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Vor einer Weile habe ich gehört von einem alten Mann, der am Rand eines Dorfs gelebt hat, schon etwas einsiedlerisch im Wald.

Das ganze Dorf hatte die Nase voll von ihm.

Warum?

Nicht, weil er einfach alt war oder ständig Kamellen aus seiner fröhlichen Pfadfinder-Zeit vor 100 Jahren rausgeholt hat (… oder was anderes rausgeholt hat).

Sondern weil er immer reizbar war, immer unter Strom war, sich ständig beschwert hat und immer schlechte Stimmung verbreitet und irgendwie auch das Pech angezogen hat, aus unerfindlichen Gründen ist ihm regelmäßig Ungemach zugestoßen.

Zum Beispiel sind ihm mal bei der Gartenarbeit zwei Halswirbel rausgesprungen, die er Gott sei Dank immerhin wieder aufsammeln konnte. Dann hat er aus Versehen seine kostbaren Schwarz-weiß-Pfadfinder-Videos überspielt, als er eine MDR-Doku aufnehmen wollte. Und so weiter und so fort. Mit den Jahren wurde das alles auch immer schlimmer.

Jedenfalls war es super anstrengend und erschöpfend, auch nur in seine Nähe zu kommen. Also machten die Leute das, was oft am sinnvollsten ist bei solchen Sachen: Abstand halten. Eines Tages, und zwar genau an seinem 80. Geburtstag, ist etwas seltsames passiert.

Ein Gerücht ging um im Dorf: „Hast Du’s schon gehört, der alte Mann ist heute glücklich, beschwert sich über nichts, lächelt und sein Gesicht ist irgendwie nur noch halb so runzlig!“

Sämtliche Dorfbewohner haben sich dann versammelt, bei dem Mann geklingelt, weil sie ihm ohnehin trotz allem das jährliche Yes-Törtchen mit Kerze zum Auspusten darauf vorbeibringen wollten, und ihn gefragt: „Was ist los mit Dir, was ist passiert?“

Und der Mann sagt:

„Nichts Besonderes. 80 Jahre lang habe ich versucht, das Glück zu jagen und es hat absolut nichts gebracht. Heute habe ich mich entschieden, nicht mehr unbedingt glücklich sein zu müssen und nehme einfach mein Leben, wie es ist. Deshalb geht’s mir jetzt so gut.“

Wie wir das Glück vertreiben

Ich selbst habe unzählige Glücksratgeber gelesen. Aber um ehrlich zu sein: Viel glücklicher haben die mich in den Allermeisten nicht gemacht.

Ganz im Gegenteil. Ich habe mich dann unter Druck gesetzt mit dem Glücklichsein und war enttäuscht von mir selbst oder genervt, dass ich da nicht mithalten kann mit so manchem Strahlemann und mancher Strahlefrau da draußen und auch nicht mit den Erwartungen, die ich an mich selbst halte.

Nur: „Sei glücklich“ funktioniert genauso wenig wie „Sei spontan“ – oder wie „Sei cool“. Und selbst wenn eine Anleitung mitgeliefert werden würde … das würde nichts bringen, allein der Versuch, cool zu sein, ist extrem uncool.

Es gibt übrigens etliche Studien dazu, dass wir dazu tendieren, „negative“ Gefühle umso mehr zu unterdrücken, je mehr wir uns auf die Suche nach dem großen tollen Glück machen, je mehr wir die positiven Gefühle überbewerten. Und dass uns dieser Druck und dieses Unterdrücken sogar depressiv machen können.

In einer Studie von der University of Waterloo wurden positive Affirmationen untersucht. Die Teilnehmer sollten 16 Mal wiederholen „Ich bin eine liebenswürdige Person“. Anschließend wurden sie befragt, ob sie sich besser fühlen. Menschen, die vorher schon normales bis hohes Selbstwertgefühl hatten, haben hinter angeben, dass sie sich ein kleines bisschen besser fühlen. Aber Menschen mit eher geringem Selbstwertgefühl haben sich nach den Affirmationen sogar noch schlechter gefühlt. Das Mantra hat ihnen geschadet.

Warum? Die Forscher vermuten, dass sie dieses „Ich bin eine liebenswürdige Person“ daran erinnert hat, dass sie das eigentlich nicht so sehen und damit auch die Schere zwischen dem, was ist und wie sie sind, und ihren Standards deutlicher sehen und spüren. Gerade den Menschen, die eher nicht schon sehr selbstbewusst sind und deswegen eher Hilfe bei solchen Übungen suchen, tat es viel eher gut, sich die negativen Gedanken zu erlauben, statt nur noch positive zulassen zu wollen … während die Übung nur denen (minimal) geholfen hat, die es gar nicht nötig haben.

Vielleicht funktioniert das einfach nicht, vielleicht kann man es nicht immer direkt angehen.

Ein wirklich cooler Mensch fragt sich nicht, ob er cool ist, das tun nur die aufgeblasenen oder künstlichen Faker (wie ich’s gerade in meiner Jugend und jungen Erwachsenenzeit manchmal hart versucht habe). Ein selbstbewusster Mensch fragt sich nicht, ob er selbstbewusst ist … und ein glücklicher Mensch fragt sich wahrscheinlich auch nicht, ob er glücklich ist, er ist es einfach.

Allein der Versuch, glücklicher zu sein, beweist uns, dass wir anscheinend noch nicht glücklich genug sind, so wie wir uns mit jeder Diät selbst beweisen, dass wir uns offensichtlich für nicht dünn genug halten, sondern dass wir schlecht abschneiden gegenüber unseren eigenen Maßstäben.

Manche Dinge kann man nicht direkt angehen, und Glücklichsein könnte dazugehören.

Das Glück entweicht uns – wie ein Schmetterling – umso mehr, je mehr wir es jagen. Es ist vielmehr ein Nebenprodukt vom Loslassen, von Erfahrungen die wir machen, von Problemen, die wir lösen und von Entscheidungen, die wir treffen.

Was also, wenn wir aufhören würden, immer superpositiv oder glücklich sein zu müssen?

Dieser Text ist ein Auszug aus dem myMONK-Podcast. Die ganze Folge kannst Du hier hören:

Photo: Old man von  Ljupco Smokovski / Shutterstock