|24. Januar 2013 16:10

Stille und Verbundenheit (Gastbeitrag v. Sascha Tscherni)

Es folgt ein Gastbeitrag von Sascha Tscherni:

Fake-Stille und Seins-Stille. Zwei paar Schuhe ?!

-Bemühung um die sinn-und seinstiftende Dekonstruktion eines kultivierten, oberflächlichen Friedens.  

Kaum hat uns der kollektive Vernunftsanspruch von den Hierarchien des Mittelalters erlöst, plagt uns diese Ratio auch schon wieder zu sehr in ihrem Absolutheitsanspruch von „Finde es heraus und löse es!“ – bishin zur Kontrolle über den eigenen inneren Frieden.

Gähhn.- Kennst du diese selbstvergessenen, verschlafenen und doch auch so wachen Momente beim Aufwachen oder am Klo, nach dem Sex, nach der Morgenmeditation oder auch beim zeitlosen des Weges Entlangbummeln ? Du spürst alles um dich herum und in dir, was eben momentan zu spüren ist, fühlst dich gut am Leben, weißt aber weder was gerade zu tun ist oder wer du bist. Dein innerer Bildschirm ist leer oder abgeschalten. Und das kümmert dich in keiner Weise. Der Moment hat dich völlig. Selbst-vergessen, ohne Selbstkritik daran, bist du die Existenz.- „So get yourself a coffee and get going“ – dann bist du wieder eingespannt in den archetypischen, steinalten Selbstrenner deines Überlebensprogramms: Arbeitest dich von A nach B, überwindest Hindernisse und bringst was weiter, erreichst Leute, stellst etwas klar und erledigst endlich das, was schon längst anstand. Und auch dabei geht manchmal erstaunlich was weiter, wenn – vielleicht nennst du es ja auch einfach nur gemütliche Katerstimmung – ,wenn du in deiner dir selbst-vergessenen, eigenen Weise einen Schritt nach dem anderen vollziehst ohne dabei groß die Kontrolle darüber zu haben, WAS du da heute Morgen so genau tust.

Es folgen zwei SEIN-und SINNstiftende Dekonstruktionen (I + II),

zwei gnadenvolle Ideen-Auflösungen zum Thema inneren Frieden: Kurze Zwischenfrage davor: Soll hier eine Idee aktiv zerstört werden oder löst sie sich von selbst auf? Und ist das wirklich eine Idee, ein Konzept oder ist das nicht die sehnsuchtsvolle lebendigste, Lebenskraft ohne die keine*r von uns es jemals kaiserschnittlos durch den Geburtskanal geschafft hätte ? – Gute Frage! Am Ende dieses Artikels angekommen, sollte sie beantwortet worden sein. Ansonsten bitte dagegen anposten. Danke.

I. Dekonstruktion des inneren Friedens: Inneres Ausgefühltsein durch die Be-gattung

Die meisten Lieder im Radio singen davon: Um das Glück und das Leid DEN Menschen endlich zu finden bzw. auch diesen Menschen endlich loszuwerden, der entweder alles gut macht und Sicherheit und Aufgeregtheit wohltemperiert vereinen soll bzw. nun aber endgültig total darin versagt hat. Die meisten können spätestens als Teenager ihre lange Geschichte über diese sehnsuchtsvolle Vorfreude und abgrundtiefe Niedergeschmettertheit hinsichtlich des inneren Gleichgewichts erzählen. Kurz: Endlich Frieden finden durch das Auffinden des richtigen Gatten.

„Be-gattung“  (laut Duden auch „decken“, man könnte hinsichtlich des Ehe-gatten sagen: „mit EINEM einzigen über dein Leben gestülpten Gatten kopulieren“)

Eine zuerst SINNstiftende Dekonstruktion könnte es sicherlich sein, dich bei der Gattensuche zu fragen: Wie reagiere ich auf dieses Gegenüber ? Was zeigt mir die Beziehung über mich ? Was tut mir an meinem Gegenüber weh ? Woran glaube ich ? Wovon bin ich überzeugt ? Was darf ich von und durch dieses Gegenüber lernen ? – Wozu begegnet mir gerade dieser Mensch hinsichtlich meiner Ausrichtung, meines Weges ? Was hat das alles verdammt überhaupt mit mir zu tun ?

Damit gibst du eine Idee von einem idealen Gatten erstmal auf und nützt den brünstischen „Gatten-Sehnsuchtsschwung“ in dir für dich und deinen Selbsterkenntnisprozess. Dabei geht es nebenbei nicht um das vollständige nach Innennehmen der Sinne wie es im Yoga als „Pratyahara“ beschrieben wird. Also du würdest den Biss einer Gelse bei dieser Reflexion schon noch bemerken.

