|31. Mai 2012 15:38

Vom Industriejob über Costa Rica zu sich selbst und der eigenen Berufung – Teil II: Interview mit Doris

Doris hat uns bereits von ihrem ganz persönlichen Weg berichtet unter „Vom Industriejob über Costa Rica zu sich selbst“. Im Interview erzählt sie von den größten Herausforderungen und den größten Belohnungen, die ihr Weg mit sich gebracht hat.

Liebe Doris, vielen Dank dass Du Dich noch mal für meine Fragen zur Verfügung stellst – ich bin wirklich sehr gespannt darauf, mehr zu erfahren, und viele der Leser Deines Erfahrungsberichts mit Sicherheit auch. Aber zunächst: wie geht’s Dir gerade? Und worauf freust Du Dich am heutigen Tag am meisten? 

Ich fühle mich sehr gesund und zufrieden. Ich freue mich hier und jetzt auf unserer schönen Terasse im Grünen zu sitzen, wo die Vögel fröhlich zwitschern nach ein bisschen Regen. Es macht mir Spaß gerade deine Fragen zu beantworten.

Du hast Dich bereits im Studium ausgebrannt gefühlt. Was war der Grund dafür?

Nun ja, also auf der rein materiellen Ebene war es so, dass mein Job in der Automobilindustrie doch recht stressig war. Ich hatte fast bis zum Ende des (Abend-)Studiums gleichzeitig 40 Std. oder mehr intensiv gearbeitet in der Zeit, es gab auch einige Überstunden. Jedoch muss ich auch sagen, dass ich grundsätzlich die Herausforderung in dieser Arbeit schon mochte.

Ich würde auch diese Ebene des Burn-Out nicht überbewerten, und ich kam ja körperlich erst gar nicht so tief da rein, da ich ein ganz gut funktionierendes emotionales „Frühwarn-System“ habe, so würde ich das nennen.  Es waren die letzten Monate im Endspurt des Studiums, wo ich immer öfter und sehr viel geweint habe, und mich dieses Gefühl von „ich mag das überhaupt nicht mehr“ immer stärker aufgerüttelt hat.

Es war meine Seele, mein wahres Selbst, das ich unter all dem Papierkram nicht mehr fühlen konnte und zunehmend vermisste. Da wollte einiges rausgelassen werden und sich befreien – Gutes und Schlechtes, Blockaden und Potentiale.

Später bist Du für mehrere Monate in Costa Rica gewesen. Wie lebt es sich dort – und was kann man von den Costaricanern lernen?

Man nennt die Einheimischen dort übrigens Ticos und Ticas. Mir kam dieses Volk ganz ehrlich gesagt immer ein bisschen „spanisch“ vor. Im Gegensatz zu Guatemala, wo man die Tradition bzw. die Herkunft des Volkes, va. die Maya, noch leicht in den Gesichtern und an den Gewändern erkennt, waren die Ticos diesbezüglich immer irgendwie schwierig einzuschätzen für mich.

Sie sind jedoch sehr freundlich, und ich hatte am Land (!) überhaupt keine Bedenken da als europäische Frau alleine die Straße entlangzugehen. Sie haben schon offenkundig ihre Freude mich zu sehen zum Ausdruck gebracht, jedoch immer in einer sehr unschuldigen und kindlichen Art und Weise. Ich kann mich überhaupt nicht erinnern jemals einen agressiven Tico erlebt zu haben. Sie sind mir stets als entspannt  und lebenslustig begegnet . Man grüßt sich oder antwortet auf die Frage nach dem Wohlbefinden gerne mit „Pura Vida“ – was wörtlich übersetzt „reines Leben“ bedeutet.

Als Europäer mit etwas Geld im Beutel lebt es sich da natürlich wunderbar. Die üppige Vegetation mit ihren lecker Früchten,  exotischen Tieren und bunten Vögeln, der wunderbar saubere Arenalsee mit seinem aktiven Vulkan, der teilweise sehr kräftige Wind, die oft noch wilden Strände, Pazifik- wie Karibiksseite,  die Sonne natürlich, und die hohen Meereswellen – diese spürbare Kraft der Elemente dort ist glaub ich für immer in meinem Gedächtnis gespeichert.

