Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist. So lautet der Name eines Buchs, und so könnte ich auch die Hymne der Heimarbeiter heißen. Seit ich dem normalen Bürojob den Rücken gekehrt habe, bin ich tagsüber auf mich allein gestellt. Das Pferd (mein Job) ist tot, und die ganze Kollegenkompanie mitunter kopfloser Reiter ist auch längst über alle sieben Berge. Ich habe es mir ja so ausgesucht, ich habe das Pferd erschossen, das mich fünfmal die Woche zu den anderen Reitern auf ihren gut programmierten Pferden trug. Ob ich wollte oder nicht. Meistens wollte ich nicht. Und dennoch: es hatte sein Gutes. „Menschlich gesehen!“, wie Bernd Stromberg gern sagt. Die ersten Monate in Freiheit, frei von festen Arbeitszeiten und -orten berauschten mich zwar. Es war Sommer, es war warm und es war unheimlich cool, im Park rumzusitzen und keinen Anzug tragen zu müssen. Doch mit der Wärme und dem blauen Himmel schwand der Rausch im Herbst. Ich zog mit meinem Arbeitsgerät wieder daheim ein – und mit mir zog die Einsamkeit ein. Was mich erst befreite, fing nun an mich zu belasten.

Soweit ich weiß, geht es vielen Heimarbeitern so. Ob freiberuflichen Webdesignern, Programmierern, Webarbeiter aller Art oder Autoren, Pornohotline-Frauen, die gleichzeitig bügeln und fernsehen und telefonieren und stöhnen. Die Einsamkeit stöhnt immer mit und droht uns zu verschlucken.

Wenn die eigenen vier Wände zu Sargwänden werden, in denen man sich zwar an den Ausgang erinnert, aber es einfach nicht mehr zu schaffen scheint, ihn zu durchschreiten, weil man sich längst im Einsamkeitsstrudel verfangen hat … da schlägt die Stunde, an denen man seine letzte Kraft bündeln einen Arm in Richtung Gesellschaft austrecken muss.

Hier ein paar meiner Erfahrungen und Ideen, die mir dabei helfen, als Heimarbeiter nicht von der Einsamkeit verschluckt zu werden. Für das Wohlbefinden ist es genauso wichtig wie für die Produktivität, sich selbst aus dem Loch zu ziehen. Einsamkeit kann kurzfristig die Kreativität befruchten, langfristig aber ist es wie mit jeder einseitigen Monokultur: der Boden verdorrt und wird für immer unbrauchbar.

