Es folgt ein Gastbeitrag vom Psychotherapeuten und Blogger Sandro Teuber.

 

Die meisten von uns kennen sie: diese schmerzhaften Momente, dunkel wie in einer Höhle und scheinbar ohne Ausweg, ohne Lösung. Für manche Menschen sind diese Momente Alltag. Oder noch schlimmer: Sie haben sich daran gewöhnt, so zu leben. Das ist der beste Zeitpunkt für eine Psychotherapie. Viele Menschen lassen zu viel Zeit verstreichen bis sie einen Psychotherapeuten aufsuchen. In dieser Zeit spitzen sich die Probleme zu. Woran aber kannst Du erkennen, dass eine Psychotherapie für Dich hilfreich wäre?

Als mir klar wurde, dass ich eine Therapie brauchte war bereits eine lange Zeit des Überlegens vergangen. Immer wieder habe ich das Für und Wider zerlegt. Als Psychologe und angehender Psychotherapeut müsste ich doch mit diesen Problemen umgehen können. So denken viele. Vor allem die Psychologen und Psychiater selbst.

Aber ein kleines Bild kann das ändern.

Der Aufstieg zum Gipfel

Stell Dir vor, Dein Leben ist wie ein ewig währender Aufstieg auf einen Berg. Warst Du mal wandern? Es ist mühsam, wie das eigene Leben manchmal. Du hast steile Anstiege und manchmal hast Du Senken. Dann geht das Leben einfacher. Manchmal bist Du umgeben von Bäumen und manchmal hast Du ganz freie Sicht. Du siehst klar Deinen Weg. Aber nur bis zur nächsten Biegung.

Und nun kommt der Therapeut ins Spiel. Er (oder sie) lernt Dich kennen. Er kennt Deinen bisherigen Aufstieg und Deine Ziele, Deinen Weg. Aber er steht nicht neben Dir, sondern schaut von seinem Berg aus auf Deinen Weg. Er sieht von außen, dass ein Teil deines Weges gerade steil ist und kann Dir helfen vielleicht einen etwas leichteren Weg zu gehen. Er sieht das Gesamtbild. Er sieht Dinge, die Dir verborgen sind, weil Du gerade in einem tiefen, dunklen Wald bist, aus dem Du nicht heraus weißt. Er kann viel leichter die Perspektive wechseln. Er kann den Blickwinkel auf Deine Situation viel schneller wechseln, denn er ist nicht in Deinen Schwierigkeiten gefangen.

Und vor allem: Er weiß, wie es sich dort anfühlt. Ein guter Therapeut kann Kontakt zu seinen eigenen dunklen Momenten aufnehmen.

Manche Menschen fühlen sich ständig bedroht in ihrem Leben. Sie versuchen, sich von diesem schweren Aufstieg namens Leben abzuschotten. Diese Abschottung führt unweigerlich dazu, dass wir auch die angenehmen Gefühle wie Freude und Liebe nicht mehr spüren. Dein Therapeut kann Dir helfen, wieder die Liebe zu spüren, die Du so lange nicht mehr fühlen konntest. Das macht ihn zu einem tollen Begleiter auf Deinem Weg, den Du unbedingt dabei haben willst.

Mein Moment der Erkenntnis

Ich brauchte sehr lange, bis ich anerkennen konnte, dass ich einen Begleiter auf meinem Weg brauche. Es war eine der besten Entscheidungen in meinem Leben!

Mein dunkler Wald bestand darin, dass ich nicht verstand, warum ich immer wieder meiner Frau und Freundin weh tat, während ich den Berg der Beziehung mit ihr erklomm. So viel Schmerz und Verletzung musste geschehen bis ich verstand, dass es an der Zeit war.

Wie kannst Du erkennen, dass es an der Zeit ist, sich einen professionellen Begleiter und Unterstützer an die Seite zu holen?

5 Anzeichen, dass Du eine Therapie brauchst:

Eine Therapie beginnen oder Dich Deinem Hausarzt zuwenden solltest Du, wenn Du eines der folgenden Probleme bei Dir bemerkst. Je länger Du wartest, desto eher werden sich die Probleme auf dein ganzes Denken und Fühlen ausbreiten. Psychische Probleme haben nämlich die Tendenz, sich auszubreiten.

1. Du hast suizidale Gedanken, bist hoffnungslos

Das ist die bedeutendste Schwierigkeit, die auftreten kann in einem menschlichen Leben. Und es ist normal! Etwa die Hälfte aller Menschen haben einmal in ihrem Leben suizidale Gedanken. Sie haben eine so große Krise, dass sie ihr Leben beenden wollen. Als einzelne Episode kommen die meisten Menschen damit zurecht. Aber was, wenn diese Gedanken wiederkehren? Dann wird es Zeit zu handeln!

2. Es gibt nichts mehr, was Dir Spaß macht

Alles erscheint fade. Dinge, die Dir früher mal Spaß gemacht haben sind nun langweilig, nervig oder einfach nur anstrengend. Du kannst Dich gar nicht mehr erinnern, wann Du das letzte Mal richtig fröhlich warst. Begleitet Dich dieses Gefühl länger als zwei Wochen, solltest Du über eine Therapie dringend nachdenken.

3. Deine Ängste und Unruhe halten Dich davon ab Deinen Lebensweg zu gehen.

Ängste und Unruhe sind unsere täglichen Begleiter. Das ist auch gut so, denn sonst wären wir viel zu unvorsichtig. Zum Beispiel beim Überqueren der Straße. Manchmal werden Ängste und Unruhe aber auch richtig mächtig und übernehmen die Kontrolle. Wir meiden dann Situationen, die zu unserem Weg gehören. Einen Berg kommt man jedoch nicht hoch, indem man parallel zur Kuppe geht.

