Ich liebte Fleisch. Ich aß es nicht mehrmals in der Woche, sondern mehrmals im Tag, als Wurst und Hackfleisch und Schnitzel und Braten und Steak und ab und zu hätte ich mich am liebsten nackt ausgezogen und in dem ganzen Fleisch gebadet (zu viel Information?).

Na ja, aber so sehr ich es liebte, so schlecht war mein Gewissen dabei. Über Jahre. Ich wusste ja, woher es kam, ich kannte die Bilder. Auch, wenn ich meine Augen zukniff, so gut es ging, ganz verdrängen konnte ich das nie. Und so waren immer zwei Dinge auf meinem Teller: Fleisch und Reue.

Vor zwei Jahren schrieb ich hier über mein Vorhaben, Vegetarier zu werden. Ich bat euch um Hilfe und der Zuspruch und die Tipps waren überwältigend.

An diesem Tag aß ich zum letzten Mal Fleisch und jetzt, nach zwei Jahren, ist die Zeit reif für eine Bilanz. Hier die Dinge, die ich gelernt habe:

 

1. Auf einen Schlag mit Fleisch aufhören ist leichter als stückweise. Zumindest für mich. Ein paar Jahre lang versuchte ich’s immer wieder mal damit, nur noch einmal in der Woche Fleisch zu essen, und dann auch nur noch aus dem Super-Demeter-Biomarkt. Für mich hat das nicht funktioniert. Eine kleine Ausnahme zog die nächste nach sich, und schon war ich wieder im Rausch. Vor zwei Jahren hab ich’s mit einem echten Schlussstrich versucht, und das gelang mir so viel besser. Es gab einfach eine klare Grenze. Von anderen weiß ich, dass sie sich Schritt für Schritt an weniger Fleisch gewöhnten, bis sie Vegetarier waren.

2. Es ist viel leichter als ich dachte. Gelüste flammen nur stärker auf, wenn’s Ente oder Gans gibt beim Familienessen. Doch auch da ist es für mich überraschend einfach, nein zu sagen. Vor über zehn Jahren hab ich mit dem Rauchen aufgehört, und obwohl das viel länger her ist, denke ich bei Zigaretten noch heute häufiger als bei Fleisch: „das wäre jetzt schön!“

3. Man kann auch auswärts gut essen. Vor zehn Jahren gab’s für Vegetarier oft nur Salat oder Pommes. Wenn überhaupt, oft war Wurstsalat auch der einzige Salat. Ich gehe recht oft essen und zumindest hier in der Großstadt München finde ich immer irgendetwas Leckeres auf der Speisekarte. Spinatknödel, Käsespätzle, Ofenkartoffeln, fleischlose Lasagne, Pilz-Zeug, Pizza und Nudeln sowieso, üppige Salate.  Oder Veggie Burger. Sogar bei McDonalds (nicht gut) und Burger King (recht gut), wenn’s mal sein muss oder soll.

4. Ersatzprodukte sind oft eklig, werden aber immer besser. Geht natürlich ganz ohne solche Sachen – aber nicht für mich, ich mag das gern. Einige Griffe gingen dabei jedoch ins Klo. Trauriges Highlight war eine Fleisch-Ersatz-Roulade mit der Konsistenz und dem Geschmack eines alten Gummireifens vom Schrottplatz. Heute finde ich im normalen Supermarkt Wurstartiges und Fleischartiges, das echt total okay ist – und ganz ohne Soja auskommt (stattdessen: auf Basis von Weizeneiweiß, Milcheiweiß oder Eiern).

5. Vorsicht bei Soja. Soja ist, nach meinen Recherchen, nicht als Standard-Eiweißquelle geeignet. Grund dafür sind die Phytoöstrogene, die den Hormonaushalt durcheinander bringen und unter anderem die Fruchtbarkeit ernsthaft schädigen können (dazu gibt’s immer mehr Studien). Besonders gefährdet scheinen biertrinkende Vegetarier zu sein, weil auch der Hopfen im Bier solche pflanzlichen Östrogene enthält.

