Es folgt ein Text von Ulrike Hensel, Autorin des myMONK-Buchs Hochsensibel das Leben meistern.

Wenn hochsensible Personen (im Folgenden kurz HSP) auf den Terminus Hochsensibilität stoßen und sich daraufhin näher mit der Bandbreite und Tragweite des Phänomens auseinandersetzen, liegt für sie darin unter anderem die Chance, sich der eigenen Bedürfnisse bewusster zu werden und – einhergehend mit einer stetig wachsenden Selbstakzeptanz – immer selbstbewusster und gezielter auf deren Erfüllung hinzuwirken.

Wenn ich hier 10 ‚Dinge‘ benenne, meine ich nichts Gegenständliches. Ferner geht es nicht um das, was sich HSP von außen wünschen würden wie beispielsweise Verständnis, Akzeptanz, Respekt und Rücksicht, weil man das nicht unmittelbar selbst erreichen kann (was nicht heißen soll, dass man nicht dazu beitragen könnte; siehe die Redensart: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“) Was ich im Folgenden aufzähle und ausführe, sind Dinge, die man meiner Einschätzung nach relativ gut von sich aus herbeiführen kann. Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und natürlich sind all diese Dinge nicht nur für HSP wichtig.

1. Freiraum

Um lebensfroh, schaffensfreudig und kreativ zu sein, brauchen Menschen einen gewissen Freiraum. Unter (Leistungs-/Zeit-)Druck nehmen Freude, Motivation und Leistungsfähigkeit sichtlich ab. Wie auf vieles andere auch, reagieren HSP auf eine Beschneidung ihrer Bewegungs- und Gestaltungsfreiheit noch empfindlicher als andere. Mit engen Vorgaben, Vorschriften und Kontrollen haben HSP große Probleme. Bei der Ausführung ihrer Aufgaben sowie in ihrer Lebensführung brauchen sie ausreichend Raum für Eigenverantwortung, Eigeninitiative, Selbstentfaltung und Selbstbestimmung (unter anderem, um notwendige Erholungspausen einbauen zu können).

Nun ist Freiraum aber nicht nur etwas, was einem gewährt wird, sondern auch etwas, was man selbst schafft und ausfüllt. Innere starre Regeln, Gebote und Verbote, was man zu tun oder zu lassen hat (oftmals aus der Biografie hervorgegangen – zum Beispiel „Du bist dafür verantwortlich, wie es dem anderen geht“), können die eigene Flexibilität im Denken, Handeln und Wollen über Gebühr einschränken. Dies gilt es durch Selbsterkenntnis und Arbeit an sich selbst bestmöglich zu überwinden.

2. Abstand

Da HSP sehr vieles emotional sehr nahe geht und sie nur schwer einen schützenden inneren Abstand herstellen können, müssen sie sorgsam darauf achten, was und wen sie (näher) an sich heran lassen und wovon sie sich besser fernhalten bzw. entfernen. In vielen Fällen brauchen sie einen realen äußeren Abstand zu dem, was sie beeinträchtigt, belastet, aufwühlt und was nervliche Übererregung verursacht (wie zum Beispiel Leid zeigende TV-Nachrichten, hektische, lärmerfüllte Umgebungen, als anstrengend und/oder unangenehm empfundene Menschen, stressende Menschenansammlungen).

HSP sollten sehr bewusst entscheiden, welchen Eindrücken und Einflüssen sie sich aussetzen – aus welchen guten Gründen auch immer – und welchen nicht, um möglichst schonend mit den eigenen Ressourcen umzugehen. Sie sollten nicht etwa gewohnheitsgemäß aushalten und abwarten, bis etwas vorübergeht, sondern aktiv etwas abstellen, sich von jemandem distanzieren, sich aus einer Gruppe oder einem Geschehen zurückziehen – im Sinne von Selbstschutz und Selbstfürsorge.

3. Bindungen

Der Mensch ist ein Beziehungswesen und somit in der Befriedigung seiner sozialen Bedürfnisse (nach Beachtung, Anerkennung, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Zuwendung usw.) auf zwischenmenschliche Beziehungen angewiesen. Das gilt für HSP wie für alle Menschen, auch wenn sie oftmals eher ein Zuviel an Nähe und Zusammensein als problematisch empfinden. Doch langfristig ist ohne den nährenden Kontakt zu anderen Menschen die psychische und physische Gesundheit in Gefahr. Selbst die größte Empfindlichkeit darf also nicht dazu führen, dass man sich zu sehr aus Beziehungen zurückzieht oder sie gar nicht erst eingeht.

Neben der Familie und dem Partner sind Freunde sehr wichtig – am besten ein Freundeskreis, der emotionalen Rückhalt gibt. Freundschaft definiert sich als eine positive Beziehung, die auf Sympathie, Empathie und Vertrauen beruht. Gute Freunde sind es, die Verständnis bekunden, Mut zusprechen, wenn es gerade nicht so gut läuft, die helfen, Probleme zu meistern.

