Es folgt ein Text von Ulrike Hensel, Autorin des myMONK-Buchs Hochsensibel das Leben meistern.

Hochsensible Personen (im Folgenden kurz HSP) können in vielen Berufsfeldern ihr Zuhause finden. Entscheidend für ihre Zufriedenheit ist, dass sie sich in ihrer feinsinnigen und feinfühligen Wesensart verstanden, angenommen und wertgeschätzt fühlen und selbst auf eine wesensgemäße Ausübung ihrer Berufstätigkeit achten.

Für mich steht außer Frage, dass HSP vielseitig begabte, engagierte und leistungsfähige Mitarbeiter sind. Allerdings haben sie es in unserer modernen Höher-schneller-weiter-Arbeitswelt mitunter ziemlich schwer. Unter anhaltendem Konkurrenz-, Leistungs- und Zeitdruck arbeiten zu müssen, belastet sie so sehr, dass sie viel weniger leisten können und schlechtere Arbeitsqualität liefern, als es ihnen sonst möglich wäre – und am Ende womöglich sogar ausfallen, weil Psyche und Körper die Reißleine ziehen.

Als Alternative zu einer Selbstoptimierung, die eine ungesunde Anpassung an Standards der Mehrheit bedeuten würde, möchte ich HSP zu einer persönlichen Entwicklung ermutigen, die auf die Entfaltung des hochsensiblen wie des individuellen Potenzials und auf größtmögliche Authentizität ausgerichtet ist.

Wenn du zur Gruppe der HSP gehörst, können dir die nachstehend aufgeführten Punkte Orientierung bei deiner Jobwahl und -ausgestaltung geben, zudem auch Anhaltspunkte für Bewerbungs- und Beurteilungsgespräche, die mit dir geführt werden, liefern.

1. Eine als sinnvoll empfundene Tätigkeit

Für HSP rangiert der Wunsch, beruflich etwas Sinnvolles und Erfüllendes zu tun, sehr weit oben. Natürlich wünschen sich nicht nur HSP eine adäquate und befriedigende Berufstätigkeit, aber für sie wiegt es noch schwerer, wenn einerseits wesentliche Potenziale brach liegen (Unterforderung) und andererseits Dinge von ihnen erwartet werden, die sie nicht oder nur unter großen Mühen erbringen können (Überforderung).

Den meisten HSP geht es nicht vorrangig ums Materielle, selbst wenn sie mit dem Job ihr Auskommen sichern müssen – was aber keineswegs heißt, dass sie keinen Wert auf angemessene, faire Entlohnung legen. Sie streben tendenziell weniger danach, im klassischen Sinne Karriere (mit Personalverantwortung) zu machen, wählen eine Arbeitsstelle meist mehr nach Entfaltungs- als nach Aufstiegsmöglichkeiten. Sehr wichtig ist HSP auf jeden Fall, mit ihren Stärken, Fähigkeiten und Kompetenzen einen bedeutsamen Beitrag leisten zu können. Sie möchten mit dem, was sie ausmacht, gesehen, eingesetzt und anerkannt – nicht nur toleriert – werden. Bestenfalls empfinden sie die Tätigkeit, die sie ausüben, als ihre Berufung.

2. Gutes Betriebsklima und harmonisches Miteinander

Da HSP äußerst empfänglich für Stimmungen und Missstimmungen sind, leiden sie mehr noch als andere darunter, wenn im Unternehmen (in der Organisation/Einrichtung …) generell ein schlechtes Betriebsklima herrscht und wenn es schwelende oder offene Konflikte zwischen Kollegen oder mit dem Vorgesetzten gibt. Unsicherheit, Unzufriedenheit und Gereiztheit von anderen übertragen sich im Nu auf sie. Manches Mal sind sie so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass es ihnen noch schlecht geht, wenn andere sich schon wieder gefangen und arrangiert haben.

Wegen ihres ausgeprägten Harmoniebedürfnisses beunruhigen zwischenmenschliche Probleme HSP zutiefst, erst recht natürlich, wenn sie unmittelbar selbst beteiligt sind. Schroffes und ungehaltenes Gesprächsverhalten nehmen sie sich sehr zu Herzen und es beschäftigt sie noch lange gedanklich.

Damit die Hochsensibilität zu möglichst wenig Irritationen im Miteinander führt, rate ich HSP, angemessen offen damit umgehen. Kennen Kollegen die Begründung für diverse Empfindlichkeiten, fällt es ihnen leichter, das Verhalten von HSP einzuordnen und zu verstehen, vielleicht auch der HSP zuliebe die ein oder andere Gewohnheit zu verändern und mancher HSP-gerechten Regelung zuzustimmen. Aber natürlich haben hochsensible Bedürfnisse nicht per se Vorrang. Das adäquate (vorwurfsfreie!) Sich-Mitteilen der HSP ist lediglich eine gute Voraussetzung dafür, dass sie mit ihren Wünschen und Bedürfnissen gesehen/gehört und ernst genommen werden. Letztlich sind nur fair ausgehandelte Lösungen für die Beziehungen am Arbeitsplatz zuträglich und langfristig tragfähig.

