Es folgt ein Gastbeitrag von Pia Mester

 

Brauche ich das wirklich?

Stell Dir nur ein einziges Mal diese Frage und Du bist infiziert. Infiziert mit dem Minimalismus-Virus. Aber keine Angst: Dieser Virus ist nicht tödlich, sondern das Beste, was Dir passieren kann. Und er ist hochgradig ansteckend. Zum Glück.

Minimalismus ist keine neue Idee. Schon immer fragten sich kluge Menschen, ob all der Kram, mit dem wir uns umgeben, unser Leben besser oder nicht vielleicht sogar schlechter macht. Nach der Finanzkrise 2008 bekam Minimalismus als Lebensstil neuen Aufschwung. Unsere Art zu wirtschaften und vor allem immer mehr zu wollen und zu kaufen war angeschlagen. Woran sollten wir uns noch klammern, wenn Shopping keine Möglichkeit mehr war? Unsicherheit machte sich bei denen breit, die eh schon von allem zu viel hatten.

Kein Wunder: Konsum ist für viele Menschen längst zu einer Art Ersatzreligion geworden, die auch noch staatlich gefördert wird. Wir sollen konsumieren, um unser Land, unser Wirtschaftssystem, ja die ganze Welt zu retten. Dabei richten wir die Welt mit unserem Wunsch nach „immer mehr“ doch in Wahrheit zugrunde.

Als ich vor drei Jahren mit der Idee des Minimalismus in Kontakt kam, wollte ich nicht die Welt retten. Mir wurde einfach alles zu viel. Ich las von Menschen, die mit weniger glücklicher waren. Und dann tat ich es: Ich lief Durch meine Wohnung, betrachtete den innerhalb meines jungen Lebens mühsam angehäuften Besitz und fragte mich: „Brauche ich das alles wirklich?“

Die ernüchternde und zugleich befreiende Antwort: „Nein!“

Ich dachte immer, je mehr ich besitze, desto besser geht es mir. Aber genau das Gegenteil war der Fall: Jedes Teil mehr zog mich nur weiter herunter. Mittlerweile weiß ich, woran das liegt.

1. Gegenstände sind gebundene Zeit und Energie

Wie kommt ein Gegenstand in Deinen Besitz? Meistens doch auf diesem Weg: Du opferst einen Teil Deiner Lebenszeit, um einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen. Vielleicht würdest Du diese Arbeit nicht machen, wenn Du nicht dafür bezahlt würdest. So geht es vielen Menschen heutzutage. Dafür, dass Du Dein Wissen, Deine Fähigkeiten und Deine Zeit einem anderen Menschen zur Verfügung stellst, bekommst Du von ihm Geld. Dieses Geld tauschst Du dann im Geschäft gegen Gegenstände. Einige dieser Gegenstände kannst Du essen, sie wärmen Dich, schützen Dich, sie helfen Dir, gesund zu bleiben, sie unterhalten Dich, bringen Dir etwas bei, machen Dich glücklich. Aber viele dieser Gegenstände tun nichts dergleichen. Sie stellen sich ziemlich bald als nutzlos und überflüssig aus. Trotzdem stecken in ihnen Deine Lebenszeit und Deine Energie.

Oft musst Du diesen Gegenständen weiter Deine Aufmerksamkeit widmen, damit sie nicht kaputt gehen oder an Wert verlieren.

Noch mehr verschwendete Zeit und Energie.

2. Ungenutzte Dinge lösen Schuldgefühle aus

Du hast also erkannt, dass Du einen Gegenstand nicht brauchst, und trotzdem behältst Du ihn. Oft sind Schuldgefühle der Grund dafür. Du ärgerst Dich, dass Du das Teil überhaupt erst gekauft hast. Über diesen letztlich miserablen Tausch. Außerdem weißt Du, dass der Gegenstand noch immer einen Wert hat. Einen viel geringeren als Du dafür bezahlt hast, aber noch immer einen Wert. Du könntest ihn verkaufen, aber das kostet wieder Energie und Zeit. Dann lieber nichts tun und die Augen verschließen.

Noch etwas, wofür Du wir uns hassen.