4. Alleinzeit

Durch das natürliche Bedürfnis nach Verbundenheit und Nähe bemerken HSP womöglich lange nicht, wenn sie in ein Defizit geraten, was ungestörte Zeit für sich allein angeht. Alleinzeit ist jedoch erforderlich für die Regeneration, die Reizverarbeitung und das Integrieren von Eindrücken. Jeder Mensch braucht Auszeiten vom sozialen Leben, der hochsensible Mensch braucht davon überdurchschnittlich viel, um wieder zu sich zu finden und Kraft zu schöpfen.

Ich weiß, dass Menschen, die sich öfter zurückziehen, in unserer beziehungsorientierten Kultur einen schweren Stand haben. Dennoch halte ich es für absolut lohnend, sich entschieden für ausreichend Zeit für sich allein einzusetzen. Zu wenig zweckfrei verbrachte Alleinzeit macht auf lange Sicht unzufrieden, denn dann fehlt der Raum für Selbstbesinnung und Selbstklärung, für Muße und die Entfaltung von Kreativität. Gerade in Liebesbeziehungen sehe ich die Kunst darin, einen Konsens zu finden im Ausbalancieren vom Bedürfnis nach Kontakt und Gemeinschaft und dem Bedürfnis nach Alleinsein und Autonomie.

5. Einfluss

Ein großer Unterschied in der Wirkung dessen, was man erlebt und was auf einen einströmt, ergibt sich daraus, wie diese Erlebnisse/Reize persönlich bewertet werden. Die selbst gewählte Lieblingsmusik wird beispielsweise ganz anders empfunden als die, die aus der Nachbarwohnung durch die Wand dringt. Allgemein ist festzustellen, dass Umstände, die man unter Kontrolle hat, viel weniger stören und nerven – ein Fakt, der gerade für HSP bedeutungsvoll ist. Ein anderer Punkt: Um Zufriedenheit zu erleben, möchte jeder seinen Kompetenzen, Ideen und Vorhaben Geltung verschaffen, das heißt nach außen wirksam werden, Einfluss nehmen.

Wer davon überzeugt ist, Pläne verwirklichen und Schwierigkeiten meistern zu können, hat eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung und ist mit höherer Wahrscheinlichkeit erfolgreich. Dennoch sollte die Annahme nicht überzogen werden, man könne unkontrollierbare Faktoren wie äußere Widrigkeiten, andere Menschen oder den Zufall aushebeln (Machbarkeitsdenken). Andererseits kann dem Denken, man sei anderen Menschen, Situationen, Entwicklungen ohnmächtig ausgeliefert, damit begegnet werden, dass der verfügbare Handlungsspielraum erkannt und der mögliche Einfluss ausgeübt wird.

6. Harmonie

Für das Wohlergehen von HSP ist Harmonie sehr wichtig, da ihnen Spannungen und Streit emotional sehr zusetzen. Sie tun viel für ein harmonisches und friedliches Miteinander. Manche HSP gehen so weit, sich bis zur Selbstaufgabe anzupassen und auch notwendigen Aussprachen auszuweichen. Dabei kann echte Harmonie nur durch die Klärung von bestehenden Konflikten entstehen. Spätestens, wenn negative Gefühle eine Beziehung dominieren, ist es an der Zeit, eine Irritation anzusprechen und auszudiskutieren. Je länger man damit wartet, desto mehr Zündstoff sammelt sich an, der unversehens zu einer Explosion führen kann, was den Beziehungsfrieden nachhaltig stören würde. „Innerer Friede beruht nicht auf Konfliktlosigkeit, sondern auf der Fähigkeit, mit Konflikten fertigzuwerden.“ (Quelle unbekannt)

Andere HSP sind geradezu Problemlösungsfanatiker, geleitet von der unrealistischen Hoffnung, eines Tages alle Unstimmigkeiten aus dem Weg geräumt zu haben und vollkommene Harmonie zu erreichen. Wirklich hilfreich sind zwei ausbalancierte Fähigkeiten: die, Unstimmigkeiten auch einmal auszuhalten, und die, Konflikte konstruktiv zu bewältigen.

7. Schönes

HSP verfügen über eine gute Beobachtungsgabe, sie nehmen Feinheiten und Nuancen wahr, denen andere keine/wenig Beachtung schenken. Entsprechend haben sie in aller Regel eine ausgesprochene Liebe zum Detail, einen Sinn für Ästhetik, und sie mögen Schönes. Sie haben viel Freude an Geschmackvollem (nach ihrem Geschmack!), Besonderem, Individuellem, Kunstvollem (in allen möglichen Kunstrichtungen). Derartiger Genuss beschert ihnen Glücksgefühle, lässt bisweilen ihre Kümmernisse in den Hintergrund treten und trägt sehr zu einer positiven Lebenseinstellung bei.