Doch halt: Wohin soll dieser Prozess denn führen ? Wohin und wozu das ganze ? Um dich vermeintlich unabhängig von Beziehungs-Leid zu machen und fortan mit verschlossenen Augen deinen Atem und deine Gefühle zu beobachten, wenn dir dein Partner stinkt ? – Ja und Nein und v.a. JEIN.

  • JA, wenn dir bei der Atembeobachtung (statt online-Partnerportal oder Zoff) genug Zeit und Raum aufgeht, die Zwischenräume zwischen all den Bewusstseinsinhalten zu bemerken. Wenn durch dieses „Zu dir Kommen“ unbekannter, nicht zu definierender Raum aufgeht, der sich im allgemeinen frei, neugierig, kreativ und „juicy“ anfühlt. Dazu braucht es auch etwas natürliche, intrinsisch motivierte Entschlossenheit (weniger starre, kompensierende Disziplin, bitteschön !) nur für einen kurzen Moment innezuhalten. Und ein klares JA auch, wenn du diese Kreativität auch immer wieder mal leben, vernetzen, erweitern und feiern lässt.
  • NEIN, wenn die Atem- und Gefühlsbeobachtung wie eine Dressur des Innehaltens, hauptsächlich wie ein Notfallknopf oder wie ein verzweifelter Rückzug eines Zigarrettenzuges daherkommt. Nur aus Angst, die nicht gefühlt werden will, weil sie immer wieder zu groß erscheint. („1-2 mal ist schon okay“) Wenn immer wieder stabiler, sicherer Rückzug statt lebendiger Aggression oder ungewisses Abenteuer bevorzugt wird. Vor allem auch Nein zur rigiden Atembeobachtung, wenn dadurch Schlausein und Besserwissen über dem nagenden, diffusen Gefühl thront und somit weitere Abspaltung von dem was nagt, etabliert wird. Ein NEIN also, das ein JA zu einer impulsiven uralten Reaktion bedeutet ? Naja:
  • Die vielen wahrgenommenen, unsicheren, ganzkörperlichen JEINS zwischen innerer Einkehr zur Atembeobachtung hin und impulsivem Reaktionsmuster sind dann genau Deins. Das unendlich große wunderbare Spektrum der Kreation, für die jedes Wort, geschweige denn jede Ja/Nein-Antwort unzureichend wäre. Sicherheit oder klare Antworten wären nur eine Idee des beschränkten, schmalspurigen Denkens.

Dankbar bin ich für die Gnade, seit längerem in Beziehungen leben zu dürfen, welche die eigene innere Wahrheit einer Idee der Be-gattung bevorzugen. UND genau dadurch diese eingefrästen Tendenzen des Gatten-Besitzes auflösen lassen statt sie noch zu bestärken. Ich möchte nun nach der „Be-gattung“ noch zu einer weiteren, etwas radikaleren Dekonstruktion des inneren Fake-Friedens einladen: Diesmal ist es eine SEINstiftende Dekonstruktion.

II. Dekonstruktion des inneren Fake-Friedens: Verbindende Meinungen und Gefühle

Diese zweite Dekonstruktion muss nicht zwingend NACH der sinnstiftenden Zerstörung der „Begattungs-Projektionen“ (Teil I) stehen. Es ist also durchaus jederzeit möglich, und wahrscheinlich auch gar nicht selten, von der heißen Affäre, also wortwörtlich direkt von der Bettkante ins eigene Sein zurückgestoßen zu werden. Zurück zu dir gestoßen. Wir befinden uns hier auf völlig unverhersehbarem, unberechenbaren Seinsgrund.

Fundamentales vorausgeschickt: Verbindende Gefühle, das Bonding zur Mutter ist für das Überleben genauso wichtig, wie die Nahrung zu Beginn unseres Lebens. Ohne diese Basis wäre kein weiterer Schritt hin zu einem differenzierten, verfeinertem Lebensausdruck auch á la „zurück zu dir!“ möglich. Babys, die man füttert, aber allein lässt und nicht liebt, sterben.

Achja Fake, was ist mit dem Lernen durch Imitation namens „Fake it till you make it !“ ? Wenigstens ein Fake Frieden, ….besser als ein Unfrieden, oder ? – Ja, wenn wir ihn nur als Fake erkennen könnten.

