Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Es folgt ein Gastbeitrag von Sabrina Gundert.

 

Wir wissen meist ziemlich genau, was uns wichtig ist. Wofür wir uns Zeit nehmen, was wir unbedingt einmal – oder regelmäßiger – tun wollen. Und doch nehmen wir uns die Zeit dafür nicht.

Ganz egal, ob es darum geht, dass die neue Yogamatte seit drei Monaten unbenutzt in der Ecke steht, obwohl wir so motiviert waren, als wir sie kauften. Ob wir uns jede Woche einmal sagen, dass wir doch endlich mal die angefangenen Buchseiten weiterschreiben wollen, weil dieses Buchprojekt ein Herzensding ist. Oder ob wir nicht jeden Abend wieder sagen, wie schön es doch wäre, am Morgen etwas Zeit ganz für uns zu haben – ohne sie jedoch an irgendeinem dieser Morgen wirklich zu finden.

Doch warum ist das so? Warum schaffen wir es einfach nicht, trotz besserem Wissen, Wünschen und Absichten, uns Zeit zu nehmen für das, was uns wirklich wichtig ist?

Die Autobahn der Gewohnheiten

Zum einen ist da die Autobahn. Die Autobahn, auf der wir mit unseren Gedanken und unserem Tun tagein, tagaus langfahren. Hier kennen wir jede Kurve, jede Abfahrt, jeden Anstieg. Wir wissen, wie sich die Straße bei unterschiedlicher Witterung verhält, wo wir wie schnell fahren, wo wir besser abbremsen sollten. Auf der Autobahn bewegen wir uns leicht, entspannt, Komfortzone, Gewohnheitsdenken, könnte man auch sagen.

Die Autobahn ist der Weg, den wir jeden Morgen einschlagen, wenn wir an der Yogamatte vorbeigehen, das Buchprojekt kurz in unserem Kopf aufploppt und wieder verschwindet oder wir am Morgen an die Zeit für uns denken – um dann doch etwas anderes zu tun.

Es gibt diesen Satz, dass wir jeden Moment neu anfangen können. Neu zu denken, zu handeln, zu sein. Das stimmt. Wir können hier und jetzt die Yogamatte rausholen, uns fünf Minuten in Stille hinsetzen, die Datei mit dem Buchprojekt öffnen und zwei Seiten schreiben. Das ist die gute, die wesentliche Nachricht, die, die uns erinnern lässt, dass wir tatsächlich jeden Moment neu beginnen können.

Was wir darüber oft vergessen, ist der Trampelpfad. Denn der Weg von der Autobahn runter auf den noch nichtmals sichtbaren Trampelpfad, ist herausfordernd, braucht ein Dranbleiben, fordert Geduld von uns. Letztendlich war auch die Autobahn mal ein Trampelpfad und davor nicht einmal existent. Bis wir uns immer wieder auf ihr bewegt haben, sie breiter, tiefer, länger und größer geworden ist.

Wollen wir nun einen neuen Weg einschlagen, Yoga machen, Buch schreiben, in Stille sitzen, müssen wir zunächst einmal tatsächlich von der Autobahn abfahren. Wir müssen unsere Willenskraft aufbringen, beibehalten, ja, uns vielleicht sogar überwinden – und das mehr als einmal – den neuen Weg zu gehen. Heute Morgen wirklich drei Yogaübungen zu machen. Und morgen auch wieder. Und ich garantiere, die erste Woche wird alles andere als leicht. Oder sie wird leicht, doch irgendwie werden die Yogaübungen ab der zweiten Woche auf mysteriöse Weise weniger, bis sie wieder ganz aus unserem Alltag verschwinden.

Und doch. Bleiben wir dran, verwandelt sich die Überwindung, greift die Willenskraft. Irgendwann wird es leicht, laufend, entspannt. Irgendwann ist der erste Trampelpfad gebahnt und zwar so breit und tief, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken, ob wir ihm folgen sollen.

