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Text von: Lena Schulte

Ich habe immer gedacht, ich hätte einen epischen Echsenschwanz an Geduldfaden. Immerhin meditiere ich. Doch dann schreit jemand tatsächlich meinen Hund an. Und meine Wolke der Gelassenheit legt eine Blitz-Metamorphose zum Taifun hin. Also schreie ich zurück, denn niemand schreit mich (oder meinen Hund) an. Und mein Gegenüber denkt sich: „Was fällt der ein?!“, und legt jetzt so richtig los. Wir werfen mit unschönen Ausdrücken um uns, bis uns nix Böses mehr einfällt und ziehen erbittert von Dannen. Ich bin sauer, der Hund leicht verstört. Und jetzt, im Nachhinein, frage ich mich: Ernsthaft, Lena?

Zum Glück sind diese Momente relativ selten, in denen ich angeschrien werde und der Hulk in mir erwacht. Wahrscheinlich fräsen sie sich deswegen auch so tief in mein Scham-Gedächtnis ein. Ich habe diese Szene danach jedenfalls noch ziemlich oft in meinem Kopf durchgespielt und mir gewünscht, ich hätte mich meiner Erwachsenenlizenz entsprechend verhalten. Damit Du souveräner als ich aus emotional hoch explosiven Situationen herauskommst, habe ich mir mal über ein paar Tipps dazu angesehen:

Zuerst sollten wir wissen….

…dass wir eine Art Reptiliengehirn haben. Das Programm, das anspringt, wenn uns jemand anschreit, ist so ungefähr seit der Steinzeit in uns. Und wenn es dann mal gefordert wird, gibt es die Befehle zum Besten, die in der Steinzeit eben en vogue waren. Also heißt es entweder „3…2…1…Fight!“ oder „Oh Gott, oh Gott! Lauf!“ Man kann sich diesen Teil des Gehirns ein bisschen wie ein abgebranntes One-Hit-Wonder vorstellen, das durch die schäbigen Destinationen Deines Lebens tourt, und immer bereit ist, seinen einzigen Hit zum Besten zu geben – wenn man es denn lässt.

Deswegen gilt grundsätzlich: Wenn Dein Gegenüber schreit, dann ist es ein Kind. Wenn der andere schreit, ernennt er Dich automatisch zum Grundschullehrer. Und der besonnene Grundschullehrer in uns weiß: Kinder schreit man nicht (zurück) an. Auch nicht, wenn sie angefangen haben. Man argumentiert mit ihnen auch nicht wie mit Erwachsenen. Kinder schreien, weil sie es nicht anders geregelt bekommen. Bei Erwachsenen sieht es nicht anders aus, nur dass sie vielleicht mehr hässliche Worte zur Verfügung haben. Aber sowohl beim Kind als auch beim erwachsenen Schreihals liegt das wahre Problem hinter dem Tobsuchtsanfall.

Do it slooooow

Wenn wir fürs Erste mit rationalen Argumenten relativ schlecht beraten sind, können wir an der Uhr drehen. Also sinnbildlich, denn alles, was die Situation verlangsamt, ist gut. Ruhig bleiben im Streit heißt, langsam sein zu können.

Das kann man zum einen angehen, indem man dem Drang widersteht, sofort auf das Gesagte zu reagieren. Stattdessen ein bis zwei Sekunden durchatmen, wenn der andere mit seinem Rede-/Schreibeitrag fertig ist. Das kann in normalen Gesprächen geübt werden und ist auch eine gute Taktik, um zu überprüfen, ob der andere bereits alles gesagt hat, was ihm auf dem Herzen liegt. Wir haben die Tendenz, sofort zu reagieren, sobald der Andere Luft holt. Wenn wir diesem Drang widerstehen, stehen die Chancen gut, dass wir das kommunikative Zepter in der Hand behalten können.

Zum anderen können wir unser Gegenüber selbst zur Langsamkeit auffordern. „Bitte sprich langsamer, ich möchte gerne helfen“ wirkt zum Beispiel nicht so, als würde man sich gegen jemanden stellen wollen. Es signalisiert viel mehr, hier hat jemand Bock auf Kooperation.

Qualmen soll das Gehirn

Das Gehirn mag es in der Regel zu denken (diese Vorliebe ist zwar von Gehirn zu Gehirn unterschiedlich stark ausgeprägt, aber gehen wir mal vom Regelfall aus). Also lass das Gehirn Deines Gegenübers denken. Bitte nach einer konkreten Erklärung. Was genau sollst Du tun, damit es Deinem Gesprächspartner besser geht? Wer Antworten formulieren muss, muss nachdenken. Wer nachdenken muss, kann nicht gleichzeitig wie von Sinnen rumschreien. Dazu ist das Reptiliengehirn nicht in der Lage. Es kann entweder nur toben oder laufen.

Gleichzeitig kann man das eigene Gehirn schonen und erstmal gänzlich darauf verzichten, die eigene Sichtweise zum Besten zu geben. Warum? Weil egal wie gut begründet und richtig Deine Argumente auch sind: Der andere ist gerade in hoch emotionalen Sphären unterwegs, in denen Erklärungen oder Rechtfertigungen als Gegenangriff gelten. Dort hören sie sich an wie: „Also, wenn du klug genug wärst, zu verstehen, worum es wirklich geht, dann wäre Dir klar, dass ich Recht habe. Und Deine Ansichten sind einfach nur dämlich. Ich erkläre Dir auch gerne den ganzen Tag lang, warum das so ist, Dummerchen.“

Auch wenn Du das wahrscheinlich absolut nicht ausdrücken will, senden solide Argumente in solchen Momenten genau dieses Signal und markieren den Todesstoß des kommunikativen Friedens. Schließlich funktioniert Streit nur, wenn jeder Recht hat. Gleiche Botschaft gilt natürlich auch für das berühmte „letzte Wort.“

Und dann noch ein Tipp aus der Psychiatrie

Das Prinzip der Rechthaberei kennen auch Psychiater, die täglich mit Patienten umgehen müssen, deren Realitätsempfinden manchmal etwas verrutscht ist. Die Frage, die sich für Psychiater stellt, ist doch: Bringt es etwas, jemanden, der sich für Satan höchstpersönlich hält, diese Realität abzusprechen? Getreu dem Motto: Nö, bist du nicht und nun geh nach Hause, vergiss die Rechnung nicht.

Auch wenn es schwerfällt: Die eigene Realität ist primär nur die eigene Realität und nicht unbedingt besser als die eines anderen. Es ist keinem geholfen, wenn man anderen die eigene Realität als die richtige aufzwängen will. Das sehen wir an diesem Beispiel. Wenn sich jemand für Satan hält, dann weil es für ihn real ist. Und wenn jemand sich in einem Wortgefecht im Recht sieht, dann weil es für ihn real ist. Die Chancen auf Konsens erhöhen sich dramatisch, wenn wir Empathie mit der Realität eines anderen übrighaben, uns drauf einlassen, Fragen stellen und aufmerksam zuhören. Der Akt des Zuhörens reflektiert sowieso mehr den emotionalen Zustand der anderen Person zurück. Nicht unbedingt den Inhalt dessen, was sie sagt.

Ich glaube, für mich funktioniert es am besten, mein Gegenüber als ein Kind zu sehen. Ich möchte mich in Zukunft zumindest nicht mehr so emotional reinreißen lassen. Mir zu Liebe. Und auch meinem Hund.

Photo (oben): Jonas Bengtsson, Lizenz: CC BY 2.0