|30. September 2012 08:00

24 Tage in vollkommener Dunkelheit – Interview mit Saskia John

Saskia John hat erst zwölf, dann 24 Tage freiwillig in einem kleinen Apartment in völliger Dunkelheit verbracht. Einmal täglich kam ihr Betreuer für ein Gespräch in die Bleibe und sprach mit ihr über Ihre Erfahrungen. Von welchen Ängsten,  aber auch bewusstseinserweiternden Erlebnissen die lichtlose Zeit geprägt war, darüber spricht Frau John mit mir im Interview – ebenso wie über die Arbeit “mit dem inneren Kind” und das “intelligente Herz”.

Hallo Frau John, vielen Dank für Ihre Zeit – ich freue mich über Ihr Einverständnis mit dem myMONK-Interview. Wie geht es Ihnen gerade?

Vielen Dank der Nachfrage. Ich fühle mich gerade im Fluss und vom Leben in jeglicher Hinsicht stark gefördert.

Wo fand Ihre Dunkeltherapie statt – und gab es bestimmte Voraussetzungen dafür, dass Sie an dem Experiment teilnehmen konnten?

Ich war im Haus meines Betreuers, der im Schwarzwald wohnt und hatte dort in der obersten Etage ein kleines, vollkommen abgedunkeltes Apartment für mich allein.

Eine Voraussetzung für die Durchführung des Bewusstseinsexperimentes war die vollkommene Verantwortungsübernahme meinerseits für alles, was in der Dunkelheit geschieht, incl. sich daraus ergebender Folgen für mein Leben und meine Gesundheit. Diese Bereitschaft wurde mit meiner Unterschrift dokumentiert. Und es brauchte neben Mut auch den eigenen Wunsch und Willen, ein inneres „Ja“ dazu.

Wie viel Angst hatten Sie in Ihren zwölf beziehungsweise 24 Tagen in vollkommener Dunkelheit, wann und wovor?

In beiden Dunkelaufenthalten erlebte ich zu verschiedenen Zeiten m. o. w. große Angst – von vielen kleinen Ängstlichkeiten bis hin zu einer grundlegenden und tiefen Existenz- bzw. Todesangst.

Die Ängste traten im 1. Dunkelretreat vor allem auf am Übergang zu Parallelwelten, wo ich z. B. mit einem interdimensionalen Wesen und mit verschiedenen Wächtern der Unterwelt konfrontiert war, die regelrecht gruselig sein können. In der 2. Dunkeltherapie erlebte ich Todesangst z. B. in der Phase der Selbst-Auflösung, die mit einer Auflösung des Raum-Zeitgefüges einherging und mehrere Tage dauerte.

Wie lang kamen Ihnen eine Stunde und ein Tag vor?

Meistens hatte ich ein stark verkürztes Zeitgefühl, das heißt, ein Tag kam mir nur wenige Stunden (3 – 5) lang vor; die Zeit raste nur so dahin. Es gab aber auch Momente, wo das Zeitgefühl dermaßen verzögert war, dass ein „Tag“ gefühlte 72 Stunden hatte. In den Phasen, wo Raum und Zeit aufgelöst waren, verlor sich jegliches Zeitgefühl. Ein Gefühl für eine einzelne Stunde hatte ich nicht; das war mir im Dunkeln auch absolut nicht wichtig.

Gefangene in Isolationshaft wurden manchmal jedem Reiz und jedem Licht entzogen. Wie viel Folter bedeutet das?

Darüber schreibe ich auch in meinem Buch. Ich bekam in der Dunkelheit ein Gefühl dafür, wie grauenvoll es für eine Person sein muss, die vollkommen gegen ihren Willen der Dunkelheit oder anderen reizabschirmenden Methoden ausgesetzt wird. Das kann zu vollkommenem Verrücktwerden bis hin zum Tod der Person führen.

Haben Sie sich jeden Tag auf den Besuch Ihres Begleiters gefreut? Kannten Sie ihn schon vorher? Und wie hat sich die Beziehung zu ihm in der lichtlosen Zeit verändert?

Ich kannte meinen Begleiter zuvor noch nicht, fühlte mich ihm aber von Beginn an sehr freundschaftlich verbunden, was sich in der Dunkelzeit nicht änderte und bis heute fortdauert.

