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Text von: Lena Schulte

Vor knapp einem Jahr führte ich einer der besten Unterhaltungen meines Lebens. Das fiel mir erst im Nachhinein auf, denn des Gesprächs war ich wie weggetreten. Ich konnte mich auf nichts anderes konzentrieren als auf meine beiden Gesprächspartner. Wir haben uns so tief in die Semantik eingebuddelt, dass ich sogar meine obligatorischen Smartphone-Checks völlig vergessen habe. Und das als passioniertes Technikopfer!

Im Gespräch ging es heikel umher. Das Thema bot eine riesige Explosionsgefahr und wartete glühend darauf, in einem derben Streit zu eskalieren. Doch es geschah nicht – auch wenn sich der Redefluss immer wieder zu kleinen Strudeln formte. Im Endeffekt diskutierten wir geschlagene drei Stunden lang. Fast so, als wären wir so richtig erwachsen. Zwar ohne Ergebnis, oder den anderen „überzeugt“ zu haben, oder die Welt irgendwie verbessert zu haben. Dennoch waren wir uns alle einig: Diese drei Stunden Gespräch waren echt gut. Wir gingen alle mit diesem besonderen Gefühl ins (eigene) Bett, dass wir uns auf einer neuen Ebene deutlich nähergekommen waren. Es war schon fast ein bisschen romantisch.

Gespräche sind die elementare Kommunikationsform der Spezies Mensch. Deswegen war ich erstaunt, dass ich trotz so viel praktischer Übung so selten dieses schöne „Nähe-Danach-Gefühl“ nach Gesprächen verspüre. So viele Diskussionen, die ich in meinem Leben geführt habe, sind im Endeffekt einfach an mir vorbeigerauscht, geradewegs in die Versenkung meines Gedächtnisses. Was machen gute Gespräche also aus, damit sie uns mehr geben als nur eine momentane Belustigung?

Es geht nicht ums Rechthaben – es geht um Respekt

Gleich und gleich gesellt sich gern. Vor allem gleiche Meinungen. In unserem Fall waren wir aber weit davon entfernt, einer Meinung zu sein. An diesem Punkt wartet naturgemäß die erste Falle, denn jetzt taucht gerne mal der Wunsch auf, den anderen unbedingt überzeugen zu wollen. Ich für meinen Teil höre dann gar nicht mehr richtig zu. Gedanklich bin ich nur noch mit mir beschäftigt. Ich filtere die Gesprächsbeiträge des anderen nach argumentativen Schwächen, die ich dann gegen ihn verwenden kann und denke nur noch über meine Antworten nach.

Richtig zuhören, mir Zeit nehmen, um das Gesagte zu verarbeiten – das geht nicht, wenn ich Recht haben muss. Und schon endet das Gespräch und die schizophrene Monologsituation beginnt. Jetzt ist Schweigen nur noch die nötige Höflichkeit, damit ich so schnell wie möglich den anderen mit meinen klugen Gedanken erhellen kann. Das ist nicht nur völlige Zeitverschwendung, sondern auch respektlos. Ein Qualitätsgespräch ist schnell vorbei, wenn der andere spürt (oder zu hören bekommt), dass seine Ansichten verurteilt werden und sein Gegenüber sich nicht einmal die Mühe gibt, überhaupt verstehen zu wollen. Niemand mag es, gefühlt gegen eine Wand zu reden. Wer auf Ego-Streicheleien á la Rechthaberei angewiesen ist und keine andere Realität neben seiner eigenen akzeptieren kann, wird es schwer haben, echte Qualitätsgespräche jenseits von Meinungsüberschneidungen führen zu können.

