|9. Juni 2012 13:57

Heute den ersten Schritt gehen

Sie war 35 Jahre alt, als ein plötzlicher Herztod ihr Leben beendet und ihren Sohn, ihre Schwester (die sie als erste leblos fand) und ihre Freunde fassungslos zurücklässt. Und auch mich ein Stück weit, der sie gar nicht kannte, von ihr nur durch einen der zurückbleibenden Menschen erfuhr. Warum? Ich bin mir nicht sicher. Aber seit ich davon hörte, muss ich immer wieder daran denken.

35 Jahre sind echt gar nichts.

Sie können aber alles sein, das uns zur Verfügung steht.

Eine Erkrankung, ein unachtsamer Autofahrer, wir selbst als unachtsamer Autofahrer, ein Sturz, wenn wir versuchen, ein Sicherungsnetz für die Katze an der Balkondecke anzubringen, ein dummer unglücklicher Amokläufer, Amok-Prügler, Amok-Vordieubahnschubser. Ein Radfahrer, den wir beim Spazierengehen übersehen, ein Herzinfarkt, den wir nach zu vielen unachtsamen Stressmonaten oder –jahren erleiden. Eine angelassene Herdplatte, ein Stück brennendes Holz, eine brennende Küche, ein brennendes Haus, in dem wir schlafen.

Die ganze Sache kann so schnell zu Ende sein.

Und dennoch mühen wir uns pausenlos ab, fühlen uns verpflichtet, einen Weg zu gehen, der nichts mit uns zu tun hat und unseren Wünschen, Träumen, einer Bestimmung, wenn ihr es so wollt. Wir machen jahrelange Ausbildungen, studieren auf Bachelor, Master und auf Teufelkommraus. Wir zwängen uns in Lebensläufe, die sich irgendwelche Arschlöcher in den Personalbüros von McKinsey, Bosten Consulting Group, BMW, Lufthansa, KPMG ausdenken, zwängen uns in die engsten Jacken aus Praktika, Topnoten, Auslandssemestern, berufsbegleitenden Seminaren. In Zwangsjacken also.

Die Arme eng an den Körper gepresst, sodass wir keinen anderen mehr umarmen können.

Die Lippen zusammengepresst, sodass wir mit niemandem mehr wirklich sprechen können.

Die Augen zu kleinen verkrampften Schlitzen getunnelt, die weder einen Sonnenaufgang sehen, noch das Lächeln eines Fremden, noch die Schwäne im Park im See, die sich putzen und ruhig, lebendig und unbefangen nebeneinander hertreiben.

Das wäre ja alles nicht mal so schlimm. Wenn das Leben nicht in ein paar Minuten, Tagen, Wochen oder Monaten schon vorbeisein könnte – und auch tatsächlich vorbei ist, bei vielen, die nicht damit rechnen (erinnert euch an den unachtsamen Autofahrer von oben und den Herztod der Freundin einer Freundin), die stumm davon geträumt haben, in ein paar Jahren endlich ihren Sehnsüchten zu folgen.

Ich möchte niemanden bekehren. Ich möchte nur denen sagen, die genau spüren, vielleicht schon tausendmal darüber nachgedacht haben, ihren Traum zu verfolgen: tu es jetzt, fang heute damit an. Es ist nicht so wichtig, wie weit Du kommst.  

Wenn ich in einem Bett im Krankenhaus liege, in den letzten Zügen, dann möchte ich nur wissen: ich bin losgegangen, habe mich losgemacht von den ganzen fremden Vorgaben, die von mir bewusst oder unbewusst, gut- oder böswillig verlangen, mich in einen Anzug zu schmeißen, in ein Flugzeug, in ein Hotel, in eine Senior-Position, in ein Roboterdasein mit einem saftigen Gehaltszettel und einem ausgetrockneten Herzen. Nein, ich bin losgegangen, auch wenn der Weg vielleicht länger ist, als meine Beine mich am Ende tragen können.

Wovon träumst Du? Oder, wenn Dir dazu nichts einfällt: Was würdest Du gern im nächsten Leben tun?

Und warum tust Du es nicht schon heute?

