Wenn Du Dich nach dem Treffen mit einem Menschen blutleer und kraftlos fühlst, so, als hätte er alle Energie aus Dir herausgesaugt, dann bist Du vermutlich Opfer eines emotionalen Vampirs geworden. Sie sind unter uns, getarnt als Freunde, Familienmitglieder, Kollegen, sie können lächeln, während sie jagen. Sie wollen Dein Blut. Und sie werden es bekommen – wenn Du sie nicht erkennst und um Dein Leben rennst.

Emotionale Vampire unterscheiden sich kaum von den Vampiren, die wir aus Filmen kennen. Doch ihre Zähne sind ihre Worte und Verhaltensweisen, ihre Absicht ist es, Deine Psyche auszusaugen. Dein Körper mag zunächst unverletzt bleiben, doch Dein Geist und Deine Seele werden Wunden davontragen. Sind die Wunden nur groß genug, hast Du nur genug Lebensenergie verloren, wirst Du selbst zu einem dieser Untoten, und damit auch zur Gefahr für die, die Du liebst.

Woran Du einen emotionalen Vampir erkennen kannst? Es gibt sechs Warnsignale. Mach Dich darauf gefasst, dass es Vampire in Deinem nächsten Umfeld gibt. Es ist bitter, so etwas zu erkennen. Aber es ist noch bitterer, Deine Jahre komplett ausgesaugt und kraftlos verbringen zu müssen. Bis(s) zum Lebensende, wie es bei der bekannten Reihe sooo romantischer Teenie-Bücher und -Romane heißt, die mich immer so zum Weinen bringen.

(Nicht alle der folgenden Warnhinweise lassen sich bei allen emotionalen Vampiren feststellen.)

#1 Sie haben Selbstzweifel und Gefühle in sich getötet

Emotionale Vampire können auf den ersten Blick unantastbar scheinen, über den Dingen schwebend. Abgeklärt. Das liegt jedoch nicht an ihrer hohen persönlichen Reife, nein, ganz im Gegenteil. Anstatt sich wirklich mit sich selbst auseinander gesetzt zu haben, töteten sie alles in sich ab. Sie haben den Zugang zu ihrer eigenen Herzensenergie verloren und benötigen deswegen immer wieder frische von außen. Gefährlich werden die Vampire auch, weil sie mit Leichtigkeit Entscheidungen treffen können, die Andere ins Verderben stürzen, privat oder beruflich.

Sie sind außerdem oft eiskalt – „brrrrrrrrr“ –  wenn Du versuchst, ihnen wirklich nah zu kommen.

#2 Sie brauchen Drama und Ängste

Emotionale Vampire können nach den Schattenseiten des Lebens süchtig sein. Wenn die Dinge eine Zeitlang gut zu laufen scheinen, werden sie unruhig, brechen grundlos in Tränen aus oder Streits vom Zaun. Dann wird der Tochter, die gerade voller Freude ihre ersten Reitstunden absolviert hat, prognostiziert, dass sie definitiv bald einen Reitunfall erleiden und für immer im Rollstuhl sitzen wird. Der Umzug in eine schönere Wohnung wird, so sagen sie voller Sicherheit, in der Obdachlosigkeit enden, schließlich schießen die Mieten ja dramatisch nach oben. Alles noch so Gute trägt etwas Bedrohliches, noch viel Schlimmeres in sich. Alles ist furchtbar. Und wenn’s noch nicht furchtbar ist, dann wird es noch furchtbar werden. Und wenn sie dafür selbst sorgen müssen.

#3 Sie reflektieren nicht

Emotionale Vampire haben das Reflektionsvermögen von Fünfjährigen. Sie erkennen sich im Spiegel (vor dem sie mitunter viel Zeit verbringen), aber außer ihrer Hülle erkennen sie nichts an sich selbst. Keine Gedankenmuster,  keine Wahrnehmungs- oder Verhaltensstörungen. Die Anderen und die Welt sind schuld, immer. Weil sie nicht reflektieren können, sind dieselben kleinen und großen Auslöser, die sie schon vor zwanzig Jahren aus der Bahn geworfen haben, heute noch genauso dazu fähig. Persönlichkeitsstagnation. Klar, wo nicht viel ist, kann auch nicht viel wachsen. Auf einer toten Wiese wächst kein Gras, zumindest nicht, wenn man sie nicht hegt und pflegt, gießt und liebt (<- das müssen sie selbst schaffen, Liebe von außen versickert meist viel zu schnell).

