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Text von: Romy Hausmann

Was Du bekommst, nimm ohne Stolz an.

Was Du verlierst, gib ohne Trauer auf. – Mark Aurel

Barfuß oder Lackschuh. Sekt oder Selters. Goldmünzen-Bad oder Bankrott. Dein Leben steht auf der Kippe. Du balancierst auf dem dünnen Drahtseil, das gespannt ist zwischen Alles und Nichts. Zwischen Jetzt und Nie. Zwischen dem Erfolg Deines Lebens und der absoluten Niederlage. Es geht um DEN Job. DIE Wohnung. DIE Frau (oder DEN Mann). Um irgendeinen Superlativ, bei dem Du Dir sicher bist, dass er Dein Leben wie auf Knopfdruck verändern wird. Und Du willst es. Hast geackert, geschwitzt, gekämpft, verzichtet, Dich ins Zeug gelegt mit aller (-letzter) Kraft.

Jetzt wartest Du. Auf DIE Nachricht vom potenziellen neuen Arbeitgeber. Auf DEN Anruf vom potenziellen neuen Vermieter. Auf DIE Antwort Deiner Traumfrau (oder Deines Traummannes). Und während Du wartest, gerätst Du hinein, noch tiefer hinein in die Spirale aus „Wenn…“/ „Dann…“.

Wenn ich DEN Job bekomme, dann steht bereits morgen der 911er in der Einfahrt. 400 PS, Speziallackierung, betörender Geruch nach neuem Leder.

Wenn ich DIE Wohnung bekomme, dann kann ich endlich raus aus Muttis Bude, fängt mein Erwachsenenleben endlich so richtig an (Zeit wär’s ja auch so langsam, mit Ende 40).

Wenn SIE (oder ER) bloß „Ja“ antwortet auf die Fragen aller Fragen, dann werde ich für den Rest meines Lebens der glücklichste Mensch auf Erden sein.

Und wie schön sie sind, diese Aussichten. Wie gut sich allein die Vorstellung anfühlt. Aber, halt, Moment, Dir dämmert was… Es gibt ja nicht nur diese eine Variante von „Wenn…“/ „Dann…“.

Denn wenn Du DEN Job nicht bekommst, wirst Du für immer Bus fahren – und zwar mit der Linie Null, in Richtung ewiges Loser-Land.

Wenn Du DIE Wohnung nicht kriegst, wird die einzige Party für den Rest Deines Lebens die sonntägliche Runde Canasta mit Mutti sein.

Wenn SIE (oder ER) „Nein“ sagt, kannst Du Dir sowieso gleich die Kugel geben, denn mit fünffach gebrochenem und zersplittertem Herz ist ein Weiterleben ja ohnehin nicht möglich.

Frag‘ Dich: Geht es wirklich um alles?

Glaub‘ mir, ich war die Königin (mit selbstgebastelter Krone aus dem Kindermenü vom Fast-Food-Laden), wenn es darum ging, das eigene Lebensglück vom Ausgang einer bestimmten Situation abhängig zu machen. Es werden nun zehn Jahre, da ich meinen Traum von der großen Schriftsteller-Karriere verfolge. Bestimmt ein Dutzend Manuskripte sind in dieser Zeit entstanden. Zu Anfang habe ich noch bei jedem einzelnen gehofft – gebetet – gefleht, es möge – bitte, bitte, bitte, lieber Gott, liebes Schicksal oder wer auch immer das in der Hand hat – genau DIE Geschichte sein, um die sich die Verlage reißen würden. Ich habe mir mein Leben als Bestseller-Autorin in den buntesten Farben ausgemalt, hatte ihn bereits in der Nase, den süßen Duft des Ruhms – und bin, als letztlich doch immer nur Absagen eintrudelten, ein ums andere Mal wieder gestorben, verreckt an meinen Zweifeln, an tödlichen Bisswunden, die ich mir selbst zugefügt habe, während ich mich zerfleischte. Denn die vielen, vielen Absagen mussten ja bedeuten, dass ich einfach keine Autorin war. Dass ich kein Talent hatte, sinnlos geträumt und Zeit verschwendet hatte. Kurzum: Dass ich eine absolute Versagerin war, die’s einfach nicht checkte.

