„Ich bin ein alter Mann und ich habe viel Schreckliches erlebt, doch das meiste davon ist zum Glück nie eingetreten.“

– Mark Twain

Kopfüber springen wir mit unseren sinnlosen Sorgen in den großen Topf in Teufels Küche, in dem unser Verstand und unsere innere Ruhe weichgekocht werden. Sorgen können gestandene Frauen und Männer in die Kniee zwingen. Viele dieser Gedanken kreisen um Dinge, auf die wir nicht beeinflussen können. Nicht heute. Und nicht morgen.

Ich neige dazu, mir den Kopf zu zerbrechen über Sachen, die weder in meiner Macht, noch innerhalb der Lebenswahrscheinlichkeit liegen oder die für mich selbst eigentlich gar keine Rolle spielen. Wie Mark Twain erlitt ich Nächte und Tage voller unbegründetem Leid, das einzig in meinem Kopf exisitierte. Bis heute bin ich jedoch nicht von Außerirdischen entführt wurden, trafen mich weder ein Sonnensturm, noch ein Blitz; bis heute wurde ich im Schwimmbad nicht von einem Hai angegriffen (manchmal war’s echt knapp), bis heute weiß ich nicht sicher, was andere Menschen über mich denken oder wie sie handeln werden – ganz gleich, wie viel ich mich darum gesorgt habe.

Um voran zu kommen, müssen wir immer etwas loslassen.

Warum nicht ein paar sinnlose Sorgen?

Sinnlos sorgen wir uns immer dann, wenn sich die Gedanken drehen um:

  • Die Gedanken anderer Leute sowie die Handlungen und Reaktionen anderer Leute
  • Die unabänderliche Natur der Dinge (Leben und Sterben, Tag und Nacht, Sommer und Winter …)
  • Geschehenes, Schicksale und Zufälle
  • Äußerst Unwahrscheinliches

Hier sind 20 Sorgen, auf die eines oder mehrere dieser Kriterien zutreffen:

