genauso wie für Lebensumstände. Ein Künstler wird im Großraumbüro verrückt werden, ein Bauer als Beamter, ein Beamter als Künstler.

Abhängigkeit von Medikamenten und Alkohol, Depressionen und Burn-outs und die mit Stress verbundenen körperlichen Erkrankungen wie Herzinfarkte treffen meistens jene, die sich verneinen und am falschen Ort oder über ihr Maß hinaus verausgaben.

Es ist der Druck zur Normalität, der uns Gefühle und Bedürfnisse unterdrücken lässt und die falsche Scham und die Furcht, die damit einhergeht, das zu sein, was wir sind und das zu tun, was wir tun wollen.

Beginnen wir, nicht mehr in erster Linie normal – sondern wir selbst – sein zu wollen, wird etwas in uns heil. Viele ehemalige Krebspatienten berichten davon, dass sie sich durch die Krankheit selbst kennen und lieben gelernt haben und erst seitdem so leben, wie es für sie richtig ist.

2. Nicht normal sein macht kreativ

Wo bleibt die Kreativität auf einem festen, gegebenen, normierten Weg?

Wer ist wohl kreativer und glücklicher? Der Vogel, der sich in allen Dimensionen bewegen kann, oder der Zug auf der Schiene, die man für ihn ausgewählt hat?

Sobald wir den normalen Weg und das normale Verhalten hinterfragen, müssen wir kreativ werden, eigene bunte Lösungen suchen statt den alten grauen zu folgen.

Albert Einstein erschuf die Relativitätstheorie, die die Wissenschaft auf den Kopf stellte, indem er alles bisherige zur Seite schob und sich vorstellte, auf einem Lichtstrahl durchs Universum zu reiten.

3. Nicht normal sein ist ein Abenteuer

Das Schaf, das in die Freiheit aufbricht, wird sein lebendiges Herz klopfen spüren.

Es bedarf Mut, anders zu sein und zu leben.

Doch der Mut wird belohnt werden.

Das Schaf sieht, hört und schmeckt die Freiheit. Es wird andere einzigartige Schafe kennen lernen. Es wird seinen Freunden, Kindern und Enkelkindern von Abenteuern berichten können, von gewonnen und verlorenen Kämpfen … in jedem Fall aber von Kämpfen, die die Herdenschafe höchstens aus dem Fernsehen kennen.

Von welchen Abenteuern würdest Du am Ende Deines Lebens erzählen wollen? Von denen der Kinoleinwand oder der Zeitung – oder von Deinen eigenen?

4. Nicht normal sein macht erfolgreich

Nur der kann Außergewöhnliches erreichen, der Außergewöhnliches tut. Klar kannst Du hin und wieder dem Schaf vor Dir ins Bein beißen oder etwas Gutes tun, wenn Du in der Herde bleibst.

Aber wie viel könntest Du schaffen – für Dich und Deine Mitmenschen – wenn Du ausbrichst, Deinen Träumen folgst und Dich nicht mehr dadurch beschränken lässt, was alle anderen tun?

5. Nicht normal sein inspiriert andere Menschen

Es sind die großen und kleinen Abenteurer, die Weltenbummler und Ideenreisenden, die uns zeigen, dass das Leben mehr sein könnte als der Weg zur Arbeit, die Arbeit, der Weg zurück und die anderen täglichen Verpflichtungen, die sich seit Jahren wiederholen.

Was gibt es schöneres, als einen Menschen dazu zu inspirieren, er selbst zu sein und seine eigenen Abenteuer zu erleben?

 

Photo: Phillip Capper

21 Kommentare

  • Die Passage mit dem “wolligen Arsch des nächsten Schafs im Gesicht” ist super!! Ich hab so lachen müssen, ein herrliches Bild! Und wahr dazu! Vielen Dank für diesen Text und diese Inspiration!!!

    • Hi Dila, danke für Deine Worte – freue mich, dass Dir der Text gefallen hatte und Dich sogar zum Lachen bringen konnte! Liebe Grüße, Tim

  • Danke für den Text. Aber für mich war es auch wichtig, das ich gelernt habe, als Mensch einfach DAZUZUGEHÖREN. Anders sein wollen, kann auch zum Zwang ausarten.
    Menschlich sien, wie jeder andere auch, ist wichtig, finde ich!

    Einfach mitschwinggen mit den Anderen und ihre Knüffe und manipulationen, das man es wie sie machen soll, ignorieren.