#4 Sie hängen an Menschen wie Junkies an der Nadel

Vampire sitzen nicht den ganzen Tag allein daheim. Sie müssen jagen. Und das macht sie für ihre Umwelt gefährlich. Auch emotionale Vampire brauchen andere Menschen, sonst fühlen sie sich so leer, wie sie sind. Daher findet man sie oft unter Menschen. Sie können sehr große Freundes- und Bekanntenkreise haben. Real und auf Facebook. Darüber sprechen sie auch gern. Wie beliebt sie doch sind. Haben sie kein großes soziales Netzwerk, dann müssen die Wenigen umso häufiger Blut lassen.

#5 Sie sind Selbstdarsteller par excellence und manipulieren, was das Zeug hält (und auch, was es nicht hält)

Zu den größten Talenten eines emotionalen Vampirs gehören die Selbstdarstellung und Manipulation.

Selbstdarstellung: Lernt man einen kennen, vermag er es häufig, einen zu blenden. Viele seiner Opfer bleiben von diesen ersten Eindrücken blind. So selbstbewusst scheint er, so ein Macher, so ein cooler Typ oder eine Göttin. Was unter seiner oder ihrer Oberfläche vorgeht (wenn dort etwas vorgeht), sieht man genau wie der Vampir selbst nicht. Außen Karriere und Fame, innen nichts als ein Loch.

Manipulation: Emotionale Vampire können Dich lächelnd traurig machen, Dich von ihnen abhängig fühlen lassen, obwohl sie es selbst von Dir sind, sie spielen auch die hässlichste Karte, um Dein Verhalten zu beeinflussen. Sie beschimpfen Dich, beschuldigen Dich, machen Dich klein und bringen Dich dazu, Dich dafür auch noch bei ihnen zu entschuldigen. Sie missbrauchen Dich und Du schenkst ihnen Blumen. Ihre leichenkalten Finger sind geübt, Dich wie eine Marionette tanzen zu lassen.

#6 Sie haben keine höheren Ziele

Emotionale Vampire haben nur eine Mission: ihren Hunger nach fremder Lebensenergie zu stillen. Dazu kann auch gehören, die Schule oder das Studium mit einer glatten 1 abzuschließen, in der Firma aufzusteigen wie ein Heißluftballon oder irgendwelche Preise abzustauben. All das dient jedoch nur dazu, sich besser darstellen zu können, um mehr Opfer um sich herum zu scharen und um diese noch besser manipulieren zu können.

Ihr Antrieb ist kein Herzenswunsch, sondern Hunger, er entsteht aus Defiziten, nicht aus dem Willen, die Welt ein Stück besser zu machen. Vampire haben keine Lebensaufgabe, keine großen Träume, die aus Liebe und dem Glauben an das Gute entstehen.

Wie Du emotionalen Vampiren entkommen kannst

Du siehst: die Vampire haben es auf Dich abgesehen und auf alles Lebendige, Liebende und Lebenswerte in Dir.

Schritt 1 ist: sie erkennen.

Schritt 2: Dich in Sicherheit bringen.

Der beste Schutz ist, den Vampir zu vermeiden. Das geht natürlich nicht immer, manche Kollegen sind uns ein Stück weit ans Bein gebunden, Familienmitglieder ohnehin. Dann können die folgenden Dinge Dir dabei helfen, nicht angezapft und ausgesaugt zu werden:

  • Deinem Bauchgefühl vertrauen, wenn Du spürst, dass Dir jemand nicht gut tut
  • Abstand halten / gemeinsame Zeiten begrenzen / nicht auf Dramen und Ängste eingehen
  • Nein sagen lernen
  • Mehr Menschen kennen lernen, die keine emotionalen Vampire sind
  • Dir Zeit für Dich nehmen, in der Du nachdenken und einen klaren Kopf bekommen kannst
  • Für Dich selbst sorgen, für Deinen Körper und Geist
  • Die eigene Lebensaufgabe kennen (gibt Widerstandskraft und Orientierung)

Und was ist damit, den Vampir zu retten? Ich glaube, das ist möglich. Aber niemals durch Dich, er muss es selbst tun. Alle Versuche, ihn aus dem Schatten zu ziehen, werden scheitern, solange er nicht selbst Licht sehen will. Das einzige, was passiert, wenn Du es dennoch darauf ankommen lässt, ist: er wird Dich kriegen, mehr denn je.

Was machst Du, wenn Du es mit einem emotionalen Vampir zu tun hast?

 

Photo: Ángelo González