3. Gegenstände fesseln Gefühle und Erinnerungen

Souvenirs und Erbstücke sollen uns helfen, uns zu erinnern. An schöne Zeiten. Aber manchmal behalten wir auch Dinge, die uns an schlimme Ereignisse oder Gefühle erinnern. Wir vertrauen diese negativen Gedanken einem Gegenstand an, verstecken ihn im Keller oder auf dem Dachboden, so dass wir ihn nicht mehr jeden Tag sehen müssen. Doch so lange wir ihn behalten sind diese Gefühle noch da. So erstellen wir mit der Zeit ein regelrechtes Kabinett an hässlicher Vergangenheit, nur weil wir nicht bereit sind, loszulassen.

Noch etwas, das schlechte Gefühle in uns auslöst.

4. Unnötiger Besitz verstopft Deinen Kopf

Du siehst, jeder Gegenstand, den Du nicht benötigst, nicht benutzt und daher nicht liebst ist nur unnötiger Ballast. Doch er verstopft nicht nur Deine Flure und Schränke, sondern vor allem Deinen Kopf. Ist der überflüssige Kram in Deiner Wohnung, ist er auch in Deinen Gedanken. Du denkst darüber nach, sobald Du Dich dafür entscheidest, Dir einen bestimmten Gegenstand anzuschaffen: Wo bekomme ich das Teil am günstigsten? Wie kaufe ich es? Wie benutze ich es? Wie pflege ich es? Wo bringe ich es unter? Was tue ich, wenn es kaputt ist? Und am Ende: Wie werde ich es wieder los? Darf ich ein Geschenk oder Erbstück überhaupt loswerden wollen? Hinzu kommen die vielen Gefühle, die Du mit diesem Gegenstand verbindest. Die Couch hast Du Dir zusammen mit Deinem Ex-Partner gekauft. Jedes Mal, wenn Du jetzt darauf sitzt, erinnert Dich das an ihn. Die japanischen Küchenmesser waren sauteuer und Du hast sie nur einmal benutzt. Du solltest wirklich mal kochen lernen, dabei hast Du gar keine Lust darauf. Und der Heimtrainer staubt im Keller vor sich hin, während Deine Rettungsringe immer sicherer werden.

Noch mehr Sorgen, die Dich nicht klar denken lassen.

Minimalismus ist eine Denkweise – und ein Prozess

Minimalismus ist eine Denkweise und der Weg dahin ein schwieriger Prozess. Entrümpeln kann wirklich anstrengend sein, weil wir uns dabei nicht nur mit den Gegenständen, sondern vor allem mit uns selbst beschäftigen. Deshalb meine wichtigsten Ratschläge: Verändere Dich in Deinem eigenen Tempo, vergleiche Dich dabei nicht mit anderen und bleib dran, auch wenn es schwierig wird.

Und nun zum praktischen Teil. Denn wenn entrümpeln so einfach wäre, hätten wir alle keine Schränke und Dachböden voller Gerümpel, oder?

Wo fange ich an?

Am besten klein. Nimm Dir eine Schublade oder ein Regalfach vor. Räume diese Stelle komplett leer. Anschließend stellst Du Dir bei jedem einzelnen Teil diese drei Fragen:

  1. Benutze ich es wirklich noch?
  2. Liebe ich es?
  3. Würde es mir fehlen, wenn es weg wäre?

Wenn Du alle drei Fragen mit Nein beantwortest, kann der Gegenstand weg.

Wichtig: Es geht nicht darum, was Du abgeben kannst, sondern darum, was Du behalten möchtest.

Was soll ich tun, wenn ich mich nicht trennen kann?

Wenn Du öfter entrümpelst, bekommst Du irgendwann ein Gefühl für den wahren (Nutz)Wert eines Gegenstandes. Du weißt, wann etwas sinnvoll und nützlich ist und wann es nur einen emotionalen Wert hat. Am Anfang ist es jedoch nicht so leicht einzuschätzen, was weg kann und was bleiben sollte. Da helfen ein paar Tricks.