Deine Auszeit erstreckte sich insgesamt über zwei Jahre, Du sagst, dieser Zeitraum war für Dich unbedingt nötig und der einzig richtige Weg. In welcher Hinsicht konntest Du Dich in dieser regenerieren bzw. wachsen?

Ja in etwa zwei Jahre, nicht ganz. Es fällt mir noch immer ziemlich schwer, dies in Worten zu beschreiben, ich will jedoch versuchen es verständlich zu machen. Ich denke es war zum einen die intensive Yogapraxis, die so sehr gekratzt hat, an allem was geheilt werden wollte. Teilweise sehr tief sitzende Blockaden im Energiesystem sind and die Oberfläche gelangt – pop, pop.. -  und wollten gelöst werden. Und damit Hand in Hand vielleicht auch wirklich soetwas wie ein „persönlicher Seelenplan“, der an der Zeit war, aufzugehen – ganz andere Potentiale, die entdeckt und gelebt werden wollten. Ich würde das schon als so etwas wie einen höhere Kraft oder Macht bezeichnen, der ich mich ganz einfach bedingungslos hingeben musste. Vielleicht könnte man das auch als eine Art Kundalini-Aufstieg bezeichnen, ich möchte mich da aber begrifflich noch nicht drauf festlegen

In der Zeit und auch danach habe ich jedenfalls einen sehr intensiven Reinigungsprozess durchlebt, in meinem Fall vor allem emotional. Mitten drin hab ich mich schon manchmal gefragt, ob das eigentlich alles auch wirklich wo hinführt – doch das innere Gefühl hat immer gesagt, weitermachen.

Rückblickend jedoch kann ich mittlerweile ganz klar sagen, dass sich sehr viel, nachhaltig, zum Positiven verändert hat. Krankhafte Eifersucht, Depression zum Beispiel, gibt es nicht mehr. Wut und Zorn flackern mal noch auf, haben aber an Dramatik verloren usw. Auch auf der körperlichen Ebene, wo ich gottseidank nie allzugroße Schwierigkeiten hatte, hat sich viel getan. Früher oft richtig quälende Regelschmerzen entfallen inzwischen oft ganz oder fallen vergleichsweise minimal aus. Grippe (auch Fieber) und Nebenhöhlenentzündung hatte ich seit dem Umbruch (8 Jahre) kein einziges Mal mehr. Kein klassische Verkühlung mehr seit einigen Jahren, kein nervöser Magen mehr. Sogar der Zustand von Augen und Zähne bessert sich insgesamt, langsam aber sicher.

In den letzten beiden Jahren spüre ich sehr stark wie die Lebensenergie, das Prana, zunimmt, und der Lichtkörper zu Vorschein kommt. „In der Ruhe liegt die Kraft“ verwende ich gerne als Leitsatz, und es spiegelt meine eigene Erfahrung. Ich lasse einfach zu, bis zum Nullpunkt nix zu tun, die Kraft kommt dann ganz von alleine, aus einer anderen Quelle sozusagen, und man wird aus sich selbst heraus wieder aktiver. Das fühlt sich anders an. Wenn das „Ich“ sich weniger einmischt, kann das Leben wieder hereinkommen und alles ist gut. Wenn ich nicht so festhalte an Vorstellungen davon, wie etwas zu sein oder zu geschehen hat, kann der wunderbare Fluss des Lebens in mir fließen, und Überfluss und Zufriedenheit breiten sich ganz von selbst und ohne Anstrengung aus. Man agiert dann zunehmend aus der Rückverbundenheit mit dem großen Ganzen bzw. in Übereinstimmung mit seinem innersten Wesen, und re-agiert immer weniger aus unbewussten Denk- und Verhaltensmustern heraus.

In dieser Auszeit wurdest Du sicher von Deinen Mitmenschen häufiger gefragt, wann Du endlich wieder arbeiten gehst, normal weiterlebst, wie es sich gehört. Ist es Dir schwer gefallen, diesem Druck standzuhalten?