Vielleicht hast Du Angst, nicht weit genug zu kommen. Vielleicht denkst Du, Du würdest scheitern und müsstest dann für immer mit einer vernichtenden Schmach leben. Dich für immer schämen vor Dir und den Anderen, die Dir ja schon von vornherein gesagt haben, dass es Unsinn sei, was Du da vor hast, dass Dein Leben, wie es jetzt ist, doch sicher und absolut akzeptabel wäre – bleib doch‘ einfach an diesem Schreibtisch in diesem Büro sitzen, sagen sie, Du musst nur diese innere Stimme ausschalten, die nach Dir ruft, die Dich dahin führen will, wo Du mehr erleben, mehr bewegen, mehr Du selbst sein kannst.

Die Wahrheit ist: es ist bedeutungslos, wie weit Du kommst, wichtig ist nur, dass Du losgehst.

Gehe heute den ersten Schritt und Dein Herz, Dein Mund, Deine Arme und Deine Augen werden sich wieder öffnen – und mit ihnen neue Türen.

Gehe heute den ersten Schritt und das Leben wird Dir gehören.

 

 

Photo: Brian Smithson
 

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37 Kommentare

  • Ja, das kenne ich. Bei uns war es eine Nachbarin, die vor kurzem viel zu jung gestorben ist. Dann sagen alle “Es kann so schnell vorbei sein! Man muss schauen, dass man sein Leben nutzt!” – und machen weiter wie bisher. Der eine mehr, der andere weniger stark eingebunden im Hamsterrad.
    Ich bin losgegangen und das Rad läuft auch nicht mehr so schnell. Gut so!

    • Ja, gut so – Glückwunsch zu Deiner Entscheidung und viel Freude und Genuss auf Deinem Weg jenseits des Hamsterrads! LG Tim

  • Ich habe gerade Deine Seite entdeckt, Tim, und bin ganz begeistert davon! Dieser Artikel hier spricht mir aus dem Herzen, und doch bin ich leider auch noch nicht ganz aus dem “Hamsterrad” entflohen. Aber ich arbeite daran, indem ich zumindest in meiner Freizeit schonmal so oft auf meinem Blog über die Themen, die mich bewegen, schreibe….und das macht mich schonmal sehr glücklich! Und so komme ich meinem Ziel Tag für Tag näher, dass ich ganz bald nur noch meinem Herzen folge!
    Danke & viele Grüße,
    Greensoul (www.greensoul.de)

  • Lieben was ist

    Vielen Dank für den aufrüttelnden Beitrag. Ich habe 3 ½ Jahre in einer onkologischen Arztpraxis gearbeitet und auch meine Mutter war 3 Jahre lang Patientin in dieser Praxis bevor sie 2010 verstarb. Sie hatte Gott sei Dank die letzten Jahre in Frührente verbracht, da sie nach 30 Jahren Krankenschwester auf der Intensivstation starke Rückenprobleme hatte. Sie wollte nach Kroatien in ihr Haus mit ihrem neuen Mann gehen, wenn dieser in Rente geht. Dann kam der kleine Krebs dazwischen. Der Mann wollte nach ihrem Tod noch 1 Jahr weiterarbeiten, um etwas Geld auf die Seite zu bringen…dann kam ein kleine kleine Herz-OP dazwischen.
    Ich bin vor 6 Monaten in die USA gegangen, um meinen Traum zu erfüllen, muss aber auch feststellen, dass das Geld vom Erbe nicht ewig reicht und ich hier doppelt so viel arbeiten muss wie in Deutschland, so dass ich gar nicht richtig Zeit habe, meinen Traum zu genießen. Aber ich arbeite mit energetischen Methoden und Meditationen an meinem Traum, hier mit alternativen Heilmethoden oder als Autorin Fuß fassen zu können. Aber die ersten 5 Monate waren knochenhart und ich war kurz vor dem Burnout.
    Was ich damit sagen will ist: wenn man sein Ziel nicht aus den Augen verliert, dann kann man schon mal Strapazen einer Ausbildung/Weiterbildung/Studiums in Kauf nehmen. Aber nicht mit der Einstellung, irgendwelchen Idioten von der Geschäftsleitung zu gefallen sondern immer mit der Einstellung: „Ich tue es für MICH…Für meinen Traum, xy zu erreichen.“ Wobei ich trotzdem in der Gegenwart immer meine Zeit für Entspannung und Spaß haben MUSS. Durch Meditationen, energetische Übungen, Yoga, Qi Gong usw. Denn wir können auch hinterm Schreibtisch Gutes tun oder unseren „Sinn“ erfüllen, indem wir den Menschen am Telefon ein gutes Gefühl vermitteln, uns mit unseren Kollegen gegenseitig Kraft schenken usw.
    Wenn ich alle Strapazen mit dem absoluten Ur-Vertrauen auf mich nehme, dass ALLES seinen Sinn hat (und ich bin mir sicher, in der ein oder anderen Form hast oder wirst auch Du, lieber Tim, das Gelernte brauchen können, über das Du Dich im Nachhinein ärgerst:-)). Denn nichts geschieht ohne Grund. Wenn ich in jedem Moment meines Lebens präsent bin und weiß, für was ich es tue, gibt es nichts zu bereuen, auch wenn mich heute Abend mit meinen 41 Jahren jemand überfährt oder irgendetwas passiert. Für den, der stirbt, ist es nicht schlimm. Hört sich jetzt brutal an, aber schlimm ist für die hinterbliebenen Menschen, an die eigene Sterblichkeit erinnert zu werden. Dann nimmt man sich gaaaaanz fest vor, dieses und jenes zu ändern, das Rauchen/Trinken aufzuhören, überhaupt ein viel besserer Mensch zu werden…nach 3 Wochen oder Monaten ist wieder alles beim Alten.
    Für mich gibt es 3 wichtige Punkte:

    1.Nichts, aber auch gar nichts bereuen, was man getan oder nicht getan hat. Man würde es mit dem selben Wissen immer wieder so machen. Wenn wir allerdings dazugelernt haben und trotzdem etwas tun oder nicht tun, was wir bereuen, tja, Pech gehabt:-)
    2.Eine Liste/Collage/Tagebuch/IRGENDETWAS Schriftliches führen und aufschreiben: WAS will ich eigentlich? Was will ich STATTDESSEN? Automatisch komme ich in eine höhere Schwingungsebene und kann das auch anziehen. Ein Satz hilft mir, wenn ich wieder rumjammere und nach Antworten suche (für die ich noch gar keine Frage habe:-)):
    Wer sagt: „Ich weiß nicht, was ich will“ meint: „Ich weiß nicht, wie ich kriegen kann, was ich will.“
    3.Dann kann das große Abenteuer LEBEN beginnen, Babyschritte, Riesenschritte, whatever, ab und zu mal stehenbleiben, auch mal zurückschauen und sich auf die Schulter klopfen und die Ergebnisse feiern. Sehnsüchte und Wünsche loslassen, was bedeutet: geschehen lassen. Und wenns nicht klappt: Neues Drehbuch schreiben. Neue Liste. Gespannt sein wie ein kleines Kind, was das Leben Tolles für einen bereithalten könnte.

    Ach ja, was mir noch einfällt, es hilft niemandem und tut umso mehr weh, wenn man im Falle eines Todes nur auf die Dinge blickt, die derjenige hätte tun können, sondern auch hier mal auf die vielen vielen Dinge blicken und darüber reden, die der Verstorbene noch getan hat und erlebt hat. Die schönen Momente, auch wenns schmerzt. Ich denke in diesem Moment mit ganz viel Liebe und Mitgefühl an die Trauernden unter uns!

    Der Beitrag ist etwas lang geworden, ich hoffe, jemand kann damit etwas anfangen, mir hat es auch geholfen, sich das alles wieder bewusst zu machen. Vielen Dank an das MyMonk Team!

    Carmen

    • Liebe Carmen,

      sorry, dass ich jetzt erst reagiere, die Kommentare aus diesem Artikel hab ich irgendwie übersehen :(.

      Habe Deine Zeilen gerade mit sehr großem Interesse gelesen, und möchte mich bei Dir bedanken für Deine Offenheit, Deine Erkenntnisse und Dein Mutmachen!

      Ich hoffe, Dir geht’s gut in den Staaten und Du kommst gut voran. Würde mich freuen, zu lesen, wie’s Dir in der Zwischenzeit ergangen ist!

      Liebe Grüße aus Good Old Germany,

      Tim

  • Dazu ist nichts zu sagen, außer: JA.

    Ich steh grad an der Schwelle zur Veränderung und baue mir meine Brücke!

    • Hi Kathi,

      das freut mich zu lesen! Wünsche Dir viel Freude beim Bau und dem Überqueren Deiner Brücke! LG Tim

      P.S.: Darf ich fragen, wohin die Brücke führt bzw. wovon weg?

