
Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.
- Albert Einstein
Veränderungen begünstigen nur den, der darauf vorbereitet ist.
- Louis Pasteur
Die Zukunft sei schon unterwegs, habe ich jemanden flüstern hören, sie sei nicht mehr aufzuhalten.
Na und, wen kümmert‘s – man solle doch immer im Hier und Jetzt leben, sagen Zen-Meister und Yogis, und viele andere stimmen mit ein.
Ich sehe das anders: es ist gut, heute für ein angenehmes, morgiges Hier und Jetzt zu sorgen. Andernfalls würde kein Kind in die Schule gehen müssen, kein Mensch Träume haben, Ziele setzen oder fürs Alter vorsorgen. Wenn mir ein Mönch, der im Kloster lebt, erzählen will, ich brauche keine Ziele und keine Pläne, dann sage ich ihm – im Hier und Jetzt und in einem Ton, wie Rudi Völler ihn gegenüber Waldemar Hartmann anwendete, als dieser biertrinkend auf die immer noch tieferen Tiefs der deutschen Fußballnationalmannschaft schimpfte:
„Du hast leicht reden. Du bist für niemanden verantwortlich. Du hockst da in Deinem Kloster und sorgst Dich um nichts, weil es niemanden gibt, um den Du Dich sorgen müsstest und nichts gibt, das Du verlieren könntest.“
Ich würde ihm sagen:
„Mönch, ich respektiere Deine Entscheidung, im Kloster zu leben. Und jetzt geh aus dem Weg, ich muss mich um die Zukunft kümmern.“
Weder von Science Fiction, noch von Wahrsagern fühle ich mich angesprochen, aber ich glaube an die Wissenschaft, wenn sie auch ihre Grenzen hat. Wie wir in 30 Jahren leben werden, lässt sich aus meiner Sicht nicht aus Filmen oder Büchern mit humanoiden Robotern, Reisen durch schwarze Löcher und Lichtschwertkriegern ablesen, und auch nicht aus Glaskugeln in irgendwelchen gammeligen Butzen auf dem Jahrmarkt. Ach so, und die geldgeilen Freaks, die behaupten, die Außerirdischen würden kommen und alle mitnehmen und aufessen, außer jene, die sich in die Obhut des jeweiligen behauptenden Freaks begeben, können mich auch mal.
Was bleibt, ist die Wissenschaft. Und ganz besonders ein Gebiet aus ihr: die Zukunftsforschung. Wir können zwar nicht wissen, was morgen passiert, aber wir können so manche bevorstehende Umwälzung schon früh erkennen.
Zukunftsforscher wie der renommierte Mattias Horx prognostizieren eine unterschiedliche Anzahl an Megatrends.
Megatrends sind Entwicklungen, die mindestens für drei Jahrzehnte andauern und epochale Auswirkungen auf den einzelnen Menschen und die Gesellschaft haben. Erstmals näher beschäftigt habe ich mich vor zwei Jahren, als ich in einem kleinen Team bei und für BURDA eine Veranstaltung namens TES (Technology Enabled Success) organisiert habe im Rahmen der DLD-Konferenz (Digital-Life-Design), der wichtigsten Messe weltweit zum Thema Internetbusiness. Seitdem bin ich echt fasziniert von der Zukunftsforschung.
Auf elf der Megatrends sollten wir uns besonders vorbereiten:
Es gibt kein Zurück mehr. Die Welt wird näher und näher zusammenrücken. In dreißig Jahren könnten wir auf dem Schoß eines Chinesen oder Inders sitzen oder der Chinese oder Inder auf unserem – und uns entweder gegenseitig Gutes tun oder Schaden zufügen. Wir sind verdrahtet, verbunden, abhängig, uns allen gegenseitig verpflichtet. Das bringt kulturelle Vielfalt, erfordert aber auch mehr Offenheit und Verständnis. Weil alle Grenzen verschwimmen, fühlen wir uns dafür der eigenen Nation gegenüber weniger verbunden. Da wir uns aber so gern identifizieren und daheim fühlen wollen, wird das Regionale immer wichtiger. Dann heißt es also nicht mehr: „Ich bin Deutscher“. Sondern: „Ich bin Münchner“ oder Darmstädter oder Darmstadt-Ost-ler. Produkte werden auch deshalb immer mehr regional bezogen, weil die Energiekosten steigen und sich die Billigware aus dem fernen Osten nicht mehr für 2 Cent pro Terratonne einfliegen oder -fahren lässt.