    • Hi Claudia, vielen Dank für Deinen Kommenentar – das ist ein sehr guter Punkt, den ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann! Die Abgrenzung kann wirklich zur Falle werden, zu einer Ego-Sache, die einen von Allem trennt, was schön ist und in die Einsamkeit verbannt. LG Tim

  • Ein schöner Artikel und ein sehr interessanter Kommentar von Claudia.
    Ich habe mich sehr lange damit beschäftigt, da ich schon seit meiner Kindheit das Gefühl habe, irgendwie anders zu sein und selbiges irgendwann auch kultiviert habe.

    Hier mal meine Sicht dazu:
    Dazugehören, tuen wir alle, in den Dingen, die uns zu Menschen machen, insbesondere durch unsere Emotionen.
    Das einzige, was uns wirklich das Gefühl von Trennung verleiht, sind durch kognitive Aktivität geschaffene Werte und Institutionen als Grundgerüst dessen, was die “Gesellschaft” ausmacht.

    Die Erkenntnis, daß wir eigentlich alle eins sind, nicht nur mit unseren Mitmenschen, sondern mit der gesamten Natur die uns umgibt und daß all die Konventionen und Regeln und Sitten und Gebräuche und Denkmuster nur eine manchmal sinnvolle, meistens aber völlig nutzlose Illusion sind, ist eine Form von “Erleuchtung”.

  • Guten Tag, ich bin neu hier und möchte mich kurz vorstellen: Ich habe die Kirstin bei Wirklichkeitsvisionen kennengelernt, leider nur virtuell, wo ich unter Herbert geschrieben hatte. In MM-News hatte ich jahrelang unter Krampus geschrieben und in Schall-und-Rauch unter meinem jetzigen Namen Haniel, das ist ein besonderer Engel.
    Ich finde den Artikel von Tim sehr gut, er spricht mir aus dem Herzen und aus dem Verstand. Ich selbst bin stolz darauf, bereits mit drei Jahren erfolgreich den Kindergarten verweigert zu haben, und später den Kriegsdienst, was allerdings damals einen Zivilprozess bedeutete, den ich aber gewonnen hatte. Ich war nie systemkonform, und habe dabei als Freiberufler seit fast 35 Jahren großen Erfolg. Und wenn ich heute in meine technisch-wissenschaftliche Tätigkeit meine Engel einbinde, dann falle ich wohl völlig aus dem Rahmen. Darauf bin ich stolz, denn ich weiß genau, was ich tue. Wissen es die anderen Schafe auch?
    Liebe Grüße an Kirstin!

    • Hallo Haniel, willkommen! :) Ist schön zu lesen, dass Du Deinen Weg so erfolgreich gegangen bist! Wünsche Dir weiterhin viel Selbstentfaltung und Freude! LG Tim

  • Hallo,
    wirklich ein super Beitrag mal wieder, ich finde es msehr gut, dass wir jetzt von allen Seiten ermutigt werden zum nicht-normal-Sein. Ich selbst war es nie und wollte es auch nicht sein, und hatte dennoch im Inneren sehr viel Selbstverurteilung deswegen. Jetzt erlebe ich all diese Beiträge in dieser Richtung als äusserst heilsam in Bezug auf Selbstannahme, Selbstliebe.
    LG Petra

    • Hi Petra,

      kenn’ ich selbst auch gut, was Du über Dich schreibst. Schön, dass Dir auch meine Texte gut tun!

      LG

      Tim

  • Also die Wölfe …

    Hehe, alle 5 Punkte sind fein und ich bin seit geraumer Zeit dabei, mich auszuwildern. Über 50 Jahre System lassen sich nicht so leicht abschütteln. Die Gefahr liegt darin, dieses Projekt genau so zu betreiben, wie alles vorher auch: Programmatisch und hektisch und zuviel zur gleichen Zeit.
    Unabhängigkeit von Menschen bei gleichzeitiger Nähe und Empathie? Puh. Und dann …

    … ach so, die Wölfe. Ich bin Schriftsteller und weiß, das jede Metapher eine Grenze hat. Das Wolfsrudel mit seiner sozialen Struktur und Aufgabenteilung hat mich immer fasziniert. Ein Votum für die richtigen Wölfe. Okay. Aber das nur, weil es mehr als nur Zufall ist, dass sich diese Tiere in Europa wieder einfinden. Es ist ein Bild, ein Hinweis und ein Einladung.

