Der Titel von Florian Palzinsky’s Buch „Wie ein Fremder im Paradies – Mein Leben als buddhistischer Mönch zwischen Askese, Abenteuer und sozialem Engagement“ gibt schon einen ersten Einblick in sein Leben. Heute wohnt der Yogalehrer im Mondseeland und unterrichtet in Österreich und Deutschland. Den Winter verbringt er jedes Jahr in Asien. Im myMONK-Interview spricht er mit mir über die Sehnsucht, eine Nonne oder ein Mönch zu sein, über das Reisen, Weisheit und die Kraft des Helfens.

Hallo Florian, vielen Dank, dass Du Dir für das Interview Zeit nimmst – freut mich sehr! Wie geht es Dir jetzt gerade, in diesem Moment, und woran hast Du Dich heute schon erfreut?

In diesem Moment empfinde ich so eine Stimmung von Arbeitsurlaub . . . Im Sommer unterrichte ich weniger, und dafür hab ich die Zeit selber an Yoga-Retreats teil zu nehmen, und auch sonst gibt es einiges vor dem Computer zu erledigen. Über mangelnde Freizeit kann ich mich dabei nicht beklagen – aber das kann ich mich in meiner Lebenssituation im Grunde sowieso nie : ).

Spirituell hab ich mich auch heute wieder an dem täglichen Luxus erfreut, Zeit für meine morgendliche Meditations- und Yoga-Praxis zu haben; als Lehrer freut es mich, dass mein nächster Meditations-Workshop fast ausgebucht ist; als „Haushälter“, dass es mir gelungen ist, den Badezimmerboden schön einzuölen und als Konsument erfreu ich mich an dem einen oder anderen Fußballspiel der EM. Allerdings bin ich nicht gerade stolz darauf, dass ich nach all den Jahren der spirituellen Praxis noch immer – oder jetzt wieder – von solchen spielerischen Banalitäten fasziniert bin : ) – aber sie gehören eben auch dazu.

Was bedeutet Mönchsein für Dich? Glaubst Du, dass jeder von uns einen Mönch in sich trägt?

Das ordensgemäße „Mönchsein“ (d.h. ein Leben in Zölibat, eingebettet in den Regeln eines religiösen Ordens) ist für mich nach 12 Jahren buddhistisches Mönchsleben eine abgeschlossene Lebensphase. Aber das Bedürfnis, für kürzere oder längere Zeit dem weltlichen Treiben und Pflichten den Rücken zu kehren, ist nach wie vor vorhanden – allerdings unbelastet von religiösen Regeln und Verpflichtungen.

Ich denke, dass tief drinnen die meisten Menschen ein Verlangen nach Mönch- oder Nonne-sein haben. Aber in der mehr oder weniger selbstgemachten weltlichen Geschäftigkeit und Wichtigkeit geht das meist völlig unter. In dramatischen Lebenssituationen – wie schwere Krankheit oder Tod – werden wir dann wieder zwangsweise damit konfrontiert, dass wir im Leben eigentlich alleine (Lateinisch: monos) da stehen, und alles weltliche Streben im Großen und Ganzen sinnlos ist.

Dein Yoga-Angebot nennt sich „Simple Wisdom“. Ist Weisheit so einfach? Und wenn ja, warum scheint sie uns doch so sehr zu fehlen?

Die meisten großen spirituellen Schriften und Meister weisen immer wieder darauf hin, dass alles wonach was wir streben, schon in uns ist: Glück und Wahrheit. Das komplizierte und mühsame Suchen im Draußen lenkt uns aber sehr effektiv davon ab, uns nach Innen zu orientieren. D.h. die Weisheit wäre eigentlich so nahe und erscheint uns trotzdem so weit weg.

Ich denke, dass die kleineren und größeren weltlichen Leidenschaften (im wahrsten Sinne des Wortes) uns so in den Bann ziehen und im Hamsterrad weiterlaufen lassen, dass wir die meiste Zeit einfach vergessen, dass es da auch einen individuellen Zugang zu unserem tiefsten inneren Selbst gibt – jenseits von all den „ups and downs“ des Lebens.

Bei Deinen Reisen nach Sri Lanka hast Du bemerkt, wie stark sich Mitteleuropäer und Asiaten vor allem in einem Punkt unterscheiden: während wir Europäer alles bierernst nehmen, gehen die Asiaten deutlich locker mit „Problemen“ um. Eignet man sich eine solche Gelassenheit zwangsläufig an, wenn man oft in diesem Kulturkreis unterwegs ist?

Ich würde das aus meiner jetzigen Sicht nicht mehr so generalisieren. Die Schwerpunkte der Gelassenheit bzgw. der Ernsthaftigkeit liegen in beiden Kulturkreisen einfach woanders. Z.B. wird man in Sri Lanka sehr emotional, wenn es um die Familie und deren Ehre geht – bis hin zu Mord und Totschlag – wo wir hier einfach nur mit der Achsel zucken würden. Natürlich färbt es bis zu einem gewissen Maße ab, wenn man sieht mit welcher entspannten und ehrgeizlosen Einstellung dort manch einer seinem Lebensunterhalt nachgeht; umso größer ist dann allerdings der Kulturschock, wenn man dann hier wieder ganz im Ernst „funktionieren“ soll.

