|12. Februar 2013 07:30

Das Geschenk nicht annehmen – eine kurze Zen-Geschichte

An wenige Geschichten musste ich in den letzten Jahren, seit ich sie zum ersten Mal las, so häufig denken wie an diese – insbesondere an den letzten Absatz. Die Geschichte handelt vom Geben und vom … Nichtannehmen.

Einmal lebte ein großer Krieger. Obwohl er schon etwas in die Jahre gekommen war, konnte er dennoch jeden Herausforderer besiegen. Dies war überall im Land bekannt, und viele Schüler hatten sich bei ihm eingefunden.

Eines Tages kam ein junger Schwertkämpfer von zweifelhaftem Ruf ins Dorf. Er war fest entschlossen, der erste zu sein, der den großen Meister bezwingen würde. Neben seiner Stärke besaß er die abschreckende Fähigkeit, jede Schwäche seines Gegners zu erkennen und auszunutzen. Er würde den ersten Schlag seines Gegners abwarten, und sobald dieser sich eine Blöße gab, ihm mit gnadenloser Kraft und blitzartiger Schnelligkeit einen Stoß versetzen. Bisher war noch keiner bei einem Duell mit ihm über den ersten Schlag hinausgekommen.

Ohne auf den Rat seiner besorgten Schüler zu hören, akzeptierte der alte Meister die Herausforderung zum Kampf. Als die beiden in Stellung gingen, begann der junge Krieger dem Meister wüste Beschimpfungen an den Kopf zu werfen. Er schmiss Dreck und spuckte ihm ins Gesicht. Stundenlang ereiferte er sich an den schlimmsten Flüchen und Beleidigungen, die damals der Menschheit bekannt waren. Doch der Meister stand einfach bewegungslos und ruhig da. Schließlich hatte sich der junge Krieger verausgabt. Er sah ein, dass er geschlagen war, und zog beschämt von dannen.

Etwas enttäuscht darüber, dass ihr Meister den überheblichen Herausforderer nicht zurechtgewiesen hatte, versammelten sich seine Schüler um ihn und baten um eine Erklärung. „Wie konntet Ihr solch eine Schmach über Euch ergehen lassen? Wie kam es, dass er ohne zu kämpfen von dannen zog?” „Wenn jemand kommt um dir ein Geschenk zu geben und du nimmst es nicht an”, antwortete der Meister, “wem gehört dann das Geschenk?”

Gefunden bei: www.kleine-spirituelle-seite.de

Das ist ein sehr schöner und tröstlicher Gedanke für mich. Ich schaffe es längst nicht, ihn immer anzuwenden. Doch hin und wieder, wenn mir die Geschichte  einfällt, gelingt es mir, Verletzungen und Wut und Rachegedanken an mir abperlen zu lassen wie Flüssigkeiten an einer Teflon-Pfanne. Ich denke, der Zen-Meister hätte Teflon-Pfannen gemocht.

 

 

Photo: paul bica

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5 Kommentare

  • Danke für diese Geschichte!
    Die hätte ich gestern schon lesen sollen.
    Ich werde sie mir zu Herzen nehmen.

  • Hallo Elusine, schön, dass sie Dir gefällt! Darf ich fragen, ob es Situationen gibt, in denen Du regelmäßig ein Geschenk angenommen hast, obwohl es für Dich vielleicht besser gewesen wäre, es dem “Schenkenden” zu überlassen? LG Tim

  • ich muss mit Bedauern feststellen das ich in so einer erlebten (extrem) Situation leider nicht standhaft bleiben konnte ….:-(….ich übe weiter !!

  • Hi Ewa, mir gelingt es auch öfter nicht, als dass es mir gelingt, glaube ich (zumindest fühlt es sich so an) … aber das macht doch nichts, wichtig ist aus meiner Sicht vor allem, dass man auf dem Weg ist und sich damit auseinandersetzt. LG Tim

    PS: Dein Facebook-Titelbild gefällt mir ausgezeichnet. Eine tolle Stimmung!

  • schön……..und so passend…….habe gerade jemandem mein “Herz” geschenkt, er will es nicht, jetzt gehört es wieder mir!

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