Dem Druck standzuhalten ist mir nicht so schwergefallen. Schwieriger war es schon manchmal, mich nicht vor lauter Unverstandenheit in Selbstmitleid zu ergehen. Manchmal half es dabei – übergangsweise – ein bisschen in den spirituellen Stolz zu gehen und mich protesthalber extrem auf der Gegenposition zu positionieren, was natürlich auch keine endgültige Lösung ist.

Es war aber auch so, dass ich später dann (nach den 2 Jahren), als ich beruflich meinen neuen Weg anging, immer wieder darüber nachdachte, neben den ersten Yogastunden nicht doch zumindest noch Teilzeit arbeiten zu gehen. Ich habe viele Male die Zeitung aufgeschlagen und auch Job-Anzeigen entdeckt, die gar nicht so unpassend gewesen wären und mir vielleicht sogar gefallen hätten – aber ein richtiges Ja dafür hab ich im Herzen nicht  bekommen. Aus irgendeinem Grund sollte ich mich offenbar ganz diesem neuen Weg widmen. Langsam beginne ich den Sinn dessen zu erfassen, und ich denke bei mir war dies alles in einem derartigen Ausmaß bzw. einer derartigen Tiefe gefordert, da ja diese innere Erfahrung auch die Basis für meine jetzige, und viel mehr vielleicht noch für meine zukünftige, Arbeit ist. Ich bin mit meinem Weg nicht fertig, da wo ich jetzt bin, da geht es noch weiter.

Was empfiehlst Du einem myMONK-Leser, der sich erschöpft fühlt und tief in seinem Herzen spürt, dass er von seinem Weg abgekommen ist?

So gut und so bald es geht nachzugeben. Mit irgendetwas anfangen, obs ein bisschen Johanniskrautöl auf die Brust zu schmieren ist, einfach mal den Fernseher abzudrehen und zu malen, zu puzzeln, zu singen,  oder auch mal zu Schreien… was auch immer. Eine passende Unterstützung im Außen kann auch nicht schaden.

Ein paar Minuten hinsetzen und mit dem eigenen Herzen kommunizieren, tiefer hineinhören. Vielleicht die Augen schließen, möglichst ruhig atmen und ganz viel Licht, oder soviel wie angenehm ist, im Herzbereich visualisieren = Herz-Licht-Meditation.

Du schreibst: „Ganz allgemein ist mein Rhytmus bis jetzt ein sehr entspannter und ich arbeite eher wenig, lebe einfach, jedoch sehr gut und nicht asketisch.“ Auch hier ist es meiner Erfahrung nach vor allem zu Beginn nicht ganz leicht, dem allgemeinen Trend des Hetzens zu widerstehen und mit den skeptischen Mitmenschen umzugehen. Was denkst Du heute über die hetzige Zeit, hetzende Leute, das Streben nach immer mehr? Und was empfiehlst Du jemandem, der von seinen Freunden und der Familie unter Druck gesetzt wird, doch unbedingt dies oder jenes studieren oder anstreben zu sollen?

Gut mit Costa Rica war ich da ja gleich mal eine Weile ganz ausgeklinkt davon, und bin dort auch verstärkt mit anders lebenden Menschen zusammengekommen. Auch danach habe ich mich erst mal ziemlich intensiv von der Außenwelt zurückgezogen. Ich habe manchmal tagelang keine Anrufe beantwortet. Dies wird vielleicht nicht für jeden so möglich oder passend sein.

Ich empfehle aber dennoch zumindest eine Zeitlang durchgehend oder regelmässig für kürzere Einheiten, verstärkt den bewussten Rückzug aus dem bekannten Umfeld. Alleine fortfahren oder sogar größer reisen gehen ist eine gute Idee. Oder ganz einfach einmal ganz alleine spazieren zu gehen, öfter mal ein Treffen absagen oder erst gar nicht auszumachen – mal etwas auszulassen sozusagen. Versuchen anders orientierte Kontakte zu knüpfen wenn einem die reine Innenschau nicht so liegt. Gerade wenn man anfängt, vieles zu hinterfragen ist man oft nicht so stark. Es funktioniert nicht, wenn ich mich nicht ein bisschen von der gewohnten Umgebung löse und immer in den gleichen Mustern mitbewege – das fängt ja schon bei Leuten an, die z.B. abnehmen möchten. Wenn das ungesunde oder üppige Essen in der Familie so verankert ist, wird glaube ich nichts anderes übrig bleiben als vorübergehend die Besuche zu reduzieren. Bis man fest genug ist in seiner neuen Überzeugung, dann geht das wieder.  Wenn die Liebe da ist, wird das langfristig der Beziehung, ob Familie, Freunde oder Partnerschaft, nicht schaden – im Gegenteil, ich werde ja auch umgänglicher für andere je besser es mir selber geht.