Es gab Zeiten, wo ich mich auf den Besuch meines Begleiters freute, weil ich ihm spannende Erfahrungen und wichtige Erkenntnisse mitteilen wollte. Und es gab Tage, wo ich mit ihm noch gar nicht gerechnet hatte, weil meine innere Uhr anders tickte, sodass er völlig überraschend auftauchte. Wirklich auf ihn gewartet habe ich nur einen einzigen Tag, soweit ich mich erinnere. In der Phase der Auflösung des Raum-Zeit-Gefüges wiederum war es unwichtig geworden, ob er kommt oder nicht. Ich war einfach nur, da und zugleich nicht da, reines Sein.

Ihr Buch trägt den Titel „In den Tiefen meiner Seele. Erfahrungen in völliger Dunkelheit“. Was haben Sie dort, in diesen Tiefen, gefunden? Und haben Sie bewusstseinserweiternde und / oder transzendentale Erfahrungen im Dunkeln gemacht?

Ich habe bewusstseinserweiternde und transzendente Erfahrungen in der Dunkelheit erfahren dürfen und bin in den Tiefen meiner Seele auf viele verschiedene innere Schätze gestoßen, die mich tief berührt und in gewisser Weise auch geheilt haben. Ich bin mir selbst näher gekommen und konnte einige Antworten auf meine Fragen z. B. nach dem „Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was geschieht im Schlaf? Was tue ich, um wieder wach zu werden? Was geschieht beim Sterben? Was ist Leben? Was ist Tod?“ finden.

Themenwechsel☺: Was ist das „innere Kind“, warum ist es wichtig, sich um dieses zu kümmern – und wie kümmert man sich richtig? Können Sie dazu eine einfache Übung empfehlen, mit der man die Wirkungskraft des inneren Kindes spüren kann?

Das ist eine sehr komplexe Frage, die hier zu beantworten den Rahmen eines Interviews sprengen würde. Wie jemand in den Kontakt mit dem inneren Kind kommen und wie sich um das innere Kind gekümmert werden kann, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch.

Daher an dieser Stelle nur einige anlehnende Gedanken dazu: Das innere Kind ist eine alters- und zeitlose Energie in uns, deren Handlungsimpulse dem eines Kindes gleichkommen. Da alle unsere Kindheitserfahrungen in unseren tieferen und zumeist unbewussten Bewusstseinsschichten abgespeichert sind, wirken diese ständig aus der Tiefe auf uns Erwachsene ein. Die meisten Erwachsenen haben den Zugang zu diesen tieferen Bewusstseinsschichten  verloren, was dazu führen kann, dass das logische Denken und Handeln eines Erwachsenen beeinträchtigt sein kann, vor allem dann, wenn in der Kindheit die kindlichen Bedürfnisse seitens der erwachsenen Bezugspersonen nicht in angemessener Weise erfüllt wurden oder andere seelisch schmerzhafte Situationen für das Kind entstanden sind. Dabei auftretende schmerzhafte Gefühle werden im Kind in der Regel tief verdrängt. Die unerfüllten Bedürfnisse und verdrängten Gefühle aus der Kindheit führen häufig später im Erwachsenenalter zu einer Wiederholung der Vergangenheit, sodass dieser Mensch nicht wirklich leben, sondern nur funktionieren und überleben und sein Leben nur in immer wiederkehrenden und m. o. w. störenden und blockierenden Gedanken- und Verhaltensmustern leben kann.

Da zwischen Leben und Überleben ein großer Unterschied besteht, macht es Sinn, sich mit dem eigenen Inneren zu befassen und verdrängte bzw. blockierte Energie in sich selbst wieder zu befreien, um  wieder mehr in den inneren authentischen Fluss zu kommen. Ansonsten kann es geschehen, dass der Mensch spätestens im Alter von der eigenen Vergangenheit eingeholt wird und sich wieder wie ein kleines Kind verhält. Auch führt alles Verdrängte zu inneren Spannungen, die, wenn sie Jahrzehnte bestehen bleiben, krank machen. Also auch von daher macht es aus meiner Sicht Sinn, sich mit Psychohygiene zu befassen und diese ebenso selbstverständlich werden zu lassen wie die tägliche Körperpflege.

Sie arbeiten mit vielen weiteren Modellen, unter anderem mit dem „intelligenten Herz“. Was hat es damit auf sich?

Das psychodynamische Modell „Das intelligente Herz“ ist ein Konzept zur Anwendung der emotionalen und spirituellen Intelligenz, das von G. Fröhlich in der Form entworfen wurde. Es beinhaltet über die psychodynamische Arbeit mit dem inneren Kind sowohl Schatten- als auch Integrationsarbeit und ist von daher eine wertvolle Unterstützung zur Orientierung, die eigenen Gefühle und Handlungen besser verstehen, zuordnen und transformieren zu können.  Diese Arbeit geht in der Regel mit einem Prozess des inneren Erwachsenen-Werdens einher, der auch zu tieferem Erwachen führen kann.