  1. Die Norm. Die Norm ist ein hässliches Monster. Ein Bermudadreieck, das alles verschlucken will, was anders ist als der Durchschnitt. Ja, die Norm ist ein Arschloch. In ihrer Nähe stinkts. Puuuuh!
  2. Die Meinung anderer über Dich. Darunter lassen sich viele viele unserer Sorgen fassen. Ist deswegen sinnlos, weil wir weder die wahren Gedanken eines anderen lesen können, noch sie beeinflussen können – noch sie wichtiger nehmen sollten, als das, was wir denken. „Frage Dich nicht: was denken die anderen – frage Dich: ist es wahr“, hab ich irgendwo mal aufgeschnappt.
  3. Die Gedanken der Supermarkt-Kassierer und Kellner. Verdient einen Extrapunkt in meiner Liste, weil es so häufig und so absurd ist. Angst, Comics zu kaufen als Erwachsener, Kondome oder irgendwelches Spielzeug? Angst, im Restaurant etwas besonders Deftiges zu bestellen, wenn die Kellnerin nach Salat aussieht, oder vormittags ein Bier, wenn’s was zu feiern gibt? Hier in München tun die Kassierer und Kellner manchmal so, als würde ihnen die Sonne aus dem Arsch scheinen, sie sind unfreundlich und wollen einem das Gefühl geben, als sei man es kaum wert, bedient zu werden. Doch auch die Verkäuferin im Tiffanys lebt nicht in einem Edelsteinpalast.
  4. Die Pläne der anderen für Dich. Deine Eltern wünschen sich eine Ärztin als Tochter oder einen Anwalt als Sohn, weil sie dasselbe tun? Sie wollen Dich als Eiskunstlaufprinz(essin) sehen, weil sie das selbst mal angestrebt haben und gescheitert sind? Dein Chef will Dich nach Nowosibirsk versetzen? Die Personaler in den Konzernen verlangen ein Auslandspraktikum in China und 38 ehrenamtliche Engagements, auf die Du gar keinen Bock hast? Lassen wir sie planen. Und denken lieber darüber nach, was wir von Herzen wollen.
  5. Dein Aussehen / Dein Style. Die aktuelle Mode mag schön sein, aber sie bleibt sinnlos. Noch sinnloser sind die Sorgen darüber, ob die eigene Frisur, die Schuhe, die Brille oder die Tasche gerade angesagt sind – wenn man sie selbst mag und sich damit wohlfühlt, ist doch alles fine.
  6. Ob Deine Interessen zu männlich oder zu weiblich sind. Du bist eine Frau und liebst es, Dosenbier beim Bowling zu trinken? Oder ein Typ, der gern bei romantischen Filmen weint, dass es nur so tropft? Ist doch cool, bleib dabei – ganz gleich, wonach die anderen Leute „ihre“ Interessen ausrichten.
  7. Der Besitz und das Einkommen der anderen. Wie kann sich der Nachbar bloß die neue schnike Karre leisten? Warum hat die eigene Putzfrau mehr Klunker an Arm und Hals als ich? Du selbst bist Dein eigener Maßstab, Du zählst. Am besten nur Dein Geld, nicht das der anderen.
  8. Ob Du weit genug gekommen bist, in Deinem Alter. Mit 30 Jahren immer noch keine Million auf dem Konto? Immer noch keine Weltreise gemacht? Daran kannst Du nachträglich nichts mehr ändern. Aber: anstatt Dich über verpasste Gelegenheiten zu sorgen, warum nicht Deine Zukunft planen?
  9. Dein Alter. Wenn Du einen Weg gefunden hast, Dein Alter zu beeinflussen, schreib mir bitte unbedingt. Wenn nicht: warum sorgen wir uns darüber?
  10. Perfektion. Sich darüber zu sorgen, ob man eine Sache wirklich perfekt gemacht hat, ist so, wie sich über das Austrocknen einer Fata Morgana in der Wüste zu sorgen. Perfektion ist eine Illusion.
  11. Immer Recht haben. Vermutlich werde ich die Hälfte der Sachen, die ich heute schreibe, in ein paar Jahren so nicht mehr unterschreiben können. Es geht jedoch nicht darum, Recht zu haben, sondern darum, das auszudrücken, was man in einem Moment für richtig hält.
  12. Fehler. Fehler, die man in der Vergangenheit gemacht hat, sind geschehen. Man sollte die eigenen Entscheidungen nicht nach heutigem Kenntnisstand bewerten, sondern nur danach, was man damals wusste. Wenn sich eine Entscheidung hinterher als falsch entpuppt hat, dann wussten wir es damals meist einfach nicht besser.
  13. Der / die Ex. Sie ist weg, weg, und ich bin wieder allein, allein. Sprachen die Fantastischen Vier. Tim sprach: sie bleibt weg, weg und ich werde mich neu verlieben, neu verlieben.
  14. Political Correctness. Zu unterscheiden von Höflichkeit und Einfühlungsvermögen. Ich halte gern die Tür auf, stehe auch mal in der U-Bahn aus für jemanden, der dreimal so alt ist wie ich. Aber um politische Korrektheit sorge ich mich nicht mehr. Aber um potenzielle Fettnäpfchen herumzuspringen empfinde ich als Quatsch. Die anderen denken ohnehin, was sie wollen – auch über das, was man noch so korrekt auszudrücken versuchte.
  15. Die Entscheidungen anderer für sich selbst. Ist manchmal schwer. Sehr schwer. Aber wir können niemanden dazu zwingen, mit dem Rauchen oder Trinken aufzuhören, endlich mal zum Arzt zu gehen oder die Kündigung einzureichen, um einen drohenden Burnout abzuwenden.
  16. Besserwisser. Besserwisser wird es immer geben. Wer was anderes sagt, lügt!
  17. Facebook-Posts von Leuten, die Du nicht magst. Der Schweinekollege findet sich mal wieder besonders geil? Das kann man entweder lesen und sich darum sorgen, wo das nur alles hinführen soll, oder einfach nicht mehr lesen.
  18. Naturkatastrophen. Man kann aus einer Gegend wegziehen, in der ständig Überschwemmungen oder Tornados wildern. Doch man wird sie nicht aufhalten können.
  19. Alles andere, das Du nicht kontrollieren kannst.
  20. Warum ich? Trifft mich dieses Schicksal, weil ich ein böser Mensch bin und in die Hölle komme und vorher noch hunderte von Malen weitere Schicksale erleiden muss, die mir die Hölle auf Erden bereiten? Sich darüber zu sorgen, warum  ausgerechnet einen selbst XY trifft, macht nichts als kraft- und wehrlos.

Loslassen, klar – aber wie?

