Jörg Fuhrmann ist Diplom-Sozialpädagoge, Hypnotherapeut, Hypnose-Ausbilder und Lehrbeauftragter für Hypnose an der Hochschule Dortmund. Welches Kindheitserlebnis ihn dazu gebracht hat, sich nicht nur intensiv mit Hypnose, sondern auch mit Meditation und Schamanismus auseinanderzusetzen, über den „Guten Kampf“ und vieles mehr spricht Jörg im Interview mit mir.

Wann und warum haben Sie begonnen, sich mit psychologischen und spirituellen Themen auseinanderzusetzen?

200200Begonnen habe ich damit bewusst, als ich mit 4 Jahren in ein 4m tiefes Kellerloch gestürzt bin. Vermutlich aber bereits unbewusst in den Jahren davor. Seitdem ließen mich die existentiellen Sinnfragen des Seins nicht mehr los. Regelmäßige außerkörperliche Erfahrungen während der Kindheit führten dazu, dass ich um eine andere Bewusstseinsebene wusste, mich aber doch sehr vor ihr ängstigte. Ich hatte das Glück ein paar entsprechende Menschen treffen zu dürfen, die mich auf die richtige Fährte gesetzt haben. Über Hypnose und Kontemplation bin ich dann zum Schamanismus gelangt. Ich studierte nach meiner kaufmännischen Ausbildung dann Sozialpädagogik und Theaterpädagogik. Parallel absolvierte ich zahlreiche Ausbildungen rund um die Welt.

Was bedeutet „Freiraum“ für Sie?

Freiraum steht für mich für einen Raum in dem Menschen die Möglichkeit erhalten sich möglichst wertfrei und wachstumsorientiert selbst erkennen und entwickeln können. Ein Ort an dem ein „So-gesehen-Werden“ oder „So-Sein“ im ursprünglichen Sinne erlebbar ist.

Seit wann gibt es die Hypnose, und was fasziniert Sie so daran?

„Hypnose“ gibt es eigentlich gar nicht. Der irreführende Begriff bringt die Phänomene welche unter „Hypnose“ zusammengefasst werden in die Nähe des Schlafes, da „Hypnos“ der hellenische Gott des Schlafes war. Ob die heutige Hypnose jedoch noch viel mit den asklepischen Heilschlafzeremonien oder denen der Isis gemein haben, ist mehr als fraglich anzusehen. Der Begriff war bereits vor 1843 bekannt, ist jedoch durch das im gleichen Jahr von Dr. James Braid veröffentlichte Werk „Neurohypnotismus“ etabliert worden.  Braid wollte diesen Begriff allerdings später noch revidieren, was offenkundig nicht gelang. Interessant dabei ist, dass Braid sich vor allem auf die Form der energetisch-magnetischen Trance bezieht, welche auch Franz Anton Mesmer praktiziert hat. Diese heilmagnetische Arbeit ist jedoch mehr oder weniger deutlich auch in heutigen Kulturen mit schamanischen Lebensprinzipien wiederzufinden. Daher könnte man die vorsichtige These aufstellen, dass es sich hierbei möglicherweise um eine der ältesten Heiltechniken der Menschheit handelt, die sich im Laufe der Menschheitsentwicklung auf unterschiedliche Arten und Weisen auf sämtlichen Kontinenten synchron entwickelt hat. Mit dem was wir heute gemeinhin unter Hypnose verstehen, hat das allerdings nicht immer unbedingt viel gemein. Mich persönlich faszinieren mich nach wie vor, immer wieder täglich aufs Neue, die Quantensprünge an Bewusstsein und Ganzwerdung, die damit möglich sind.

Hilft Hypnose gegen Liebeskummer? Und was kann man sonst noch tun, in so schmerzhaften Zeiten?

Man könnte auch fragen, ob es sich bei Liebeskummer nicht vielleicht um so etwas wie „Hypnose“ handelt. Natürlich ist das für weit über den „normalen“ Trauerrahmen hinaus Betroffene nicht ersichtlich, aber letztlich handelt es sich hier um eine Illusion, die auf der Illusion der Getrenntheit und Exklusivität basiert. Je mehr jemand leidet, weil jemand anderes weg ist, desto mehr könnte mitunter man sagen, hat dieser ein (eingebildetes) Defizit kompensiert. De- Hypnose kann in diesem Sinne also hilfreich sein. Ansonsten helfen sämtliche Klassiker der Trauer-Arbeit: Rituale, Körperbewusstsein, Achtsamkeitsübungen etc.

Sie haben sich auch in „Schamanismus“ ausbilden lassen. Was lernt man da?