    Konkrete Frage an die Gemeinschaft hier: Hat jemand Erfahrungen mit dem Thema “Unabhängig von Harz IV?” Ich werde als Freiberufler noch bezuschusst und es ist wie ein Mühlstein um den Hals. Immer wenn es gut läuft, kommt aus der Ecke irgend eine kontraproduktive “Willkür” oder “Maßnahme”. Ich denke Geld ist ein sehr zentrales Thema, oder besser die Frage, wie ich es “denke”.

    Lieben Gruß aus dem Norden

    Stefan

    • Hi Stefan,

      danke für Deine Gedanken – und auch für die sehr interessante Bermerkung zu den Wölfen, die hier wieder Einzug erhalten.

      Mit dem Harz IV-Thema kann ich Dir leider nicht helfen – kann mir nur vorstellen, dass es wirklich nervt wie Sau, wenn ständig jemand angeschissen kommt und Dich mit Unsinn ablenkt.

      Vielleicht gibt’s ja andere hier, die damit auch Erfahrungen haben?

      LG – und weiterhin viel Erfolg auf Deinem Weg!

      Tim

  • Mein Thema, ganz vielen lieben Dank dafür! :-)
    Habe schon als Kind gegen Normen und Anpassung rebelliert, weiß was ich will und trage es im Herzen, doch die Realität sieht oft anders aus.
    Den Text von Stefan finde ich gut, so gehts mir nämlich auch.
    Zu oft geht es trotzdem um das Geld, um etwas auf die Beine stellen zu können, es happert dann auch am Umsetzen. Leider ist das nicht so einfach, aber ich gebe mir Mühe, mein Leben zu leben und es umzusetzen.
    Selbstliebe, was für ein großes, wundervolles Theama und doch auch ein Prozeß!!!
    GLG Edith

    • Hi Edith,

      dankeschön! :)

      Absolut: Geld spielt eine Rolle. Eine wichtige. Aber es ist nur selten ein wirkliches KO-Kriterium, an dem man schon von vornherein scheitern muss. Wie ja auch immer mehr Leute zeigen. Ne Baumaschinenfirma macht man ohne Startkapital halt nicht auf, aber Freiberuflichkeiten wie Schreiben und Dienstleistungen verschiedenster Art sind da schon in Griffweite oder zumindest sichtbar, wenn man nicht auf einem dicken Konto sitzt.

      LG

      Tim

  • Ob das normal ist, wenn ich denke, ich sollte nicht normal sein? Und was ist schon normal? So manches soll auch als Alibi herhalten und dahinter ist oft einfach nur Unwillen und Trotz.

    Vielleicht sollte ich einfach gesund sein und zufrieden und dann noch authentisch. Dann folgt wohl auch Wertschätzung Dankbarkeit.

  • Hammer, Tim. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel Zeit hier auf deinem Blog verbringe…sonst gibt´s bei mir nämlich bald nichts mehr zu lesen ;)

    • Danke Ben für die Blumen! Und jetzt geht’s wieder ran an die Arbeit! ;) Schönen Tag wünsch ich Dir. LG Tim

  • Nicht-Normal zu sein bedeutet aber auch sich von der Schafsherde zu entfernen, sich einsam zu fühlen weil man nicht in der Gruppe sondern alleine agiert.

    Ich glaube, dass ist eine der größten Hürden.

    Den Punkten Kreativität, Abenteuer und Inspiration sowie Gesundheit im Sinne von Innen und Außenleben im Einklang, kann ich zustimmen.

    Erfolg hmm ist fraglich. Welcher Erfolg ? Der persönliche Erfolg wahrscheinlich, jedoch Erfolg im Sinne von Anerkennung oder Finanzen – ich glaube das kann man so nicht sagen weil der Umkehrschluß wäre dann doch als Normaler ist die Erfolgsquote deutlich niedriger, oder ?

  • Ich könnte auch in der Herde sein und trotzdem nicht bei mir selber. Ist das dann normal?