Damit ich nun diesem Text weniger Chance gebe, missverstanden zu werden, sei gesagt:

Ich möchte hier rein gar nichts gegen irgendeine Art von Verbindung und kreativer Gemeinsamkeit sagen. Nichts gegen eine Verbindung beim Punsch, vielleicht in gegenseitiger Ablehnung eines gemeinsamen „Kollegen“, vor dem man nicht offen reden könnte ohne dabei seinen Job zu verlieren. Nach fünf Minuten ist bereits eine Verbindung da, die erhellen kann, die einen angenehmen Kontrast darstellt, vielleicht sogar eine völlig neue Ausrichtung gibt, und die ich hier nur deswegen etwas abwertend „Fake“ nenne möchte, um auf das Eigentliche, letztlich nie Enttäuschende hinzuweisen. Damit weise ich auf den Raum um die Inhalte des Punsch-Gesprächs herum, auf die unbeschreibbare Textur des Geistes um die emotionale Herzverbindung herum. Dieser Raum ist größer, aus ihm kommt all die Kreation, dahin geht sie zurück. So auch der kurzfristige Fake. In diesem nicht Ausweisbaren, tankt sich die Schlafende wieder auf. Jedes Atom besteht zum Gößtenteil daraus. Die wirkliche benennbare Masse und beschreibbare Form ist verschwindend klein dagegen.

Die meisten die diesen Text lesen, sind sich wohl dem inneren Drang nach Anerkennung, nach sozialer Orientierung (bishin zu sicheren Hierarchien) bewusst und sind sich wohl auch der Angst nicht dazu zu gehören, unter Fremden missverstanden zu sein, ungenährt zu sein bewusst. Diese zweite De-konstruktion eines Fake-Friedens möchte nur sagen: Wenn diese ungenährten, nagenden ähnlichen Gefühle der beiden am Punschstand, die zwei auch noch so sehr verbinden mögen, sie sind nicht das, was sie wirklich eint.

Sowohl vage wie starke Gefühle als auch schnelle, klare Meinungen bleiben nur in der Scheinwelt DAS Bindemittel von Grüppchen, Sanghas (religiös-spirituelle Gemeinschaften), Mobs bis hin zu Armeen. Die Anerkennung und Achtsamkeit, die wir uns selbst und dem gegenwärtigen Moment (noch) nicht völlig geben können, diese Liebe und Zustimmung erwarten und erzeugen wir dann im Schein des Anderen. Dafür geben wir viel, dafür opfern wir, kaufen Blumen und führen Kriege. Doch dann kommt ja auf ganz geniale Weise -ganz ohne aktiver bewusster Dekonstruktion- alles ganz anders, damit wir langsam aufwachen dürfen…

Wie unglaublich stark diese Identifikation mit gemeinsamen Bildern, Ansichten und Meinungen sind, wird eben oft erst in heftiger Ent-täuschung im Nachhinein bewusst, wenn alles wiedereinmal auseinanderbricht. „When you suddendly get out of the nice groove,“ …weil alle mit so völlig verschiedenen, total inkompatiblen individuellen Programmierungen auf Autopilot laufen.

Und diese nachträglichen Ent-täuschungen sind der wahre Segen. Eine Ent-täuschung befreit, auch wenn sie sich emotional erstmal als enormer Ballast anfühlt, indem sie klar aufzeigt: Du kannst dich mit anderen nur in dem Maß wahrhaftig verbunden fühlen, so sehr du dich im Alleinsein mit dir selbst bejahst.

Für deinen Ent-täuschungs-Rückzug: sei allein und offen mit all dem emotionalen Ballast der Enttäuschung. Du bist kein Baby mehr und je weniger du dich gegen das Gefühl der Enttäuschung wehrst, desto freier wirst du wirklich. Im Inneren, wie in „deinem“ sich daraus folgenden Äußeren. No Fake. Bemerke, dass es mehr gibt als die konditionierte Natur, mehr als die wunderbar, unendlich mannigfaltigen Fixierungen, die als Fixierung selbst nie zusammenpassen werden. Dieses Bemerken ist nicht schwieriger als das Spüren deiner großen Zehe. Bemerke die ewig präsente, ausgedehnte Stille rund um alles herum.

 Du magst einwenden: Zum Überleben brauche ich den eingefrästen Glauben an die Illusion des Gemeinsamen aber doch. Ich widerspreche dir keinesfalls, sondern füge hinzu: Sei gleichzeitig bereit zu sterben. Du kannst sehnsuchtsvoll nach Gemeinsamkeit lechzen und zugleich den Raum rund um diese Sehnsucht herum wahrnehmen. Ein spannender sich ständig selbst spiegelnde Seiltanz des Lebens ergibt sich. Er weiht dich über die Polaritäten hinaus in die das größere Stille ein.  

Sascha Tscherni, November 2012

http://so-sein.at

 

Photo: Per Ola Wiberg

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