Als buddhistischer Mönch hast Du vor mehr als zehn Jahren regelmäßig Meditation in den größten Männer- und Frauengefängnissen von Sri Lanka unterrichtet. Wie geht es den Menschen, die in den Gefängnissen Sri Lankas leben – und wie kann ihnen Meditation helfen?

Die Situation in den Gefängnissen ist z.T. sehr dramatisch und fast „mittelalterlich“. Die Zellen sind überfüllt, Medikamente sind nicht ausreichend vorhanden; die Häftlinge im Hochsicherheitstrakt müssen an die 23 Stunden in einer kleinen manchmal fensterlosen Zelle alleine verbringen; die Gerichtsprozesse schleppen sich über Jahre hin und manch einer sitzt ganz unschuldig.

Meditation ist unter solchen Umständen eine einfache, aber sehr wirkungsvolle Möglichkeit, mit der Situation zurecht zu kommen; aber das ist sie eigentlich in jeder Lebenssituation, egal ob im Knast der aus Zellen und Mauern besteht, oder im selber gemacht Gefängnis der eigenen Lebensumstände . In Sri Lanka kommt noch dazu, dass die meisten Häftlinge sowieso Buddhisten sind, und da hat die von Buddha gelehrte Meditation schon einen hohen Vertrauensvorschuss.

Macht Helfen glücklich – und wie können wir es Schritt für Schritt mehr in unseren Alltag integrieren?

Ich würde hier sehr genau unterscheiden, ob eine Hilfsaktion aus einer inneren Fülle ganz natürlich entsteht und sozusagen bloß überfliest, oder ob sie sich aus einer inneren Leere in Form eines „Helfersyndroms“ eine Kompensation ist. In dem Fall macht Helfen eigentlich nicht wirklich glücklich, bzgw. überdeckt eine innere Unstimmigkeit. Zum Beispiel hat der große indische Weise Sri Ramana Maharshi darauf hingewiesen, dass das Ego manchmal durch scheinbar altruistische Aktionen mehr gestärkt als geschwächt wird – speziell wenn dabei viel Anerkennung von außen kommt.

Je mehr wir über unser eigenes Glück und Unglück im Klaren sind, desto besser können wir tatsächlich anderen Helfen – und nicht nur, um ein Lob zu erhalten und uns selber dabei gut zu fühlen. Wichtig dabei ist auch die Einsicht, dass Mitgefühl nicht unbedingt bedeutet, dass Leid des anderen verringern zu müssen – und trotzdem können wir das Leid und den Schmerz anerkennen.

Warum liebst Du das Reisen – und (warum) würdest Du es jemandem ans Herz legen, der auf der Suche nach sich selbst und seinen Wünschen ist?

Die eigenen vier Wände hinter sich zu lassen finde ich immer wieder wichtig, um mich daran zu erinnern, dass ich nur Gast auf Erden bin und dass ich nichts von dem was ich habe behalten kann. Das Reisen gibt mir die Möglichkeit, Gewohnheiten hinter mich zu lassen und dem Leben wieder unvoreingenommener und spontaner zu begegnen. Nach all den Reise- und Mönchs-Jahren habe ich meine erste eigene Wohnung erst mit 40 bezogen; dabei ist mir auch klar geworden, wie wunderbar so ein eigener geschützter Raum für das menschliche Wohlbefinden und die spirituelle Praxis sein kann. Für mich ist dabei wichtig, dass ich den eigene Wohnraum nicht dauernd im Kopf haben muss, und dass ich ihn leichten Herzens jederzeit für einige Monate zurück lassen kann. Das gibt mir ein Gefühl von Vogelfreiheit, ähnlich wie ich es als Mönch erfahren habe, als ich jederzeit meine wenigen Sachen packen konnte, um zu einer anderen Höhle, Hütte oder einen Tempel zu ziehen.

Im Endeffekt muss jeder selber herausfinden, ob er besser zu Hause oder in der Ferne mit sich in Kontakt treten kann, schließlich sollte die Umgebung dabei eine untergeordnete Rolle spielen.

Welche drei Dinge gehören zu den wichtigsten, die Du über das Reisen gelernt hast?

  1. Wie schon gesagt – wird mir beim Reisen leichter vor Augen geführt, dass wir nur für kurze Zeit Gast auf dieser Erde sind, und uns eigentlich hier nichts gehört und wir davon auch nichts mitnehmen können.
  2. Wurde mir dadurch klarer, dass das Gefühl von innerlichen Wohlbefinden und Sicherheit nur bedingt von der Umgebung und den äußeren Umstanden abhängig ist.
  3. Wenn man in einer Beziehung auch in fremder Umgebung sich gut unterstützen und aushalten kann, dann hat sich daraus eine ideale Voraussetzung gebildet, um auch in den vertrauten eigenen vier Wänden miteinander in Harmonie zu leben.

Wie können sich interessierte Leser am besten an Dich wenden?

Auf meiner Web-Seite www.simple-wisdom.net sind aktuelle Infos und Termine zu finden; oder direkt ein Mail an mich schrieben: simplewisdom@gmx.at.

Herzlichen Dank für das Interview!

Hier noch Videos mit Florian:

Und das Buch:

Photo (oben): Armando Maynez