3. Wechsel zwischen betriebsamen und ruhigen Arbeitsphasen

Ein wesentlicher Hemmschuh in all ihrem Tun ist bei HSP ihre Übererregbarkeit. Stark reizüberflutende und von der Anspannung her (über-)fordernde Situationen können HSP immer nur vorübergehend problemlos bewältigen, auch wenn sie bemüht sind, sich zusammenzureißen und tapfer durchzuhalten. Durch die Übererregung leiden schon bald die Zugänglichkeit, die Umgänglichkeit, die kognitive Leistungsfähigkeit, die Schaffenskraft und die Kreativität. Langfristig drohen Erschöpfungszustände sowie eine allgemeine Krankheitsanfälligkeit. Auf lange Sicht gesehen ist es also für HSP unabdingbar, dass sich reizerfüllte Arbeitsphasen mit relativ reizarmen Arbeitsphasen (und Pausen) abwechseln.

Obwohl sich HSP durch ihre Empathiefähigkeit durchaus sehr gut für den Umgang mit Menschen eignen, ist eine ununterbrochene Arbeit mit Menschen, wie sie zum Beispiel im Service oder im sozialen, pflegerischen und medizinischen Bereich anzutreffen ist, auf Dauer schwierig. In dieser Arbeit womöglich auch noch von einem zum anderen Kunden (Klienten/Patienten …) hetzen zu müssen, kann für HSP schrecklich frustrierend und demotivierend sein.

HSP verfügen über Organisationstalent, können gut koordinieren, den Überblick behalten und als Schaltstelle fungieren. Es fällt ihnen erstaunlich leicht, eine Vielzahl von Einzelinformationen aufzunehmen und zu verknüpfen oder auch abzuspeichern und bei Bedarf wieder abzurufen. Es darf allerdings um sie herum nicht permanent zu turbulent zugehen (wie z. B. in einer Einsatzzentrale). Zwischendurch sollten sie sich wieder sammeln und in Ruhe ihren Ausarbeitungen widmen können bzw. an anderer (ruhigerer) Stelle eingesetzt sein.

Eine Teilzeitbeschäftigung ist insofern vorteilhaft, als dabei das Verhältnis zwischen Arbeit und Erholung hochsensiblen Bedürfnissen besser entspricht. Sie muss natürlich von der HSP gewollt und für sie finanziell machbar sein. Bevor HSP vorschnell sagen, dass sie es sich nicht leisten können, sollten sie sich bewusst machen, dass Gesundheit das kostbarste Gut überhaupt ist.

4. Möglichst kein Großraumbüro

Die Flut von Reizen in der unmittelbaren Arbeitsumgebung stellt häufig ein ernsthaftes Problem für HSP dar. Sie leiden unter etlichen Dingen, die Nicht-HSP nicht vergleichbar beeinträchtigen (oder die für sie unter Umständen sogar wünschenswert sind wie z. B. ein eingeschaltetes Radio). Eindrücke über alle Sinneskanäle, die von HSP weniger gefiltert wahrgenommen werden, summieren sich zu einer Strapaze für ihr Nervenkostüm auf und lenken sie enorm von ihrer Arbeit ab.

Ein Großraumbüro stellt eine maximale Herausforderung dar, aber auch schon ein Zweier-, Dreier- oder Viererbüro kann problematisch sein, insbesondere wenn Schreibtische vis-à-vis aufgestellt sind und das Gegenüber andauernd unmittelbar im Blickfeld und sehr nah ist. Ein Einzelbüro, bei dem man die Tür zu machen kann, wäre hinsichtlich Störquellen ideal, ist aber natürlich nicht immer realisierbar. Es hilft HSP, zumindest für Arbeiten, die hohe Konzentration erfordern, einen abgetrennten Raum aufsuchen zu können, in dem sie alleine sind oder mit Kollegen zusammen, die ebenfalls in Ruhe an etwas arbeiten (nicht telefonieren!). Falls es vom Aufgabengebiet her in Frage kommt, ist ein teilweises Arbeiten vom Home Office aus eine hervorragende Lösung. Die dafür notwendige Vertrauenswürdigkeit sowie ein hohes Maß an Zuverlässigkeit sind bei HSP in aller Regel gegeben.

5. Vorrang von Qualität vor Quantität

Dass HSP von sich aus sehr bemüht sind, ihre Arbeit gut zu machen, liegt in ihrer Arbeitsethik begründet. Generell können sie als pflichtbewusst, zuverlässig und gewissenhaft gelten. Dazu bedarf es keiner speziellen Aufforderung oder Ermahnung. Die Produktivität von HSP wird eher gefördert, wenn Druck herausgenommen statt erhöht wird.

