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Text von: Lena Schulte

Chemie, elfte Stunde, der Lehrer geht mal wieder steiler als die e-Funktion, denn Lena hat keine Hausaufgaben gemacht! Und auch sonst kann ich bei keiner Frage zum Stoff glänzen. Stattdessen sitze ich einfach da, sehe aus dem Fenster und überlege, wie oft ich noch schwänzen kann, bevor es zu auffällig wird. Aber vor allem träume ich von einem anderen Leben. Einem, in dem ich endlich frei bin. In dem ich morgens um halb sechs nicht abkotzen will, weil mir wieder ein Tag bevor steht, an dem ich, wie so oft, nicht einmal verstehe, was ich nicht verstehe. Wenn ich die Schule hinter mir habe, denke ich mir, werde ich sowas von glücklich sein. Aber hart glücklich, mein lieber Mann!

Und die Schule geht vorbei! Juhuu!! Jubel! Knallgas! Endorphine für alle! Ich bin wirklich der glücklichste Mensch der Welt. Ich stehe morgens auf und will plötzlich die ganze Welt umarmen. Endlich! So!…Die Tage vergehen. Wie geht’s jetzt weiter? Ach ja…Erwachsenwerden. Was aus seinem Leben machen…Rechnungen zahlen. Die Freunde plötzlich nur noch alle drei Monate sehen, weil jeder plötzlich wegzieht. Und der Jubel wird weniger…Der Glücksbarometer sinkt. Und als ich paar Monate später in der Uni nicht einmal fähig bin, meinen Stundenplan selbst zu erstellen, da habe ich schon ganz vergessen, dass ich eigentlich extrem glücklich sein müsste.

Wenn es die Realität nicht gäbe, wäre Dein Glück jetzt chronisch

Der Glaube, dass das Erreichen eines ersehnten Ziels uns glücklich macht, beschreibt Tal Ben-Shahar in seinem Buch „Happier“ als den Ankunftsfehler (Arrival Fallacy). Und, wenn ich das mal so bescheiden sagen darf: Kann ich! Sobald die Endorphine von der Feierei meiner erreichten Ziele nämlich müde wurden, rückte die neue Realität in den Vordergrund. Und die hat bis heute noch nicht dazu geführt, dass mein Glücklichsein chronisch wurde.

Da wir gute Ziele wie die Luft zum Atmen brauchen und ohne sie kaum wachsen können, ist es nur natürlich, dass wir uns viel von ihnen versprechen. Viel zu oft führt unser Streben nach Wachstum nicht zu unserem Glück, sondern steht ihm im Weg. Oder verdrängt es sogar ins bekannte „Wenn ich erst einmal…“-Land. Gibt viele, die von diesem Land profitieren, zum Beispiel die Werbung.

Die Professorin der University of Amherst Catherine A. Sanderson ist die Autorin von Science of Happiness und quasi die Glücks-Professorin. Sanderson erklärte, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, wie wir verhindern können, dass unsere Ziele nicht mehr in Abhängigkeit zu unserem Glück stehen:

Beginne mit dem Alltag

Also ich schätze, 90 Prozent der Arbeit für unseren großen Ziele finden im Alltag statt. Deswegen fallen 90 Prozent des Glücks auch gleich mal weg, wenn wir unseren Alltag nicht genießen können, sondern nur gehetzt sind und nur an das denken, was uns fehlt, was wir vielleicht noch brauchen und was alles schiefgehen kann. Und auch die Wissenschaft empfiehlt, alltägliche Momente mehr zu genießen. Neben dem Innehalten können wir auch nach und nach kleine Änderungen in unseren Tagesablauf einbauen, die unsere Lebensqualität erhöhen. Zum Beispiel meditieren, länger schlafen oder gute Bücher lesen. Vor allem Bücher, die unser Denkorgan zum lernen anregen, sind gut für uns, da Wachstum unweigerlich mit lernen verbunden ist.