  • Morgens zurecht machen: Wichtig wichtig wichtig. Geduscht und bekleidet fühlt man sich gleich wie ein Mensch. Und ist für alle sozialen Sachen gewappnet, die der Tag mit sich bringt. Sonst schämt man sich sogar, dem Paketmann aufzumachen, wenn die neue Amazon-Lieferung ins Haus flattert.
  • Freunde und Familie anrufen: Wenn’s Dir so geht wie mir haben die meisten Deiner Lieben tagsüber keine Zeit für Dich (und für sich selbst auch nicht). Aber vielleicht hast Du ja auch ein paar Langzeitstudenten, Downshifter, Aussteiger, Zeitzohnenversetzte in Deinem Freundeskreis, die du regelmäßig anrufen kannst. Skypen baut mehr Einsamkeit ab als reines akustisches Telefonieren. Ich telefoniere trotzdem lieber klassisch. Dafür brauch ich nicht die Haare schön (falls die Dusche sie nicht bändigen konnte, diese Löwenmähne, siehe mein Foto in der rechten Spalte).
  • Netzwerken: Ob mit den Lesern oder anderen Heimarbeitern, ob mit Interessenten oder Stammkunden, ob auf Facebook, Twitter, auf Blogs oder in Foren, per Telefon oder von Angesicht zu Angesicht beim gemeinsamen Speisen, auf einer Konferenz oder in einem Workshop – hier fällt endlich das Wort „networken“. Und „Vitamin B“ schieb ich gleich noch hinterher, kann ja nicht schaden.
  • Die heilige Mittagspause: Mittags haben fast alle Zeit. Die paar Ex-Kollegen, die man doch mochte, Freunde, der Partner, Gleichgesinnte im Business. Wenn Du doch mal keinen findest, geh‘ allein. Ist eine Kostenfrage, klar. Die  Kosten sind jedoch gar nicht so hoch, wenn man bedenkt, wie teuer es wird, wenn man von der Einsamkeit K.O. geschlagen wird.
  • Outdoor-Aktivitäten: Spazierengehen. Einer Laufgruppe beitreten (notfalls eben einer mit Reha-Gruppe, die tagsüber Zeit für so etwas hat). Einem Kurs im Fitnessstudio beiwohnen. Einkaufen gehen. Im Bücherladen sitzen und lesen und andere Menschen anschauen, bis sie sich belästigt fühlen und ein Rausschmeißer kommt.
  • Musik hören: Hin und wieder will ich einfach eine Stimme hören, wenn ich allein bin und keiner Zeit für einen Plausch hat. Und wenn’s geht nicht nur meine eigene Stimme. Musik funktioniert für mich viel besser als fernsehen. Fernsehen ist für den Geist wie ein fettiger Burger, der dem schwitzenden, behaarten Koch schon dreimal hinuntergefallen ist und bei dessen „Spezialsauce“ man lieber nicht wissen will, was da genau drin ist. Der Burger schmeckt zwar vielleicht trotzdem ekliggeil, aber er verstopft alle produktiven und kreativen Arterien. Mit Musik ist es anders. Sie kann uns mit Nährstoffen versorgen, die nicht nur kurzfristig satt machen, sondern echte Energie bringen.
  • Videos anschauen: Inspirierende Videos, gut geeignet sind Bühnenreden, zum Beispiel von der TED-Conference auf dem Monitor mit einem Menschen, der irgendwie zu einem spricht.
  • Haustier kaufen und dann streicheln: Ein kleiner schnurrender Kater oder brummelnder Hase ist zwar kein vollwertiger Ersatz für einen ausgewachsenen Menschen, dennoch kann ein Haustier die Einsamkeit halbieren.
  • Jemanden einstellen und besser nicht streicheln: Je nachdem, in welchem Geschäftsfeld Du unterwegs bist, gibt es reichlich Praktikanten und 400eurojobbende Studenten, die Du für eine überschaubare Summe mit ins Boot holen kannst. Die meiste Zeit ruderst Du dann zwar weiter allein in der Wohnung, aber: Du kannst Dich immerhin regelmäßig austauschen.
  • Arbeiten im Café: Zurzeit eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Schauen und Kaffee trinken, schreiben und denken (manchmal auch in dieser Reihenfolge). Da bin ich echt dankbar für.
  • Arbeiten an gemieteten Schreibtischen (Co-Working): Einen Schreibtischplatz kann man in den meisten Großstädten in sogenannten „Co-Working Spaces“ mieten. Für Stunden, halbe oder ganze Tage, Wochen oder Monate. Soll auch toll zum Netzwerken sein. Mich zieht es zwar nicht an solche Orte, aber für zahlreiche andere scheint das eine gute Option zu sein, immerhin gibt es immer mehr solcher Plätze.
  • Bürogemeinschaft: Kann ich nicht viel dazu sagen. Nur so viel: ich kenne einige Leute, die sehr glücklich sind über die Begegnungen in der Küche und gemeinsame Mittagspausen mit Kollegen, die eigentlich gar keine sind.
  • Teilzeitjob suchen: Mag absurd klingen. Ist es aber nicht. Gerade in der Startphase der Selbstständigkeit kann man ein paar zusätzliche Euros ohnehin oft gebrauchen. Der größte Vorteil ist aus meiner Sicht jedoch, dass man regelmäßig freiwillig gezwungen wird, sich unters Volk zu mischen.

Ist nicht revolutionär, was hier geschrieben steht. Das Leben eines Heimarbeiters wird es aber dann revolutionieren, wenn er es in einen Plan und feste Routinen wandelt. Ohne Plan und ohne Routinen sind diese Maßnahmen nett zu lesen, helfen aber niemandem: der Einsamkeitsstrudel ist auf Dauer mächtiger als die vereinzelte willkürliche Willenskraft. Als ich mir zum ersten Mal vornahm, mein Netbook unter den Arm zu klemmen und ins Café zu gehen, musste ich einen Schweinehund so groß wie ein Schweineelefant überwinden. Schon zwei Wochen später war es keine Frage mehr, ob ich morgens das Haus verlasse oder nicht: das Arbeiten im Café ist zur Routine geworden und tut mir sehr, sehr gut. Selbst als Arbeitsbiene muss man daher kein schlechtes Gewissen haben, wenn man sich soziale Kontakte gönnt.

Ich fühle mich besser und schaffe viel mehr. Die Einsamkeit hockt derweil ohne mich allein zuhause.

 

Photo: Zeitfaenger.at