HSP fällt es meist schwer, sich mit einigermaßen guten Arbeitsergebnissen zufrieden zu geben, obwohl die vielfach den Anforderungen durchaus genügen würden oder aus Zeitgründen (wegen Abgabeterminen und/oder weiteren Aufgaben) genügen müssen. Im ungünstigsten Fall geraten HSP in Stress und werden mit einer Aufgabe nicht in der vorgesehenen Zeit fertig. Man könnte von einem Hang zum Perfektionismus sprechen – oder aber von einem ausgeprägten Qualitätsbewusstsein.

Da HSP von Natur aus den aufmerksamen Blick für Feinheiten haben und eine regelrechte Liebe zum Detail mitbringen, bietet es sich an, dass sie bevorzugt da eingesetzt werden, wo es mehr auf Genauigkeit als auf Arbeitstempo ankommt, mehr auf Qualität als auf Quantität. HSP sind sozusagen prädestiniert für Tätigkeiten, in denen es gilt, fein zu differenzieren, Fehler zu erkennen, unerwünschte Abweichungen und Unstimmigkeiten aufzuspüren – sei es, dass es ihre Aufgabe ist, die Fehler selbst zu beheben oder andere darauf aufmerksam zu machen. Problematisch sind für HSP allerdings stupide Routine und die Druck erzeugende Forderung nach absoluter Fehlerfreiheit.

6. Inhaltliche Tiefe und Vielseitigkeit

HSP sind in der Regel vielseitig interessiert und finden relativ leicht Zugang zu neuen Themenfeldern. Lieber vertiefen und differenzieren HSP ein Thema, als es oberflächlich und einseitig zu behandeln. Ihnen liegt viel daran, Dinge auch wirklich zu verstehen, deshalb erfragen und hinterfragen sie vieles. Meist besteht bei ihnen viel Bereitschaft, sich fortzubilden und weiterzuentwickeln, es sei denn, sie sind durch ihre reguläre Arbeit schon komplett ausgelastet.

Ein mögliches Problem: Ihre weitreichenden Überlegungen und Ausführungen, die oft auch ziemlich abstrakt werden, sind nicht immer anschlussfähig, das heißt, die anderen im Arbeitsteam können oder mögen manches Mal nicht folgen. Daraus kann allseits Frust erwachsen. Den HSP ist zu raten, sich nicht gewohnheitsgemäß in den Verästelungen eines Themas zu versteigen, sondern sich je nach Situation auch einmal um Reduktion und Themenbegrenzung zu bemühen.

Manche Entscheidungsfindung nimmt bei HSP etwas mehr Zeit in Anspruch, weil verschiedene Optionen hinsichtlich Vor- und Nachteilen durchdacht werden. Hinderlich ist die Tendenz zu Gründlichkeit und Differenziertheit dann, wenn ein zügiges, eng fokussiertes Arbeiten gefragt ist. HSP sind hingegen sehr gut geeignet für Aufgaben, in denen ein ausgiebiges Recherchieren, das Ausarbeiten von komplexen Konzepten oder von verschiedenen Alternativen gefragt sind.

7. Freiraum

HSP verfügen über ein reiches kreatives Potenzial. Dabei ist nicht nur an verschiedenste Formen künstlerischer Gestaltung zu denken, sondern auch an das Entwickeln neuartiger Strategien, Prozesse und Strukturen. Wer wie sie umfassend wahrnimmt und übergreifend denkt, besitzt das Talent, bestehende Probleme zu identifizieren und zu analysieren, Ideen und Problemlösungen zu liefern und brauchbare Verbesserungsvorschläge zu machen.

Voraussetzungen für Kreativität und Innovation sind gewisse Freiheiten und ein ausreichend großer Gestaltungsspielraum. Bei HSP zeigt sich mehr noch als bei anderen Mitarbeitern, dass Zeit- und Erfolgsdruck, zu enge Vorgaben und starre Abläufe, eine nicht stimulierende oder überstimulierende Umgebung kreatives Denken und Wirken behindern oder verunmöglichen. Die besten Leistungen erbringen sie, wenn sie mit viel Freiraum für ihre Arbeitseinteilung und Vorgehensweise sowie mit viel Eigeninitiative und Eigenverantwortung arbeiten können.

Mehr zum Thema Hochsensibilität findest Du hier und hier sowie im myMONK-Buch Hochsensibel das Leben meistern.

 


Ulrike-Profilbild-2000pxUlrike Hensel

Die Autorin Ulrike Hensel studierte Angewandte Sprachwissenschaft und absolvierte später eine Coaching-Ausbildung. Sie arbeitet selbstständig als Textcoach für Trainer, Berater und Coaches sowie als Coach für Hochsensible.

Für myMONK hat sie das Buch Hochsensibel das Leben meistern geschrieben.


Photo (oben): Introvert woman / Shutterstock