Man lernt das „Sein“. Damit ist eigentlich bereits alles gesagt. Was ein jeder konkret auf diesem Erfahrungsweg findet und lernt ist sicherlich so unendlich facettenreich, wie die Seiten eines Diamanten, welche letztlich alle auf eine Quintessenz hinweisen. Wer sich auf einen schamanischen Übungsweg begibt, beginnt eine Reise zu sich selbst. Eine Reise, die vor allem von Erdung und Verwurzelung sowie Zentrierung in der eigenen Mitte und von einem „Über-sich-selbst-Hinauswachsen“ geprägt ist. Um diesen Weg zu beschreiten benutzen die unterschiedlichen schamanischen Traditionen unterschiedliche Wege und Methoden, die im Kern allesamt sehr ähnlich sind. Auf diesem Weg zum Kern lernt man ansonsten unterschiedlichste Dinge: Aufmerksamkeit, Selbst- & Fremdwahrnehmung, Arbeit mit Energie, Durchführung von Ritualen, Unterschiedlichste Wege in die Trance, Diagnose- und Heilungstechniken, Kunsthandwerk, Mythen und Symbole – die Liste ist endlos.

Gibt es eine einfache Übung, mit der man die Wirkung schamanischer Praktiken selbst ausprobieren kann?

Ja, gehen Sie barfuß an einen Fluss oder in den Wald und lauschen Sie. Dabei spüren Sie wie Ihre Füße sich mit dem Boden verbinden und wie Ihre Arme sich zum Himmel strecken. Danken Sie der Erde, dem Himmel, dem Wasser und den Ahnen, dass sie ihr größtmöglichstes Potenzial in Sie hinein gelegt haben. Anschließend beginnen Sie dies im Hier und Jetzt zu verwirklichen. Damit ist vermutlich das Wichtigste getan.

Was ist der „gute Kampf“, von dem ja auch Paolo Coelho häufig schreibt?

Als „guten Kampf“ könnte man schlichtweg den Kampf in und mit sich selbst – man könnte auch altmodisch „mit seinen eigenen Dämonen oder Gespenstern der Angst, Scham, Selbstaufgabe, Wut oder Verzweiflung“ sagen. Ich fühle und denke, dass es letztlich nichts Spannenderes im Leben gibt, als sich auf den Pilgerweg zu sich selbst zu begeben. Daher habe ich mein erstes Buch, den Selbsterfahrungsbericht über meine Pilgerwanderung nach Santiago de Compostela in 2004, auch „Folge Deinem Schatten und Du gehst ins Licht“ genannt. Wenn wir damit anfangen unsere Schattenanteile erst einmal wahrzunehmen und ggf. es auch noch gelingen mag, diese Schritt für Schritt ein Stückweit mehr zu integrieren, dann ist sicherlich schon unendlich viel gewonnen, in diesem guten Kampf, den man auch als sinnvolles Leben bezeichnen könnte und den C. G. Jung als „Individuationsweg“ bezeichnet hat.

Was passiert in einer Selbsterfahrungsgruppe – und für wen eignen sich diese besonders?

Gruppenprozesse – das werden sicherlich viele meiner Ausbildungsteilnehmer bestätigen, die davor oder danach mit mir im Einzelsetting gearbeitet haben – liefern immer eine ganz andere Dynamik und Erfahrungsmöglichkeit. Frei nach Martin Buber erhalte ich durch den anderen die Möglichkeit mich selbst in allen Facetten zu sehen, auch in denen, die mir möglicherweise fremd sind. Das ist die wesentliche Chance in der Gruppe. Dabei ist es fast schon zweitrangig ob es sich um eine schamanische, hypnotische Ausbildungsgruppe oder um eine Gruppe zur Burnout-Prävention handelt. Viel freiraum-Gruppenangebote werden von Menschen aus ganz Deutschland und z.T. auch aus dem Ausland genutzt. Sie richten sich an Personen, die Ihre Selbstwirksamkeit, Resilienz und schlichtweg ihr menschliches Erfolgspotenzial auf für sich selbst stimmige Weise erhöhen wollen.

Welche drei Bücher gehören zu den wichtigsten, die Sie in Ihrem Leben gelesen haben – und was haben Sie aus Ihnen gelernt?

Drei? Da ich für gewöhnlich sehr viele Fachbücher aus unterschiedlichsten Bereichen lese, finde ich die Frage schwierig. Ein Buch ist ja nicht per se eine Hilfestellung für jeden, aber ggf. für eine bestimmte Fragestellung in einer bestimmten Lebenssituation. Ich will es trotzdem versuchen: In meiner Kindheit – „Reise um die Erde in 80 Tagen“ (Jules Verne), da es mir gezeigt hat, dass man alles schaffen kann, auch wenn es noch niemand zuvor versucht hat. In meiner Adoleszenz: „Die Kunst des Liebens“ (Erich Fromm), weil es mich in vielen Wahrnehmungen bestätigt hat. Im Erwachsenenalter – „Dem Leben begegnen“ (Jiddu Krishnamurti), weil die Einfachheit eine Offenbarung ist.

Wie können Interessierte Sie am besten kontaktieren?

Telefonisch 0041-(0)52/ 5335285, per Mail oder im Web unter www.freiraum-institut.ch,

Besten Dank!

Photo (oben): Zabara Alexander