Zukunftsforscher sprechen dabei von „Glokalisierung“ – also der Verbindung von Globalisierung und dem immer wichtiger werdenden Lokalem. Wenn Du mit dieser Vokabel nicht im nächsten Strategie-Meeting glänzen kannst, dann weiß ich’s aber auch nicht mehr.
So gut die kulturelle Vielfalt ist, so groß seien laut Zukunftsforschung auch die Gefahren, dass der globale Terror immer bedrohlicher. Mehr und mehr spielen dabei nicht nur Massenvernichtungswaffen, sondern auch „Cyberwars“ eine Rolle, die Technik dringt in alle Lebensbereiche und macht uns so besonders angreifbar.
Wie Du Dich rüsten kannst:
Männer, wir können einpacken. Zumindest unsere übriggebliebenen Vorurteile und den alleinigen Machtanspruch. Und auch die blöden Ansprüche an uns selbst.
Frauen: bitte tut uns nichts.
In den letzten drei Jahrzehnten stieg der Anteil der Abiturientinnen in Deutschland auf 56 Prozent, der Anteil weiblicher Studierender von 19 auf 52 Prozent. Dieser Trend wird anhalten. Die traditionellen Geschlechterrollen mit den Männern am Drücker und den Frauen am Herd wird sich weiter auflösen. Für Frauen wird die Karriere wichtiger, für Männer die Zeit mit der Familie.
Wie Du Dich rüsten kannst:
Wo auch immer auf der Welt Du lebst: statistisch wirst Du älter als Deine Eltern und weniger alt als Deine Kinder werden. Die Lebenserwartung steigt überall. Das ist längst keine Frage mehr. Gleichzeitig sinken die Geburtsraten weiter. Die Alten werden immer mehr und immer älter. Und sie wollen dabei nicht ihre breiter werdenden letzten Jahrzehnte im Heim verbringen und sabbernd auf einen Fernseher starren. Sie wollen leben, arbeiten, lieben, lachen, Geld ausgeben, sich jung fühlen und jung handeln. „Downaging“ heißt das.
Noch spreche ich von „ihnen“, von „den Alten“ … aber irgendwann werde ich hoffentlich (sonst bin ich tot oder eingefroren oder von Außerirdischen entführt worden – in dem Fall: sorry Alien-Beschützer-Freak, Du hattest recht) auch ein Mitglied der Silver Society, der silbernen Gesellschaft sein. Und Du auch.
Wie Du Dich rüsten kannst:
Heute leben zum ersten Mal in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Die Leute flüchten vom Land, wollen in die Städte, alle brauchen Platz, die Städte wachsen und einige wenige wie New York werden noch mehr zu den Zentren der Welt. Dabei arbeiten immer mehr Menschen in kreativen oder Wissensberufen und immer mehr davon freiberuflich, unabhängig von einzelnen Arbeitgebern, dafür gleichzeitig in mehren Projektgruppen. Auch sie zieht es in die Städte, wo sie ihre vielen Kunden und Projektgruppenmitglieder treffen können und müssen.
Wie Du Dich rüsten kannst:
Bio wird der neue Standard, sagen die Zukunftsforscher. Wir werden zu Konsum-Hippie-Yuppies. Was wir essen, tragen, fahren, besitzen, soll schick sein, aber auch moralisch vertretbar und sauber.
Und auch die Forscher orientieren sich zunehmend an der Natur, indem sie von ihr lernen, Bionik zu einem einflussreichen Gebiet.
Die Versorgung mit erneuerbaren Energien wird wichtiger und zugleich dezentraler: ich freue mich schon auf meine Windräder und Solarzellen und auf den menschengroßen Hamsterkäfig, in dem ich rennend den Strom für meinen Fernseher produziere.
Wie Du Dich rüsten kannst:
Gesundheit wird vom Gegenteil der Krankheit zu einem eigenen, immer mehr angestrebten Zustand der Lebensenergie und des Wohlfühlens, das Gesundheitsbewusstsein steigt. Mediziner reagieren und reparieren in 30 Jahren seltener optimieren häufiger oder beugen vor.
Wie Du Dich rüsten kannst:
Über die Karriere entscheiden in 30 Jahren mehr noch als heute Wissen und vor allem die kreative Vernetzung von Wissen. Lebenslanges Lernen in Eigenverantwortung überholt die schulische und universitäre Ausbildung in ihrer Bedeutung.