  • Eigentlich immer wieder traurig wenn man liest das ein Mensch so jung gestorben ist, erst dann fängt man wieder zum Nachdenken an!!!! wieso nicht schon vorher, aber das schöne wäre das man jederzeit Stück für Stück verändern könnte aber das ist man wieder in der Schiene und es läuft wieder so wie eh und je es kommt mir vor wie mit einer Sucht man kann oder will gar nicht anders erst wenn man gezwungen wird d. Krankheit usw. das man es doch in seinem Sinne umsetzten sollte.Was sollte denn noch passieren bis man wirklich sagt sooo gehts nicht mehr…habe schon viele Bücher gelesen die Theorie habe ich schon jetzt gehe ich zur Praxis das ein langer Weg ist aber doch Positiv…. einen schönen Abend an My Monk und l.g. von Karinka

  • timing ist alles. mir geht’s wie kathi.
    ich weiß nicht recht, was tun oder vllt weiß ich es und ignoriere es. der zwang der engen lebensläufe und geregelten arbeit erscheint doch oft als (und wer hätte das gedacht, auch mir) als sicherer hafen. denn der rest ist ungewiss, macht angst… aber vllt muss ich den ersten schritt machen- und dann nicht wieder aufhören, sondern weiterlaufen… können wir bitte morgen was für den 2. schritt lesen? ;)

  • Hi Larissa,

    oh, danke für Deinen Kommentar – hab ihn leider erst jetzt entdeckt, sorry! Sonst hätt’ ich längst reagiert.

    Du sagst es, die geregelte Arbeit “ERSCHEINT” als sicherer Hafen, ist aber aus meiner Sicht auf lange Frist eher ein U-Boot, das nun mal dazu verdammt ist, abzutauchen, statt in den Himmel aufzusteigen. Oder so ähnlich.

    Lass’ uns gern über den zweiten Schritt reden, aber vielleicht zeigt er sich Dir ja ganz klar, wenn Du den ersten hinter Dich gebracht hast?

    Darf ich fragen, wo Du hinwillst? Würd’ gern mehr über Dich und Deinen Traum erfahren (gern auch per Mail, wenn’s Dir so zu öffentlich ist).

    Liebe Grüße

    Tim

  • Hallo Tim, jetzt habe ich den Text schon zum 2. Mal gelesen und finde ihn nach wie vor richtig gut. Ich stelle immer wieder fest, dass viele meiner Freunde sich immer wieder in Sicherheit wiegen… Ich versuche immer wieder daran zu denken wie ungewiss die Zukunft ist. Carpe diem – schon lange mein Motto :)
    Liebe Grüße Birgit

    • Hi Birgit, vielen Dank … ja, ich glaube, es ist hilfreich, sich die Ungewissheit, vielleicht auch den gewissen Tod, immer wieder vor Augen zu führen. Vor meine Augen treten jetzt erst mal die Lider, ich geh’ pennen :). Gute Nacht!

  • Vielen Dank! Der Text geht wirklich unter die Haut. Mach weiter so. Es ist schön, hier zu sein.

