Es muss letztes oder vorletztes Jahr gewesen sein, so genau erinnere ich mich nicht, die Ereignisse überschlugen sich danach. Ich saß im Park und die Sonne schien und das tat sie schon viel zu lange nicht, über Monate schien es Tag für Tag zu regnen.

Jedenfalls: ich sitze also endlich mal wieder in der Sonne, in diesem Park, mein Buch auf dem Schoß abgelegt, um einen Schluck aus der Magnum-Flasche Champagner zu trinken, die ich als Notfallkit immer in meiner Gürteltasche trage, wenn ich mich so in die freie Natur traue.

Die Begegnung

Und während ich gerade zum Trinken ansetzte, kam dieser Kobold (einen halben Meter groß, ca. 140 bis 160 Jahre alt, lange grüne Haare, Schlaghose, Sonnenbrille auf der Nase) und setzte sich neben mich auf die Bank. Ich tat das einzig Vernünftige in dieser Situation. Ich schraubte die Flasche wieder zu, verstaute sie in meiner Gürteltasche und grüßte den Kobold lässig, aber nicht zu lässig, die kleinen Männer haben ja oft Komplexe wegen ihrer Körpergröße, und wenn man sie dann nicht ausreichend würdigt, beißen sie einem wütend die Fußnägel ab.

Der Kobold war erfreut aufgrund meiner lässigen, aber nicht zu lässigen Begrüßung und damit auch irgendwie der Würdigung seiner selbst. Und er lächelte und sprach: „Du hast drei Wünsche frei, junger Mann.“ Meine Chance war endlich gekommen. An wie vielen Preisausschreiben hatte ich teilgenommen, ohne das tolle Küchengerät oder die Kaffeefahrt nach Darmstadt zu gewinnen … und dann das, dieser Kobold, der mein Schicksal wieder ausgleichen wollte. Ich nahm mir vor, die Wünsche nicht auf einmal zu verbraten, sondern erst einmal nur einen einzulösen.

Meine 3 Wünsche

Weil mir das trübe Wetter der letzten Monate so zugesetzt hatte, lautete mein erster Wunsch: „Kobold, mach, dass jetzt jeden Tag die Sonne scheint.“ Er ließ sich nicht lumpen und erfüllte mir meinen Wunsch. Die ersten supersonnigen Tage waren herrlich, kein Regen, keine Wolken. Doch nach drei Wochen hörte ich in den Nachrichten, dass die Bauern so langsam in echte Nöte kamen, weil ihre Felder vertrockneten. Noch ein paar Wochen später machte sich die Trockenheit dann auch direkt für mich bemerkbar, im Supermarkt gab’s nur noch Dosenfraß. Was hatte ich da nur angestellt?

Ich ging in den Park, schrie nach dem Kobold, der sofort kam und wieder mal exzellent gekleidet war, und löste meinen zweiten Wunsch ein: „Kobold, mach, dass tagsüber immer die Sonne scheint und es nachts immer regnet, nachts stört der Regen mich nicht.“ Gesagt, getan. Ab diesem Tag schien die Sonne tagsüber und regnete es in der Nacht. Ich konnte schön bei gutem Wetter rausgehen und die Felder der Bauern waren trotzdem gut versorgt. Doch wieder waren es die Nachrichten, die mich erschraken: die Autounfälle in der Nacht hatten sich wegen der Nässe und den glatten Straßen und der schlechten Sicht verdreiundneunzigfacht, die Verunglückten stapelten sich in den Straßengräben. So eine Scheiße.

Ab, wieder in den Park, komm her Kobold, pass auf, mein dritter Wunsch ist: „Kobold, mach, dass einfach wieder alles ist, wie es vorher war … es soll Sonne und Regen geben, wenn es die Natur für richtig hält“. Dem Wunsch kam er grinsend nach, dieser Hanswurst von einem Kobold – ich hatte meine drei Wünsche verbraucht und stand genauso da wie vorher.

Naja, nicht ganz wie vorher: ich hatte eine wichtige Lektion gelernt. Wenn mich sogar ein einfacher erfüllter Wunsch wie der nach schönem Wetter unglücklich statt glücklicher macht … dann sollte ich meine Wünsche und Ziele sehr sorgfältig und überlegt wählen.

Welche drei Wünsche würdest Du einlösen?

Wie sicher bist Du Dir, dass sie Dich glücklich machen, wenn Du genauer drüber nachdenkst?

Was bedeutet das für Dein Leben hier und heute?

 

Inspiriert von: einem Märchen, an das ich mich nur noch vage erinnere (keine Ahnung, welches es war, aber Kobolde mit Sonnenbrille, Magnum-Champagner-Flaschen und Dosenfraß kamen wahrscheinlich nicht drin vor.), Photo: Ian Sane