Die Unvollkommenheit annehmen

Gefühlt sind momentan alle in meinem Umfeld weiter als ich, haben ihr Leben irgendwie besser im Griff und mehr erreicht als ich. Und ich losere irgendwie vor mich hin. Woher ich das weiß? Durch meine Vergleiche, deren Filter ganz besonders darauf ausgelegt sind, meine Unzulänglichkeiten hervorzuheben. Ich stelle meine Vergleiche also nicht sehr klug an. Denn vielleicht bin ich im Vergleich zu anderen gerade nicht so weit, wie ich es in meiner Vorstellung gerne wäre. Aber im Vergleich zu meinem Leben vor fünf Jahren, ist mein jetzigen Leben und inneren Befinden um Welten besser. Wenn wir uns vergleichen, dann sollten wir als ersten Maßstab uns selbst nehmen. Und bei Vergleichen mit anderen daran denken, dass fast jeder irgendein Lebensdrama am laufen hat. Fast keiner steht jederzeit genau dort, wo er gerade am liebsten sein würde. Dann wird es einfacher, gnädig uns selbst gegenüber zu werden, und uns selbst auch mehr Dankbarkeit für das entgegenzubringen, was wir alles schon geleistet haben. Auch bei unserer Unvollkommenheit können wir uns ab und zu bedanken, denn sie macht uns menschlich und eröffnet uns immer wieder Möglichkeiten uns zu bessern.

Erkennen, welche finanziellen Ausgaben uns wirklich einen Mehrwert bringen

Wenn Du überlegst, welche Geldausgaben für die wertvollsten Erinnerungen gesorgt haben, wirst Du möglicherweise merken, dass es viele Dinge waren, die für eine gute Erlebnisse gesorgt haben. Zumindest kommen Studien zu dem Ergebnis. Beim bloßen Objektkauf wie einem Auto oder dem neusten Smartphone passiert es schnell, dass die langfristigen Glücksgefühle viel niedriger ausfallen, als dass sie mit den finanziellen Kosten mithalten könnten. Der wahrhaftige Glücksnutzen vieler Objekte ist also unverhältnismäßig gering. Anders sieht es aus, wenn wir unser Geld nutzen, um Erlebnisse zu schaffen. Ich bereue zumindest keinen einzigen meiner Reisen, auch wenn sie mir viel zu oft ein schwarzes Loch in meinen Geldbeutel gerissen haben. Gleiches gilt für meinen Musikunterricht. Egal, ob es nun Camping, Konzerte oder Töpferunterricht ist – in Erinnerungen und Erfahrungen zu investieren, bringt uns wirklich einen realen Mehrwert.

Geben ist besser als Nehmen

Zumindest für unser Glücksempfinden und unsere Beziehungen. Und auch dort können wir im Alltag ansetzen, wenn wir zum Beispiel mit kleinen Freundlichkeiten wie dem Türaufhalten oder dem Lächeln beginnen. Nicht jeder wird es mit Dankbarkeit würdigen, aber dafür können wir uns darüber freuen, wie nett wir doch sind. Ich fühle mich immer noch wie ein junger Mehrtürer…ach, nee…wie ein junger Märtyrer, wenn ich an meine spontane Eingebung an der Kasse denke, der Omi vor mir mit meinem Kleingeld auszuhelfen. Es war absolut keine nennenswerte altruistische Leistung, oder hat mich für den Friedensnobelpreis qualifiziert, aber es reichte, um aus mir eine fröhliche Grinsebacke zu machen. Alternativ kann man aus der Freundlichkeit auch eine Tages-Aufgabe machen: Heute mal nicht aufs Rechthaben bestehen. Heute mal zwei tollen Menschen sagen, dass sie wertvoll sind. Heute nur einem Kunden den Mittelfinger zeigen.

Im Prinzip sind es wie immer die einfachen Dinge, die unserem Leben langfristig seine Note verleihen und viel weniger das punktuelle Streben nach einem bestimmten Ziel. Wenn ich jetzt an die Schulzeit zurückdenke, erinnere ich mich auch an viele gute Dinge, die ich nicht würdigen konnte, weil ich mir zu viel von der Zukunft versprochen habe. Deswegen will ich versuchen, mich ab und zu daran zu erinnern, dass ich gar nicht so viel nach Glück streben muss. Manchmal ist es direkt vor meiner Nase.

Photo: Woman von Boiko Olha / Shutterstock