  • Lieber Tim, liebe Leser,
    gestern ist der Freund meiner Mutter verstorben. Nun, mit 85 ist das eigentlich nichts Besonderes. Erich war die letzten zwei Jahre schwer dement. Da meine Mutter und er zwar nicht zusammen, aber im selben Haus lebten, hat sie ihn gepflegt, auch wenn es für sie mit jetzt 72 auch körperlich immer schwerer wurde. Erichs Schwester (die einzige Angehörige) hat sich um nichts gekümmert, weil sie wusste, dass meine Mutter ihn nicht im Stich lässt. Da meine Mutter keine Angehörige im gesetzlichen Sinne ist, musste sie mit den Ärzten erstreiten, dass sie überhaupt in die Behandlung eingebunden wird. Meine Mutter hatte auch keine Bankvollmacht, und nur ab und zu hat Erich ihr etwas für Essen, “Taxidienst” oder Waschen gegeben, denn soweit konnte er mit seiner Demenz einfach nicht mehr denken (auch wenn er bis zum Schluss klare Momente hatte!). 20 Minuten nach seinem Tod wollte Erichs Schwester meine Mutter mit 200 EUR für die ganzen Jahre abspeisen… ist das nicht mies? Natürlich hat meine Mutter dies verweigert!
    Aber was schön ist: Erich ist einfach eingeschlafen! Er wollte sich nach diversen Arztbesuchen zu einem Nickerchen hinlegen und meine Mutter wollte mit der Wäsche in ihre Wohnung gehen. Irgendwie “sollte” sie aber nochmal nach ihm sehen, da tat er im Schlaf seinen letzten Atemzug – und war gegangen…
    Natürlich hat meine Mutter noch versucht ihn wiederzubeleben, aber sie wusste, dass Erich seinen letzten Weg angetreten hat – was auch der hinzugerufene Hausarzt bestätigt hat. Einfach einschlafen und gehen, was für ein schöner Tod!
    Für meine Mutter wird es noch hart, denn ihr gesamter Tagesablauf hat sich seit zwei Jahren nur noch um Erich gedreht. Das Einzige, was sie sich gönnte, war zweimal wöchentlich ihre Gymnastikgruppe und einmal in der Woche mit Freundinnen Essen gehen. Wenn sie zweimal im Jahr ihre Verwandten in Bayern besuchen wollte, musste sie “vorkochen”, damit Erich etwas zu essen hat – und ansonsten hoffen, dass er die zwei Tage irgendwie übersteht, ohne dass etwas passiert (denn in seinen schwer dementen Phasen passierte so einiges!). So war der Tod nicht nur für Erich eine Erlösung, denn meine Mutter haderte schon lange mit sich, wie lange sie diese Pflegearbeit noch durchsteht! Insofern ist es für sie eine Erleichterung, dass Erich so und auf diese Weise verstorben ist.
    Ich habe Erich sehr gemocht! Er war Ingenieur und fast seine gesamte Berufszeit höherer Beamter im Tiefbauamt unserer Kreisstadt. Erich war gebildet und informierte sich auch im Ruhestand täglich über Politik und Gesellschaft. Bis etwa 75 hat er mit Berufskollegen noch aktiv Tennis gespielt, bis die Augen und die Knochen nicht mehr mitmachten. Mit 80 überlegte er, sich einen Computer zuzulegen, um ins Internet zu gehen – weil er aufgrund der körperlichen Einschränkungen nicht mehr so viel aus dem Haus kam. Leider ist es dazu nicht mehr gekommen, die Demenz war schneller!
    Erich und ich konnten gut diskutieren und “schwätzen”, und im Gegensatz zu meiner Mutter fand er meinen Lebensweg immer spannend und hat interessiert verfolgt, welche Hobbys ich betreibe, wie es in der Bank zugeht und wie ich meine neue Berufstätigkeit aufbaute. Er war stolz auf das, was ich erreicht habe, und man kann sagen, dass wir trotz des Altersunterschieds gute Freunde waren. Im Februar konnte ich ihm anhand meiner Fotos noch von meinen Abenteuern in Afrika erzählen, denn er hatte auch an jenem Wochenende noch klare Stunden und Gedanken.
    Noch bevor meine Mutter angerufen hat, hatte ich eine Kerze angezündet. Sie mag ihm geleuchtet haben auf dem Weg ins andere Land.
    “Farewell”, lieber Erich!

    Leider habe in den letzten zwölf Monaten außerdem zwei sehr gute Freunde gehen lassen müssen. Der eine verstarb tatsächlich “plötzlich und unerwartet” an einem Aneurysma (und hinterließ eine Ehefrau und zwei Teenager-Töchter, von denen eine ihren Vater tot im Bad fand), der andere hatte einen drei Jahre langen Leidensweg mit Krebs hinter sich. Für ihn habe ich sogar die Trauerfeier ausgerichtet, weil seine Familie kaum Berührungspunkte mit seinem Leben hatte. “Die Einschläge kommen näher…”

    Ja, das Leben will gelebt sein! Wie viele gehen durchs Leben und sind innerlich abgestorben, weil sie glauben, dem Hamsterrad nicht entfliehen zu können oder gegen Konventionen zu verstoßen… Unzufrieden und verbittert auf die Rente warten???
    Im Moment, gerade eben stehe ich auch im Hamsterrad, im ungeliebten Büro… Immerhin kann ich diesen Text hier schreiben! ;-)
    Aber leider brauche ich eben das Geld, das mir dieser Job einbringt. Aber zumindest bin teilweise auf dem Weg in mein “richtige” Leben (muss aber gestehen, dass ich mich erst durch eine lange Krankheit auf den Weg gemacht habe). Arbeite seit Jahren teilzeit, habe mir zumindest teilweise meinen richtigen Berufswunsch aufgebaut – und war letztes Jahr zum ersten Mal in Afrika. Eine Erfahrung, die mein Leben prägte und noch täglich prägt! Denn ich habe dort gearbeitet, täglich und hart, und ich habe dort jeden Tag mit Freuden begonnen und war einfach glücklich!
    Leider muss ich sagen, dass ich noch fünf Jahre auf die hoffentlich dann noch existierende Vorruhestandregelung warten muss, um dann vielleicht länger nach Afrika zu gehen. Ich kann es mir einfach nicht erlauben, mit 50 mein derzeitiges Leben hinzuwerfen, denn ich muss ja von irgendwas leben – und bis 85 ist es noch lang! :-) Gut, es mag sein, dass der Wunsch dann einfach nicht “stark” genug ist (sowas wird einem ja schnell von vielen “Selbstverwirklichungsgurus” vorgeworfen…), aber ich bin nunmal ein Mensch, der eine gewisse Sicherheit braucht (zumal ich Single bin, mich niemand unterstützt und ich völlig allein für mich sorgen muss). So blauäugig bin ich einfach nicht, alles hinzuwerfen, auch wenn ich gerne in den nächsten Flieger steigen würde. Vielleicht ist es einfacher, wenn man noch jünger ist. Vielleicht aber auch nicht. Die Entscheidung trifft aber jeder selbst.

