In den letzten Wochen erreichten mich ein paar Mails von Eltern, die darum besorgt waren, wie sich ihre Kinder in dieser Welt aus Cash, Koks, Casting-Shows und Kabelloser Datenübertragung entwickeln. Meine Antwort war immer dieselbe: ich habe keine Kinder und keine Ahnung von Kindern und jeder Rat von mir in diese Richtung wäre an den Haaren herbeigezogen.

Dann ist es mir wieder eingefallen: ich muss ja selbst mal Kind gewesen sein. Die meiste Zeit davon habe ich in der Schule verbracht. Wenn ich jetzt zurückdenke an diese ewigen Stunden bis zur Pause und zur Freizeit und diese ewigen Wochen und Monate bis zu den nächsten Ferien … dann fällt mir ein, wie wenig ich doch gelernt habe. Ja, ich kann (oder konnte) Kurven diskutieren, wusste aber als Herangewachsener nicht mit den Kurven einer Frau umzugehen. Ich kann (oder konnte) Gedichte interpretieren, aber nicht meine eigenen Gedanken und Gefühle. Ich hatte gelernt, wie man ein gutes Schaf ist, aber nicht wie man jenseits der stumm und auf abgegrenzten Flächen Gras fressenden Herde sein Glück sucht.

Hier sind 10 Dinge, die ich leider nicht in der Schule gelernt habe. Es sind Dinge, die ich meinen Kindern beibringen möchte, wenn es sie denn mal gibt.

#1 Im Leben gibt’s keine Spickzettel

Letztlich finde ich es vollkommen in Ordnung, im Unterricht zu spicken, wenn es einem das tagelanges Indenschädelklopfen sinnloser Fakten erspart. Das Problem ist nicht, dass es unfair ist oder man erwischt werden könnte. Das Problem ist auch nicht, dass man weniger lernt, man vergisst das meiste ja ohnehin nach der Klausur wieder. Das Problem ist: im Leben gibt’s keine Spickzettel. Im Leben geht’s um smarten Fleiß, um harte Arbeit. Die meisten Abkürzungen führen in den Abgrund.

Schreib Dir permanent Spickzettel als Erwachsener, und Du unterschreibst Deinen Todesschein, mein Kind.

#2 Fehler sind gut

Das, was rot und fies aus den Stiften der Lehrer auf Dein Blatt spritzt, diese Fehlerkorrekturen … sie geben Dir nicht unrecht, sondern eine Richtung vor. Der Lehrer mag Dich damit bestrafen wollen (wenn es ein Wichser ist), aber das Leben hilft Dir mit und nach jedem Fehler.

Fehler bedeuten, dass Du einen Schritt nach vorn gemacht hast, Dich getraut hast, auch wenn Du Dir vielleicht nicht ganz sicher warst. Behalte Dir die Fehler bei, mein Kind, und Du wirst reichlich belohnt werden.

#3 Der Output zählt, nicht der Input

In der Schule muss man X Stunden am Tisch verbringen nach den Vorgaben des Stundenplans. Wer da nicht mitspielt, bekommt Probleme. Dabei spielt es im Leben keine Rolle mehr, wie viel man irgendwo anwesend ist, solange die Ergebnisse stimmen.

Meine Eltern haben mir glücklicherweise das eine oder andere Mal den Rücken gestärkt, als ich meine Abwesenheitstage nach einer Krankheit künstlich verlängerte oder nicht am Sportunterricht teilnehmen wollte. Irgendwann begann ich zu merken, dass ich allein vieles besser lerne als in einer Gruppe von Leuten. Ich war kein permanenter Schulschwänzer, gar nicht, aber hin und wieder tat es mir sehr gut, dieses Stück Freiheit. Persönlich und manchmal auch bei den Schulleistungen.

„Ja, aber was ist im Job … da muss ich doch auch immer zu festgelegten Zeiten da sein!“

In einem Job schon. Woanders nicht.

Siehe 13 Gründe, warum man niemals einen Job annehmen sollte.

#4 Aufstehen, wenn andere sitzen bleiben

Doppeldeutig.

Erstens: wenn die Schafherde vorm Hirten (kennst Du „Bauer Heinrich?“) hockt und alles über sich ergehen lässt, jede Ungerechtigkeit, jede Sinnlosigkeit, dann stehe auf mein Kind, und sage freundlich, aber bestimmt Deine Meinung. Jeder von uns kennt Lehrer, die einzelne Schüler auf dem Kicker hatten und sie vor der ganzen Klasse blamiert haben. Ich erinnere mich da an eine Schülerin, die die Hand hob und gen Schuljahresende fragte: „Frau Lehrerin, sind die Zeugnisnoten für Französisch schon fertig?“ und sie entgegnete: „Nein. Nur die von Tim und Alexander. Die haben eine 5.“ Bitch. Oder an die Lehrerin, die den Schüler fragte: „Das ist wohl Dein Lieblingspullover, den hast Du doch jeden Tag an!“ oder an den Sportlehrer, der mir in den Hintern trat. Ich wünschte, ich wäre damals häufiger aufgestanden, für andere und für mich selbst.