  • Dazu kann ich auch eine Geschichte erzählen. Wer sie lesen möchte, bitte. Vielleicht findet ihr sie interessant, vielleicht auch nicht. Nun gut, ich fange an :)

    Ich bin im Moment 18 Jahre alt, “männlich” und besuche in der Schweiz ein Gymnasium. Eine Pubertät hat jeder erlebt, kein Zweifel. Aber ich glaube, dass bei wenigen Menschen so ein riesiges Gefühlschaos wie bei mir geherrscht hat.
    Fangen wir von ganz vorne an.
    Ich war schon im Babyalter anders als viele meiner Kameraden im gleichen Alter.
    Ich lief und sprach bis zu meinem fünften Lebensjahr nicht. Man wollte mich schon als nicht normal bzw. als behindert einstufen… doch plötztlich begann ich zu laufen und zwar sehr schnell. Ich krabbelte nie, es war also fast ein lückenloser Übergang von Rumliegen zum Laufen. Auch das Sprechen kam eines Tages dazu. Was sie damals nicht wussten: Ich hätte sprechen können, wenn ich wollte. Ich kann mich irgendwie daran erinnern, wie ich meine Umwelt wahrnahm, auch meine Mitmenschen, aber ich aus einem bestimmten Grund nicht sprach… warum weiss ich nicht (mehr). Jedenfalls holte ich die Gleichaltrigen, welche teilweise schon sehr früh sprachen, schnell ein und meine Sprachkenntnisse verbesserten sich plötztlich schneller als die, von anderen Kindern. Schon früh habe ich bemerkt, dass ich anders bin. Und nicht im Sinne von “ich bin besesr als die anderen” sondern eher im Sinn “Etwas stimmt mit mir nicht”. Ich hatte keine Probleme mit Mädchen wie andere, aber auch nicht mit Jungs. Autos bzw. allgemein Fahrzeuge oder technischer Kram hat mich nie interessiert. Ich baute mit meinen Legosteine Häuer etc. nach und entwickelte Geschichten, welche ich mit diversen Charaktern durchspielte. Meistens ging es um den Kampf zwischen Gut und Böse. Ab und zu feminisierte ich die männlichen Charaktere und vice versa bei den Weiblichen. Mir machte es Spass, Frauen männliche Ausdrücke verwenden zu lassen und Männer sehr feminin und mit lange Haare darzustellen etc.
    Jedenfalls besass ich meine kleine Spielecke, bis zu meinem 15 Lebensjahr und bildete für mich ein Rückzugsort. Nun aber zu meinem wirklichen Problem:

    Ich wuchs in einer religiösen Familie auf. Meine Eltern waren zwar nicht richtig religiös, sondern eher weil es von der Grossfamilie verlangt wurde. Natürlich war ich auch Christ und dies stellte für mich sowohl eine Bürde als auch eine Unterstätzung dar. Dies stellte für mich lange kein Problem dar. Das grösste Problem, welches auf mich zu kam, war die Pubertät. Es war die Zeit, wo sich alle anfingen zu verändern. Nicht unbedingt aufs Aussehen bezogen, da passierte ja bei mir auch einiges, aber vor allem charakterlich. Ich bemerkte langsam, dass da ganz neue Bindungen zwischen Mädchen und Jungs entstanden. Ich kannte das nicht, da dies vorher ja nicht der Fall war, sondern eher das Gegenteil. Die Jungs wurden teilweise extrem hart und beleidigend und die Mädchen konnten extrem zickig werden bzw. wurden meiner Meinung nach so oberflächlich. Ich, nun ja, ich stand da völlig dazwischen. Bei mir passierte charakterlich nichts. Ich wurde hässlich, das war meine einzige und grösste Belastung. Ich schämte mich für mein Aussehen… für meine zu grosse Nase, für mein pickliges Gesicht und dsa meine Haare immer sofort fettig wurden, kaum hatte ich sie gewaschen. Ich wurde sogar ein wenig übergewichtig. Als ich in eine neue Klasse kam (Wechseln von Primarschule zu Sekunderschule) musste es kommen, wie es kommen musste: Ich wurde gemobbt. Erstens passte ich nicht in das typische Schema und zweitens war ich nur Halbschweizer und in meinem lustigen Dorf durfte ich nun merken, dass dies nicht bei allen erwünschenswert war. Jedenfalls artete es aus und ich bekam meine Depressionen. Ich war extrem niedergeschlagen und enttäuscht von der Menschenheit. Was sollte ich auch machen? Ich war immer anders und wusste nicht was ich tun sollte. Ich begann mich zu verstellen. Ich versuchte jemand zu sein, der ich nicht bin. Dies war auch die Zeit, wo man per Psychologe festgestellt hatte, dass ich “hochbgebabt” war. Ein IQ von 138, toll, aber was sollte ich mit solch einer Zahl anfangen?
    Jedenfalls versuchte ich nun so männlich wie die anderen zu sein, mich dem Verhalten anzupassen und eben “normal” zu sein. Doch es funktionierte nicht, das ganze Verstellen machte es nur schlimmer. Nun kam aber noch ein anderes Problem dazu…