    Ich kann aus eigener Erfahrung und angesichts so vieler Todesfälle nur sagen: lebt euer Leben! Lasst es möglichst nicht von anderen bestimmen. Und werdet glücklich – denn Freude ist das was bleibt, die kann auch der Tod nicht nehmen!

  • Liebe Andrea,

    herzlichen Dank für Deine offenen und berührenden Zeilen. Es tut mir leid zu lesen, dass Du und Dein Unfall gerade so gebeutelt werden.

    So traurig und schmerzhaft solche Abschiede sicherlich sein können, so sehr pflichte ich Dir bei, dass sie einen selbst ein wachrütteln können (so wie auch eigene Krankheiten, wie in Deinem Fall).

    Deine Vorsicht kann ich auch gut nachvollziehen. Und natürlich wünsche ich Dir, dass Du Deinen Traum von Afrika und einem längeren Aufenthalt dort sobald wie möglich verwirklichen kannst, ohne ein für Dich zu großes Risiko eingehen zu müssen dafür.

    Herzliche Grüße und eine schöne Osterzeit,

    Tim

  • … was ein wunderschoener, ruehrender Artikel. Ich sitze hier in Traenen!

    Tut aber gut!

    Sylvia

  • Ein sehr inspirierender Artikel, bei dem ich voll mitgehen kann…auch ich stehe an einem Wendepunkt in meinem Leben…alles unsicher, nur eins ist sicher: So wie in den letzten 5 1/2 Jahren mache ich nicht weiter…! Und ich habe angefangen, kleine Schritte in Richtung meines Traumes zu gehen…und ich merke, je mehr kleine Schritte ich mache, umso mehr verschwindet die Unsicherheit…einfach mal machen tut gut!

    Nicht immer an das Schlimmste glauben, sondern einfach mal auf das Beste hoffen…ich hoffe, ich werde diese Haltung beibehalten, auch wenn’s mal schwierig ist…

    Liebe Grüße

    Ulrike

    • Hi Ulrike,

      vielen Dank für Deine Zeilen. Und Glückwunsch zu Deiner Entscheidung, Deinen Kurs zu wechseln und Dich Deinen Träumen zu nähern! Halte durch, Du schaffst das! :)

      LG

      Tim

  • Hi Tim,
    mein Vater verstarb mit 35 Jahren, da war ich 8. Bald werde ich 30 und du kannst dir nicht vorstellen was für eine riesen Angst ich habe das etwas passiert. Das ich oder einer meiner Lieben sterben oder schlimm erkranken. Nach 2 Fehlgeburten ist das Thema bei mir wieder brandaktuell.
    Jeder Tag wird zum Kampf gegen die Angst und es ist kaum mehr möglich etwas zu genießen da ich immer auf dem Sprung bin und alles abchecken und kontrollieren muss (auch wenn sie nicht alles kontrollieren lässt). Ich bin froh wenn mein Leben in ruhigen gleichmäßigen Bahnen verläuft. Jeder Termin außer der Reihe ist Stress für mich. Momentan bin ich nur auf der Suche nach Halt und Sicherheit.
    Für weitere Tips und Artikel bin ich dankbar.
    Lieben Gruß
    Ella

    • Hey Ella,

      tut mir sehr leid zu lesen, was Du durchmachen musstest und gerade wieder durchmachen musst.