Der ehemalige Leiter es FBI-Verhaltensanalyseprogramms, Robin Dreeke, betont in seinem Buch „It’s not all about me“, wie wichtig es für die Qualität einer zwischenmenschlichen Beziehung (und dementsprechend auch für Gespräche) ist, dass man dem Gegenüber ein Gefühl von Respekt vermittelt. Also in erster Linie zuhört, aussprechen lässt (gerne auch mal drei Sekunden nach einem Redebeitrag wartet), Augenkontakt hält und mit Interesse nachfragt. Interesse lässt sich am einfachsten signalisieren, indem man ab und an kurz die Kernaussage des Redebeitrags wiederholt und darauf die folgende Frage bzw. Antwort aufbaut.

Für ein Qualitätsgespräch ist es nie entscheidend, ob ich den anderen von meiner Meinung überzeugen kann. Das ist meistens Ego-Kram und sowieso hochgradig unwahrscheinlich, da wir unsere Meinungen gerne mal wie den heiligen Gral behandeln. Es ist viel entscheidender, dass ich mir alle Mühe gebe, dem anderen zu vermitteln, dass seine Meinung (trotzdem) eine wirkliche Relevanz für mich hat.

Doch wie kann man ungeteilt aufmerksam sein, wenn es schwerfällt?

Auch jenseits von Meinungsverschiedenheiten ist es nicht immer leicht, dem anderen mit einem wachen Gehirn gegenüber zu treten und wirklich zuzuhören. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit für unser Gegenüber etwas fokussieren und trainieren wollen, empfiehlt Dreeke, sich in Faszination zu üben.

Faszination ist wie eine kalte Dusche für den schläfrigen Geist. Sie findet jenseits von Rechthaberei statt und distanziert uns emotional. Faszination nimmt uns unsere Meinung auch nicht weg oder entwertet sie. Schließlich kann man einen riesigen Haufen Mist auch faszinierend finden und trotzdem weiterhin Recht damit haben, dass er im Endeffekt einfach nur scheiße ist. Mit Faszination ist es möglich, konstruktive Dinge zu sagen wie: „So habe ich das ja noch nie gehört. Hilf mir, das zu verstehen. Wie hat sich diese Meinung bei dir entwickelt?“ Mit dieser Geisteshaltung lässt sich Respekt viel einfacher zeigen und wir treiben das Gespräch voran, ohne zu urteilen.

Wenn es Dir schwerfällt, Faszination in Dir überhaupt entstehen zu lassen, kannst Du Dir überlegen, was wohl ein kleines Kind fragen würde. Oder welche Gedanken und Ideen wohl jemand interessant finden würde, der noch nie etwas über dieses Thema gehört hat.

Endgegner-Tipp

Ich gebe zu: Faszination für das Gerede des Gegenübers ist nicht immer möglich. Wenn klar ist, das wird nichts (mit dem Qualitätsgespräch), schlägt Dreeke für vor, das Gegenüber danach zu fragen, was ihn besonders herausfordert. Entweder generell oder speziell wie zum Beispiel bei der Arbeit oder beim Großziehen von Kindern. Wir alle müssen uns täglich kleinen und großen Herausforderungen stellen. Deswegen können wir an diesen Punkten immer anknüpfen, ohne zu persönlich zu werden. Wir können im Gespräch sogar noch weitergehen und das Gegenüber nach Tipps zur Bewältigung dieser Herausforderungen fragen. Studien beweisen, dass Menschen dies als eine aufrichtige und authentische Geste wahrnehmen. Und wenn man dann noch sein schönstes Sonntagslächen präsentiert, schmilzt vielleicht sogar Schwiegermutter dahin.

Für mich ist wichtig, mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass man gute Gespräche nie erzwingen kann. Sie sind immer auch ein Produkt von richtiger Zeit und richtiger Stimmung und oft natürlich auch dem richtigen Thema. Doch man kann sich Mühe geben, der Gesprächspartner zu sein, den man sich selbst wünschen würde. Und vielleicht ermuntert man durch sein Verhalten den anderen ja zum Mitmachen.

Photo (oben):  Pedro Ribeiro Simões Lizenz: CC BY 2.0