Über das allgemeine Gehetzte denke ich gar nicht mehr nach – ich bekomme davon auch nicht mehr sonderlich viel mit. Wenn ich zufällig mal zu den Stoßzeiten auf der Straße bin zum Beispiel, wird mir dann selber immer wieder bewusst, wie anders mein Leben und eben mittlerweile auch mein (v.a. Arbeits-)Umfeld inzwischen ist – und bin dankbar.

Welche drei Dinge zählen zu den wichtigsten, die Du in Deinem Leben gelernt hast?

Ich habe gelernt, Dinge sein zu lassen. Es kann nicht immer alles perfekt sein und wenn ich immer glaube, ich kann mich erst entspannen, wenn alles hundert Prozent passt, wird’s schwierig. Wenns grad nicht anders ist, kann ich mich auch wohlfühlen, wenn die Wohnung mal nicht so aufgeräumt ist  – auch symbolisch gemeint.

Ich habe gelernt, Menschen sein zu lassen. Es sind ja nicht immer nur die anderen, die dir etwas einreden wollen. Oh nein, gerade wenn man meint, man habe die Lösung entdeckt, wird man leicht zum Missionar. Aber das funktioniert nicht.

Und ich habe gelernt, überhaupt mehr zu SEIN – und vor allem – das einfach so sagen zu können ☺

Ich danke Dir herzlich für das Interview, liebe Doris!

Mehr über Doris erfahrt ihr auf ihrer Website doris-presch.at.
 



Das könnte Dich auch interessieren

  1. Vom Industriejob über Costa Rica zu sich selbst und der eigenen Berufung
  2. Sexy sein – zu sich selbst
  3. “Heute ist die ideale Basis, um den eigenen Sinn zu finden” – Interview mit dem Yogalehrer und Kinesiologen Arno Plass
  4. 8 Dinge, die man für ein entspanntes Leben braucht – Teil 7: Nach den eigenen Vorstellungen leben
  5. Über die innere Mitte – Interview mit Jürgen Pirker

4 Kommentare

  • Liebe Doris, lieber Tim, vielen Dank für dieses nachhaltig wirkende Inerview. Das ist ein wahres Geschenk. Ich werde es mir gut verlinken und mir immer wieder mal vornehmen, wenn ich es brauche. Es wirkt so beruhigend, die Entspannung klingt richtig durch. Doris, ich würde dich gern mal kennenlernen :) Erstmal geh ich mir deine Website genauer anschauen. Liebe Grüße aus Dresden, Sandra

    • Liebe Sandra,

      vielen Dank für Deine schönen Worte – auch ich bin sehr froh, dass Doris so wertvolle Dinge mit uns geteilt hat!

      LG

      Tim

  • Danke euch beiden, es ist schön, wenn man so positiv angenommen wird :-) Ja Sandra, wie gesagt, machen wir mal Kontakt. Ich möchte in Zukunft auch anderswo unterrichten als hier bei uns, wenn du gerne organisierst könnte sich ja auch daraus evtl etwas ergeben, wo wir beide Freude haben. Auch du lieber Tim – solltest du einmal daran denken in die Seminarorganisation oä. gehen zu wollen, würde ich mich freuen, wenn du an mich denkst. Herzliche Grüße euch beiden, Doris.

    ps hatte eure Kommentare noch nicht gesehen, da ich in urlaub war.

  • Anmerkung zum obigen Kommentar speziell für Leser aus dem Triestingtal: Ich möchte in Zukunft AUCH anderswo unterrichten als NUR hier bei uns.. das heißt nicht, dass ich von hier fortgehe! ;-) Liebe Grüße Doris

Hinterlasse einen Kommentar