Wir vermeiden Orte, Situationen oder Menschen, wenn Ängste und Unruhe die Kontrolle übernommen haben. Wenn dein Leben von Ängsten und Unruhe bestimmt wird, solltest Du definitiv eine Therapie aufsuchen. Auch die dauerhafte Vermeidung bestimmter Orte und Situationen ist ein gutes Zeichen dafür, dass Hilfe Not tut. Das wichtigste: Angststörungen sind sehr gut behandelbar.

4. Du kommst kaum noch raus. Oder Du brauchst sehr viel Willenskraft, um Dich für die kleinsten Dinge zu motivieren.

Deine Energie ist komplett aufgebraucht. Du brauchst ewig, um Dich auf den Tag vorzubereiten oder Du musst Dich extrem zwingen, selbst alltägliche Aufgaben zu erledigen. Dieses Zwingen kostet wiederum Deine Energie. Du hast Deine Aktivitäten reduziert und bist auf ein Minimum angekommen. Auch wenn es schwer fällt: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Hilfe zu suchen. Wenn Dir das schwerfällt, kannst Du Deine wichtigste Bezugsperson fragen, ob sie Dich begleitet.

5. Du stehst mit nahen Menschen immer wieder vor demselben Problem (Obwohl Du viele Ratgeber ausprobiert hast)

Dieses Anzeichen selber zu erkennen ist sehr schwierig. Du hast das Gefühl, dass Menschen sich Dir gegenüber anders verhalten sollten? Du neigst dazu, Menschen irgendwie lenken zu wollen? Erkennen kannst Du dieses Probleme daran, dass sich andere langfristig eher von Dir zurückziehen, als mit Dir zusammen zu sein. Und das, obwohl Du doch immer dein Bestes gegeben hast.

Wenn dem so ist, dann spricht vieles dafür, dass Deine Mauern so hoch sind, dass Menschen es unangenehm finden, mit Dir zusammen zu sein. Sie können Dein wahres Selbst nicht sehen. Sie erleben Dich als unecht. Eine Therapie kann helfen. Sie braucht aber viel Zeit, da es lange dauert, bis sich diese Verhaltensweisen ändern. Diese Verhaltensweisen haben ja einen Grund, warum sie existieren. Sie waren zu einer anderen Zeit deines Lebens mal sehr hilfreich. Jetzt leider nicht mehr.

Was Du für eine erfolgreiche Therapie mitbringen solltest

Ich habe in 5 Jahren psychotherapeutischer Tätigkeit erfolgreiche und weniger erfolgreiche Therapien erlebt. Hier sind die Geheimnisse der Menschen, die es schafften, ihre Therapie erfolgreich zu durchschreiten.

  1. Sei bereit, Dinge in Deinem Leben zu ändern – und dem alles andere unterzuordnen. Bevor es besser wird, muss es anders werden!
  2. Sei so offen sein wie möglich. Je mehr Dein Therapeut über Dich weiß desto besser kann sie Dir helfen.
  3. Zeit. Eine Therapie braucht Zeit. Für grundlegende Änderungen braucht man etwa ein Jahr des kontinuierlichen Strebens nach Veränderung. Zum Glück sieht man erste Erfolge schon nach einigen Wochen.
  4. Bereitschaft sich den eigenen dunklen Seiten zu nähern und schwierige Gefühle zu erleben. Je höher diese Bereitschaft, desto eher kommst Du an den Kern deiner Probleme.
  5. Realistische Erwartungen. Ja, Therapeuten sind keine Wunderheiler. Sie haben keinen Zauberstab, der alle Deine Probleme verschwinden lässt. Es ist der Prozess, der so wunderbar ist. Dieser Prozess hat die Kraft dein Leben komplett zu ändern.

Ich habe auf beiden Seiten erlebt, wie Menschen sich ändern. Langfristig und Schritt für Schritt. Mit winzigen Änderungen in wiederkehrenden Momenten sind große Dinge möglich. Dies ist das Wunder des Lebens. Du hast die Kraft und die Möglichkeit, die Richtung deines Lebens zu bestimmen. Nutze es, packe Deine sieben Sachen für den Aufstieg zum Gipfel und los gehts in ein echtes Leben mit oder DeinemTherapeuten!

Anlaufstellen

Die Liste kann natürlich nicht vollständig sein, da es viele unterschiedliche psychische Probleme gibt. Solltest Du Dich nicht wiederfinden und trotzdem nicht gut fühlen, suche professionelle Hilfe auf und finde es gemeinsam heraus, was Dein Problem ist.

Ich weiß natürlich, wie schwer es ist einen Psychotherapeuten zu finden. Die Situation hat sich zugespitzt in den letzten Jahren, da immer mehr Menschen einen Therapeuten aufsuchen. Leider ist die Anzahl der niedergelassenen Psychotherapeuten gesetzlich begrenzt. Es braucht Geduld, aber es lohnt sich.

Hier ein paar Links, die Dir weiterhelfen können bei der Suche nach Hilfe:

 

Autor: Sandro Teuber
Sandro Teuber ist Psychologe, Psychotherapeut und Blogger. Er hilft Menschen, Hürden zu überwinden und ein reichhaltiges Leben zu führen. Nach mehreren schweren Schicksalschlägen entschied er sich einen Blog und Plattform für ein offenes und vitales Leben zu gründen. Hier erfährst du mehr.

Photo (oben): Dani Vázquez