  1. Versuche, das Teil zu verkaufen: Auf dem Flohmarkt, im Internet – es gibt viele Möglichkeiten, alten Kram zu Geld zu machen. Vielleicht bekommst Du für Deine Teelichthaltersammlung noch eine schöne Summe. Höchstwahrscheinlich wird aber folgendes passieren: Du wirst die Dinger nicht los oder höchstens für einen jämmerlichen Betrag. Du ärgerst Dich über den ganzen Aufwand. Du erkennst, dass Dein Kram wirklich nichts mehr wert ist. Du wirfst solche Gegenstände in Zukunft lieber weg oder verschenkst sie, als dass Du Dir diese Plackerei noch einmal antust.
  2. Lass Dir helfen: Bitte eine Freundin oder Deinen Bruder oder einen anderen Menschen, dem Du vertraust und der Dir offen Deine Meinung sagt, Dir beim Entrümpeln zu helfen. Diese Person sollte aber keine Schatzsucher-Eigenschaften besitzen. Sie sollte also nicht selber ein Problem mit dem Loslassen von Dingen haben. Eine neutrale Person kann Dir dabei helfen, die Nützlichkeit und den Wert Deiner Besitztümer richtig einzuschätzen.
  3. Verstecke Dein Gerümpel vor Dir selber: Pack alle Sachen, die Du nicht brauchst, von denen Du Dich aber auch nicht trennen kannst, in eine Kiste und stell sie auf den Dachboden oder in den Keller. Wenn Du im kommenden Jahr nichts aus der Kiste vermisst hast, kannst Du sie ungeöffnet weggeben.

Wohin mit dem aussortierten Gerümpel?

Verschenken, verkaufen, wegwerfen – Du hast die Wahl! Anfangs solltest Du alle drei Möglichkeiten testen.

Suche in Deiner Gegend nach Möglichkeiten, Dinge zu spenden. In vielen Städten gibt es Altkleidersammlungen oder Sozialkaufhäuser, die sich über alle möglichen Sachen freuen. Kindergärten sind glückliche Abnehmer von Stiften und Bastelmaterial, Büchereien freuen sich über Bücher, CDs und Filme.

Frag in Deiner Familie, bei Freunden und Bekannten, ob sie einige der Dinge, die Du aussortiert hast, gebrauchen können. Schenken macht genauso glücklich, wie beschenkt zu werden. Und Du wirst noch Sachen los. Das nenne ich mal eine Win-Win-Win-Situation.

Stell Dich mit Deinem Kram auf einen Trödelmarkt, biete Sachen bei Ebay und Co an, mach einen Hausflohmarkt – wenn Du Zeit und Lust hast, Deine ausrangierten Besitztümer zu verkaufen, solltest Du das unbedingt probieren.

Wirf großzügig weg. Dinge, für die Du keine Verwendung mehr hast, kann oft auch niemand anderes mehr gebrauchen. Wir haben schließlich alle denselben Ramsch zuhause stehen. Spring also öfter mal über Deinen Schatten und schmeiß etwas in die Mülltonne, was vielleicht noch in Ordnung ist. Auch das braucht etwas Übung und Überwindung, aber mit der Zeit wirst Du Dich auf den Tag freuen, wenn die Müllabfuhr wieder Platz in Deiner Tonne schafft.

Was tue ich, wenn alles weg ist?

Bloß nichts Neues kaufen! Wir Menschen tendieren dazu, Lücken schnellstmöglich wieder füllen zu wollen. Dein Kleiderschrank sieht so leer aus, also gehst Du erst mal Shoppen.  Ob fünf Müsli-Schüsseln reichen? Da gibt es doch gerade ein Sonderangebot im Möbelhaus.  Der Anblick der kahlen Fensterbank ist so ungewohnt. Vielleicht solltest Du Dir doch noch eine Topfblume besorgen?

Besser nicht. Du brauchst nur eine gewisse Zeit, um Dich an diese neue Freiheit von den Dingen zu gewöhnen. Nimm Dir am besten vor, eine Weile nichts Neues zu kaufen. Du kannst Dir auch angewöhnen, für jeden neuen Gegenstand einen alten wegzugeben.  Hauptsache Du versinkst nicht nach wenigen Monaten wieder im alten Chaos.

Was ist für Dich wesentlich? Worauf kommt es Dir im Leben wirklich an? Wer bist Du? Gib weg, was Du nicht brauchst, und Du findest es vielleicht heraus. Auf jeden Fall kommst Du der Antwort ein ganzes Stück näher.

 

Siehe auch: Du willst entrümpeln? Befreie Dich von diesen 10 Dingen zuerst.

 

Autorin:

Pia Mester beschäftigt sich auf ihrem Blog www.MalMini.de mit Minimalismus, Selbstverwirklichung, Persönlichkeitsentwicklung und moderner Lebenskunst.

Photo (oben): Thomas Leuthard