Zweitens: wenn Dein Umfeld Dich runterzieht, musst Du nicht bis zum Ende auf dem sinkenden Schiff bleiben und mit ihnen ertrinken. Manche Deiner Leute werden vielleicht sitzen, aber das heißt nicht, dass Du nicht voranschreiten kannst auf Deinem Weg und in Richtung Deiner Träume. Manchmal müssen wir Menschen hinter uns lassen, die uns nicht gut tun. Privat und geschäftlich.

#5 Erst geben, dann zurückbekommen

Wichtig wichtig wichtig. Grundprinzip jedes langfristig erfolgreichen Business. Im Wirtschaftsunterricht malten wir Kreisläufe von Volkswirtschaften auf, der Kreislauf des Erfolgs blieb uns verborgen.

Bitte versprich mir, dass Du zuerst Wert schaffst, mein Kind, und dann die Früchte erntest.

Die Alternative ist das, was die meisten Menschen tun: nach tief hängenden Früchten des Nachbarn suchen. So wird das nichts. Zumindest nicht auf Dauer.

#6 Die Coolsten werden die Uncoolsten sein

Hand hoch, wenn Du solche Beispiele kennst, lieber Leser. Die coolsten Typen und Mädels, auf die alle aufgeschaut haben und die oft auf alle heruntergeschaut haben, sitzen viele Jahre nach der Schule noch immer in den alten Straßen der Kindheit fest, haben Scheißjobs oder gar keinen und denken wehmütig zurück an die Zeit, in der sie mit ihren Lederjacken und Baggypants und Punkklamotten und Zigaretten und Zahnstochern im Mund, die nicesten Frauen oder Kerle am Start hatten und ihr kleines Reich harsch regierten.

Die Uncoolen hingegen, die damals irgendwie eigen schienen und nicht so recht reingepasst haben, die, die Außenseiter waren und ausgelacht wurden … denen liegen das Leben und die Menschen später oft zu Füßen. Die machen ihr eigenes Ding und suchen sich den Platz im Leben, an dem sie verdammt gut aufgehoben sind.

#7 Die wichtigsten Noten gibt man sich selbst (man muss sich nicht mit anderen vergleichen)

Ob der Lehrer oder Deine Eltern mit uns zufrieden sind, ist in der Schulzeit wichtig, danach kaum noch.

Bist Du mit Dir selbst zufrieden?

Magst Du, wer Du bist, mit all Deinen Stärken und Schwächen?

Und magst Du, was Du mit Deinem Leben anfängst?

Das ist es, was zählt.

#8 Die wichtigsten Lehrer im Leben sucht man sich selbst aus

Als Kinder bekommen wir den Vorgesetzten vorgesetzt. Sind wir erwachsen, suchen wir uns unsere eigenen Lehrer, ob bewusst oder unbewusst.

Es sind diese Lehrer in Form von Partnern, Freunden, Mentoren, die uns wirklich weiterbringen – oder feststecken lassen.

#9 Das Leben ist frei und schön und riesig

All die Zwänge, an die uns das Schulsystem glauben lässt, bestehen nach der Schulzeit höchstens in unseren Köpfen weiter. Sie sind nicht real. Du musst nicht nach dem Abi 15 weitere Jahre in der Uni hocken und Dich mit Fakten volllabern lassen, wenn das nicht Dein Ding ist, mein Kind.

Und Du brauchst auch keinen Job annehmen, wo Du nur weitere Lehrer vor Dir hast.

Nach der Schule steht Dir die Welt offen. Du kannst gehen, wohin Du willst, tun, wonach Dir ist und so viel Schönheit aufsaugen, wie Du magst. Schon in der Schulzeit kannst Du üben, Dich an den kleinen Schönheiten und Freiheiten zu erfreuen. An der frischen Luft in der Pause, an Deiner Lieblingsmusik auf dem Weg nachhause, den Möglichkeiten, den Deine Freizeit Dir bietet.

#10 Tue, was Du liebst

Mach‘ Dir #9 zunutze, mein Kind. Wenn Du es hasst, Fußball zu spielen, lass es, auch wenn alle Mitschüler im Verein sind. Wenn Deine Eltern (oh, das bin ja dann auch ich, wenn Du diesen Brief irgendwann liest) sagen, Du sollst Klavierspielen lernen, und es ist nicht Dein Ding, dann leiste Widerstand. Wenn Deine Eltern Dich gern als Schönheitschirurg oder Anwalt sehen würden und Du Dich nicht, dann pfeif‘ drauf und versichere Dir selbst, dass Du das nie sein wirst.

Tue, was Du liebst. Je mehr Du es tust, umso besser wirst Du darin, und umso mehr kannst Du die Grundlage dafür schaffen, Dein Ding nach der Schulzeit ganz zu Deinem Leben zu machen.
Photo: Leland Francisco