      Ich selbst würde in dieser Situation vielleicht professionelle Hilfe benötigen und auch annehmen, vermute ich. Manchmal braucht man einfach mehr (fundierte) Unterstützung, als sie das persönliche Umfeld geben kann – und auch viel mehr, als eine Seite wie myMONK es zu leisten vermag. Weiß nicht wie Du dazu stehst, ist nur mein Gedanke dazu.

      Ich fürchte, ich kann Dir nur sehr begrenzt helfen. aber fühl Dich auf jeden Fall von mir umarmt (wenn Du magst).

      Liebe Grüße

      Tim

      • Danke Tim, Umarmungen tun immer gut. :-)
        Ja hole mir bereits Hilfe, nur leider bin ich sehr ungeduldig und mir geht das alles zu langsam. (Wir Frauen haben ja auch so eine innere Uhr die laut tickt.)
        Ich weiß das ich mich selbstb zu sehr unter Druck setze, das ist schwer abzulegen.
        LG
        Ella

  • Dieser Beitrag beschreibt so gut die Realität, wir lassen uns einferchen, machen uns abhängig und lassen uns von wenigen Leuten diktieren, wie das Leben gelebt werden muss. Nur dass es dann nicht mehr unser Leben ist, sondern eine Lüge aus Abhängigkeiten.

    • Hi MissPerfekt,

      schön von Dir zu lesen – freut mich, dass Du so regelmäßig hier vorbeischaust! :)

      Unterschreibe alles, was Du da sagst!

      LG

      Tim

  • nachdem meine mutter gestorben ist, bekam ich auch noch berufliche probleme. seither schaue ich das thema karriere und was wirklich wichtig ist ganz anders an. was ich aber weiß ist, dass ich rechnungen bezahlen muß und das ich gewisse standards einfach halten will und die nächsten dreißig jahre halten will. deshalb rate ich jedem zu veränderungen, aber langsam. und überlegt.

    • Hi Ralf,

      Danke für Deine Offenheit. Ich glaube es hilft vielen Lesern sehr, zu wissen: sie sind nicht allein, und auf längere Sicht kann man doch mit vielem umgehen lernen.

      Die langsamen Veränderungen finde ich auch gut, in den meisten Fällen ist das sicherlich die bessere Wahl, die Dinge besonnen anzugehen (ich empfehle ja zum Beispiel auch immer wieder, parallel zum Job Dinge anzustoßen, von denen man gern irgendwann leben würde).

      LG

      Tim

  • Lieber Tim,

    Du stößt ein Thema an – und es kommen so viele Zuschriften von Gleichgesinnten, das ist beruhigend und wohltuend.
    Danke für deine Arbeit, es tut gut zu sehen, dass es viele andere Menschen gibt, die Veränderungen in ihrem Leben anstreben und bereit sind, sich in unbekannte Gewässer zu stürzen (komme aus Hamburg und will auch wieder dorthin zurück)

    Mach bitte weiter so!

    • Vielen Dank, liebe Sabine – mir geht’s ganz genauso. Bevor ich die Seite startete wusste ich gar nicht, wie viele Gleichgesinnte es da draußen gibt (auch wenn sie sich bestimmt auch an anderen Orten längst tummeln). LG Tim

  • Lieber Tim,

    DANKE! Danke für deine immer wieder tollen Anregungen und Zeilen mit viel Hintergrund und Sinn. Es ist nicht leicht alles umzusetzen aber ich denke alleine zu lesen und darüber nachzudenken geht schon mit kleinen Schritten in die richtige Richtung. Ja, man sollte versuchen jeden Tag so zu leben das man Abends im Bett liegt und sagt, der Tag war gut bzw. ich hatte schöne Momente an diesem Tag.
    Es ist immer schwierig anders zu sein als die “Gesellschaft” einen möchte- aber es lohnt sich! Jeden Tag etwas Gutes tun-entweder sich selber oder jemanden. Das tut der Seeele gut!
    In diesem Sinne, ich bin nun mal im Wald, die Sonne kommt eben raus!
    LG, Nico

  • Ja, das Leben kann sehr kurz sein und jeder Tod oder anderes Unglück ist ein “gut gemeintes” Zeichen dafür, das Leben zu versuchen bewusst zu erleben. Ich habe meiner Tochter zu ihrem 18 Geburtstag unter anderem Folgendes geschrieben:
    Heute ist der Tag an dem ich dich in die Welt der Erwachsenen entlasse und wünsche dir, dass du dich erinnerst, wer du warst, erkennst, wer du sein möchtest und den Mut, die Stärke und die Ausdauer hast, an der Persönlichkeit zu arbeiten, die du gerne sein willst…
    Als Erwachsene wirst du jede Minute, jede Stunde und jeden Tag, die Freiheit und die Verantwortung haben, immer wieder zu wählen wie du in dieser Welt leben willst. Du kannst die Welt in der du lebst zwar nicht völlig ändern, aber doch entscheidend mit gestalten…