Inzwischen habe ich so viele Manuskripte geschrieben und Absagen kassiert, dass sich mein Verhältnis dazu jedoch komplett geändert hat. Ich habe begriffen, dass die Welt nicht wirklich einstürzt, wenn ich einen Brief bei meiner Post finde, der mit „Leider müssen wir Ihnen mitteilen…“ beginnt. Dass es ein saudummer Moment ist, der auch ganz schön schmerzt, aber dass sich dadurch im Grunde doch nichts wirklich ändert. Auch morgen wird die Sonne wieder aufgehen. Wird sich die Erde drehen. Werde ich wieder an meinem Rechner sitzen und das nächste Manuskript beginnen. Ich habe begriffen, dass eine Absage – dieser äußere Umstand – mich nicht zu einem schlechteren Menschen macht. Dass ich dieselbe bleibe, die ich gestern gewesen bin. Seitdem ich so denke, kann ich mit Niederlagen um einiges besser umgehen.

Gleichzeitig ist mir bewusst geworden, dass auch der gegenteilige Fall – der fette Buchvertrag mit dem noch fetteren Vorschuss und der schon fast adipösen Pressekampagne – nicht wirklich etwas an oder in mir verändern würden. Ja, nach außen hin wäre dann vielleicht manches etwas leichter. Könnte ich mir ab und zu `ne große Cola leisten, hui. Könnte ich ein Selfie machen, wie ich strahlend mein Buch in die Kamera hielte, und ein paar Likes auf Facebook dafür kassieren. Aber würde sich dadurch wirklich, wirklich etwas ändern? Würde ich nicht trotzdem jeden Tag vor meinem Rechner sitzen, schreiben und zweifeln? Könnte ein einziger äußerer Umstand grundlegend meine Persönlichkeit verdrehen? Wäre ich auf Schlag gewitzter, selbstsicherer, schöner, intelligenter?

Belehr‘ mich eines Besseren, aber ich glaube nicht. Und das ist auch gut so. Denn so betrachtet kann man die Angst vor dem schmerzhaften (gefühlt tödlichen) Aufprall nach dem Fall minimieren – aber andersrum auch das Risiko, abzuheben wie ein zu prall gefüllter Helium-Ballon, der kurz vorm Platzen steht, wenn vielleicht eines Tages eben doch genau DIE Nachricht, DER Anruf oder DIE Antwort kommt.

Eine Metapher von Mark Aurel

Mark Aurel, römischer Kaiser und der letzte bedeutende Vertreter des Stoizismus, sagte einmal, dass jeder Mann – egal ob Herrscher oder Soldat, arm oder reich – letztlich nur ein Stein sei (richtig gelesen: ein Stein, so ein kleines, graues Ding vom Straßenrand). Er sagte: „Wirf‘ den Stein in Luft. Er wird nichts gewinnen, wenn er nach oben fliegt, und auch nichts verlieren, wenn er wieder nach unten fällt. Er bleibt, was er ist: ein Stein.“

Klar sind wir wertvoller und lebendiger als Steine, doch das Prinzip bleibt: Nach oben oder nach unten, wir bleiben, was wir sind.

Lass uns Steine sein

Du bist nicht das Scheitern, Du bist auch nicht der Erfolg. Das sind bloß Resultate äußerer Umstände, die Du nicht immer selbst in der Hand hast. Da pfuschen Dir der Zufall rein, braucht’s die Tonne Glück, zur richtigen Zeit mit der richtigen Idee am richtigen Ort zu sein, spielt das Wohlwollen von anderen oftmals eine Rolle.

Was Du dagegen sein kannst, ist der Versuch. Das Weitermachen. Das Nicht-Aufgeben, Nicht-Unterkriegen-Lassen. Oder das Suchen nach einer Alternative, nach einem neuen Ziel, wenn Du glaubst, Dich verrannt zu haben. Ein anderer Job. Eine andere Wohnung. Vielleicht sogar ein anderer Partner (oder eine andere Partnerin). Das sind Entscheidungen, die Du bewusst treffen kannst.

Ansonsten bist Du einfach Du – und damit genau richtig.

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Photo: relaxing female von  altafulla / Shutterstock