    Mein neues Problem, welches nun dazu kam, war, dass ich mir meiner Sexualität nicht sicher war. Ich war mir gar nicht sicher, ob ich nur auf Mädchen stehe, oder doch auf Jungs? Darüber war ich mir noch Jahre später nicht sicher und ehrlich gesagt vergass ich dieses Problem auch immer. Meine Libido war und ist nicht sehr hoch und so etwas wie ein Partner/in? Ich verabscheute jegliche Bindungen zwischen Menschen.

    Dies alles spitzte sich immer mehr zu. Meine Religion machte Probleme, meine Unsicherheit bezüglich Sexualität, mein Aussehen und auch, dass ich anders war. Dies alles passierte zwischen dem Kindesalter bis zu meinem 15. Lebensjahr. Dann kam so etwas, wie eine Wende rein, wenn auch langsam.

    Ich hatte bis zu meinem 15. Lebensjahr eine starke Fassade aufgerichtet. Ich wirkte emotionslos und mein Aussehen hat sich immer mehr verschlechtert. Vom süssen kleinen Jungen (oft als Mädchen verwechselt) war hier keine Rede mehr.
    Bald bekam ich meine Diagnose, Asperger-Syndrom. Damals glaubte ich das. Heute nicht mehr. Es war der reinste Schwachsinn. Natürlich hatte ich gewisse Anzeichen, die zu mir passten und ich besuchte dann auch eine Selbsthilfegruppe. Aber ich stellte bald fest, ich bin nicht wie die. Ich musste einen Test machen und bestimmen, was diese Menschen fühlen könnten. Ich fühlte mich ehrlich gesagt verarscht, da ich die Emotionen anderer Menschen sehr gut wahrnehmen konnte und sogar die Beziehungen zwischen zwei Menschen wahrnehmen konnte (Zu dies später mehr). Ich war vielleicht aussen emotionslos, doch in mir war nur ein kleines, verletztes Kind.

    Doch nun kommt die Wende. Von meiner alten Dorfschule (Ich hatte übrigens die KLasse gewechselt, da es in der Alten eskalierte. In der Neuen ging es zwar besser, aber auch nur bedingt) kam ich ins Gymnasium, welches sich in der Stadt befindet und dort bin ich heute immer noch. Jedenfalls fühlte ich mich dort schon viel besser angenommen. Auch dort wurde ich immer noch als komisch wahrgenommen und meine Emotionen waren immer noch eher begrenzt. Doch ich begann mich wieder zu öffnen, wenn auch langsam. Meine Pickel wurden wieder weniger und mein Übergewicht normalisierte sich wieder zu einer relativ normalen Figur. Aber ich merkte immer noch, dass ich eine alte Rechnung noch nicht begilchen hatte… nein, es waren sogar mehrere. Auf diese gehe ich nun ein.

    1. Ich war nicht das, was ich eigentlich sein sollte. Ich fühlte mich weder richtig männlich noch weiblich und wusste nun nicht, wie ich mich da benehmen sollte. Also versuchte ich, natürlicherweise, männlich zu sein. Ich versuchte die anderen zu imitieren und auch Muskeln aufzubauen (Was sich als schwierig herausstellte, ich habe die Muskelkraft eines 14 jährigen Mädchens und das hat sich bis heute nicht geändert, obwohl ich nicht mehr unsportlich bin). Allgemein fiel mir auf, dass mein Körper einfach zu grazil war und das mit den Muskeln wohl nicht funktionieren wird. Also versuchte ich es mit dem Gegenteil. Ich lies meine Haare, welche nun sehr kurz waren, zu wachsen. Aber dieses Mal nicht mittellang, sondern halt sehr lang. Sehr lange dauerte diese Phase nicht, da ich immer noch hässlich war und zweitens auch keine Frau sein möchte. Nun war ich völlig dazwischen. Doch ich begriff, dass ich eben genau da stehen soll… dazwischen. Warum muss ich einem Stereotypen angehören? Ich kann doch beides so kombinieren, wie ich möchte? Meine Haare lasse ich immer noch wachsen, doch mache ich mir keinen Zwang mehr. Ich will schön sein, aber nicht unbedingt männlich oder weiblich.
    Dies war die erste Rechnung, welche schon lange an meiner Seele nagte.