Wie Du Dich rüsten kannst:
Es schimmerte bei den oberen Punkten schon durch: auch die Arbeitswelt wird in 30 Jahren eine grundlegend andere sein. Das feste Angestelltenverhältnis stirbt aus. Freiberufler und ständig wechselnde Teams bestimmen die Arbeitslandschaft, angeführt von Wissens-, Service- und Kreativitätsarbeitern, so die Zukunftsforscher. Wir arbeiten gleichzeitig in mehreren Gruppen, an mehreren Projekten, in denen verschiedene Fähigkeiten von uns gefordert sind. Mit den festen Arbeitsplätzen und Aufgaben schwinden die Grenzen zwischen Beruf und Privat, zwischen Arbeit und Freizeit.
Wie Du Dich rüsten kannst:
Wo die Auftraggeber und die Teams ständig wechseln, wechselt auch der Ort sehr häufig. Global. Nicht alles lässt sich online lösen. Während uns das Arbeitsleben die örtliche Heimat nimmt, steigt unser Bedürfnis danach, uns trotzdem zuhause zu fühlen. Entweder in der Wohnung, in der wir nur drei Tage im Jahr sind, im Restaurant am anderen Ende der Welt, das die heimische Küche anbietet, oder durch mobile Heimeligkeiten.
Wie Du Dich rüsten kannst:
Noch spricht mein Kühlschrank nicht mit mir oder bestellt mir automatisch neue Milch, wenn keine mehr da ist. Das liegt daran, dass ich einen alten Kühlschrank habe. Neue Geräte können das längst. In 30 Jahren werden Menschen, Länder, Gegenstände aller Art noch wesentlich verbundener miteinander sein als jetzt. Das Internet wird zum „Outernet“ – es entwickelt sich immer mehr von einem Ort, in den man selbst bewusst geht, zu etwas, das von sich aus alles durchdringt. Diese Omnipräsenz des Datenaustauschs nennt man auch „Ubiquity“. Gegenstände werden intelligent, der Kühlschrank ist nur der Anfang.
Darüber hinaus werden digitale Welten wie Second Life oder World of Warcraft weiter an Boden gewinnen und zunehmend große Teile unserer Zeit verschlucken. Die digitale und die reale Welt werden in 30 Jahren längst verschmolzen sein (heißt „Augmented Reality“), schon heute gibt es dafür Apps, die die Welten verbinden – und bald auch Brillen mit Internetzugang, die Zusatzinformationen auf unsere Augen projizieren (Beispiel: wir sind auf Wohnungssuche, laufen durch eine Straße, die Brille erkennt, dass das Haus neben uns eine leerstehende Wohnung zur Vermietung bietet, und zeigt uns Grundriss, Preis etc. an).
Wo hilfreiche Vernetzung ist, lauern jedoch auch Gefahren, nämlich:
Wie Du Dich rüsten kannst:
Aus strikten Biographien mit Schule, Ausbildung, ein paar wenige Jobs und dann Rente werden komplexe Multigraphien. In 30 Jahren werden sehr viele Menschen Dinge tun, die nur sehr wenige andere tun, also kleinste Nischen besetzen. Vermutlich auch mehrere gleichzeitig. Wir arbeiten mal als Balsamico-Essig-Sommeliers, mal als Autoren, dann wieder als Coaches. Und vor allem wollen wir uns mehr denn je einzigartig fühlen. Anstatt am Auto schrauben wir an uns selbst herum – im guten Sinn – persönliches Wachstum und Spiritualität sind längst keine Themen für Spinner mehr. Wir mixen unseren Lebensstil individuell zusammen, haben mehr (in der Regel flache) Beziehungen. Wir frei sein, so frei wie noch nie. Doch wir werden auch deutlich mehr gefordert als heute.
Diese Freiheit verunsichert und schafft gleichzeitig einen neuen Trend zum Rückzug, zum Aussteigen.
Wie Du Dich rüsten kannst:
Wir sind am Ende angelangt (des Artikels, nicht der Welt).
Megatrends sind nur ein Aspekt, der wichtig für unsere Planung sein sollte. Die andere, die wichtigere Sache bleibt:
Die Zukunft gehört denen, die an die Wahrhaftigkeit ihrer Träume glauben.
- Eleanor Roosevelt
Dem Mönch aus dem Eingangstext würde ich nun sagen:
„Ich habe nun einen zukunftsfähigen Plan. Nun kann ich ihn Schritt für Schritt umsetzen, jeden Schritt im Hier und Jetzt.“
Quellen:
www.zukunftsinstitut.de
Matthias Horx: Wie wir leben werden – Unsere Zukunft beginnt jetzt
www.z-punkt.de
www.internationalmonitoring.com
Photo: skys the limit2
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