Wer sich von Sorgen befreien will, die sinnlos auf ihm lasten, muss sich der Sorgen zunächst bewusst sein. Sie im nächsten Schritt annehmen: „Ja, ich mache mir über XY Sorgen“. Und im dritten Schritt unterbrechen, wenn sie auftreten. Dafür gibt es verschiedene Mittel:

  • Sinnlosigkeit der Sorgen vor Augen führen: Du kannst es nicht beeinflussen? Warum dann darüber sorgen? Wie wichtig ist das Thema überhaupt: wirst Du Dich in drei Jahren, in einem Jahr oder auch nur in einem Monat noch darüber grämen? Wenn nicht, warum nicht gleich loslassen?
  • Nachteile der Sorgen vor Augen führen: Sinnlose Sorgen kosten Kraft. Kraft, die wir vielleicht dann brauchen, wenn etwas eintritt, das wir nicht verhindern oder beeinflussen können. Wenn es nicht eintritt, haben wir uns selbst grundlos gefoltert, unsere kostbare Zeit mit negativer Energie überschüttet, uns dessen beraubt, was ein großartiger Tag hätte sein können.
  • Ablenkung: Wenn die Sorgen aufpoppen, schließe Deine Augen und stell’ Dir ein riesiges, rotes STOPP-Schild vor. Beginne dann, Dich abzulenken. Bewegung, ein Kreuzworträtsel lösen, einen Freund anzurufen, Dir einen Tee zuzubereiten, einen Spaziergang zu machen, fröhliche Musik zu hören, zu arbeiten oder was auch immer. Zielgerichtete Ablenkung ist Dein Freund.
  • Feste Sorgenzeiten schaffen: Eine feste Sorgenzeit für den Tag einrichten und alle aufpoppenden Sorgen in diese Zeit verschieben. Funktioniert für mich persönlich nicht so gut, habe aber schon häufiger gehört und gelesen, dass es für andere eine passende Strategie ist.
  • Innere Ruhe entwickeln: Langfristig das beste und sicherste Mittel gegen übertriebene Sorgen. Vielleicht möchtest Du eine der Übungen aus dem kostenlosen Ebook Die myMONK-Meditationen zum festen Bestandteil Deines Lebens machen, um stärker, ruhiger und gelassener zu werden? Yoga soll auch helfen.

Schwieriger wird es dann, wenn man einen tief verankerten Glaubenssatz in sich trägt – a la „Meine Sorgen verhindern, dass etwas Schlimmes passiert“ oder „Wenn ich zu optimistisch bin, werde ich dafür bestraft“. Stellst Du einen dieser Sätze oder etwas Ähnliches an Dir fest, kann Dir die Technik des Reframings weiterhelfen. Mehr dazu unter Von einschränkenden Glaubenssätzen befreien in 30 Minuten.

Ich weiß auch, dass die obigen Schritte nicht dazu führen, dass man ab morgen für immer sinnlossorgenfrei ist. Aber mit den Techniken kann man sich nach und nach lösen.

Was übrig bleibt (Sorgenjunkies, wir können durchatmen, selbst der sinnvolle Stoff wird nie ausgehen)

Nicht jede Sorge ist umsonst. Was übrigt bleibt sind Dinge, über die es sich lohnt, ernsthaft nachzudenken. Dinge, die wir beeinflussen können. Es sind die eigenen: Gedanken, Gefühle, Pläne, Handlungen und Reaktionen. Dann können Sorgen als Handlungssignale dienen: „ich mache mir Sorgen, vielleicht sollte ich etwas unternehmen“. Anstatt uns in eine ängstliche Tance ohne Handlungsmöglichkeit zu versetzen, können sie uns so also aufwecken. Ständige Kopfschmerzen könnten einen Arztbesuch nötig machen, schlechte Schulnoten des Kindes Gespräche und Nachhilfe, komische Geräusche des Autos eine Fahrt in die Werkstatt, Schnee Winterreifen, Geldknappheit heruntergeschraubte Ausgaben oder hochgeschraubte Einnahmen.

Ich geh jetzt ins Schwimmbad. Wenn mich im Becken (oder unter der Dusche) doch ein Hai angreift, dann ist es eben so. Vielleicht pack’ ich noch zur Sicherheit Pfefferspray ein. Ein paar Gramm davon in der Badehosentasche helfen in so einem höchst unwahrscheinlichen Notfall immer noch mehr als eine Trilliarde quälender Sorgen auf den Schultern.

 

Wenn Du Dir weniger Gedanken und Sorgen um die Meinungen anderer Menschen machen willst, könnte Dir das myMONK-Buch gefallen: „Wie man die Dinge nicht mehr so persönlich nimmt„.

 

Photo: spaceodissey