    2. Nun kommen wir zur Religion. Ich halte es hier kurz. Nach mehreren Jahren Zweifel gab ich es auf und ich muss sagen, dass es eine gute Entscheidung war. Das war die zweite Rechnung.

    3. Ich war nicht der, der ich eigentlich bin. Dies ist ein Prozess, welcher bis heute andauert, aber immer besser wird (siehe Punkt 1.).
    Nun bin ich Vegetarier, weil ich es eigentlich schon immer sein sollte, nun ziehe ich mich halt femininer an, weil ich das halt immer schon wollte etc. Ich stehe auch mehr zu meinen Emotionen, ich öffne mich wieder. Ich habe mich von ihnen gefürchtet, weil meine gesamte Gestik und auch meine Gefühle halt sehr intensiv, bzw. “weiblich” sein können (Ich hatte auch Angst, dass jemand denken könnte, ich sei schwul). Dies ist mir aber heute egal. Ich zeige, was ich fühle. Das war/ist die dritte Rechnung.

    4. Die vierte Rechnung ist die Vergangenheit. Ich ertappe mich heute noch dabei, wie ich teilweise mein Selbstwertgefühl von früher werten lasse. Ich vergesser aber immer eins: Vergangenheit ist Vergangenheit, Gegenwart ist Gegenwart. Ich muss also mit der Vergangenheit abschliessen. Dies habe ich zum teil schon geschafft, zu einem anderen Teil noch nicht.

    Nun, diese vier Rechnungen habe ich alle erst in diesem Jahr beglichen. Ich habe ewig für dies gebraucht, aber ich fühle mich selbstbewusster, freier und klarer im Kopf. Mein Aussehe hat sich in diesem Jahr immens verbessert. Die Puberät hat mir nicht viel meiner Weiblichkeit genommen (bis im Bezug auf die Behaarung, welche nun mal zunahm). Mein Gesicht ist feminin und mein Körper auch. Aber das ist nicht schlimm, es stört mich nicht, ich akzeptiere es und was soll ich sagen, es wird immer mehr zu einem schönen, femininen Gesicht. Selbst die grosse Nase ist verschwunden. Ich arbeite immer noch an mir, ja, das werde ich ein lebenlang. Ich akzeptiere, in vielen Lebensgewohnheiten etc. anders zu sein und ich bemerke auch immer mehr, dass das viele Leute anzieht, auch wenn es sie am Anfang vielleicht abschreckt.
    Im Bezug zur Sexualität kann ich sagen, nun ja, ich besitze keine Präferenzen. Es spielt also keine Rolle ob männlich oder weiblich. Ich habe mich zum ersten Mal verliebt und obowhl es ein schönes Gefühl ist, ist es auch unaustehlich in jemanden zu verliebt sein, wo ich nicht weiss, ob er überhaupt schwul ist. Aber von meinem Asperger-Syndrom weg denke ich nun, dass ich hypersensibel bin. Ich habe schon immer stark auf Gerüche, visuelle Reize, Geräusche, aber auch auf Emotionen/Bindungen reagiert. Ich merke schnell, ob mich jemand mag oder nicht. Und ich glaube wirklich, dass er ähnlich zu mir steht wie ich zu ihm :)

    Dies mag vielleicht nicht sehr spannend klingen, aber es war eine spezielle und komische Zeit für mich. Ich musste viel erleiden, was ich nun aus diesem Artikel verbannt habe (Keine Vergewaltigung etc., aber andere Sachen, welche mir im Jahre im Nacken sassen).

    Nun, ich bin Kalevi, 18 Jahre alt, Vegetarier und versuche die Natur zu schätzen und zu schützen. Ich trinke keinen Alkohol und lasse allgemein Finger von Drogen weg. Ich bin bisexuell und mag freudnschaftliche Zärtlichkeiten im Sinne von Umarmungen, Berührungen etc.
    Ich sehe mehrheitlich feminin aus, aber mein Charakter ist doch eher zwiegespalten. Jahrelang war ich das grösste Wrack aber nun bin ich völlig im Prozess das zu werden, was ich eigentlich bin, ich selbst.

    • Hi Kalevi,

      ich schick Deinen Kommentar (bzw. den Link dazu) mal zu einer tollen Frau, die da vermutlich was Gutes zu zu sagen hat! Vielleicht findet sie ja etwas Zeit, Dir zu antworten.

      LG

      Tim

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