    Und im Grunde glaube ich, dass das jeden Tag auch uns schon “länger Erwachsene” (also auch mir) immer noch und immer wieder im Bewusstsein sein sollte… Dann wird schon alles “klappen”…
    In diesem Sinne allen einen erfolgreichen Tag
    Evelyn

    • Hi Evelyn,

      das sind tolle Zeilen, die Du für Deine Tochter geschrieben hast! Toll auch deswegen, weil Du Dich da selbst zurücknimmst und ihr das Gefühl gibst, für sie da zu sein, wie auch immer sie sich bei was auch immer entscheidet.

      LG

      Tim

  • Ich möchte hier ein paar Rechtschreibfehler korrigieren:

    Danke Tim für Deine glasklaren Worte !

    Wenn wir die von Dir genannten Dinge, die uns zustossen bzw. zustossen könnten, betrachten und dabei feststellen, dass diese Dinge letztlich VON UNS SELBST VERURSACHT sind, da wir durch “eingeimpfte” (von-von-uns nicht sichtbaren “feigen Hintergrund-Drahtziehern” gewollte) Grundannahmen, Weltanschauungen und Prägungen bestimmte Programme im Hintergrund laufen haben, denen wir uns gar nicht bewusst sind. Jedoch haben wir mit unserer Geburt die Freiheit der Wahl erhalten, bei allen Handlungen uns bewusst NICHT für das herrschende System zu entscheiden, sondern die Inspiration zu nutzen und Urvertrauen in die höhere, ordnende geistige Kraft zu haben. (das ist zugegeben nicht ganz einfach, weil das EGO uns immer mit seinem “Geplapper” im Weg steht)

    Deshalb ist es wichtig und wird immer wichtiger, das Leben (wie Du sagst) als Geschenk zu sehen, wenigstens 1 x am Tag “Danke” zu sagen, selbst, wenn es uns nicht gut geht. Was auch sehr wichtig ist, jeden Tag wenigstens 1 x zurückzutreten, einen anderen Ort, eine andere Sichtweise einzunehmen, um diesem Idioten-geistigen Zwergen-Schwachmaten-System für ein paar Minuten

    den Rücken zu kehren !

    Wenn ich mir überlege, wenn die Menschen dieser Welt in der Lage wären, sich als “Eins” zu sehen, so zu leben und zu handeln und mit dieser Macht alles Geld von jetzt auf gleich zu entwerten ( Vorausgesetzt in dieser Zeit wäre für Nahrung und Tausch gesorgt), wären die selbsternannten Eliten innerhalb von SEKUNDEN all ihres zu Unrecht erlangten Besitzes, all ihrer sebstermächtigten “Rechte” und ihrer selbsternannten Macht über uns enthoben und sie wären eine “sichtbar gewordene” Illusion!!!

    Ist das nicht ein toller Hoffnungsschimmer ??

    Es gilt, unsere Angst als Illusion zu erkennen. Immer, wenn Angst aufkommt, zu hinterfragen, woher sie denn kommt und was wirklich an dieser Angst “dran” ist. Dann passiert bei mir jedes Mal ein Wunder: Die Angst löst sich auf !

    Ich jedenfalls freue mich auf/über die “Ent-Täuschungen” die ich in Zukunft noch haben werde und die ich bereits in meinem Leben hatte.

    UND: Ich freue mich auf meinen Tod !! Im Gegensatz zur kirchlich aufgedrückten Sicht sehe ich diesem Augenblick sehr hoffnungsvoll entgegen !!

    Mein erster Schritt/ meine erste ABSICHT ist:

    jeden Tag 1 x meine Angst zu hinterfragen

    Liebe Grüße

    Thomas

    • Hi Thomas,

      das ist ein wunderbarer erster Schritt!

      Hast Du Dir eine feste Zeit / einen festen Ort / eine feste Situation dafür überlegt, wann/wo Du das täglich tun wirst?

      Bei Gewohnheiten ist es aus meiner Sicht immer sehr hilfreich, wenn sie einen festen Rahmen bekommen.

      LG

      Tim

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