Kleine Schritte

Ich habe vor fünf Jahren das erste Mal von den Morgenseiten von Julia Cameron (in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“) gelesen. Das sind drei Seiten, jeden Morgen gleich nach dem Aufwachen geschrieben, auf denen alles Platz hat, was kommt. Ohne die Hand abzusetzen werden diese drei Seiten geschrieben, dann beiseitegelegt, nicht mehr gelesen. Diese Übung reinigt den Geist, lässt uns all die sich wiederholenden Gedanken von heute, gestern, all die Gedanken der Nacht aufschreiben und damit loslassen. Ich war fasziniert von dieser Übung, startete hochmotiviert mit drei DIN A4-Seiten jeden Morgen – und hörte nach fünf Tagen frustriert auf. Diese drei großen Seiten waren einfach zu viel für mich! Die anfängliche Freude war schnell in Ärger, in Frust, in Anstrengung umgeschlagen, ein halbes Jahr lang rührte ich die Morgenseiten nicht mehr an.

Bis der Impuls, wieder zu schreiben, auf einmal wieder da war. Dieses Mal jedoch fragte ich mich, wie die Morgenseiten für mich wirklich passend wären, was mir helfen würde, anzufangen. Ich entdeckte, dass ich am liebsten auf DIN A6 schrieb, dass das für mich machbarer, realistischer war. Ich kaufte mir ein Blankobuch, das ich selbst einband und legte los. Das ist nun viereinhalb Jahre her. Seither gab es kaum einen Morgen, an dem ich nicht geschrieben habe. Die kleinere Seitengröße hat mir geholfen, anzufangen. Und nach der ersten Überwindung, jeden Morgen immer wieder bewusst zu Stift und Buch zu greifen, statt direkt aufzuspringen, ist der Griff danach heute so selbstverständlich geworden, dass ich gar nicht mehr über ihn nachdenke.

Das Drama loslassen

Neben der Autobahn ist da dann noch ein anderer Kumpane, der – zumindest bei mir – mich immer wieder davon abhält, die Dinge zu tun, die mir wirklich wichtig sind: das Drama. Wie viel spreche ich doch immer wieder darüber, dass ich endlich diese Projektidee angehen, jenes Seminar planen, die Beckenbodenübungen machen, endlich mehr rausgehen, fitter werden, früher schlafen gehen möchte. Wie viel Gesprächsstoff bieten mir doch diese Themen und meist hat mein Gegenüber ebenso gleich eines aus der gleichen Kategorie von Was-ich-tun-möchte-aber-nicht-tue parat. Das lässt uns zusammen leiden, verbindet uns in unserer Wehmut über die fehlende Zeit, das fehlende Geld, das fehlende Wissen.

Zugleich taucht da immer wieder diese Stimme in mir auf die sagt: Über all das zu reden, warum es nicht geht, ist viel schwieriger, als es einfach zu tun. Höre ich auf sie, lasse sie einfach mal zu, stelle ich fest, dass sie recht hat. Wie viel einfacher und weniger energiezehrend ist es doch, mich einfach hinzusetzen und zu tun, was ich tun will. Klar, das Drama, das Leiden fällt dann weg. Und das kann ganz schön ungemütlich sein. Erst einmal. Bis ich feststelle, was stattdessen alles wieder in mein Leben zurückkommt. Die Freude am Schaffen und Erschaffen, die Freude am Tun, meine Kraft, die Begeisterung, die Neugierde und das Spielerische.

Mir scheint, das ist es alle Male wert, immer wieder zu überprüfen, wo ich lediglich Drama machen, wo ich lediglich Verhinderungsstrategien fahre – und wo es eigentlich nur so wenig braucht, um wirklich anzufangen. Um mir wirklich Zeit zu nehmen für das, was mir wichtig ist. Es einfach zu tun. Heute noch zu beginnen. Zu prüfen, was mir das Beginnen leichter macht. Mich an den Trampelpfad zu erinnern, daran, dass die Zähheit, die dieser neue Weg am Anfang hat, ganz normal ist. Und vielleicht schon bei der nächsten Ausfahrt den Blinker zu setzen, abzubiegen – und gespannt zu sein auf das, was mich dort tatsächlich erwartet.


Mehr von Sabrina unter Was Dich tragen kann, wenn alles zusammenbricht. Und wie Du neue Gewohnheiten schaffen kannst, erfährst Du im myMONK-Buch 12 Gewohnheiten, die Dein Leben verändern.

 


Sabrina GundertAutor:

Sabrina Gundert begleitet Menschen und vor allem Frauen mit ihren Coachings, Seminaren und Büchern dabei, ihr Leben bewusst zu gestalten, zurückzufinden in ihre Kraft und ein Leben zu leben, das sie tief erfüllt. www.handgeschrieben.de


Photo (oben): Volker Stetter