6. Man wird nicht verstoßen. Blöde Kommentare hielten sich sehr in Grenzen und verstummten mit der Zeit ganz. Vegetarier sein ist nicht mehr exotisch und kein Schritt in die Isolation. Im Gegenteil, wenn ich irgendwo eingeladen war, machten sich die Gastgeber in der Regel wirklich Gedanken darüber, was sie mir als Alternative auftischen könnten – ein schönes Gefühl!

7. Es ist ansteckend. Wenn man nicht missioniert. Von Anfang an hab ich nie ein Fass aufgemacht wegen meiner neuen Ernährung. Ich hab andere essen lassen, was sie wollten und das Thema nie von mir aus zur Sprache gebracht. Ich glaube, das war eine gute Entscheidung. Trotzdem – oder gerade deshalb – blieb mein Vegetariertum nicht ohne Folgen in meiner Umwelt. Manche probierten Ersatzprodukte aus oder bestellten einen Käse- statt einen Wurstteller in der Wirtschaft. Andere kamen plötzlich mit selbstgemachten Falafel an. Insgesamt ist mein Eindruck, dass in meinen Kreisen die Bewusstheit zunimmt, wenn auch bestimmt nicht nur wegen mir.

8. Vegetarier sind keine besseren Menschen. Und auch keine schlechteren. Überall gibt’s nette und liebevolle Menschen – und Leute, die sich unbedingt über andere stellen wollen. Zum Beispiel, indem sie sich über ihr fleischloses Leben definieren („ich bin ja sooo bewusst und spirituell und soo ein guter Mensch, geh mir aus den Augen mit Deiner schweinefleischfressenden Fresse!“).

9. Vegetarier essen nicht unbedingt gesünder. Pommes mit Ketchup sind sogar vegan, aber wer nichts anderes zu sich nimmt, schadet sich. Obwohl er um die Riesendosis Antibiotika herumkommt, die in fast jedem Fleisch enthalten ist. Einige Monate lang hab ich das ignoriert und mich fast genauso ungesund ernährt wie früher: überwiegend Fastfood, Süßigkeiten und Chips. Neben der Entscheidung, vegetarisch zu essen, braucht es eine zweite – gesund zu essen.

10. Mir geht es besser. Schon direkt nach meiner Entscheidung ging es mir viel besser, die ständige Last meiner Reue war abgefallen. Ich war und bin mehr mit mir im Reinen, weil ich in diesem Bereich tue, was ich für richtig halte. Auch mit meiner Gesundheit ging’s aufwärts, sobald ich mich ausgewogener ernährt, mehr und frischer selbst kochte und irgendwie auch mehr Appetit auf Obst und Gemüse bekam. Ich bin seltener erkältet, fühle mich klarer im Kopf und hab mehr Energie.

Es gibt also ein Leben nach dem Fleisch. Und ich würde es nicht mehr zurücktauschen wollen.

 

P.S.: Wenn Du auch schon länger darüber nachdenkst, Vegetarier zu werden, sieh Dir den kostenlosen Film Earthlings an. Der hat bei mir den Schalter umgelegt. Man kann den kaum von Anfang bis Ende anschauen und trotzdem genüsslich weiter Fleisch essen. Ich hatte hinterher zwar noch Restzweifel, dachte (oder wollte denken), in Deutschland sei die Tierhaltung bestimmt viel besser, oder ich wäre zumindest mit „Bio“ auf der sicheren Seite. Aber Pustekuchen. Auch dazu gibt’s auch Youtube Videos, die diese Illusion schnell einstürzen lassen. Was wir uns vielleicht unter „Bio“ vorstellen, ist leider die absolute Ausnahme (trotzdem: sogar dieses „Bio“ ist besser als nichts).

 

Photo: Ashley Van Haeften