Wo können die Leser mehr über Sie und Ihre Arbeit erfahren?

Ich habe in meinem Buch viel über mich und die Arbeit mit dem inneren Kind unter Anwendung des psychodynamischen Modells „Das intelligente Herz“ geschrieben.  Auf meiner Website www.saskiajohn.de finden sich weitere Ausführungen sowohl dazu als auch zu anderen von mir angewandten Heilmethoden wie z. B. Familienstellen, Hypnose und Akupunktur.

Für diejenigen, die selbst tiefer in die Materie einsteigen möchten und an Heilung, Transformation, Bewusstsein und Erwachen interessiert sind, biete ich Seminare an.

Herzlichen Dank!

 

Photo (oben): VinothChandar

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8 Kommentare

  • Hallo Tim,

    was für ein mega krasses Experiment. Ich wäre wahrscheinlich schon nach ein paar Stunden durchgedreht. ;) Aus welchen Gründen hat die Dame, dass denn machen wollen? Ich meine aus spirituellen, transformativen Gründen? Oder wars einfach nur ein Experiment? Oder ist die Dunkeltherapie ein gängiges Therapie-Konzept?

    Das erinnert mich von der Qualität her ein wenig an die Vipassana-Meditation, wo man sich ja auch von jeglichen Reizen zurückzieht und v.a. Dingen nicht spricht und stundenlang am Tag meditiert.

    Auf jeden Fall interessanter Stuff!

    Ganzherzige Grüße
    Maria Ma

    • Hi Maria Ma,

      find ich auch. Dieser komplette Reizentzug ist ja auch eine klassische Foltermethode, wie Saskia auch schreibt.

      Beim sehr empfehlenswerten Gilbert und seinem Blog “Geist und Gegenwart” gibt’s auch ein Interview mit Saskia:

      http://www.geistundgegenwart.de/2012/10/nach-der-dunkelheit-ich-lebe-heute-mehr.html

      Ich vermute, dass sie sie die Erfahrung machen wollte, vor allem aus spirituellen und psychologischen Gründen, sicher weiß ich das aber nicht. Ein gängiges Therapiekonzept ist das jedenfalls nicht, mir ging’s da nämlich genau wie Dir – ich würde komplett am Rad drehen!

      LG

      Tim

  • Hallo Maria und Tim,

    es ist sehr wohl ein gängigs ‘therapiekonzept’, obwohl therapie vielleicht das falsche wort ist.

    aufenthalte in der dunkelheit wurden weltweit schon lange durchgeführt, oft im schamanischen kontext. Speziell in Tibet hat es eine ganz grosse tradition.

    (Siehe “dark retreat” in einer suchmaschine)

    diese angst die sich bei euch zeigt wenn ihr nur daran denkt, verrät ja nur das da was in euch steckt was raus will…!

    • Hey,

      danke für die Ergänzung! Ich kannte bisher nur die Schwitzhütten von den Schamanen, werde mich aber noch mal zum dark retreat belesen. Hast Du selbst Erfahrungen mit sowas gemacht?

      LG

      Tim

      • Jawohl, hatte 5 tage letztes jahr gemacht, und ab Montag starte ich ein dark-retreat von mindestens 10 tagen… Das wird ganz schön intensive werden!

        ist aber sehr zu empfehlen, aber nur wenn man wirklich tief gegen will. Es öffnet sich das unbewusste. Aber man kann ja jederzeit aufhören – einfach licht anmachen wenn es einem zuviel wird…

        • Du bist dann wahrscheinlich auch allein, oder? Wo machst Du das … und gibt es wie bei Saskia eine Art Aufpasser?

          • Alleine, bei mir zuhause, zimmer und toilette sind vollständig abgedunkelt. Und augenbinde. Aufpasser möchte ich gar keinen, würde mich völlig irritieren. Und auch erschrecken wenn plötzlich jemand mitten in einer vision reinschneit…

            man ist da in so extrem veränderten bewusststeinszuständen und hypersensitiv. Für mich brauche ich da absolut keinen aufpasser. Aber das hängt natürlich von der persönlichkeit ab.

          • Also falls Du danach Lust hast, über diese Erfahrung was zu schreiben, hier steht Dir die Tür dafür immer offen. :)

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