Da HSP insgesamt in ihrem Wohlfühlen und in ihrer Produktivität sehr abhängig sind von Umgebungsfaktoren, können sie mehr noch als andere von einer in ihren Augen ansprechenden Wohn- und Arbeitsumgebung profitieren. Es spricht also alles dafür, die eigene Wohnung liebevoll einzurichten und zu gestalten, sich bewusst mit schönen Dingen zu umgeben und zu beschäftigen und einen Arbeitsplatz nicht zuletzt danach auszuwählen, ob die Räumlichkeiten den ästhetischen Maßstäben (einigermaßen) entsprechen.

8. Wohltuendes

HSP sollten sich bewusst gönnen, was ihnen körperlich, seelisch und geistig gut tut: Bewegung und Aktivität ebenso wie Ruhe, Zusammensein in Ausgewogenheit mit Alleinsein; dem eigenen Rhythmus entsprechend leckere und gesunde Mahlzeiten, reichlich ungestörten Schlaf und was immer ihnen erfahrungsgemäß Entspannung und Freude bringt und ihre Lebensqualität verbessert. Die Liste dessen, was möglicherweise in Frage kommt, wäre sehr lang und würde von A wie Autogenes Training bis Z wie Zuhausebleiben (und sich zum Beispiel unter eine Decke kuscheln, einen Tee trinken und ein gutes Buch lesen) reichen.

Wenn HSP etwas Wohltuendes für sich brauchen und es eigenständig bewerkstelligen können, liegt es an ihnen, es auch zu tun bzw. mehr davon in ihr Leben zu holen. Falls überhaupt angezeigt, zielt eine Mitteilung anderen gegenüber nur darauf ab, zu informieren und sich eventuell (kurz!) zu erklären. Eine Lernaufgabe für HSP sehe ich hierbei darin, sich ein Stück unabhängiger zu machen von der Meinung und Zustimmung anderer.

9. Naturerleben

HSP finden besonders gut Entspannung in der Natur. Wenn wir uns auf ein Naturerleben einlassen, kann uns das sorgenvoller Gedanken entheben, eine andere Perspektive auf Probleme ermöglichen. Sehr beruhigend wirkt es, an einem Wasserlauf, einem See oder dem Meer spazieren zu gehen, aufs Wasser zu schauen, ihm zuzuhören. Der Begriff ‚Forest Bathing‘ steht für die Wohltat des Eintauchens in den Wald.

Bewegung an frischer Luft im Grünen ist erwiesenermaßen stressreduzierend. Clemens G. Arvay schreibt in seinem Buch Der Biophilia Effekt, die Natur sei unser evolutionäres Zuhause und daher so erholsam. Die meditative Wirkung einer beschaulichen Naturerfahrung beschreibt Anselm Grün: „In Einklang mit uns selbst kommen wir nicht nur, indem wir nach innen gehen. Auch das Wahrnehmen der äußeren Welt kann uns zu innerem Frieden führen. Wenn ich ganz im Schauen der Natur um mich herum aufgehe, dann bin ich bei mir, dann bin ich eins mit mir selbst.“

10. Sinn

HSP denken viel über sich, ihr Tun und ihre Rolle in der Gemeinschaft nach. Sie wünschen sich sehr, Erfüllung und Sinn in ihrer Arbeit zu finden, mit ihrer Wesensart sowie den Begabungen und Fähigkeiten, die daraus erwachsen, einen wertvollen Beitrag zum großen Ganzen zu leisten. Leider setzen sich HSP mit ihren hohen Ansprüchen mitunter gehörig selbst unter Druck, sodass Frustration vorprogrammiert ist. Einerseits möchte ich daher davon abraten, die ‚wahre Berufung‘ zu einem Mysterium zu machen und die eigene Arbeit als Selbstverwirklichung zu überhöhen, andererseits durchaus dazu ermutigen, mit Engagement und Beharrlichkeit (gepaart mit einer guten Portion Realitätssinn) der passenden, sinnstiftenden (Berufs-)Tätigkeit auf die Spur zu kommen und einen HSP-kompatiblen Arbeitsplatz zu finden.

Im Übrigen halte ich es mit Hermann Hesse: „Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind.“

Mehr zum Thema Hochsensibilität findest Du hier und hier sowie im myMONK-Buch Hochsensibel das Leben meistern.

 


Ulrike-Profilbild-2000pxUlrike Hensel

Die Autorin Ulrike Hensel studierte Angewandte Sprachwissenschaft und absolvierte später eine Coaching-Ausbildung. Sie arbeitet selbstständig als Textcoach für Trainer, Berater und Coaches sowie als Coach für Hochsensible.

Für myMONK hat sie das Buch Hochsensibel das Leben meistern geschrieben.


Photo (oben): Nick Ellis